Die fettfingrige Verletzlichkeit der Fish-und-Chips-Esser
Martin Parrs Aufstieg zum europäischen Fotostar
Martin Parr ist der Star in diesem europäischen Fotosommer, vielfach gefeiert, ausgezeichnet und ausgestellt. Er gilt mittlerweile als der wichtigste zeitgenössische britische Fotograf, als Prototyp einer neuen britischen Fotografen-Generation jenseits der alten Unterscheidungen von klassischer Kunst und technischem Metier. Seit 1994 ist er Mitglied der Fotografen-Agentur Magnum.
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Parr fotografiert den ganz normalen britischen Alltag und die schöne neue Welt der Globalität mit einer besonderen Note von skurrilem Humor, aber auch mit bissiger Direktheit, an der sich die "distinkteren" Kollegen immer wieder reiben. Nach Ausstellungen in London und Köln erweckten die Hamburger Deichtorhallen mit einer umfassenden und beeindruckenden Retrospektive seines Gesamtwerkes und die vom Künstler kuratierte Ausstellung einiger Exponate seiner endlosen Alltagskitsch-Sammlung in Arles den Eindruck einer in sich geschlossenen "Parr-Welt".
Anfänge zwischen Vogelkunde und Sozialromantik
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Anfang der 70er Jahre ist Martin Parr ein junger Außenseiter, von dem noch nie jemand etwas gehört hat. Dabei wird er für seine Generation mit dazu beitragen, quer zu den Unterscheidungen zu arbeiten und die eingeschliffenen Annahmen der britischen Fotografie zu verabschieden. Die soziale Wirklichkeit soll neu und ungeschminkt ins Bild kommen. Deutlich wird Parr dabei auf amerikanische Einflüsse, Eggleston und Winogrand, zurückgreifen.
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| Butlins Ferienlager, Ausschnitt, John Hinde, Gruner + Jahr Pressehaus, Hamburg 2004 |
Stark beeinflusst vom Vater, einem Beamten und Laien-Ornithologen, und dem Großvater und Fotografen George Parr, übt sich der junge Martin früh im präzisen Beobachten, Klassifizieren und Fotografieren. Mit 16 produziert er eine Studie über Harry Ramsdens Fish-and-Chips-Lokal in Guisely bei Leeds. Val Williams die Kuratorin und Autorin der soeben bei Phaidon erschienenen und von Stefan Barmann ins Deutsche übertragene Parr-Monographie schreibt über die Grunderfahrung des Fotografen:
Menschen in Restaurants (haben) eine gewisse Verletzlichkeit (...). Sie wählen aus, warten, freuen sich im Voraus. Sie geben eine private Vorstellung in der Öffentlichkeit. Über seine fotografische Laufbahn hinweg hat Parr immer wieder seine Landsleute beim Essen in der Öffentlichkeit porträtiert und damit ein Gesellschaftsstück, ein soziale Enthüllungskomödie geschaffen. Von den Häppchen auf einer Feier der Conservative Party bis zum Verzehr von Fast Food unterwegs, von einem ältlichen Paar, das in einem öden Teeausschank aneinander vorbei starrt, bis zu einer Meute von Gören in einer Frittenbude in New Brighton hat Parr Bilder aufgenommen, die in direkter Beziehung zu seinem ersten Fotoessay bei Harry Ramsdens stehen. (...) Parr goutiert eine bestimmte Eigenart, eine "Britishness", mit der sich die Nation weit von ihren europäischen Pendants absetzt. Er hat das gestörte Selbstwertgefühl der Briten das er teilt ebenso fotografiert wie ihr heimliches Bedürfnis, doch lieber im privaten Rahmen zu essen, und zwar begleitet von anderen Tätigkeiten und nicht als Selbstzweck (England ist das vermutlich einzige Land in Europa, in dem viele Familien keinen Esstisch besitzen). Man könnte vielleicht sagen, dass das Problem von Parrs Fotografie nicht in den Bildern selbst liegt, sondern bei deren Kernpublikum, einer Ansammlung von Kritikern, Art Directors und auftraggebenden Redakteuren, die (...) in Parrs Fotografie etwas sehen, das sich gleichzeitig vergnügt und verschreckt
Unter dem Einfluss der Zeitschrift "Creative Camera" und den international akzentuierten Ausstellungen der ersten eigenständigen Fotogalerien im London der 70er Jahre, die sich im ersten Jahrzehnt vor allem mit Reportage- und Dokumentarfotografie befassen, entscheidet sich Martin Parr für ein Fotografie-Studium. Nach der Aufnahme an der Manchester Polytechnics 1970 zieht er aus Chessington und Ashtead in Surrey, den eintönigen Orten seiner Kindheit im wohlhabenden Süden nach Norden: in den Ballungsraum Manchester. Der Mittelklasse-Junge lernt die großstädtische Arbeiterkultur und ihre schrillen Ikonen kennen, das ideale Studienobjekt für seine ersten Versuche, eine zeitgemäße, frische und unstilisierte Bildsprache zu gewinnen.
