Atombombe über Bord!

10.09.2004

"911 Broken Arrow": 32 mal knapp an der Atomkatastrophe vorbei

32 Unfälle mit scharfen Atom- und Wasserstoffbomben von 1950 bis 1980, bei denen sechs Bomben sogar spurlos verschwanden, sind die Folgen der amerikanischen Atomwaffenpolitik im kalten Krieg. Von in der Öffentlichkeit kaum wahr genommenen Bomberabstürzen, verschollenen U-Booten und explodierten Atomraketen-Silos berichtet eine Dokumentation, die eigentlich ein Thriller ist.

"Broken Arrow" kennt man eigentlich nur als Film mit John Travolta (deutscher Filmtitel: Operation Broken Arrow) über eine kriminelle Entführung eines Atombombers. Eigentlich ist "Broken Arrow" beim US-Militär aber ein Codewort für jede Art nuklearer Zwischenfälle mit Atomwaffen – vom versehentlichen Öffnen des Bombenschachts oder eine im Silo abbrennende Atomrakete bis zu einer versehentlichen Zündung einer Atombombe.

Atomraketensilo kurz vor der Explosion

Letzteres ist bislang glücklicherweise nicht passiert. Doch die Amerikaner kamen mitunter sehr nahe dran. Der Atomfilmspezialist Peter Kuran hat sich auch diese – ausnahmsweise einmal nicht beabsichtigten – Auswirkungen der Atombomben vorgeknöpft und darüber den Film "Nuclear 911" gedreht, der auf DVD den Titel Nuclear Rescue 911 – Broken Arrows & Incidents bekam. 911 ist in den USA ja auch der Notruf; wegen der Verwechslungsmöglichkeit mit dem ebenfalls gerade wieder aktuellen "11.9." läuft der Film in Deutschland nun allerdings auch unter dem Titel "Codename Broken Arrow" – und zwar beginnend ab dem 11.9. (!) bis Ende des Monats an insgesamt 7 wählbaren Sendeterminen auf dem Kanal "Planet".

Satellitenantennen kurz nach der Explosion des Raketensilos

Planet ist im Pay-TV Premiere und diversen Kabelnetzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu empfangen. Der Vorteil der Fernsehausstrahlung dürfte eine deutsche Untertitelung sein, während die bislang nur englisch erhältliche nur DVD Zusatzinformationen enthält und vom Sendetermin unabhängig macht.

Haus in Goldsboro, USA nach dem Absturz einer Atombombe in den Garten

Die "Broken Arrows" beziehen sich nur auf die Unfälle mit fertigen Atombomben – die Umweltverseuchung durch die Plutoniumherstellung oder Unfälle in Kernreaktoren sowie die Atombombentests zählen hier nicht dazu, wie sie beispielsweise im Ende der 80er erschienenen knapp 500 Seiten starken "Greenpeace-Handbuch des Atomzeitalters" aufgelistet wurden: vom rätselhaften, wohl durch direkt am Reaktor per Hand herausgezogene Regelstäbe ausgelösten ersten tödlichen Reaktorunfall im Januar 1961 in Idaho bis zum Vorfall in der amerikanischen Luftwaffenbasis Sculthorpe in Großbritannien im Oktober 1958, bei der ein Stabsfeldwebel Amok lief, sich im Atomwaffenlager einschloss und sich durch Zünden einer der gelagerten Atombomben umbringen wollte – woraufhin das System eingeführt wurde, dass es mindestens zwei Personen braucht, um den "roten Knopf" zu drücken. Auch der Fehlalarm eines russischen Atomangriffs, der 1960 beinah den Atomkrieg auslöste, sich dann jedoch als der Mond entpuppte, zählt hier nicht dazu und auch nicht Unfälle mit atomgetriebenen U-Booten.

Der rote Knopf

In den Anfangsjahren des kalten Krieges gab es ja noch keine Atomraketen; vielmehr waren Bomber 24 Stunden einsatzbereit und kreisten sogar voll beladen in der Luft. Dabei entstanden zahlreiche Unfälle durch schlechtes Wetter, Abstürze, Fehlstarts mit Bomben an Bord, durch versehentliches Abwerfen der Bombenfracht und auch durch eine Fehllandung, die zum Abrutschen vom Flugzeugträger führte, bei dem der Bomber samt Ladung im Meer versank.

