Hohe Arbeitsbelastung und mangelnde Chancengleichheit
Das Deutsche Studentenwerk veröffentlicht seine 17. Sozialerhebung
Die Basis hat das Wort. Nur alle drei Jahre, aber immerhin: Die Zahlen, die das HIS (Hochschul-Informations-System) im Auftrag des Deutschen Studentenwerkes in diesem Zeitraum ermittelt, sind oft aussagekräftiger als manche politischen Auseinandersetzungen um PISA-Studien, Elite-Universitäten, Juniorprofessuren oder Studiengebühren.
Soeben ist die 17. Sozialerhebung erschienen, die auf ausgewerteten Fragebögen von 21.060 deutschen und 364 ausländischen Studierenden basiert und von 251 Hochschulen unterstützt wurde. Auf knapp 500 Zeiten erfahren interessierte Leser hier so ziemlich alles, was sie schon immer über das Studentenleben wissen wollten.
Freilich beanspruchen die erhobenen Daten unterschiedliche Relevanz. Schließlich ist der Umstand, dass sich der Anteil der sporadischen Mensanutzer gegenüber dem Jahr 2000 von 31 auf 35% erhöht hat, während der Anteil der Mensastammgäste von 44% auf 42% gesunken ist, weit weniger bedeutsam als die Untersuchung zur durchschnittlichen Arbeitsbelastung des akademischen Nachwuchses.
Wer viel arbeitet, studiert weniger
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Doch die hat es dann in sich, weil sie das noch immer kursierende Klischee vom lustigen Studentenleben mit nüchternen Zahlen ad absurdum führt. Die Sozialerhebung kommt zu dem Ergebnis, dass Studenten im Erststudium 34 Stunden pro Woche für den Besuch von Lehrveranstaltungen und deren Vor- und Nachbereitung aufbringen. Dazu kommen während der Vorlesungszeit 7,4 Stunden, die in die Ausübung von Nebenjobs investiert werden. Überflüssig zu erwähnen, dass es sich dabei nur um Durchschnittswerte handelt - 23% der mittlerweile über zwei Millionen Studentinnen und Studenten kommen sogar auf eine Wochenarbeitszeit von über 50 Stunden.
"Die zeitlichen Kapazitäten der Studierenden bewegen sich damit am oberen Limit. Weiteres Jobben würde den Studienerfolg gefährden", meinte Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes, anlässlich der Vorstellung dieser Sozialerhebung. Er verwies darauf, dass jede Stunde zusätzliche Erwerbsarbeit den Studienaufwand um etwa eine halbe Stunde reduziert.
Diese These wird durch einen aufschlussreichen Ost-West-Vergleich untermauert. Während in Halle, Jena und Dresden mit 36 bis 40 Stunden überdurchschnittlich viel studiert, dafür aber nur vier bis fünf Stunden gearbeitet wird, verbringen die Bielefelder, Bremer und Kölner lediglich 29 bis 31 Stunden in ihren Bildungstempeln und jobben stattdessen runde zehn Stunden: "Der Zusammenhang ist eindeutig: Wer viel arbeitet, studiert weniger", schlussfolgert Meyer auf der Heyde. Für 70% der Studierenden dient ein Nebenerwerb zwar vor allem der Befriedigung besonderer Konsumwünsche, 56% geben allerdings auch an, dass dieser Verdienst zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts "unbedingt notwendig" ist.
Frauenanteil an den Studierenden liegt inzwischen bei fast 50 Prozent
Selbstverständlich registriert die Sozialerhebung auch eine Reihe positiver Entwicklungen. Der Anteil der Studienberechtigten an der gleichaltrigen Bevölkerung ist in den letzten gut 30 Jahren von 11% (1970) auf 38% (2002) gestiegen und der Frauenanteil liegt mittlerweile bei 47%, im Bereich der Studienanfänger sogar bei fast 50%. Außerdem scheinen sich die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West langsam, aber stetig anzugleichen. Darüber hinaus verfügen Studierende heute über monatliche Einnahmen in Höhe von 767 und damit über eine um 4,5% höhere Kaufkraft als vor drei Jahren, die Fördermittel liegen - insbesondere nach der Anhebung der BAföG-Bezüge - gleich um 15% über den im Jahr 2000 ermittelten.
