Casemodder: Häuser, umgebaute Kühlschränke und ein PC mit Bier-Zapfanlage

Karin Wehn 25.08.2004

Auf der "Casemodding@GC" zeigten die Gehäusebastler ihre Einfälle und demonstrierten Live-Modding

Am Handy lässt es sich wohl aktuell am besten beobachten: Die Besitzer lieben es, durch Klingeltöne, Hintergrundbilder, Gehäuse, Handybänder, -halter oder -taschen, ihrem Gerät eine persönliche Note zu geben und sind auch bereit, für all das Geld auszugeben. Wäre es dementsprechend nicht auch eine nette Vorstellung, beim Spielen oder Arbeiten nicht vor einem kastigen Desktop-PC im sozialistisch anmutenden Einheitsgrau zu sitzen, sondern vor einem auf die eigenen Bedürfnisse, Einstellungen usw. abgestimmten Gerät?

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Oliver Peiers "Freezer". Foto

Abgesehen von dem abgerundeten Design von Macs und etwas mehr Variationen bei Laptops präsentieren sich Desktop-PCs auch nach mehr als 20 Jahren Geschichte in beton-ähnlichen hellgrau.

Um solchen Vorstellungen nach mehr Variation entgegenzukommen, präsentierte z. B. Nintendo auf der Games Convention 2004 seinen Game Boy Advance SP jetzt auch in knalligem Pink - extra für Mädchen. Und Sammler können sich für die limitierte Tribal Edition im angesagten Tattoo-Look entscheiden, welche eines von indianischen und polynesischen Tätowierungen inspirierten Stammeszeichen trägt.

Diese Geräte wirken jedoch brav im Gegensatz zu dem, was die sogenannten Casemodder machen: Sie legen selbst Hand an und bauen sich ihr eigenes individuelles und einzigartiges Computergehäuse. Casemodder haben ähnliche "Gene" wie Seifenkistenbauer und Modellbauer. Ihr Ziel ist es, etwas Eigenes zu schaffen, was man nicht kaufen kann und was genau den eigenen Vorstellungen entspricht. Andere Casemodder reizt es, ihre Gehäuse zu optimieren (z. B. die Geräusche des Netzteils oder des Lüfters zu reduzieren) und Dinge zweckzuentfremden und neu zusammenfügen, die sonst nichts miteinander zu tun haben.

Codename

Während Spieler von Ego-Shootern eigene Levels bauen, um die Grafik ihren Vorlieben anzupassen, Demo-Programmierer die Grenzen der Hardware ausreizen, um möglichst spektakuläre Effekte bei kleinen Datei-Größen zu erzielen, nehmen sich Casemodder das Gehäuse vor, das das Computerinnenleben zusammenhält und schützt. Dafür sägen, feilen, löten, schrauben und fräsen sie an den Komponenten, die sie sich in Bau - und Elektromärkten oder beim Autozubehörhändler besorgen. Für den letzten Feinschliff werden Metalle gebürstet oder eloxiert (elektrisch oxidiert), um diesen ein edleres Aussehen zu verleihen.

Ein solider Querschnitt an handwerklichen Fähigkeiten und ein solides Basiswissen über gängige Schaltkreise und Widerstände sollte allerdings vorhanden sein, bevor man dazu entscheidet, seinen 1.000 EUR-PC auseinander zu nehmen und ihm ein Lifting zu verleihen.

"BS 601" von Benjamin Franz. Foto

Die Casemodding-Community unterscheidet zwischen Casemods und Casecons. Casemods sind modifizierte bzw. umgebaute Computergehäuse aus industrieller Serienproduktion. Sie enthalten z. B. Displays und Sichtfenster auf die "Innereien" des Rechners. Entscheidend ist, dass das Originalgehäuse, wenn auch in abgewandelter Form, noch vorhanden ist. Casecons hingegen sind völlig individuell entworfene und gebaute Gehäuse, die mit dem Innenleben eines PCs angereichert werden. Die Palette der häufig funkelnden und blinkenden Alltagskunstwerke reicht von umgebauten Gitarren, Autoreifen, Särgen, Staubsaugern bis hin zum funktionierenden Cappucino-Server oder zur Jägermeister-Bar.

Mittlerweile wurde dieser Trend nach personalisierter Hardware auch von der Hardware-Industrie aufgegriffen. Leuchten, Schalter, Plexiglasgehäuse oder Wasserkühlung sind heute auf dem Markt erhältlich, um die baufreudige Zielgruppe zu bedienen. In diesem Punkt sind die Casemodder allerdings gespalten: Für viele zählt nicht nur ein Case, sondern dies sollte auch so sparsam wie möglich gelöst werden.

