"Open Innovation!"

Alfred Krüger 31.08.2004

Die Berliner Konferenz auf der Suche nach neuen gesellschaftlichen Leitbildern für die postkapitalistische Wissensgesellschaft

Am 16. und 17. September begibt sich die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung im Rahmen ihrer hochkarätig besetzten Konferenz "Open Innovation!" auf die Suche nach neuen Leitbildern für die postkapitalistische Wissensgesellschaft. Sie hat sie, wenn noch nicht gefunden, so aber doch bereits recht eindeutig verortet: Die Leitbilder liegen im Netz.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die kommunikative Netzwelt des Internet habe heute die Rolle eines "Leitmediums der Wissensgesellschaft" übernommen, heißt es im programmatischen Einführungstext zur Berliner Konferenz. Neuartige Kooperationsnetzwerke, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle seien rund um das Internet entstanden, "bei denen die Menschen aus eigenem Antrieb zu Entwicklungen beitragen, diese austauschen und so ('user-driven') Innovationen auslösen". Man werde diskutieren, ob und inwieweit "die neuen Prinzipien und Strukturen der Netzwelten" auch als Leitbilder für die wirtschaftliche und soziale Erneuerung der gesamten Gesellschaft taugen.

Der offene, ungehinderte Zugang eines jeden Menschen zum gesamten gesellschaftlichen Fundus an Wissen und Informationen ist für die Protagonisten der neuen Wissensgesellschaft der wichtigste Dreh- und Angelpunkt. Seinem sozialen Wesen nach sei Wissen ein Gemeingut, eine Allmende, und müsse deshalb allen zugänglich sein, um je nach Bedarf eingesetzt und weiterentwickelt zu werden, meint etwa André Gorz, der auf der Berliner Konferenz Karl Marx mit der postkapitalistischen Wissensgesellschaft versöhnen will. Im Zeitalter der digitalen Kopie könne Wissen "beinahe kostenlos vervielfältigt, weg- oder weitergegeben werden, geteilt oder mit anderem Wissen kombiniert werden." Wissen verbrauche sich dadurch nicht. Ganz im Gegenteil:

Je mehr Menschen am Tausch und Weitergeben von Wissen teilnehmen, umso größer wird das Wissen, an dem jeder teilhaben kann.

Partizipation, Kooperation und Open Access

Genau nach diesem Prinzip funktionieren Gorz zufolge die "virtuellen kooperativen Wissensgemeinschaften, die im Internet freie Software mit offenem Quellcode benützen". Der Quellcode sei bekannt, und die Open-Source-Software könne, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden, von allen Teilnehmern geändert, ergänzt und weiterentwickelt werden. Je größer die Anzahl der Teilnehmer sei, umso größer seien das "vergemeinschaftete Wissen und der Gebrauchswert des Systems" für jeden Einzelnen. Es entstehe eine "anarcho-kommunistische Ökonomie des Gebens", bringt der US-Amerikaner Richard Barbrook diese Entwicklung auf den Punkt.

Auch Gorz sieht hier "den Ansatz zu postkapitalistischen Produktionsverhältnissen". Was nützlich oder sinnvoll sei, werde nicht länger über den Markt geregelt, sondern in gemeinschaftlicher Diskussion festgelegt. Freiwillige Partizipation des Einzelnen, gleichberechtigte Kooperation von Gleichgesinnten und freier Zugang zu allen gesellschaftlichen Wissensressourcen seien die neuen postkapitalistischen Leitbilder und die "Linux-Gemeinde" sei das Modell für eine neue Art des gemeinschaftlichen Wirtschaftens und Arbeitens. Soweit der große Gesellschaftsentwurf, kommen wir zum Detail.

Das Imperium schlägt längst zurück

Gorz, Barbrook und andere Protagonisten der neuen gesellschaftlichen Leitbilder "jenseits von Markt, Geld und Eigentum" verkennen selbstverständlich nicht die politischen und ökonomischen Widerstände, die ihren gesamtgesellschaftlichen Konzeptionen derzeit den Wind aus den theoretisch prächtig aufgeblähten, praktisch aber manchmal doch recht schlaffen Segeln nehmen. Denn diejenigen Gruppen der Gesellschaft, die sich durch die anarchische Kraft des Internet in ihren Machtpositionen bedroht fühlen, blasen längst zum massiven Gegenangriff.

