Abu Ghraib, die Folter und die Mitverantwortung der Ärzte

10.08.2004

Ärzte, so Robert Jay Lifton, tragen in Abu Ghraib und anderswo wegen der ihnen zugeschriebenen moralischen Autorität zu Situationen bei, die Folter ermöglichen - aber bislang schweigen sie wie alle anderen Mitverantwortlichen

Bislang werden Folter und Misshandlungen an irakischen Gefangenen nur anhand einiger Militärpolizisten aufgeklärt, die Wärter in Abu Ghraib und so dumm waren, ihre Taten auch noch auf Bildern festzuhalten, die schließlich an die Öffentlichkeit kamen. Während das Pentagon alles versucht, um die Taten als isolierte Vorfälle von einzelnen schwarzen Schafen erscheinen zu lassen (Folternde Kopfgeldjäger im Wilden Osten)), behaupten deren Verteidiger, dass die Angeklagten nur Befehlen gefolgt seien. Inzwischen rutscht das Thema immer weiter aus der Medienaufmerksamkeit. Remember Abu Ghraib? fragt etwa Mother Jones. Und Sherry Ricchiardi versucht in seinem Artikel Missed Signals, erschienen in der American Journalism Review, nachzuvollziehen, warum die Medien zunächst das Thema nicht wirklich verfolgt, dann mit den Bildern zwar reagiert haben, aber nun wieder Desinteresse zeigen, obgleich Vieles noch gar nicht bekannt ist.

Trotz des beschriebenen Chaos im Abu Ghraib Gefängnis ("Just for Fun") scheint es kaum glaubwürdig zu sein, dass über Wochen niemand etwas von den sadistischen Spielen der durchgedrehten Einzelnen bemerkt haben soll. Insbesondere diejenigen, die Verhöre durchführten, müssen wenigstens am Rande mitbekommen haben, was mit den Gefangenen geschehen ist. Auch wenn vermutlich niemand explizite Befehle erteilt hat, so kann man davon ausgehen, dass das "Weichmachen" der Häftlinge nach durchaus vertrauten Verfahren von Vorgesetzten und Geheimdienstmitarbeitern entweder geduldet oder sogar indirekt verlangt worden ist.

Aber es gib noch eine weitere Personengruppe, die bislang im Hinblick auf die Folter- und Misshandlungsvorwürfe noch nicht in den Blick kam: das medizinische Personal, also Krankenschwestern und -pfleger sowie Ärzte, die in allen Lagern von Guantanamo über Afghanistan bis hin zum Irak arbeiten. Was bei Geheimdiensten möglicherweise für einige zum schmutzigen Geschäft gehören mag, ist jedoch besonders bei Ärzten sehr viel weniger entschuldbar, wenn sie nicht offensichtliche Morde oder Folterverletzungen melden und Schritte einleiten, um dies in Zukunft zu verhindern.

Tatsächlich hat das medizinische Personal in Abu Ghraib Folgen von Misshandlungen im Abu Ghraib Gefängnis dokumentiert und behandelt, aber bislang ist nicht bekannt, dass etwa Ärzte solche Vorfälle gemeldet oder gegen sie eingeschritten sind. Immerhin machte jetzt Robert Jay Lifton, Psychiater an der Harvard Medical School, mit einem Artikel in dem angesehenen New England Journal of Medicine auf diesen Umstand aufmerksam, da die aktiven Folterer, die in Abu Ghraib einige ihrer Taten auch noch gleich bildlich dokumentiert haben, normalerweise von einer Umgebung geduldet oder auch getragen werden. Lifton hat sich mit Völkermord, Terrorismus und Grausamkeit im Staatsauftrag befasst und u.a. die Bücher "Ärzte im Dritten Reich", "Die Psychologie des Völkermordes - Atomkrieg und Holocaust" oder "Terror für die Unsterblichkeit. Erlösungssekten proben den Weltuntergang" geschrieben.

Ärzte und medizinisches Personal, so Lifton mit Verweis auf Informationen aus Zeitungsartikel, mussten sie Stichwunden, zusammen gebrochene Gefangene oder Patienten mit verletzten Genitalien versorgen, ohne dies offensichtlich höheren Stellen zu melden. Nach einem Artikel in der New York Times gaben zwei Ärzte einem Gefangenen Schmerzmittel wegen einer verzerrten Schulter und wussten, dass die Verletzung daher stammte, dass der Mann gezwungen wurde, lange Zeit in einer schmerzhaften Position mit gefesselten und über den Kopf gestreckten Händen zu verbringen. Und als eine Krankenschwester zu einem Gefangenen mit einer Panikattacke gerufen wurde, sah sie eine Pyramide mit nackten Gefangenen, der Köpfe verhüllt waren, aber das erzählte sie erst, als der Taguba-Bericht erstellt wurde.

In Guantanamo wurden medizinische Befunde trotz Beschwerden seitens des Roten Kreuzes weiterhin den für Verhöre Zuständigen übergeben, womit sich die Verhörtechniken perfektionieren lassen. Möglicherweise wurden auch Todesursachen bei Sterbeurkunden gefälscht, um die Fatalen Folgen der Folter zu verschleiern.

