Snuff-Poetry
Endlosmonolog eines Sadisten aus der Feder des US-amerikanischen Autors Peter Sotos
Peter Sotos, dass ist ein eher Insidern bekannter Musiker der Industrial-Noise-Band Whitehouse, aber auch ein bislang nur den Lesern von englischsprachigen Originalausgaben bekannt gewordener literarischer Gewaltpornograf. Sotos geht dabei über das hinaus, was der Marquis de Sade zu Papier brachte, attackiert seine Leser und Protagonisten heftiger als Brett Easton Ellis und schreibt manchmal ebenso unlesbar wie William S. Burroughs. Dem mirandA-Verlag er präsentierte schon Literaturbestien wie Henry Rollins und Lydia Lunch in deutscher Erstausgabe ist es zu verdanken, dass Sotos' Buch "Special" nun auch deutschsprachig erscheint. Leser sollten einen starken Magen, ebensolche Nerven und oft auch den Durchhaltewillen aufbringen, dem Endlosmonolog folgen zu wollen.
Denn Sotos' 1998 erstmals erschienenes Buch ist ein Crossover aus Faszination am Unbekannten und Verbotenen, aus purem Ekel sowie brachialer Direktheit und aus ungepflegter Langeweile, die durch das wahllos erscheinende Aneinanderreihen von Literaturminiaturen hie und da aufkommt. Lässt man diese Langeweile außer acht, so legt Sotos literarisch das vor, was man im Film Snuff-Movies nennt. Und egal, ob diese je existiert haben oder ob diese je angefangen haben zu existieren, weil vorher irgendwer davon halluziniert oder sie tatsächlich gedreht hat... Snuff-Poetry dürfte genau der Begriff für das sein, was Sotos sich da auf 280 Seiten in Buchstaben verpackt aus der Seele gewrungen hat.
Die Faust, die sich gut geölt und tropfnass ausstreckt, bis zum Unterarm mit Schmiere und Schweiß und Spucke und vaginalem Gleitmittel befeuchtet, auf ihrem Weg nach oben um eine Lunge zu greifen und sie aus der Brust und dem Brustkorb der Bestie zu reißen...
"Wenn er anfängt poetisch zu werden, wird einem echt anders," sagt der Verleger Stefan Ehlert über seinen Autor, der "durchaus mit Vorsicht zu genießen" sei. Vorangegangenes Zitat zählt zu den poetischen Momenten: jeder weiß, was gemeint ist, aber ein Kraftausdruck fällt nicht. Meist indes hämmert Sotos aber mit solchen auf seine Leser ein. Und während die Protagonisten fast alle namenlos bleiben, sind Menschen selten Menschen. Es sind Säue, Votzen, Niggerschlampen, Mutterschweine, Huren, Fleischgullies (weiblich) oder Nigger, Schwanzlutscher, Schwuchteln (männlich). Nur Babys bleiben Babys, werden dessen ungeachtet aber auch vergewaltigt, zerstückelt, abgeschlachtet oder haben einfach nur sandige Batterien in ihren Därmen stecken.
Wie viele Kinder hast du dieses Jahr ausgeschissen, du Ghettoschleim? (...) Du ekelhaftes, trabendes Gebärmuttertier; du Schwein, du Mutter mit kleinen, ferkeligen Crackbabys und Zombiepapas, die in das Loch pissen, das eine Art von hässlichem Dasein formt, mit aus einem kranken Meer aus Sperma und salzigem Schweiß und wuchernden Blut und Gas und Eingeweiden und deinen schlecht riechenden Votzensekreten, Gliedern und Löchern und Auswüchsen entstehend. Du Schwein. Du Mutter, beinespreizendes Biest. Ich will dieses Glas zerschlagen, und dass es in und durch diese schwarze, durchgekaute, aufgehäufte Fleischwunde schneidet.
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Im Vorfeld jener Passage beschreibt der Autor ausführlich, wo die Colaflasche, jenes Glas, das zerbrechen und zerstören soll, steckt. Verleger Ehlert meint dazu: "Vielleicht ist 'Special' das Buch, das am ehesten einen Blick in eine solche Psyche erlaubt, ohne einen echten Mörder zu Wort kommen zu lassen..." Und dann ergänzt er, dass Buch sei "eher Gewalttat als Literatur" und er "werde nur das eine Buch von Peter Sotos veröffentlichen." Denn der, den manche auch putzig "unser(en) liebste(n) Brummbär (und) Skandalautor" nennen (Ironflame.de), hat "Anfang der 90er-Jahre für die extremen Inhalte seiner Print-Publikationen eine einjährige Freiheitsstrafe verbüßt" berichtete die "Berliner Zeitung".
Das stimmt so wohl nur zur Hälfte. Sotos ist laut Wikipedia und anderen Quellen Mitte der 1980er Jahre wegen eines Fanzines bzw. Rundbriefes in den Verdacht geraten, Kinderpornografie zu veröffentlichen. Nachfolgende Hausdurchsuchungen ergaben, dass er ebenso im Besitz von Kinderpornografie war. Später, heißt es, sei Sotos der erste US-Bürger gewesen, der wegen deren Besitz hinter Gittern wanderte. Er selbst wurde von Psychiatern zu seiner Person, seiner Kindheit und seinen Phantasien befragt. Jene Suche nach dem Psychogramm sind auch Teil des Buches, und da wird der Endlosmonolog kurz zum Dialog, fast so, als habe Sotos alles nachskizziert. Weiß man um jene Hintergründe, sind diese Kämpfe unter starken Persönlichkeiten lesenswert, erinnern an die Verhörszenen, in denen Götz George als Fritz Haarmann in "Der Totmacher" glänzt. Das Biest, so schimmert es durch, zeigt in jenen Passagen den Normalen auf, wie dünn das Mäntelchen ihrer vermeintlichen Zivilisation in Wirklichkeit ist.
Rund drei Viertel des Buches ist indes genau das, was "Ironflame.de" zutreffend als "finsterstes Nachtprogramm" gegenüber Brett Easton Ellis' "reine Nachmittagsvorstellung" namens "American Psycho" umschreibt. Jegliche Art von Sex reiht sich an Vergewaltigungen, exzessive, endlose Gewaltorgien und Mord wechseln sich ab mit Gruppensexfolter und Körpersafttauschspielchen aller Art oder morbiden Zerstückelungen.
Mag sein, das alles erinnert an den Marquis de Sade, Sotos aber tobt sich nicht in der Adelswelt des 17. und 18. Jahrhunderts aus, sondern in den gesellschaftlichen Schmutzrändern der Neuzeit. Und Sotos wählt zudem eine Schreibe, die an die Urväter, etwa William S. Burroughs, der Cut-up- und Brainstorm-Literatur erinnert.
Aber Burroughs, de Sade und Brett Easton Ellis sind dem Autor dann doch um mindestens eine Nasenlänge voraus. Die Werke aller drei standen oder stehen auf dem Index. Und Sotos wird folgen. Allein schon deswegen, weil er das mglicherweise braucht. Denn Hass ist sein Stück Lebenskraft.
Peter Sotos: Special, mox & maritz, 15,80 Euro
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18125/1.html- interessant... (8.9.2004 13:41)
- interessant. (24.8.2004 16:30)
- Gewaltphantasien (24.8.2004 16:03)
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