Schon im letzten Jahr war Casemodding der Games Convention eine Sonderschau wert. In diesem Jahr wurde der Bereich der Casemods und -cons ausgebaut. Die Ausstellung Casemodding@GC zeigte während der ganzen Messe aktuelle Casemods und Casecons: Dazu zählten transparente PCs mit spaciger Beleuchtung oder Computer, die in einem Stahlkoffer oder in einer Mikrowelle versteckt wurden. Der Rechner in "Copper" wurde von einer Waschmaschinentrommel mit funktionierendem Schließmechanismus im Deckel zusammen gehalten. "Codename: Alexis" ist eine knapp bekleidete Schaufensterpuppe mit blau leuchtenden Augen, die ihren Prozessor im Unterleib spazieren führt (für ein Making-Of siehe hier).

Um Anfängern den Einstieg in das nicht ganz einfache Hobby zu erleichtern, wurden beim "Live-Modding" auf der Bühne die wichtigsten Handgriffe der verschiedenen Stufen des PC-Modding gezeigt, vom einfachen Gehäuse-Modding über schwierigere Eingriffe, wie den Einbau einer Wasserkühlung bis hin zu Experten-Ratschlägen für absolut abgefahrene Casecons.

Ferienhaus von Tilo Franz, von dem auch das Bild stammt

Um die Kreativität der Casemodder angemessen zu würdigen, wurden schließlich am letzten Tag der Messe unter dem Label "GC CasemodMasters" die ausgefallensten Gehäuse prämiert. Preise wurden verliehen in den Kategorien Casemods und Casecons. Die Wettbewerbsjury aus Vertretern der Presse, der Industrie sowie Mitgliedern der Communities casemodder.de und easy-mod.de nahm sich ausführlich Zeit für jedes eingereichte Modell, um neben dem optischen Eindruck auch die Funktionalität und Verarbeitung des Geräts zu überprüfen.

Bei den Casemods gingen die Preise an Benjamin Grycam für seine "Beck's Experience" (dritter Platz), Sein Computer-Unikat ist arbeits- und freizeittauglich: Mit ihm können nicht nur Daten berechnet und gespeichert werden, integriert sind ein Unterfach und eine Seitenwand, die stets gekühlte Bierflaschen bereit hält sowie eine komplette Bier-Zapfanlage. Der zweite Platz ging an Falko Schulzes Werk "Besessen". Mittels Kipp- und Drehschaltern werden alle Laufwerke einzeln gesteuert, individuell beleuchtet und gekühlt. Der erste Platz ging an "BS 601" von Benjamin Franz.

Benjamin Grycams "Beck's Experience". Foto

In der Kategorie Casecons erhielt Tilo Franz den dritten Preis für sein zweistöckiges Ferienhaus. Das beleuchtete Haus, das nicht viel mehr Fläche einnimmt als ein Laptop, wurde aus Holz und Glasperlen gebaut. Das mit Geranien aus Glasperlen dekorierte Balkongeländer ist ausfahrbar - im offenen Zustand bringt es das CD-Laufwerk zu Tage. Gardinen, Pflanzen an Spalieren und Bäume in Vorgarten schmücken das Haus.

Den zweiten Platz belegte Martin Vodels "MP-Master", dem man nicht mehr ansah, dass er aus einem Abflussrohr gefertigt war. Die Trophäe für den ersten Platz ging an Oliver Peier. Sein "Freezer" ist ein älteres Modell eines Bosch-Kühlschrank in Originalgröße mit Wasserkühlung und integriertem Flaschenständer. Die Jury zeigte sich besonders überzeugt von der soliden Verarbeitung.

Casemodding zeigt einmal mehr, dass auch in einer extrem konsumorientierten Wegwerfgesellschaft das Selbermachen noch einen Wert hat und dass Benutzer sich nicht passiv einer Technologie unterwerfen, sondern mit ihr im positiven Sinne respektlos umgehen. Ob ihrer Größe sind die meisten Casemods nicht für den mobilen Gebrauch geeignet, aber mobile Casemods und -cons könnten ja ein Ansporn für eine neue Kategorie für nächstes Jahr sein. Ich wünsche mir ein aufblasbares und wasserfestes Casecon für den nächsten Sommer im Park.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18188/1.html
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