Schwere Vorwürfe erhebt Lifton vornehmlich gegen die Ärzte, die durch ihre Duldung oder gar Unterstützung von Misshandlungen eine psychologisch und militärisch "Gewalt erzeugende Situation" mit verursachen können. In einer solchen Situation können normale Menschen dazu verführt oder angestiftet werden, sich an der Gewaltausübung sozusagen im Dienst zu beteiligen. Ärzte seien nicht nur "Teil der Kommandostruktur, die Folter zuließ, verstärkte und manchmal inszenierte", sondern sie unterstützen allein durch die ihnen als Ärzte zugestandene (moralische) Autorität Folter und Misshandlungen, auch wenn sie nicht selbst daran aktiv beteiligt sind, sondern nur nichts dagegen machen:

Die Teilnahme von Ärzten kann eine Aura der Legitimität verschaffen und kann sogar die Illusion von Therapie und Heilung erzeugen.

Lifton verweist auf seine Untersuchungen über Nazi-Ärzte, die grausame medizinische Experimente durchführten und, als Teil von Kampfeinheiten, selbst am Töten beteiligt waren. Zuvor seien die Ärzte durch eine Reihe von Erfahrungen wie der Ausbildung im Militär oder der Arbeit in Konzentrationslagern "sozialisiert" worden:

Die überwiegende Mehrheit dieser Ärzte waren ganz normale Menschen, die niemand getötet hatten, bevor sie in die mörderischen Nazi-Institutionen kamen. Sie waren Korrupt und sicherlich verantwortlich für das, was sie gemacht haben, aber sie wurden vor allem in den Gewalt erzeugenden Bedingungen zu Mördern.

Ärzte seien natürlich nicht moralischer als alle anderen Menschen, aber sie haben sich eben auch wegen der ihnen zugeschriebenen oder von ihnen erhofften Autorität und Integrität immer wieder benutzen lassen und etwa bei Folterungen in Chile oder im Irak Husseins mitgewirkt. Sie haben in politische Dissidenten in der Sowjetunion in psychiatrische Krankenhäuser eingesperrt, medizinische Berichte in Südafrika über gefolterte Schwarze gefälscht oder auch gefährliche Experimente im Auftrag der CIA durchgeführt.

Vermutlich sei das Verhalten der Ärzte in Abu Ghraib und anderen Gefangenenlagern im Vergleich zu den angeführten Beispielen relativ harmlos gewesen, meint Lifton. Doch Ärzte und das übrige medizinische Personal könnten bei der Aufklärung mithelfen, welche Bedingungen im Irak beispielsweise die Bereitschaft erzeugt haben, Gefangene zu quälen. Sie könnten auch wichtige Einzelheiten darüber liefern, was wirklich stattgefunden hat:

Wenn sie sprechen, würden sie einen wichtigen Schritt, um ihre Rolle als Heiler wieder herzustellen.

Bislang haben aber weder Ärzte noch andere Beteiligte den Mut gehabt, an die Öffentlichkeit zu gehen und die Vertuschungsversuche des Pentagon zu durchkreuzen. Angst vor den Folgen, falsch verstandene Solidarität, die Kollegen nicht zu verpfeifen, vielleicht auch Scham mögen die Ursachen sein. Aber dieses Schweigen, das vermutlich nicht vor dem Militärgericht durchbrochen werden wird, legt eben auch Zeugnis davon ab, wie Missstände als Systemfehler in "Gewalt erzeugenden Situationen" entstehen und andauern können. Sie werden immer von Personen aufrechterhalten - und zu den Tätern gehören bekanntlich die Mitläufer und Dulder. Gerade in einer Situation wie im Irak, in den die Soldaten als Befreier geschickt und dann in einen mörderischen Guerilla-Krieg verwickelt wurden, in dem Tod und schwerste Verletzungen Alltag sind und eher der Tod, als das Leben eines auch nur mutmaßlichen Feinds zählt, ist es besonders schwer, Unrecht bei den eigenen Leuten anzuprangern, die angeblich entweder auf Befehl von oben handeln oder mit Folter ihr Leben und das von anderen schützen wollen.

Immerhin kam die ganze Geschichte nicht von oben, sondern durch einen einfachen aufrechten Soldaten ins Rollen, der über die auf einer CD-ROM dokumentierten Taten seiner Kollegen entsetzt war. Weder die Medien noch das Pentagon haben ihn zu einem vorbildlichen Helden gemacht. Wären die Bilder nicht den Medien zugespielt worden, so wäre es vielleicht bei einer internen Untersuchung geblieben, die das Pentagon am 16. Januar auf eine Weise gemeldet hat, dass fast niemand den brisanten Inhalt der Mitteilung wirklich bemerkt hat, man sich so aber gleichzeitig bereits rückversichert hatte, wenn dieser Skandal doch an die Öffentlichkeit gelangen sollte:

An investigation has been initiated into reported incidents of detainee abuse at a Coalition Forces detention facility. The release of specific information concerning the incidents could hinder the investigation, which is in its early stages. The investigation will be conducted in a thorough and professional manner.

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