Spiel-Terminal oder Mobiltelfon?
"Mobile Gaming" erweitert den Markt für Computerspiele und bringt auch mobile Spielkonsolen
Die Games Convention in Leipzig begann für Tom Putzki, den Präsidenten des deutschen Spieleentwickler-Verbandes, mit der traurigen Erkenntnis, dass Computerspiele in Deutschland immer noch eine Nischenexistenz führen. Lediglich in der stetigen Debatte um Gewalt und Medien tauchten Spiele regelmäßig auf - als Buhmann schlechthin. Politik und Medienöffentlichkeit würden der Realität damit hinterher hinken, so Putzki. In der Tat betonen Vertreter der Game-Industrie gern, ihre Umsätze hätten den der Filmindustrie inzwischen überholt. Beispielsweise betrug der Gesamtumsatz der Unterhaltungssoftware in den USA 7 Milliarden Dollar und ca. 1,1 Milliarden Euro in Deutschland (Verband der Unterhaltungssoftware in Deutschland: Jahrbuch 2004).
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| Nokias N-Gage |
Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs der Computerspielindustrie, trotz eines wachsenden Medienechos und der Neugründung von Fachzeitschriften wie GEE und Game Face und ungeachtet der oft gehörten These vom Computerspiel als führender Kunstform des 21. Jahrhunderts liegt Computerspielen auf der Skala der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen mit 30% Präferenz gegenüber dem Fernsehen mit 59% aber immer noch deutlich zurück.
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Ganz anders hingegen Telefonieren. Telefoniert wird täglich, von jedem und, seit es Handys gibt, auch überall. Was liegt also näher, als Computerspiele und Handys zu verbinden. Herausgekommen sind dabei inzwischen mehr als 130 Geräte auf dem europäischen Markt, auf denen Java-basierte Spiele laufen. Dem Spieler werden 3-5 Euro pro Titel berechnet. Diesen Umsatz abzüglich Steuern müssen sich Netzbetreiber wie Vodafone, spezielle Internetportale, die Spiele zum Download anbieten, die Spielevermarkter und die Spieleentwickler teilen.
Verglichen mit 10-50 Euro pro Konsolen- oder PC-Spiel erscheint das wenig, multipliziert mit ca. 65 Mio. Mobilfunkkunden (2003) in Deutschland aber durchaus lukrativ. So konnte die Vorzeigefirma elkware, die Handy-Spiele neu entwickelt und vorhandene Spiele für die verschiedenen Gerätetypen portiert, seit 2002 ihr Personal und ihren Umsatz trotz der Wirtschaftsflaute Jahr für Jahr auf inzwischen 52 Mitarbeiter und 7.5 Millionen Euro Umsatz verdoppeln.
Das ist Roy Sehgal von July Systems aber noch zu wenig. Die Menschen erwarten mehr von einer Anwendung auf ihrem Telefon als nur ein einfaches Spiel, davon zeigte er sich auf der Games Convention Developer Conference (GCDC) überzeugt. July Systems setzt daher auf "Game Services". Handy-Spielen soll mehr Spaß machen und auch für bisherige "Nur-Telefonierer" attraktiver werden, zum Beispiel durch Online-Bestenlisten oder verschenkbare Spiele. Vor allem aber soll die von den Kunden oft empfundene "Abzocke" durch neue Vertriebsmodelle ihr gerechtes Ende finden: "pay per play", zeitlich begrenzte Spielabonnements und werbefinanzierte Spiele sollen durch die Softwarelösungen von July Systems für jeden Spieltitel möglich werden.
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| Nintendo DS |
Einen Schritt weiter sind Nokia mit ihrem Gerät N-Gage und Nintendo mit der Nintendo DS-Konsole. Sie betreten das durch Handy-Spiele vorbereitete Feld mit mobilen Spielkonsolen. Mehr Leistung und anspruchvollere Spiele zielen auf den Gamer unter den Mobil-Telefonierern. Die Telefonfunktionen sind beim Nokia N-Gage nur noch Randerscheinungen. Nintendo hat gleich ganz bewusst auf sie verzichtet, obwohl sie leicht zu realisieren gewesen wären, wie Nintendo-Manager Marko Hein in einer Diskussion während der GCDC erklärte. Hier wird also ein vollständiger Paradigmenwechsel vollzogen: War das Java-Spiel nur ein Add-On, um neue Handy-Generationen attraktiver zu machen, und eine gute Gelegenheit, die Wertschöpfungskette im Bereich mobile Dienste zu erweitern, tritt das Telefonieren nun in den Hintergrund und das Spiel ist die Anwendung mit oberster Priorität.