Unterseeboote waren auch nicht durch Sicherheitscodes gesichert. Die meisten Bomben – oder zumindest ihre Überreste nach der Explosion des Zünders – konnten dabei geborgen werden, wozu teils große Flächen dekontaminiert werden mussten. Sechs Atombomben sind bei Broken Arrows allerdings komplett spurlos verschwunden.

Schlecht eingeparkt: Atombomber rutscht mit seiner Fracht bei der Landung vom Flugzeugträger ins Meer

Der erste Fall war am 11. April 1950, als eine B 29 in einem Berg bei Courtland abstürzte. Am 27. Juli 1956 stürzte dagegen eine B 46 30 Kilometer nördlich von Cambridge in England in ein Atomwaffenlager mit drei Mark-6-Atombomben. Zwar bestand keine Gefahr, dass die Atomladung selbst hochging, doch enthielt jede dieser Bomben 3,6 Tonnen TNT zur Zündung, das im folgenden Brand explodieren und mit dem Bombenplutonium die Umgebung verseuchen konnte. Nur die Anweisung des Feuerwehrleiters des Stützpunkts, den Bombenhangar mit Löschschaum zu bedecken und das brennende Flugzeug mit den darin eingeschlossenen vier Männern zu ignorieren, verhinderte die Katastrophe. Bis 1979 wurde der Vorfall jedoch geheim gehalten.

Überreste eines abgestürzten Atombombers

Als die UDSSR die Wasserstoffbombe hatte, waren die USA besonders alarmbereit und nervös und produzierten im nächsten Jahr alleine 5 Broken Arrows. Am 22. Mai 1957 verliert ein B 36 Peacemaker, der erste Interkontinental-Bomber, bei einer Übung eine nicht scharfe Mark-17-Wasserstoffbombe mit 15 bis 20 Megatonnen Sprengkraft, als zur Landung wie damals üblich der Sicherungsstift gezogen wird, um bei drohender Bruchlandung die Bombe vor dem Aufprall des Flugzeugs abwerfen zu können. Der Grund: Wegen einer Luftturbulenz verlor der Offizier, der gerade den Sicherungsstift gezogen hatte, das Gleichgewicht und hielt sich ausgerechnet am Auslösemechanismus fest. Die Bombe durchschlägt die geschlossene Bombenklappe, das Flugzeug schießt 300 Meter in die Höhe wegen des geringeren Gewichts, der Sprengstoff explodiert am Boden in Albucurque, reißt einen Krater von 3,6 mal 7,6 Metern und tötet eine Kuh.

Der B 47 Stratojet war der erste Jetbomber, er war ab Juni 1950 im Einsatz und hatte die meisten Atomunfälle. Am 11. März 1958 verlor bei einem Manöver kurz nach dem Start einer der B 47 in 4200 Metern Höhe seine Bombe. Diese sprengt einen 12 Meter tiefen Krater in einen Garten in South Carolina und zertrümmert das Haus und Auto des Eigentümers. Der Plutoniumkern verdampft in der Hitze.

Eine B 29 Superfortresss hat in Kalifornien am 5. August 1960 auf einer Luftwaffenbasis einen Fehlstart, es gibt ein Feuer und 19 Tote, als 10.000 Pfund Zündsprengstoff explodieren. Der Knall ist 30 Meilen weit zu hören. Heute ist die Travis-Airforce-Base nach einem der Toten, einem General benannt.

Atombomberpiloten im Einsatz

Eine Bullmark Abwehrrakete gegen feindliche Bomber, die dreifache Schallgeschwindigkeit erreichen kann und mit einer 10-Kilotonnen-Atombombe bestückt ist, explodiert bei einem Test in New Jersey auf der McGuire Air Force Base am 7. Juni 1960 nur neun Monate nach der In-Dienst-Stellung.

Die B 52-Stratofortress trug die meisten Atom- und Wasserstoffbomben. Ab 1961 waren zwöf B 52 auf vier verschiedenen Routen 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr mit Atombomben Bomben unterwegs – eine Route führte über Grönland nach Rußland, eine über Spanien, eine über Japan und eine über Alaska. In Goldsboro in North Caroline bricht am 24. Januar 1961 eine B 52 auseinander, zwei Wasserstoffbomben von 24 Megatonnen lösen sich, eine zerschellt am Boden, die andere findet sich per Fallschirm gelandet in einem Baum intakt wieder. Es stellt sich dabei heraus, dass in dieser fünf der sechs für die Zündung der Atomexplosion erforderlichen Sicherheitsschalter beim Aufprall geschaltet hatten. Daraufhin werden mehr Sicherheitsschalter eingebaut und ein Appell an die Sowjets ausgesprochen, dasselbe zu tun.

