Moore TV
Nun kommen die Fernsehwerke von Michael Moore auch nach Deutschland
Mancher war mal gut und ging dann zum Fernsehen, um berühmt oder zumindest berüchtigt zu werden. Der Politunterhalter Michael Moore hat dagegen mit der Flimmerkiste längst abgeschlossen, doch seine Fernsehshows sind auch heute noch Klassiker.
Ja klar, solange George W. Bush noch US-Präsident ist, verkauft sich alles, auf dem "Michael Moore" steht, bestens. Doch den Dicken auf die Binsenweisheit, dass George W. Bush keine gute Besetzung für dieses Amt darstellt, ausführlich erläuternde Bücher und Filme zu reduzieren, tut ihm unrecht: Er war schon viele Jahre vorher bekannt. In Deutschland wurde zwar erst sein Film "Bowling for Columbine" so richtig bekannt, doch in den USA begann seine Karriere bereits 1989 mit dem zusammen mit Kathleen Glynn produzierten abendfüllenden Dokumentarfilm "Roger & me" über die Geschäftspraktiken von General Motors, dem größten Arbeitgeber von Moores Heimatstadt Flint, in dem Michael Moore versucht, diesen ganz persönlich vor die Kamera zu bekommen. Die New York Times schrieb dazu:
Amerika hat einen neuen, nicht kleinzukriegenden Humoristen in der Tradition Mark Twains
Und in diesem Stil hat Michael Moore seitdem auch weiter gearbeitet. Verbissen steif nehmen ihn nur seine Gegner, ob nun die Bush-Administration oder die Europäer, die ihm Popularismus vorwerfen. Doch Moore ist nun einmal kein Politfilmer, sondern nur jemand, der Dinge trocken und unkonventionell auf den Punkt bringt. Zugegeben nicht mit der Feinheit eines Dieter Hildebrandt, bei dem die Hälfte des Publikums erst mal mitlacht und dann den Sitznachbarn unauffällig nach der Pointe fragt, sondern etwas derber, sodass es jeder versteht auch der amerikanische Fernsehzuschauer. Dafür hassen ihn natürlich auch in den USA etliche Firmenchefs; manche haben sich aber auch auf ihn eingelassen und das im Gegensatz zu einer Gastrolle in deutschen TV-Sensationsmagazinen wie beispielsweise Akte XX auch nie bereut.
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| Selbstbewußt mit Kamera Michael Moore heute |
Der Piper-Verlag hat das Buch "Adventures in a TV Nation" zu Moores erster Dokumentar-Fernsehserie "TV Nation" unter dem Titel "Hurra Amerika!" übersetzt und Ende Juli herausgebracht inzwischen ist es bereits in der dritten Auflage.
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Nach "Roger & Me", an dem Michael und Kathleen drei Jahre gearbeitet hatten und der dann von Warner Brothers gekauft und vertrieben wurden, hatte ihn bereits die Fernsehabteilung dieses Konzerns angesprochen und gefragt, ob er auch Ideen für eine Fernsehsendung habe. Doch Michael Moore wollte Filme drehen, keine Fernsehsendungen. "Canadian Bacon", eine Farce über den Golfkrieg, war sein nächstes Projekt. Bevor es realisiert werden konnte, rief 1992 jedoch wieder das Fernsehen an, diesmal die NBC. Michael dachte, sein irres Konzept würde das Thema schnell beenden, doch die Fernsehleute waren begeistert und so wurden zwei Serien von "TV Nation" mit insgesamt 17 Folgen zur Füllung der Sommerlöcher realisiert, erst von NBC und im folgenden Jahr von Fox.
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Die meisten produzierten Beiträge wurden dabei 1994 und 1995 auch in Amerika ausgestrahlt, einige allerdings nur von der mit involvierten BBC, die die Hälfte der Produktionskosten trug. Manche Ideen scheiterten, so befürchtete die Fernsehgesellschaft, eine Parodien auf Werbespots könnten für ernst genommen werden und als ein Lügendetektor Nachrichtensendungen analysieren sollte, schlug das Gerät praktisch in jeder Meldung Alarm.
Tatsächlich umgesetzt wurden Ideen wie ein live vorgetragenes Liebeslied für den Ku-Klux-Klan oder die Abtreibungsgegner, ein fünf Minuten dauerndes Alarmanlagen-Gehupe zahlreicher Autos um 6 Uhr morgens vor dem Schlafzimmer des Chefs von Audiovox, einem Herstellers von Autoalarmanlagen, fortlaufende Anrufe beim Chef einer der größten Telemarketing-Firmen (Wenn der Spammer dreimal klingelt) der USA oder Spenden an "arme", wegen Verbrechen verklagte Konzernchefs oder Kannibalen.
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"Frau Braaaatbäääcker das verrückte Huhn ist wieder da!" (Sticker für "Crackers", das zwei Meter große Verbrechensbekämfungshuhn) |
Als Michael Moore im Fernsehen sieht, wie der Vorstandsvorsitzende von Honda mit der Nietpistole am Fließband arbeitet, fragt er sich, ob amerikanische Chefs das auch können. Doch weder IBM-Chef Lou Gerstner zeigte sich imstande, eine Festplatte zu formatieren noch Michael Miles, Chef von Philip Morris, eine Zigarette zu drehen. Auch alle anderen Firmenchefs kniffen, mit Ausnahme von Alex Trotman von Ford, der vor laufender Kamera einen Ölwechsel vorführte und dies auch von seinem eigenen PR-Team aufnehmen ließ.
Was bei einem anderen Experiment herauskam, in dem Michael Moore den schwarzen Schauspieler Yaphet Kotto, der gerade für einen Emmy nominiert worden war, und den weißen vorbestraften Verbrecher Louis Brubo, der bereits vier Mal im Gefängnis gewesen war, nebeneinander ein Taxi anhalten ließen und dies filmte, kann man ahnen: Die Taxifahrer fühlten sich mit dem Verbrecher als Fahrgast wesentlich wohler als mit dem Schauspieler
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| Auch das noch |
In "Johns of Justice" "Klos der Gerechtigkeit" fuhr das Team von TV Nation mobile Toiletten für Frauen vor Firmen und Veranstaltungen vor, bei denen es zu wenige Damentoiletten gab. um zu untersuchen, wieso Serienmörder so unbehelligt bleiben, mietete sich danach ein Mitarbeiter in einer netten Vorstadt-Wohngegend ein, änderte die Hausnummer von "6" auf "666", zersägte nachts Dielenbohlen, vergrub tagsüber 200-Liter-Fässer im Garten, trug Leichensäcke aus dem Haus und stellte blutverschmierte Matratzen zum Sperrmüll, um zu schauen, ob die Nachbarn misstrauisch wurden. Sie wurden nicht. Schließlich ließ man sich über einen gekauften Lobbyisten gar einen eigenen Feiertag "TV Nation Day", der 16. August, einrichten.
Dieses Buch handelt davon, dass kriminelle Konzernbosse von einem zwei Meter großen Verbrechensbekämpfungshuhn verfolgt werden, dass ein früherer KGB-Agent engagiert wurde, um endgültig zu klären, ob Nixon wirklich tot ist, und wie die Kriegsparteien in Bosnien dazu gebracht wurden, die Waffen niederzulegen, eine Pizza miteinander zu teilen und einander das Familienlied des roten Dinosauriers Barney vorzusingen. Und das alles landete schließlich zur besten Sendezeit im Fernsehen, ausgestrahlt von Gesellschaften, die General Electric (NBC) und Rupert Murdoch (Fox) gehören. Die Sendung hieß "TV Nation". [] Als TV Nation abgesetzt wurde, erhielt die Fernsehgesellschaft Fox 55.000 Briefe von Zuschauern, die eine Fortsetzung der Serie verlangten. Keine Sendung von Fox hat je so eine Flut von spontanen Zuschauerzuschriften ausgelöst. [] Dieses Buch soll den Verbrauchern zeigen, wie sie einen höllischen Krach schlagen und dabei Spaß haben können. [] Also viel Spaß beim Lesen, und wenn ihr eine Inspiration habt, legt das Buch aus der Hand, geht aus dem haus und mischt euch ein. Dann könnt ihr in eurer eigenen Stadt euer eigenes TV-Nation-Abenteuer erleben.
Nun ist es sicher interessant, über komische Fernsehsendungen zu lesen, noch interessanter ist es jedoch, sie in Natura anzusehen. "TV Nation" kommt zumindest momentan nicht ins deutsche Fernsehen, doch von der 1999 entstandenen Nachfolgesendung "The Awful Truth" ("Die schreckliche Wahrzeit"), die ebenfalls in den USA, Kanada und England gelaufen war, zeigt der TV-Kanal "Planet" ab dem 1. September 2004 an insgesamt sechs Terminen jeweils Mittwochs 20.15 zwei jeweils eine halbe Stunde lange Folgen. Planet ist im Pay-TV Premiere und diversen Kabelnetzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu empfangen.
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| Kein Hühnchen miteinander zu rupfen, doch sich eine Pizza zu teilen hatten die Kriegsparteien in Bosnien auf Wunsch von Michael Moore |
Bereits die erste Episode hat es in sich: Ein Mann wartet auf den Tod, weil seine Krankenversicherung nicht für die lebensrettende Operation aufkommen will. "Wir konfrontierten die Versicherung in der Sendung mit dem Fall und veranstalteten ein "Probebegräbnis" für den Mann, mit Sarg, Pfarrer und Bestattern" erzählt Michael Moore. "Drei Tage später hat die Versicherung die Operation bezahlt, die dem Mann das Leben rettete." Moore benutzt seine Kamera bewusst als Werkzeug, der Humor dient ihm als Waffe:
Viele Linksintellektuelle finden meine Arbeit zu flach und flapsig. Aber so kann ich viel mehr Menschen erreichen als sie"
Moore agitiert in der für einen "Emmy" nominierten Serie gegen die Gewerkschaften und für die Rechte der Schwulen, schickt einen Adolf Hitler zu den Schweizer Banken, um das dort deponierte Holocaust-Vermögen einzufordern, besucht Bill Gates und sucht nach einem neuen Mann für Hillary Clinton. Auch Cracker, das Huhn ist wieder dabei und die Zigarettenwerbefigur "Joe Camel" sucht einen neuen Job.
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| Hier noch etwas schüchterner |
Die Episode "Teen Sniper School", bei der ein Waffenexperte Zweijährigen den Umgang mit Schusswaffen erklärte, wurde allerdings nie ausgestrahlt: Nur Tage nach ihrer Fertigstellung wurden zwölf Schüler und ein Lehrer in der Columbine Highschool in Littleton, Colorado, erschossen. Moores Satire wurde von der Realität getoppt. Bislang glücklicherweise noch nicht passiert ist das dagegen bei dem Nachhilfekurs in Sachen "Umgang mit der Atombombe", bei dem Michael Moore den neuen Bombenmächten Indien und Pakistan die amerikanischen "Duck & Cover"-Filme der 50er zeigte.
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18227/1.html- Über schrift - denken die meisten leider viel zu wenig nach. Willkommen im Klub. (6.9.2004 15:29)
- "Golden Arches" (6.9.2004 2:46)
- Worthülsen sind die Überbleibsel von verschossener Ideologiemunition (5.9.2004 14:19)
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