Europa muss sich an das durch die globale Erwärmung verändernde Klima anpassen

Florian Rötzer 18.08.2004

Ein Bericht der Europäischen Umweltagentur warnt, dass die Erwärmung in Europa schneller als im weltweiten Durchschnitt verläuft

Gerade hat wieder eine Flutwelle den britischen Küstenort Boscastle zerstört. Florida wurde von einem Tornado heimgesucht. Und in Südostasien, besonders in Bangladasch, gab es große Überschwemmungen, während es in anderen Regionen von Kuba über Südeuropa und Teilen Afrikas bis Asien zu Dürre kommt. Ob das alles mit der globalen Erwärmung direkt zusammen hängt, ist zwar nicht gewiss, wenn auch wahrscheinlich. Ein eben veröffentlichter Bericht der Europäischen Umweltagentur (EUA) warnt jedenfalls davor, dass "Ausmaß und Geschwindigkeit der derzeit ablaufenden Klimaänderungen alle natürlichen Klimaschwankungen der letzten 1000 Jahre und vielleicht darüber hinaus übertreffen". In Europa verlaufe die Erwärmung zudem schneller als im weltweiten Durchschnitt. Europa müsse sich an das verändernde Klima anpassen und möglichst schnell die Abgabe von Treibhausgasen senken.

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Anstieg der Treibhausgas-Emissionen zwischen 1900 und 2000 im Vergleich zu 1750

Eigentlich hatte die EUA Mitte Juli noch einen Erfolg für die EU gemeldet. Erstmals ist nämlich 2002 nach zweijährigem Anstieg die Emission der Treibhausgase gesunken - gegenüber dem Vorjahr um 0,5 Prozent. Als Ursache wird das wärmere Wetter, aber auch das geringere Wirtschaftswachstum genannt. Sie haben den Verbrauch von fossilen Energieträgern abgesenkt. Beides keine Faktoren freilich, die auf eine strukturelle Veränderung im Hinblick auf eine Reduktion der Emissionen hindeuten. Einen Beitrag hatte allerdings auch die weitere Umstellung von Kohle auf Erdgas beigetragen. Gestiegen ist hingegen der Ausstoß an Kohlendioxyd durch den Verkehr und für die Stromerzeugung. Regional ist die Lage natürlich sehr unterschiedlich. Geht man von 1990 aus, so haben bis 2002 lediglich Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Schweden einen erheblichen Rückgang der Emissionen erreichen können, der es ihnen vielleicht sogar ermöglicht, die im Kyoto-Abkommen beschlossene Reduktion erreichen zu können.

Statistisch wirkt sich aber offenbar die globale Erwärmung in Europa stärker als anderswo aus. Ist in Europa in den letzten 100 Jahren die Temperatur um 0,95 Grad Celsius angestiegen (im Sommer um 0,7, im Winter um 1,1 Grad), so im Rest der Welt nur um 0,7 Grad. Für das 21. Jahrhundert gehen die Autoren sogar von einer Erwärmung von 2,0 bis 6,3 Grad aus, da der Ausstoß von Treibhausgasen, sollte nicht Entscheidendes geschehen, weiter zunehmen wird (global wird eine Zunahme von 1,4 bis 5,8 projektiert). Die EUA hält noch einmal fest, dass das letzte Jahrzehnt das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen war und dass die drei heißesten Jahre (1998, 2002 und 2003) nur kurz zurück liegen. Die globale Erwärmung nehme nun 0,2 Grad pro Jahrzehnt zu.

Der in Zusammenarbeit mit dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dem Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) und der Klimaforschungsabteilung der Universität Norwich (CRU) erstellte Bericht, der maßgeblich vom Umweltbundesamt und der niederländischen Umweltbehörde Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (RIVM) finanziert wurde, geht davon aus, dass ein Großteil der Klimaerwärmung menschengemacht ist, vor allem durch das Verbrennen fossiler Energieträger. So habe die Konzentration von CO2 in der unteren Atmosphäre den

höchsten Stand seit mindestens 420 000 Jahren - vielleicht sogar seit 20 Millionen Jahren - erreicht und liegt 34 % über dem Niveau vor Beginn der industriellen Revolution. Der Anstieg hat sich seit 1950 beschleunigt.