Erstens vereinnahmen sie das Netz für sich und ihre Zwecke. Großkonzerne wie IBM und Microsoft verdienen mit dem Internet ihr Geld. Sie nutzen das Netz, um unternehmensinterne und -externe Kommunikationsstrukturen zu optimieren. Sie haben das Internet als Vertriebsweg für ihre Produkte entdeckt und sie bestimmen längst einen Großteil der populären Inhalte, die das World Wide Web zu bieten hat.

Zweitens fahren sie, wenns eigenen Zwecken dient, im Hinblick auf die Open-Source-Bewegung eine gezielte Umarmungsstrategie. Unternehmen wie IBM haben Linux für sich entdeckt . Linux steht hier nicht als Synonym für "eine bessere, eine andere Gesellschaft". Linux ist für IBM ein technisches Produkt, das bessere Betriebssystem, mehr nicht. Schön, dass man damit der Konkurrenz aus Redmond Marktanteile streitig machen kann.

Drittens schließlich wird, wo die Umarmungsstrategie nicht klappt, der staatliche Repressionsapparat gezielt eingeschaltet, um die eigenen Machtpositionen zu wahren. Die jüngsten Entwicklungen im Urheber- und Patentrecht belegen dies auf eindrucksvolle Weise.

Der "umgekehrte Schuh"

Die postkapitalistische Wissensgesellschaft erfordert Gorz zufolge, "dass allen der bedingungslose Zugang zum gesamten Wissen" gesichert werde. Umgekehrt wird daraus auch ein Schuh: Die Beibehaltung des gesellschaftlichen Status quo steht und fällt damit, dass der Wissenszugang nachhaltig reglementiert und kontrolliert wird. "Die Rolle, die geistiges Eigentum in der Wissenschaft spielt, ist in den letzten 25 Jahren dramatisch gewachsen", stellt etwa Yochai Benkler von der Yale Law School fest. Das gilt nicht nur für die USA. Auch Europa erlebt unter dem griffigen Deckmantel "Anpassung des Urheberrechts an die Informationsgesellschaft" rigide Verschärfungen der gesetzlichen Copyright-Bestimmungen, die insbesondere die digitalen Vervielfältigungsrechte sowie den Austausch von Wissen und Informationen übers Internet beschränken sollen.

Filesharingsysteme, die eine unkontrollierte Wissensverbeitung problemlos bewältigen können, werden angefeindet, ihre Nutzer eingeschüchtert. Eine ganze Technologie steht auf dem Prüfstand. Der US-amerikanische Induce Act, der derzeit den US-Kongress beschäftigt, könnte juristisch das offizielle Aus für alle Peer-to-peer-Systeme einläuten.

"Pay per click" statt "Open Access"

Die technologische Entwicklung sei mit juristischen Methoden nicht aufzuhalten, mögen die Protagonisten der "Open-Source-Community" argumentieren. Gesetzliche Verbote würden letztlich nur zur Verfeinerung der Technik (Stichwort: Anonymisierung) führen sie vermutlich aber auch ein wenig komplizierter machen, für den durchschnittlichen Windows-User, der Kazaa wegen seiner einfachen Bedienung liebt, womöglich viel zu kompliziert. Die braven Windows- und so manche Linux-User wandern ab zur kommerziellen Kazaa-und-Konsorten-Konkurrenz. Die Subkulturen tauschen anonym und bleiben fortan unter sich. Die Verluste, die der Unterhaltungsindustrie jetzt noch entstehen, werden achselzuckend hingenommen. Der Ertrag lohnt nicht mehr den Aufwand, der nötig wäre, um auch noch den letzten Filesharer außer Gefecht zu setzen. Das "Bedrohungspotenzial" der Subkultur-Filesharer geht mangels Masse gegen Null.

Am Ende hätten sich die multinationalen Großkonzerne durchgesetzt. Was übrig bleibt, sind Nischen für die "Cyber-Kommunisten". Hier gilt auch weiterhin "Open Access", im Mainstream des World Wide Web herrscht aber "Pay per click".

