Die Folge eines Auslandsurlaubes

06.08.2004

Die Rechtschreibreform ist plötzlich mausetot. Axel Springer AG und der Spiegel-Verlag folgen dem Beispiel der Titanick und kehren zur alten Rechtschreibung zurück

Kaum sind wir mal zwei Wochen weg und schon geht es in Deutschland drunter und drüber. Jedenfalls traute ich meinen eigenen Augen nicht, als ich an einem heißen griechischen Juli-Tag auf dem Weg zum Strand am Zeitungsladen vorbeischlenderte und dort die riesige Schlagzeile lesen musste, dass Deutschlands Männer in meiner Abwesenheit jetzt alle irgendwie schwul geworden sind - zumindest ein klein bisschen. Und alles wegen Guido!

Ja, spinnen denn wir Deutschen, dachte ich und um weiteres Dumpf-Grübeln in der Hitze zu vermeiden, gönnte ich mir also erst einmal schnell ein paar Gläser Mythos. So nennt der Grieche nämlich sein Bier. Wozu dem in Griechenland allgegenwärtigen Holländer übrigens Folgendes einfällt:

Mythos is het meest populaire merk in Griekenland op dit moment. Je ziet het overal. De smaak is zoiets als Heineken, maar dan iets minder bitter.

Aber der Name Mythos wirft natürlich auch gleich wieder neue Fragen auf: So find ich es persönlich halt ziemlich affig, statt zwei Espresso korrekt zwei Espressi zu bestellen. Und ähnlich ist es bei Cappuccino beziehungsweise Cappuccini. Ein Wort, das der Rechtschreibreform leider nicht zum Opfer gefallen ist, weil ich mir die Schreibweise Kapuschino auf jeden Fall wesentlich besser merken könnte als diese komische Häufung von cs und ps. Doch zurück zum Mythos und zur Frage, wie man denn zwei Gläser dieses Bieres korrekt ordert: Zwei Mythen, Mythos oder gar Mythosse. Was besonders in Deutschen Gasthäusern ja richtig gut klingen würde: "Bringen Sie mir bitte zwei Mythen!"

Und noch was ist mir aus der Ferne aufgefallen: Neben den schwulen Männern und dem neuen Klinsi gibt es derzeit noch eine Frage, die die schmalen Sommerausgaben der Tageszeitungen füllt: DIE RECHTSCHREIBREFORM. Mit der hab ich zwar beruflich nicht viel am Hut, dafür habe ich ja als Hilfe das Korrekturprogramm meines Schreibprogramms und natürlich den äußerst weisen Redakteur, der notfalls alle meine Fehler erbarmungslos ausfriedricht - pardon - ausmerzt. Aber wer Kinder hat, und mit denen dann ein Diktat oder die Zeichensetzung übt, der kommt auch in Deutschland ziemlich schnell ins Schwitzen.

Und jetzt ist es tatsächlich geschehen: Die Rechtschreibreform ist wohl endgültig mausetot. Wie man nämlich gerade aktuell bei Spiegel-Online lesen kann, kehren die Axel Springer AG und der Spiegel-Verlag in trauter Einheit in ihren Print- und Online-Publikationen zur klassischen deutschen Rechtschreibung zurück. Und folgen damit dem Beispiel der Frankfurter Allgemeine und dem in sprachlichen Fragen sowieso richtungweisenden Titanic-Magazin. Gleichzeitig richten die beiden Verlage einen Appell an andere Medienunternehmen sowie an die Nachrichtenagenturen, sich diesem Schritt anzuschließen.

Als Begründung nennen die Axel Springer AG und der Spiegel-Verlag, die mangelnde Akzeptanz und die zunehmende Verunsicherung bezüglich des vorgegebenen Regelwerks für die deutsche Schriftsprache. Nach fünf Jahren praktischer Erprobung in den Druckmedien und sechs Jahren in den Schulen habe die Reform weder für professionell Schreibende noch für Schüler Erleichterung oder Vereinfachung gebracht. Die Verunsicherung sei gewachsen, Vermischungen von alter und neuer Rechtschreibung seien an der Tagesordnung. Wer vor der Reform sicher schreiben konnte, mache heute Fehler. Eltern benutzen eine andere Orthographie als Kinder. Lehrer seien zutiefst verunsichert.

Von der Homepage der Titanick

Ja, das kommt eben davon, wenn man mal zwei Wochen weg ist. Dann geht es in Deutschland halt sofort drunter und drüber. Und - Achtung! Breaking News - inzwischen gibt es eine weitere sensationelle Entwicklung, eine erste Stellungnahme der Titanick-Sprachschützer:

TITANICK kehrt zurück zur ganz, ganz alten Rechtschreybung
Sie habent eyn Eynsehen

Der Spiegel-Verlag und Springer kehren zurück zur alten Rechtschreybung. Doch TITANICK gehet noch eyn Schrittlein weyter und schreybet ab dem heutiglichen Tage im würklich klassischen Teutsch. Bitte schnallet Ihro Gnaden sich an für den Witze, wou Neidhart zum Artzte kümmet und das Häsigline zur Frouwe saget, dies seye ja auch gar keyne Mohrrübe.
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