Doch diese erfreulichen Tendenzen werden immer wieder von beunruhigenden Fakten konterkariert, die keinerlei Aufwärtsentwicklung erkennen lassen. Im Gegenteil. Das Studentenwerk notiert unter dem etwas verharmlosenden Begriff "Studienunterbrechung":
Seit 2000 stagniert die Unterbrecherquote auf dem hohen Niveau von 15%. Als Gründe für eine Studienunterbrechung werden am häufigsten genannt
Außerdem geht aus der Untersuchung klar hervor, dass es der deutschen Bildungspolitik bislang nicht gelungen ist, den Einfluss der sozialen Herkunft auf die akademische und berufliche Laufbahn junger Menschen entscheidend zu begrenzen. Auch die Wissensgesellschaft ist eine Klassengesellschaft, und es scheint im 21. Jahrhundert immer schwieriger zu werden, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Grenzen zu überwinden. Denn sie werden schon in der gymnasialen Oberstufe eifersüchtig bewacht:
Kinder, deren Eltern beide Arbeiter sind, haben die mit Abstand geringsten Chancen, die Schwelle zu den Klassen 11-13 zu überwinden (20 %). Am Gegenpol befinden sich Kinder, deren Eltern beide verbeamtet sind. Sie haben eine vier Mal so hohe Übergangswahrscheinlichkeit in die gymnasiale Oberstufe (84 %) wie erstere.
Nach dem Abitur verschärfen sich diese Gegensätze weiter:
Von 100 Kindern, deren Väter der Herkunftsgruppe "niedrig" zugeordnet wurden, nahm im Jahr 2000 etwa jedes zehnte ein Hochschulstudium auf. Nahezu drei mal so hoch war die Bildungsbeteiligung von Kindern der Herkunftsgruppe "mittel" (29 %). Noch extremer sind die Unterschiede, wenn Kinder der Herkunftsgruppe "niedrig" mit solchen aus "gehobenen" Schichten verglichen werden. Letztere haben sechsmal so hohe Chancen (66 %) auf ein Hochschulstudium wie erstere.
Durch den Studienalltag allein können die Unterschiede selbstverständlich nicht nivelliert werden:
Die soziale Herkunftsgruppe gewinnt mit steigender Studiendauer an Bedeutung für das Zeitbudget. Etwa ab dem neunten Hochschulsemester unterscheiden sich die in Studium und Job investierten Stunden deutlich
Ähnlich problematisch ist die Situation bei einem Teil der knapp 230.000 in Deutschland studierenden Ausländer. 28,1% werden zu den "Bildungsinländern" gezählt, haben also keine deutsche Staatsangehörigkeit, ihre Hochschulzugangsberechtigung aber in Deutschland erworben. Über die Hälfte von ihnen stammt aus den sogenannten Anwerbestaaten der 60er und 70er Jahre. 72% dieser Bildungsinländer gehören der niedrigsten sozialen Herkunftsgruppe an.
Studiengebühren oder Gutschein-Modell?
Studiengebühren sind hier kaum zu holen, das weiß auch Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, die sich einige Monate bevor ihr bundesweites Gebührenverbot möglicherweise für verfassungswidrig erklärt wird, schon mal nach Alternativen umsieht. Bulmahn verlangt eine "klare SPD-Positionierung" und kann sich offenbar vorstellen, dass fleißige Deutsche mit einem Gutschein-Modell studieren und - so sie ihr Zeitlimit nicht überschreiten - von den Gebühren verschont bleiben. Dafür sollen Nicht-EU-Bürger und Langzeitstudenten zur Kasse gebeten werden.
Die Reform der Reform der Reform hat allerdings - wie sollte es anders sein? - gleich mehrere Haken. Zum einen darf vermutet werden, dass der Versuch, eine modifizierte, aber eben doch wieder bundesweite Regelung der Studiengebühren durchzusetzen, ebenso scheitern wird wie alle anderen Bemühungen des Bildungsministeriums, die Hochschulpolitik zu zentralisieren.
Außerdem sollte das Verbot von Studiengebühren gerade auch dem Ziel dienen, einen Teil des internationalen akademischen Nachwuchses für ein Studium in Deutschland zu begeistern. Dieses Ziel dürfte ohne allgemeine Chancengleichheit kaum zu erreichen sein, und die wäre nicht gegeben, abgesehen davon, dass derzeit beispielsweise auch junge Türken als "Nicht-EU-Bürger" eingestuft würden.
Schließlich zeigt die aktuelle Sozialerhebung unmissverständlich, dass es im Einzelfall zwingende Gründe geben kann, die Regelstudienzeit zu überschreiten. Eine effiziente Hochschulpolitik müsste hier ansetzen und sich zunächst um eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen, die Aufhebung sozialer Schranken und die - in der Erhebung nicht einmal thematisierten - Defizite in den Bereichen Forschung, Lehre und Ausstattung bemühen. In der jetzigen Situation dürfte den meisten Studierenden schwer zu vermitteln sein, dass sie für ihre Studiengebühren eine angemessene Gegenleistung bekommen.
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18102/1.html- Macht (21.8.2004 3:41)
- RE: Was bitte soll das für ein Ingenieursstudium gewesen sein? (18.8.2004 9:55)
- Hat keinen Zweck (17.8.2004 23:34)
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