Das Hochwasser 2002 und der Hitzesommer 2003 seien etwa Folgen der Klimaerwärmung in Europa gewesen. Allgemein seien zunehmende Naturkatastrophen und damit wachsende Schäden durch Stürme, Hochwasser, Dürren, Hitzwellen und andere extreme Wetterverhältnisse zu erwarten. Während es in Nordeuropa feuchter wird, wird das Wetter in Südeuropa trockener. Bis 2080 könnten in Europa kalte Winter verschwunden und durch heiße Sommer im Wechsel mit Perioden heftiger Niederschläge ersetzt worden sein. Die Meeresspiegel werden weiter ansteigen. Der Meeresspiegel ist im 20. Jahrhundert in Europa um 0,8-3,0 mm pro Jahr angestiegen, in diesem Jahrhundert geht man von einer zwei- bis viermal höheren Geschwindigkeit aus. Die Gletscher in den Alpen werden bis 2050 zu drei Viertel abgetaut sein. Die Zahl von wetter- und klimabedingten Katastrophen habe sich in den 90er Jahren gegenüber dem vorhergehenden Jahrzehnt ebenso wie die durch sie entstandenen Schäden verdoppelt.

Unterschiedliche Folgen für den Süden und den Norden Europas

Auf Süd- und Nordeuropa würden nach dem Bericht unterschiedliche Folgen zukommen. In der Mitte und in Nordeuropa würde etwa die Landwirtschaft von milderen Wintern und größerem Niederschlag profitieren, während in Südeuropa durch Wasserknappheit der Ertrag sinkt und die landwirtschaftlich nutzbare Fläche zurückgeht. Während die Flüsse im Süden weniger Wasser führen, schwellen sie im Norden an. So ist es im letzten Jahrhundert in Nordeuropa um 10-40 Prozent feuchter geworden, in Südeuropa hingegen um bis zu 20 Prozent trockener. Seit 1960 ist im Winter die Fläche der Schneedecke um 10 Prozent zurückgegangen, seit 1970 nimmt die Zeitperiode, in der eine Schneedecke vorhanden ist, pro Jahrzehnt um durchschnittlich 8,8 Tage ab. In der Arktis ist die Eisfläche seit 1978 um mehr als 7 Prozent und die Dicke der Eisschicht durchschnittlich um 40 Prozent geschrumpft.

Schon jetzt hat sich jährliche Vegetationsperiode von Pflanzen seit 1962 um durchschnittlich 10-14 Tage verlängert. Manche Pflanzen sterben aus, insgesamt hat sich bislang aber die Vielfalt vergrößert. Die zunehmende Biomasse nimmt zwar auch mehr Kohlendioxid auf, aber das reiche bei weitem nicht aus, den wachsenden Ausstoß auszugleichen, während der weitere Temperaturanstieg diesen Effekt zudem wieder verringern wird. Auch Tierarten verändern ihr Verhalten und ziehen beispielsweise vom Süden aus weiter in den Norden. Das hat auch negative Folgen, denn beispielsweise nimmt damit die Ausbreitung von Zecken in den Norden zu, die Gehirnhautentzündung übertragen können. Durch die Erwärmung der Meere ist die Masse des Phytoplanktons in der Nordsee und im Nordatlantik angestiegen und hat sich die Zooplankton-Schicht teilweise um 1.000 Kilometer nordwärts verlagert, während subtropische Tierarten in der Nordsee zunehmen.

Die EU hatte im Rahmen des Kyoto-Protokolls beschlossen, die globale Temperaturerhöhung höchsten um 2 Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau ansteigen zu lassen. Treffen die Vorhersagen der Europäischen Umweltagentur zu, würde dieses Ziel bereits 2050 überschritten werden. Um das beschlossene Ziel einzuhalten, müsste es zu einer erheblichen Reduzierung des weltweiten Treibhausgasausstoßes unter den Stand von 1990 kommen. Noch aber ist das Kyoto-Protokoll nicht in Kraft und die USA, die am meisten Treibhausgase ausstoßen, lehnen ihn sowieso ab. Prof. Jacqueline McGlade, Exekutivdirektorin der EUA, meint wohl auch deswegen, dass Europa hier eine besondere Verantwortung trage:

Europa muss weiter an der Spitze der weltweiten Bemühungen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen stehen, aber in diesem Bericht wird auch darauf hingewiesen, dass wir Strategien brauchen, und zwar auf europäischer, regionaler, nationaler und lokaler Ebene, um uns der Klimaänderung anzupassen. Dieses Phänomen wird sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte spürbar auf unsere Gesellschaften und unsere Umwelt auswirken.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18148/1.html
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