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| Parr und Meadows |
Bedeutsam für Parr ist die Freundschaft mit seinem Kommilitonen Daniel Meadows, mit dem er erste charakteristische Themen erarbeitet , die auch für sein späteres Werk noch gelten. So begeben sich beide auf die Spurensuche nach der bekannten britischen TV-Serie "Coronation Street", die bereits den medialen Abgesang auf die Working-Class-Heroes darstellt. Im Projekt "June-Street" fotografieren Parr und Meadows Arbeiter-Kleinfamilien in ihren (bald zum Abriss freigegebenen) Reihenhaus-Wohnzimmern "wie einen aussterbenden Stamm im Indianer-Reservat".
Parr und Meadows nehmen den Auftrag an, Porträts von Arbeitern in den organisierten Urlaubskolonien festzuhalten. Rund um die Uhr sind sie in Billy Butlins Feriendörfern tätig und verkaufen die Fotos sofort an die Urlauber. So entsteht eine offizielle, deftige und sehr umsatzkräftige Direkt-Dokumentation des kollektiven Lebens in der proletarischen Freizeitkolonie des alten Schlags, die einen Vorboten der späteren Freizeitareale und Spaßbäder der nivellierten Mittelstandsgesellschaft darstellt. Ebenso werden die längst überlebten Unterhaltungsangebote von Butlins Varieté und Monstrositätenkabinett festgehalten, zunächst in Schwarz-Weiß, später in Farbe. Hier lernen sie auch die außergewöhnlich detailreiche und farbige Porträtstudio-Arbeit von John Hinde und seinen Mitarbeitern kennen, die in der Ausstellung "Our true intent is all for your delight" im Hamburger Gruner + Jahr-Presshaus dokumentiert wurde.
Sozialer Voyeurismus?
Martin Parr findet ein Ventil für seine Neugier, soziale Inszenierungsformen unmittelbar vor Ort unter Mitarbeit der Beteiligten zu beobachten und festzuhalten. Bereits hier setzen die Einwände an, die auch sein späteres Werk begleiten werden. Parr dazu:
Ich sehe kein Problem darin, als Angehöriger der Mittelschicht die Arbeiterklasse zu fotografieren. Es gibt ja diese ziemlich affektierte Einstellung, als einer aus der Mittelschicht dürfe man nicht hingehen und die Arbeiterklasse kritisieren, und ganz sicher haben meine Fotografien ihr gegenüber einen kritischen Biss. (...) eigentlich habe ich das Verhalten in der Arbeiterklasse im Allgemeinen als sehr viel freundlicher und durchlässiger erlebt (...).
1974 setzt Martin Parr in der Installation "Home Sweet Home" seine bisherigen Erfahrungen um: Der ironische Titel meint das Gegenteil, die Installation bündelt die Elemente dessen, was man als Heimstatt der 50er und noch der ausgehenden 60er Jahre verstehen könnte und verabschiedet sich zugleich von dieser Formensprache in der negativen Distanz widersprüchlicher Bildebenen. Zu sehen ist die Installation zunächst als Diplomausstellung in der Hochschule von Manchester und wenig später in der Impressions-Gallery in York.
Parr inszeniert die "Bühnenausstattung" eines typischen Arbeiter-Wohnzimmers als perfekten sozial-ästhetischen Illusionismus. Und doch bleibt seine Installation ein Modell, getragen von einer Sammlerleidenschaft, die auch vor dem Nachschaffen von schichtspezifischen Kitschobjekten und Kitschbildern nicht zurückschreckt. Auf diese Weise nimmt Parr, vielleicht gegen sein eigenes frühes Verständnis, kritisch Stellung zum vermeintlichen Realismus-Begriff. In seiner Installation ist die Trennungslinie zwischen dokumentarischem Projekt und privatem Fotoalbum hauchdünn. Sie legt die dramaturgischen und privatmusealen Spielräume der Selbst-Inszenierung von Bildwelten frei. Die häuslichen Interieurs erweisen sich als Objekte der Konstruktion und Dekonstruktion, als gleichermaßen begehbare wie zerstörbare Schutzräume einer hochfragilen Identität zwischen sozialer Teilhabe und exklusiver Intimität im Widerstand gegen ein nur klassisches oder technisches Fotografieverständnis als reiner Abbildung. Es geht vielmehr um Beeinflussung und Berührung nach beiden Seiten (zwischen Beobachter und Subjekt) und nicht nur um reines Sehen und reine Komposition auf der Seite des Fotografen.
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| "Home, Sweet Home", Installation, Deichtorhallen Hamburg 2004 |
In Parrs Installation werden reale Aussicht und imaginäre Ansicht bis zur (Un-) Kenntlichkeit vertauscht. Nebenbei handelt es sich um eine aufwendige Form der Ausstellung mit widersprüchlichen Exponaten: billig gerahmte Nahaufnahmen von Reihenhäuser-Wohnzimmerfenstern und Vorgärten, die für Bed and Breakfast werben, familienartige Nostalgieporträts auf Wandtellern, farbig aufgenommene Kitschfiguren aus Holz und Porzellan, die in Fensterauslagen vor sich hinvegetieren, sowie TV-Standbilder der Hochzeit von Prinzessin Anne vor einem tristen Fenster zum Hof. Martin Parr:
Ich baute in der Mitte des Saals einen frei stehenden Raum, in dem ich ein Fenster anbrachte, das meinem eigenen Fenster in Manchester entsprach; das hatte ich abfotografiert, auf sein reales Format vergrößert und an die Wand geklebt, so dass man denselben Ausblick hatte wie ich in meinem Haus in Moss Side. Dann dekorierte ich den Raum mit rosa Tapeten und verteilte all die verschiedenen Objekte, von denen ich viele in Kitsch-Rahmen von Woolworth packte. Auf einem Kassettenrekorder lief "The Sound of Music" und "South Pacific", und es roch nach billigem Parfüm. Auf diese Weise entstand ein ganzes fotografisches Environment, in dem der Aufenthalt allerdings ziemlich ungemütlich war. Mit gefiel die Kitschigkeit der Rahmen und dass sie gegen diese ganze Kostbarkeit der Fotografie anstanken, die nie besonders meine Sache gewesen ist.
The Last Resort: Schockbilder des Thatcherismus?
Martins Parrs bahnbrechende, sicher radikalste Arbeit ist "The Last Resort", aus dem Jahre 1983-86. Hochpräzise farbige Schockbilder einer zugleich schicker und mobiler gewordenen und doch auch wieder herunter gekommenen Freizeitgesellschaft, die sich an den vermüllten Kais des verkommenen Seebades New Brighton, Merseyside, unverstellt und nackt eine Dosis sonniges Wochenende reinzieht. Diese Serie wurde von vielen als soziale Grenzüberschreitung wahrgenommen. Als Darstellung eines Großbritannien, das es so offiziell nicht geben durfte: Ein quicklebendiges Leben auf der soziale Abraumhalde des brutalen Thatcherismus. Auch wenn Martin Parr es so auch wieder nicht gemeint hatte.
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| "The Last Resort" |
Ohne direkten politischen Anspruch hat Parr mit seiner intensiven Dokumentationsarbeit und seiner neuen farbigen und detailreichen Bildsprache seit den 80er Jahren die widersprüchlichen Auswirkungen des Thatcherismus festgehalten, den Abschied vom alten Klassensystem zugunsten einer ökonomischen Orientierung an Geld, Leistung und Mobilität.
Nach einem Aufenthalt in Irland und Umzug nach Bristol 1987 arbeitete Parr an der Charakterisierung seiner eigenen sozialen Herkunft, der Mittelschicht, mit dem bezeichnenden Titel: "The Cost of Living" (1986-89). Die strenge Choreographie früherer Arbeiten löst sich auf, es entsteht eine "visuelle Anarchie" der Individuen (Richard Ehrlich), die in der Komödie der gesellschaftlichen Selbstdarstellung, mehr oder minder distanziert, mitspielen und nur bei Gelegenheit und in Maßen aus dem Retrodesign des neuen Wohlstands ausbrechen. Mit seinen visuellen Beiträgen erzielt er auch Medienpräsenz in Magazinbeilagen des Sunday Telegraph, Observer, Correspondent, Guardian. In Zusammenarbeit mit Nick Barker, BBC, entsteht die TV- und Foto-Dokumentarreihe "Signs of the Times" (1992) mit Originalstimmen der Briten über ihren eigenen Lebensstil, ein Projekt, das Parr neben "The Last Resort" seine bisher größte Publizität verschaffte.
Martin Parrs Philosophie
Parr ist seinem dokumentarischen Hauptthema treu geblieben. Der Selbstdarstellung als Einrichtung in die Ungewöhnlichkeit des Gewöhnlichen. Dabei halfen einmal Patriotismus, Klassenbewusstsein und schichtspezifisch getönte Trivialkultur als Medium der Interaktion und Distanz zwischen Fotograf, Betrachter und Subjekt. Längst hat der offizielle, geldfixierte Massenkonsum ein soziales Leben in kollektiver Langeweile geschaffen, nicht nur bei den Armen, sondern auch unter den Wohlhabenden. Unter der gestenarmen Oberfläche lauern Entgleisungen und Ausbrüche ins Groteske und Lächerliche.
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| "The Last Resort |
Parr hat sich auf Reisen in die alte Arbeiterklasse und die neue Mittelschicht begeben. Ausflüge in die Modewelt der Reichen und Schönen blieben eine Ausnahme und lieferten unerbittliche Detailaufnahmen, die die Hässlichkeit des schönen Scheins am Set offen legten: Modeauftritte als Horrorspektakel. Von überall hat Parr dekadente Ansichten merkwürdig unterkühlter Leidenschaften und freigesetzter Qualen geliefert, mitten in der Arbeit am Lebensstil und Konsum, um die höchst verwundbaren, vergänglichen oder auch schäbigen Seiten zu beleuchten.
Parr bietet ein wichtiges Pendant zum barocken Stilleben, seiner Pracht und zugleich seiner Verderblichkeit und Hinfälligkeit er fügt Szenen der "Exploitation", der Plünderung und Selbstausbeutung hinzu, von Menschen, die auf der Suche nach den Dingen sind, die sie erlösen könnten, ohne die wahren Zeichen der Zeit zu verschleiern. Aber der Glanz der Produkte und Dienstleistungen vergeht, oder er verkommt oder verkümmert, die aktuellen Genüsse werden seicht und die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen verlaufen in eine andere Richtung.
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| "The Cost Of Living |
Parrs unverwechselbare Handschrift: Der dokumentarisch und künstlerisch distanzierte Blick auf die Gesten nationaler und internationaler Zeitgenossen und der Gestus eines Sammlers, der die Alltagsgegenstände, Kitschprodukte und Bildwelten seiner Mitmenschen als Ersatz- und Antikunst, als Fetische des selbstgemachten Talmi-Glücks oder unverschuldeten Unglücks heiß begehrt und sie ironisch in Szene setzt zwischen individuellem Ausdruck und sozialer Nivellierung. In seinen Fotografien gibt es stets eine knapp umrissene Balance zwischen sozialen Porträts, Gruppenaufnahmen und den mit ihnen verbundenen Objekt- und Milieustudien. Parrs Blick bringt das Bild der Zeitgenossen, welche diese von sich darbieten für den Betrachter ins Schwanken: zwischen Respekt und Entlarvung, Anmaßung und Einfühlung, zwischen konventionellem Wohlwollen, aufflackerndem Neid und stets möglicher Abschätzung und Verachtung.
Bei den Mixed Emotions à la Parr handelt es sich um die subjektive, dabei treffsicher-bissige Anteilnahme an realen gesellschaftlichen Entwicklungen, in seinen Bildern spitzt sich die Austauschbarkeit und Härte der gezeigten Situationen zu. Die Einmaligkeit des Lebens und Erlebens wird "methodistisch" infragestellt.
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| Parr-Collection, Fotofestival Arles |
Es geht um den offenen oder verdeckten Kampf der Dinge und der Menschen, um den stillen Raub der Blicke und Anblicke. In diesem Kampf siegen die Dinge öfter über die Menschen, als diesen lieb ist. Wenn man so will, verlieren die Menschen ihre Ansichten an die Dinge. Auf diese Weise entstehen auch in Parrs Hauptwerk jene vorproduzierten Postkarten-Ansichten und Nippes-Devotionalien, die er so gerne sammelt und als katalogisiertes Nebenwerk in Buchform herausgibt ("Boring Postcards" u.a.). Die Individuen arbeiten unbewusst oder bewusst an Prospekten ihrer Belle Vue und ihres Glücks, die den individuellen Blick zu beseitigen drohen, sie liefern sich mehr oder minder den standardisierten oder auch verfeinerten Angeboten aus und überziehen die Vielfalt ihrer Bedürfnisse mit dem Ersatzmuster einer vorgefertigten Einheits-Tapete. Doch während der eine seine Parr-Welt gefunden zu haben glaubt, schert der Nachbar oder die eigene Frau schon wieder aus, wenn die BBC folgendes Geständnis entgegen nimmt:
Um in einer minimalistischen Umgebung zu leben, muss man sehr tapfer sein. Immer wenn wir Besuch bekommen, fühle ich mich wie auf dem Präsentierteller.
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| Parr-Collection, Fotofestival Arles |
Vielleicht hat sich mit den geschmacklos poppigen Detailaufnahmen aus "British Food" (1995-96) und "Common Sense" (1995-99) Martins Thema gewandelt: Die Einrichtung in die Gewöhnlichkeit eines nicht mehr ungewöhnlichen Leben, das von der Globalität aufgesogen wird. Dabei ist Martin Parr keineswegs der zynische Pessimist, für den er gehalten wird: Er studiert das beinahe unverwüstliche soziale Verhalten seiner Mitmenschen in ihren Ersatz-Umwelten und immer weiter modernisierten Heimstätten in den typischen Ausprägungen und Auswüchsen einer anormal gewordenen Normalität. Der Einsatz für Martin Parrs Kamera ist gegeben, wenn überlieferte Traditionen ihre orientierende Kraft verloren haben und nur noch Reproduktionen bereitstehen, wenn die Wahrnehmung sich in den massenmedialen Versatzstücken maskiert oder mit den neureichen Klunkern und Logos der Globalität aufrüstet, um den nächsten Ausverkauf des Humankapitals vorzubereiten. Gnadenlos bleibt Martin Parr der ungeschminkten Sehnsucht im Kitsch und Schein auf der Spur.
- Stellungnahme? (5.9.2004 23:05)
- Was ist Besonderes an Parr? (5.9.2004 10:08)
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