Alligatorenwrestling gegen die Burger-Pfunde

06.08.2004

Virale Kampagne von "Burger King" setzt auf Diätwahn-Parodie

Wer ist der Feind der Burger-Brater? Genau, die Diätdoktoren, die noch eine zweite Villa im Tessin für die Freundin brauchen. Und was darf Satire? Meist weniger, als gut ist, aber auf jeden Fall irritieren.

Jedenfalls hat es Burger King jetzt mit den Joggern, Wohnzimmerradlern, Blutprobenanalytikern und Pillenschluckern aufgenommen. Man schlägt mit Satire zurück. Aua.

Heiratsinstitut? Tipps zur Haushaltsführung? Nein, "Wie werde ich reich mit Fastfood"!

Auf Angusdiet.com preist Dr. Angus (der britische Komiker Harry Enfield) seine ganz besondere Diät an: den neuen Burger der We-do-it-like-you-do-it-Kette aus Angus-Rind.

"Ich bin, weil ich esse"…

"Wenn Sie essen, ist das eine Diät. Eine Diät ist, was Sie essen.” und "Das ist wahr, weil ich Ihnen gesagt habe, dass es wahr ist." informiert der Text in der schwindelerregenden, aber ungemein erfolgreichen Logik von Gurus, die versuchen, per Hypnose ein paar Nullen an den Betrag auf ihrem Bankkonto dran zu pappen oder grade dabei sind ihre Rolls-Royce-Sammlung aufzustocken.

"Mampfen, mampfen, mapfen – und niemals an die Messer denken"

Gleich daneben haut eine blasse Cartoon-Figur einen farblosen Burger nach dem anderen weg, mit klinisch designten Ess-Geräusch. Das Ganze sei beileibe gar keine Diät, sondern ein Lebensstil, werden wir beruhigt, die wir schon befürchtet hatten, dass die Burger-Brater uns jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen beim Steigern der körpereigenen Bruttoregistertonnen einreden wollen.

Die Burger-Belehrung

Und der Lebensstil ist natürlich auch ein Thema der Flash-Website von Dr. Angus, denn man kann "Eingriffe" an andere Internetnutzer schicken. "Eingriffe" sind Nachrichten wie "Verprügle dich nicht", "Sei kein Mauerblümchen", "Trag nicht immer nur schwarz", die kann man per E-Mail an veränderungsbedürftige Mitmenschen weiterreichen und sich benehmen wie ihre geliebte Mutter.

Der Fragebogen. Selbstverständlich ist die Angus-Diät auch etwas für Leute, die auf Geschmack keinen Wert legen und Vergnügen im Leben ablehnen.

"Lass den Putzfimmel" und "Trag nicht immer Unterwäsche" stehen für Wagemutigere zur Verfügung. Schön, was die Agentur von "Burger King" da so als Lebensstil auffasst. Wenn man selbst in seiner spärlichen Freizeit Kokain sniefend von After-Work-Party zu After-Work-Party taumelt, dann engt sich wohl nicht nur die Sicht auf die Realität leicht ein, sie verzerrt sich offenbar auch zu einem späten David Lynch-Film.

Alligatoren-Ringen macht schlank!

Sport, ach ja, sie nennen es "Aktivitäten zum Blut pumpen", das wird natürlich auch empfohlen: Stelzenlaufen, 100 "Arschbomben" in den Swimmingpool, Alligatoren-Ringen, und, nicht zu Hause nachmachen, Supermodel-Ringen – vor dem Bildschirm sitzen ja frauen-entfremdete, verfettete Computerfreaks, die, statt Pizza zu ordern, Steakburger weghauen sollen. Dazu immer sinngemäß und in Kursivschrift ein feiges: "Konsultieren Sie ihren Arzt vor sportlicher Aktivität." Da fehlt nur noch ein: "Abführmittel nach Genuss fettreicher Nahrung gibt es in der Apotheke."

"Wrestle a Supermodel" – wenn die Alligatoren grad aus sind, tut's auch Heidi Klum. Aber Vorsicht vor dem Bodyguard!

Das Ganze wird abgerundet mit TV-Spots, die alle auf die Website verweisen oder auf Telefonnummern, die ihrerseits wieder auf den Website verweisen. Wow! Schnitzeljagd, was? Und während oben überlebensgroß der Burger dräut, ist unten für Bruchteile von Sekunden eingeblendet: "Dr. Angus is not a real doctor." Und "The Angus Diet is not a real diet." Angst von den Anwälten, was? Angst aber lässt jede Satire zur Parodie einer Couch-Stunde beim Psychoanalytiker werden.

Alles BSE oder was?

Hinter der Kampagne steht wie auch schon bei der "Gehorsames Huhn"-Kampagne für virtuelle Kontrollfreaks (Subservient Chicken) die Agentur Crispin Porter & Bogusky mit "The Barbarian Group" und "Oddcast" für die Website- und Flash-Gestaltung. "Viral" soll die Kampagne sein, also ansteckend, oder anders: einen (wie passend!) Mundpropaganda-Effekt auslösen, indem sich Internetnutzer in einer E-Mail-Lawine gegenseitig die Adresse der Website weitereichen. Das Ganze parodiert Moden wie die Atkins-Diät. Satire darf also alles; auch Werbung machen. Aber sich eben nicht mit den Anwälten anlegen, ne?

"As seen on TV" – das Buch zur Diät. Auf Wunsch auch zwischen zwei Pappdeckeln.

Und jetzt hab ich erst mal Hunger. Auf drei Burger mit Doktorgrad oder doch nur vom Schotten? Oder guck ich als virales Gegenmittel lieber dreimal "Super Size Me"? Schlecht ist mir dann so oder so und die Preise ähneln sich auch. Börps, äh….Mahlzeit!

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