Interessant ist die zweigleisige Strategie von Nokia. Die Java-Geräte von Nokia gelten als qualitativ hochwertig und für Spielanwendungen unproblematisch, während andere Marken hier massive Kompatibilitätsprobleme haben. Beim N-Gage QD behält Nokia die Java-Funktionen und die gesamte Palette der aktuellen Handy-Anwendungen wie MMS und Webbrowser bei, setzt aber im Marketing voll auf die hochwertigen Spiele. Damit will man in der Lage sein, jederzeit die aktuellsten Handy-Funktionen mit der Langlebigkeit einer Videospiel-Konsole zu verbinden. Die Spiele werden über Speicherkarten geladen und laufen auf dem 32Bit-Betriebssystem von Symbian. Damit ist in punkto Speicherplatz und Rechenleistung deutliche Verbesserungen gegenüber Java-Spielen möglich.
Nokia betreibt derzeit verstärkt Eigenentwicklungen neuer Spieltitel, die die Portierungen von PC- und Konsolenspielen, welche die erste N-Gage-Generation dominierten, ablösen sollen. Der anvisierte Marktpreis von ca. 50 Euro für die Ende des Jahres erscheinende Autorenn-Simulation "Arcade", die auf der Games Convention angetestet werden konnte, unterstreicht Nokias Anspruch, mit dem N-Gage eine vollwertige Spielkonsole zu produzieren. Bei 600.000 verkauften Geräten in 2003 und leichten Wachstumserwartungen für 2004 etabliert sich Nokia als neuer Wettbewerber auf dem Konsolenmarkt.
Nintendo, als Gameboy-Hersteller der erfahrenste Produzent am Mobile Entertainment-Markt, setzt mit innovativen Ideen für ein neues Gameplay dagegen. Die Nintendo DS Konsole, die zusammengeklappt an ein Brillenetui oder eine Zigarettenschachtel erinnert, bietet mit zwei Bildschirmen und Touch-Screen-Technologie neue Möglichkeiten für Spieleentwickler. Man darf gespannt sein, welche Ideen bis zur Markteinführung Anfang 2005 umgesetzt werden. Auf der Games Convention war das Gerät allerdings noch nicht zu sehen, während ausgiebige N-Gage-Sessions gleich an mehreren Ständen möglich waren.
Auch Sony-Ericsson hielt sich mit einem kleinen Stand auffallend zurück und war nicht offiziell auf der GCDC vertreten. Mobile Gaming scheint eine eher untergeordnete Rolle für den Mobilfunk-Hersteller zu spielen, obwohl das Game-Know How durch die Sony-Playstation vorhanden sein sollte. Von dieser hat man zumindest das Gamepad für das Handy übernommen. Dabei wird das Handy mittig aufgesteckt, wodurch - wie von der Konsole gewohnt - deutlich bequemer gespielt werden kann. Ob dies für die vorhandenen Java-Spiele interessant ist, darf dahingestellt bleiben. Die drei Telefone, für die das Gamepad verfügbar ist, verfügen auch über eine Bluetooth-Schnittstelle, sind anders als das N-Gage aber trotzdem nicht Multiplayer-fähig. Ob Sony-Ericsson im nächsten Jahr mit neuen Geräten auftrumpft oder weiterhin Telefonieren als eigentliche Kernkompetenz definiert, bleibt abzuwarten. Mutterkonzern Sony will mit einer mobilen Version der Playstation, der sogenannten Play Station Portable, die vor allem durch Grafik- und Soundleistungen überzeugen können soll, seine Marktposition bestätigen. Auf der Games Convention waren erste Prototypen zu sehen, konnten aber nicht getestet werden.
Mit Sicherheit wird Mobile Gaming den Mobilfunk- und den Konsolenmarkt verändern. Nicht jeder Handy-Kunde wird ein Spieler werden, der Gesamtumfang des Marktes birgt aber enorme Potenziale. Das Handy als Spielkonsole zu gestalten, ist eine wirkliche Innovation, die Kunden zu neuen Investitionen bewegen kann. Java-Spiele können dagegen nur einen Teil des Budgets, das Handy-Kunden für mobile Dienste ausgeben, erreichen. Und mit neuen leistungsfähigen mobilen Konsolen kann man auch anspruchvolle Spieler überzeugen, die als Kinder vielleicht schon einen Gameboy besaßen, denen das klassische Jump-and-Run heute aber nicht mehr genügt.
Die damit verbundene weitere Verbreitung von Computerspielen könnte der Schlüssel zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz werden. Dafür wird es aber darauf ankommen, über welche Spiel-Inhalte wie kommuniziert wird. Die Games Convention ist eine ideale Plattform dafür. Ein gelungenes Event, das in der Öffentlichkeit zeigt, wie viele ganz normale Menschen auch "Gamer" sind.
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