Rache ist süß
Um andere zu bestrafen, nimmt man sogar eigene Verluste in Kauf
Was bewegt den Menschen dazu, Rache nehmen zu wollen? Schweizer Forscher haben auf der Suche nach sozialen Normen einen tiefen Blick ins menschliche Gehirn geworfen und dabei entdeckt, dass die Bestrafung eines Sünders mitten im Belohnungszentrum ein Nervenfeuer aktiviert.
In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science berichten Dominique de Quervain, Ernst Fehr und Urs Fischbacher und Kollegen von verschiedenen Instituten der Universität Zürich über ihr Experiment, das verdeutlichen soll, was im Hirn passiert, wenn Menschen andere Menschen aus Altruismus bestrafen.
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| Wenn jemand, der gegen die Regeln verstoßen hat, bestraft wird, entflammt im Gehirn des Vollstreckers der Bereich des Hirns, der auch dann aktiviert wird, wenn es Geld gibt oder man ein besonders schönes Bild vor Augen hat (Bild |
Wie viele andere Forscher sind die Schweizer den Mechanismen auf der Spur, die den sozialen Normen zugrunde liegen. Bestrafung von sozial unverträglichem Verhalten also Taten, die die Gemeinschaft gefährden ist wesentlicher Bestandteil der Ordnung menschlicher Gesellschaften. Wen einer dem anderen etwas antut, dann zieht das Vergeltung nach sich, Regelbrüche werden geahndet. Das Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn" aus dem Alten Testament war ein früher Versuch, durch eine Rechtsordnung möglichen Exzessen des Heimzahlens vorzubeugen. Seitdem feilt die menschliche Gemeinschaft immer weiter an Strafgesetzen und humanem Strafvollzug.
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Allerdings bewerten nicht alle Wissenschaftler Rache als eine spezielle Angelegenheit des Homo sapiens, auch Tiere machen Artgenossen durchaus schmerzhaft und deutlich klar, welches Verhalten zum Beispiel vom Leittier einer Affenhorde nicht hingenommen wird und nicht wiederholt werden sollte. Der Hauptunterschied zwischen Mensch und Tier besteht darin, dass der Mensch sich für die Rache feste Regeln gibt und moralische Beweggründe eingeführt hat (Revenge Motivates Tribal Warfare). Und der Mensch hat ein Gehirn, das ihm zeitverzögertes Handeln erlaubt; er lässt sich für seinen Racheakt im Zweifelsfall eine Menge Zeit (Waging War).
Aufleuchten im Belohnungszentrum
Das Gehirn birgt die Erinnerung an erlittenes Unrecht, aber was geschieht genau im Kopf, wenn eine Bestrafung dann durchgeführt wird? Die Schweizer Forscher ließen 15 gesunde, männliche Rechtshänder im Alter um 15 Jahre in einem Wirtschaftsspiel interagieren. Alle konnten gewinnen, wenn sie sich fair und solidarisch verhielten. Wer ausscherte, konnte die anderen um einen Teil ihres Gewinns bringen. Aber dieser Verstoß gegen die soziale Norm konnte von den Betrogenen geahndet werden, wobei sie unter Umständen eigenes (Spiel-)Geld einsetzen mussten. Jemanden zu strafen, war also mit Kosten verbunden.
Die Gehirne der Probanden wurden durch Positronen Emissions Tomografie (PET) überwacht. Mit diesem bildgebenden Verfahren lässt sich der Stoffwechsel des Körpers sehr gut verfolgen. Und es erwies sich, dass die Schadenfreude über die Bestrafung von unfairem Verhalten die Strafenden erfreute: der Nucleus caudatus, auch Schweifkern genannt, der zu den Basalganglien gehört und an den Seitenventrikeln des Gehirns liegt, wurde aktiviert (Gehirnatlas). Dieser Endhirnkern leuchtet auch auf, wenn jemand Geld bekommt, ein schönes Gesicht betrachtet oder Kokain konsumiert. Dominique de Quervain kommentiert:
Frühere Studien haben gezeigt, dass es sich beim Nucleus Caudatus um ein Belohnungszentrum im Gehirn handelt. Diese Befunde stützen unsere Hypothese, dass Menschen durch das Bestrafen von sozialen Regelbrüchen Genugtuung erfahren und damit für ihr Handeln belohnt werden
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Personen, deren Belohnungszentrum stärker aktiviert wurde, wenn sie unfaires Verhalten gratis bestrafen konnten, mehr Geld in die Bestrafung investierten, wenn Bestrafen kostspielig war. De Quervain interpretiert:
Die Aktivierung des Belohnungszentrums und die damit verbundene Bereitschaft, Geld für die Bestrafung von unfairem Verhalten aufzuwenden, zeigten große Unterschiede zwischen den Versuchspersonen. Dieser Befund widerspiegelt die alltägliche Erfahrung, dass einige Leute bereit sind, viel mehr für die Bestrafung von sozialen Regelbrüchen zu investieren als andere.
Selbstlose Rache
Welche Rolle der Altruismus, das selbstlose Handeln, wirklich spielt, kann dieser Versuch natürlich nur sehr bedingt aufdecken. Die Autoren stellen selbst klar, dass sich die biologische und die psychologische Definition der Uneigennützigkeit schon stark unterscheiden. Die Biologen interessieren sich nur für die pure Handlung, die Intention spielt keine Rolle. Wenn eine Handlung den Handelnden etwas kostet und einem anderen gleichzeitig Vorteile verschafft, ist sie altruistisch. Die Psychologie interessiert sich dagegen stark für die Motivation, denn wenn jemand Lust dabei empfindet, einem anderen etwas Gutes zu tun, ist der Altruismus schon dahin.
Die Probanden empfanden lustvolle Gefühle bei der Durchführung ihrer gesellschaftlichen Sanktion, trotz der Kosten, die sie dabei hatten. Im psychologischen Sinne handelten sie folglich nicht altruistisch.
Die Grundannahme von Altruismus und die rein positive Betrachtung von Strafe in dieser Studie erstaunt den Leser ein wenig. Selbstverständlich sind soziale Regeln und Sanktionen die Basis von Gesellschaft und Staat, aber Rache hat deutlich viele negative Aspekte, die bei den Grundannahmen dieses Versuchs keine Rolle spielten. Insoweit sich bei einer Stichprobe von nur 15 Personen und der Ungenauigkeit dieser Hirnabbildungen (Bei Pepsi-Trinkern leuchtet es im präfrontalen Cortex) überhaupt eine Aussage machen lässt, könnte es doch auch schlicht sein, dass Bestrafen vielen Menschen schlicht Spaß macht, sie üben Macht über andere aus und genießen es. Dass sie der Spaß etwas kostet das wirkt im Zweifelsfall wie erhöhtes Risiko und verstärkt die Lust sogar noch. Macht über Mitmenschen zu haben, Strafen verteilen zu dürfen, birgt für viele Menschen einen ganz eigenen Kick und nicht wenige entwickeln dabei sadistische Züge, wie zuletzt der Folterskandal im Irak wieder bewiesen hat (Abu Ghraib ist überall).
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18211/1.html- hier ist irgendwo ein hund begraben (29.8.2004 0:27)
- die Furcht der Forscher (28.8.2004 15:15)
- Nachtrag (28.8.2004 7:48)
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