Der gesellschaftliche Fortschritt kommt von oben

Eine ähnliche Entwicklung ist bei der Regelung des europäischen Patentrechts zu beobachten. Es nähert sich tendenziell US-amerikanischen Vorgaben an. Softwarepatente drohen. Ideen und Verfahren werden künftig schonungslos geschützt. Selbst Triviales gibts womöglich nur noch gegen Bares. Der Widerstand dagegen bleibt begrenzt auf die Betroffenen, die ihren Unmut lautstark äußern. Ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit dringen sie mit ihren Forderungen und Warnungen nicht. Daran wird auch der Berliner Kongress mit seinem demonstrativen "Open Innovation!"-Ruf kaum etwas ändern. Hier diskutiert man unter sich, hier streitet man, hier ist man einer Meinung. Die breite Masse hat ganz andere Probleme.

Das ist im Grunde erstmal auch nicht weiter schlimm. Denn André Gorz zufolge wird der gesellschaftliche Fortschritt nicht von der breiten Masse ausgelöst. Der gesellschaftliche Fortschritt kommt laut Gorz von oben, von den Angehörigen der "Wissenselite", die das "Wissenskapital" "im Namen der Freiheit dem Zugriff des Geldkapitals entziehen wollen". Diese Wissenseliten verfolgen Gorz zufolge "dasselbe Ziel, das früher im Klassenkampf erreicht werden sollte, nämlich

die kollektive Aneignung der Produktionsmittel, die Sozialisierung der Produktivkräfte. ()Sie säen die Samen eines neuen Links-Radikalismus, der selbstverständlich nur Grund gewinnen kann, wenn er () alle diejenigen verbinden und verbünden kann, die gegen die vom globalen Finanzkapital betriebene Globalisierung einen globalen Kampf für eine alternative Globalisierung führen.

Wissensproduktion durch Commons-based Peer Production

Vor diesem Hintergrund lotet Yochai Benkler, Rechtsprofessor an der Yale Law School, in einem jüngst erschienen Artikel in der Printausgabe des Wissenschaftsmagazins Science die Bedingungen aus, unter denen die Leitsätze der Open-Source-Kultur auch auf die Art und Weise einwirken könnten, wie heutzutage wissenschaftlich gearbeitet wird (Science Vol. 305, S. 1 ff). Ihm zufolge könnten sich mit Hilfe der Computertechnik und des Internet völlig neue Formen der Wissensproduktion herausbilden, die wie im Open-Source-Bereich auf freiwilliger Partizipation, gleichberechtigter Kooperation und freiem Zugang aller Beteiligten zu allen Forschungsberichten und -ergebnissen beruhen. Diese Form der gemeinschaftlichen Produktion von Wissen (commons-based peer production) sei beileibe keine Utopie, sondern werde bereits jetzt erfolgreich u. a. in Projekten wie SETI@Home, beim Webindex Open Directory Project sowie in der Online-Enzyklopädie Wikipedia praktiziert.

Forschung häppchenweise

Voraussetzung sei, dass die jeweiligen Projekte so geplant würden, dass sie sich in geeignete kleine Aufgabenmodule aufspalten lassen. Diese Module könnten dann gemeinschaftlich in einem globalen Netzwerk abgearbeitet werden. Der Aufwand für den einzelnen teilnehmenden Wissenschaftler sei relativ gering. Das Bearbeiten der modularen Einzelaufgaben erfolge praktisch nebenbei. Dies gelte nicht nur für Aufgaben, die wie SETI@Home lediglich die brachliegenden Computerrechenzeiten der Teilnehmer nutzen. Auch Laboruntersuchungen ließen sich in entsprechend kleine Untersuchungshäppchen aufgesplittet ähnlich verteilen. Probleme könne es lediglich dann geben, wenn es um Experimente geht, die teure Laborgeräte oder seltenes Untersuchungsmaterial erfordern. Mit Fantasie und Organisationstalent könne man jedoch auch hier so manche Schwierigkeiten überwinden.

Bliebe noch das Patentproblem zu klären. Hier knüpft Benkler an die im Open-Source-Bereich übliche GNU General Public License (GPL) an und entwirft zwei mögliche patentrechtliche Lösungen: eine Open Research License (ORL), die Forschung und Lehre von Lizenzierungen befreit, und eine Developing Country License (DCL), die es Entwicklungsländern speziell im Bereich der Pharmaforschung beispielsweise erlauben soll, billige Nachahmerpräparate etwa zur Aidsbehandlung ohne Lizenzzahlungen herzustellen und im eigenen Lande zu vertreiben.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18162/1.html
Kommentare lesen (46 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS