Computerspielgeschichte Reloaded

26.08.2004

Lauwarm aufgewärmte Klassiker oder Rettung des Gameplays?

Aus Hollywood kennt man das Prinzip, mit Sequels und Remakes erfolgreicher Konzepte viel Geld zu verdienen. Auch die Computerspielbranche wird sich dem zunehmend bewusst. Dass das nicht zwangsläufig eine Abnahme der Qualität bedeuten muss, aber durchaus einer Gradwanderung gleichkommt, kann man an einigen Titeln sehen, die auf der diesjährigen Games Convention in Leipzig präsentiert wurden: z.B. der Neuauflage von Sid Meiers Pirates! und dem inzwischen siebten Teil der Leisure Suit Larry-Reihe mit dem Untertitel Magna Cum Laude.

Vorher

Auch in der Welt der Computerspiele gilt: "Früher war alles besser!" Zumindest, wenn man immer wieder "erfahrene" Gamer aus C64- und Amiga-Zeiten über aktuelle Spiele-Neuerscheinungen schimpfen hört. Gerade auf den alten Heimcomputern, die mit sehr beschränkter Grafik auskommen mussten, hätten Gameplay, Geschichten und Figuren viel mehr Spaß gemacht. Der Grund sei klar: Ohne Aufsehen erregende Grafik waren dies die entscheidenden Erfolgsfaktoren für ein Spiel und wurden deswegen sehr sorgfältig entwickelt, so ein immer wieder gehörtes Argument.

Dass in dieser etwas nostalgischen Behauptung auch ein wahrer Kern enthalten ist, scheint auch die Computerspiel-Industrie zu begreifen und stellt sich darauf ein, indem sie neben den neuesten Entwicklungen auch ihre Backlist nach wieder verwertbaren Geschichten und Figuren durchforstet. Sicherlich hoffen die Produzenten auch, dass damit der eine oder andere Ex-Gamer, der einer Generation angehört, die inzwischen keine Zeit mehr hat, die Welten der neuesten Ego-Shooter umfassend zu erkunden, dazu verleitet wird, doch wieder mal einen neuen Spieletitel zu kaufen, wenn er an bekannte Erlebnisse anknüpfen kann.

Der diesbezüglich interessanteste Titel, der auf der diesjährigen Games Convention vorgestellte wurde, ist sicherlich das Remake von Sid Meiers Pirates!, der voraussichtlich im November als PC-Spiel von Entwickler Firaxis Games und Publisher ATARI auf den Markt gebracht wird. Das gleichnamige "Original", das Sid Meiers damalige Firma MicroProse 1987 u.a. für den C64 veröffentlichte, gilt als einer der erfolgreichsten Titel der Computerspielgeschichte und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Sid Meier wird spätestens seitdem als einer der einflussreichsten Game Designer überhaupt angesehen. Mit Titeln wie Silent Service, Civilization, Railroad Tycoon und eben Pirates! setzte er Standards in Sachen Game Design, die bis heute Wirkung zeigen (eine ausführliche Würdigung seiner Leistungen findet man auf gamespot.org: The Sid Meier Legacy).

Mit Pirates! gelang ihm eine damals einmalige Verschmelzung der Genres. Indem er Simulations-, Rollenspiel- und Strategie-Elemente mit Action- und Geschicklichkeitsaufgaben verband und es dem Spieler ermöglichte, völlig frei die gesamte Karibik zu durchkreuzen, transportierte er für viele Spieler das Gefühl, tatsächlich als Kapitän eines Piratenschiffes des 17. Jahrhunderts zu kapern, zu plündern und Schätze auszugraben.

Nachher

Und genau dieses Gefühl wollen Sid Meier und sein Team bei Firaxis in der Neuauflage noch stärker herausarbeiten. Er sei durch Fan-Feedback im Glauben bestärkt worden, "dass die Spieler wirklich nach weiteren 'klassischen' Spielerlebnissen verlangen", schreibt er auf der Website zum Spiel. Erreicht werden soll dies durch eine gesteigerte Dynamik der umgebenden Welt, stärker ausgebaute Missionen und einen größeren Varianten-Reichtum, z.B. bei der Schiffsbewaffnung und Charaktergestaltung. Außerdem können die Herzen der Gouverneurstöchter in der neuen Ausgabe nicht nur durch charmante Gesprächsführung erobert werden, sondern auch beim Tanzen.

Neben diesen Erweiterungen ist allerdings fast alles beim Alten geblieben. Die Spielmodi und Optionen sind so weit wie nur irgend möglich dem Original nachempfunden, und gerade das verleiht dem Spiel besonderes Flair. Die Umstellung auf die 3D-Engine wurde weitgehend sehr dezent vorgenommen und das Schiffs-Handling beim Segeln und im Seegefecht ist so dynamisch, dass es noch mehr Spaß macht als beim Original. Ein Spiel von Sid Meyer kann anscheinend nur ein Erfolg werden.

Leisure Suit Larry 1 für Dos

Ein weiterer Klassiker der Computerspielgeschichte ist die Leisure Suit Larry-Reihe, seinerzeit produziert von der Softwarefirma Sierra, die vor allem durch ihre Adventure-Spiele Bekanntheit erlangte (Police Quest, Kings Quest, Space Quest). Der erste Teil der Reihe Leisure Suit Larry In The Land Of The Lounge Lizards kam 1987 für den Apple II und Dos-PCs heraus. Held der Larry-Spiele war Larry Laffer, ein notorischer Loser und tollpatschiger Möchte-Gern-Verführer, der sich in seinem weißen Polyesteranzug mit nur einem Ziel durch die Welt der amerikanischen End-1980er schlägt: die Frau seines Lebens zu finden und auf dem Weg dorthin so viele Frauen wie möglich flachzulegen. Beides gelingt ihm allerdings nur leidlich.

Der neue Larry

Mit Hilfe dieses einfachen (und unendlich variierbaren) Plots gelang es dem Spieledesigner (und -Programmierer) Al Lowe das Adult-Adventure-Genre zu etablieren, indem er es mit einem ironischen Augenzwinkern sowie einem gehörigen Schuss Comedy würzte. So wurde Larry für viele Computerbesitzer seit Ende der 1980er Jahre offensichtlich zur perfekten Identifikationsfigur und Lachnummer zugleich, und dementsprechend groß war auch der Erfolg der Reihe bis zum vorerst letzten Teil, Leisure Suit Larry 7 im Jahre 1996. Als das Projekt Larry 8 von Sierra im Jahre 1999 schließlich aus Kostengründen gestoppt worden war und Al Lowe aus der Firma ausschied, sah es zunächst so aus, als wäre damit auch das Schicksal der Larry-Reihe besiegelt.

Eines von Larrys üppigen "Opfern"

Nun bringt Vivendi Universal Games (denen die Marke Sierra inzwischen gehört) mit Leisure Suit Larry - Magna Cum Laude doch noch ein neues Larry-Sequel heraus, das Ende des Jahres für PC, PS2 und XBox erscheint, diesmal allerdings ohne Beteilung des Kult-Designers Al Lowe. Dieser hätte zwar gerne mitgearbeitet, wie er auf seiner Website verrät, eine erneute Zusammenarbeit kam offensichtlich aber trotzdem nicht zustande.

Auch sonst gibt es einige Veränderungen: Hauptfigur des Spiels ist nicht mehr Larry Laffer, sondern sein ebenso unattraktiver, schlecht gekleideter und ungeschickter Neffe Larry Lovage (in der deutschen Fassung gesprochen von Viva-VJ Oliver Pocher). Der neue Larry selbst und seine Welt präsentieren sich auch zum ersten Mal komplett in 3D-Optik. Ort der Handlung ist diesmal ein amerikanisches College, offensichtlich haben sich die Entwickler auch durch die Erfolge von amerikanischen Teen-Movies à la "American Pie" inspirieren lassen.

Am Spielprinzip ändert sich allerdings kaum etwas: Wie gehabt gilt es, Frauen zu erobern, indem man ihre Hobbys und Vorlieben herausfindet und diese dann gezielt bedient, um so schlussendlich zum eigentlichen Ziel zu gelangen. Natürlich gerät Larry auch diesmal wieder in so manche peinliche Situation. Leichtes Spielhallen-Feeling kommt auf, wenn man eines der Mini-Games bestreitet, mit denen man die anvisierten Frauen je nach Lage der Dinge entweder beeindrucken oder doch besser abfüllen muss.

Ob der neue Larry auch ohne den gelegentlich platten, aber selbst dann immer noch charmanten Humor von Al Lowe und ohne den weißen Polyesteranzug in der neuen 3D-Welt ein Erfolg werden kann und ob die Gradwanderung zwischen Altherrenwitz und pubertären Ausbrüchen ein weiteres Mal gelingt, wird sich erst noch zeigen. Auf jeden Fall sollte man sich aber eine englischsprachige Version des Spiels zulegen, denn übertriebene Anpassungen seitens der Übersetzer zerstören an einigen Stellen einiges an Sprachwitz und Atmosphäre (ein Beispiel wäre die Übersetzung von "Country" mit "Schlager").

Screenshot aus dem Prototyp von Crashday

Schon im letzten Jahr wurde auf der Games Convention am Stand von IndiGo, einer Präsentationsplattform unabhängiger deutscher Spieleentwickler, ein Prototyp des Spieles Crashday vorgestellt. Das Spiel wurde von dem jungen Team namens Moon Byte Studios entworfen, die sich durch diesen Titel einen erfolgreichen Einstieg in die Branche erhoffen.

Ein Vorbild für dieses Projekt war das Action-Racing-Game Stunts (alias 4D Sports Driving) aus dem Jahr 1990, das für Dos-PCs erhältlich war. Möglichst schnell musste man hier mit seinem Rennwagen einen Parcours aus exotischen Hindernissen, Loopings, Sprungschanzen, Brücken, usw. bewältigen oder man konnte in völliger Bewegungsfreiheit einfach das Terrain erkunden. Ein besonderer Erfolgsfaktor war auch der in das Spiel integrierte Streckeneditor, mit dem man aus einem Set vorgegebener Bauelemente und Hindernisse eigene befahrbare Strecken gestalten und danach mit Freunden austauschen konnte.

Stunts

All diese Features übernimmt Crashday und reichert sie durch eine Unmenge weiterer Möglichkeiten an. So gibt es zahlreiche Single- und Multiplayer-Spielmodi und es soll möglich sein, eigene Auto-Modelle und Hindernisse zu konstruieren und einzubinden. Und all das mit hochwertiger Grafik und überzeugender Stuntphysik. Dass dieses Spiel ein aufregend Rennspaß sein kann, wenn es erst einmal herauskommt, hat sich bereits herumgesprochen. Schon vor dem Release hat sich um das Spiel eine interessierte Community formiert, die nur darauf wartet, dass das Spiel endlich in die Läden kommt. Auf der Website zum Spiel wird als möglicher Erscheinungstermin das erste Quartal 2005 genannt, allerdings suchen die Entwickler zur Zeit noch nach einem interessierten Publisher, der das Spiel herausbringt. Geplant sind Versionen für PC, PS2 und XBox.

Mario kommt zurück auf den Center Court

Im Konsolenbereich sind derartige Recycling-Strategien ebenfalls schon lange erfolgreich. Prominentestes Beispiel ist hier sicherlich Nintendo, die seit NES-Zeiten unzählige Titel rund um die Figurenwelt von Mario, Donkey Kong & Co. herausgebracht haben. Auch in diesem Weihnachtsgeschäft sollen Titel wie Donkey Kong vs. Super Mario und Donkey Konga für Gameboy Advance, bzw. Gamecube groß einschlagen. Ein neues Mario Tennis wird im nächsten Jahr folgen. Auch für Zelda-Fans gibt es neue Titel: The Legend of Zelda: The Minish Cap wurde sogar mit dem "Best of GC"-Award für das beste Gameboy-Spiel ausgezeichnet. Doch auch die Konkurrenz erkennt den Trend: Die Softwareschmiede Hudson Soft hat gerade ein Remake des Klassikers Bomberman mit Multiplayer-Funktion für Nokias N-Gage herausgebracht.

So unterschiedlich die beschriebenen Beispiele auch sein mögen, eines zeigen sie allemal: dass Computerspiele längst ein wichtiger Teil der Alltags- und Popkultur geworden sind, denn ihre Geschichte ist und bleibt auch über Generationen hinweg lebendig. Früher war alles besser? Nicht unbedingt.

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