Hier hatte nur noch ein Schalter gefehlt…

In Yuba City, Kalifornien verliert am 14. März 1961 eine B 52 den Kabinenüberdruck und geht deshalb auf 3000 Meter herunter. Dabei entsteht ein höherer Spritverbrauch als in der regulären Flughöhe. Bevor ein Tankflugzeug helfen kann, ist der Sprit alle! Zwei Bomben samt Bomber werden beim Aufprall zertrümmert.

Bei schlechtem Wetter und daraus resultierenden Turbulenzen konnte das Heckteil der Bomber zerfallen, so geschah es am 13. Januar 1964 in Cumberland, Maryland – die Bomben und die Piloten landeten im Schneesturm mit dem Fallschirm in einem Baum im Wald.

Aufräumen im ewigen Eis in Thule

Einer der bekanntesten Fälle passierte in Palomares an der Küste vor Spanien am 17. Januar 1966. Das Auftanken im Flug geschah in dieser Zeit stets irgendwo in der Welt alle sechs Minuten und galt als Routine, war aber dennoch hochgefährlich: Eine von 700 KC-135 Tankmaschinen trifft die B 52 hierzu, die vier Wasserstoffbomben enthält. Sie stoßen zusammen, die Folge ist die atomare Verseuchung des Landes um das Dorf mit dem Plutonium aus zwei Bomben. 14.000 Tonnen Erde wurden in die USA gebracht, eine dritte Bombe wurde in einem trockenen Flussbett doch die vierte Bombe ist verschwunden. Nach drei Monaten wird sie schließlich über eine halbe Meile unter Wasser entdeckt.

Die radioaktive Dreckspur des Thule-Absturzes

Am 21. Januar 1968 fällt bei der Landung einer B 52 sieben Meilen südwestlich von Thule in Grönland die Elektronik aus und die Maschine stürzt ab. Vier Bomben an Bord explodieren, das Flugzeug durchbricht die Eisdecke, große radioaktive Verseuchung ist die Folge. Acht Monate Aufräumarbeiten folgen, 237000 Kubikfuß Schnee, Trümmer und Erde werden abgetragen. Danach wurde angeordnet, die Atombomben von Strategic Alert Missions – den im Rahmen der ständigen Alarmbereitschaft immer in der Luft kreisenden Maschinen – zu entfernen.

Im Frühjahr 1968 wurde das Unterseeboot USS Scorpion mit zwei Mark 45 Atomtorpedos an Bord am 17. Mai zuletzt gesehen, fünf Tage später sank es. Erst fünf Monate später wurde es zwei Meilen tief gefunden, alle 99 Besatzungsmitglieder an Bord sind tot. Die Bomben sind verschwunden.

Übung: Ein Plünderer, der eine Kaffeemaschine gestohlen hat, wird in verseuchtem Gebiet festgenommen

Die Titan II ist die größte amerikanische Interkontinentalrakete. In Damascus, Arkansas verliert ein Monteur im Silo bei der Wartung am 19. September 1980 eine Schraubennuss, die die Tankhülle durchschlägt. Nach acht Stunden vergeblichen Versuchen, die Lage unter Kontrolle zu bekommen, explodiert die Rakete. Die Folge: Ein Toter, 21 Verletzte. Der Silodeckel wird gesprengt und der Atom-Sprengkopf fliegt 200 Meter heraus.

Im Juni 1970 wird schließlich die ARG – die Accident Response Group – gegründet und der Atomwaffenunfall gehört nun als NUWAX – NUclear Weapon Accident Excercise – mit zum Übungsprogramm des Militärpersonals.

Auch bei den Atomtests gab es – neben der meist wesentlich weiter als erwartet reichenden Fallout-Wolke – Unfälle. So musste im Sommer 1962 im Pazifik eine Thor-Rakete Minuten nach dem Start gesprengt werden, die Bombe fällt in den Pazifik. Eine andere Rakete explodiert auf der Startrampe. Ohne Folgen blieb lediglich eine Atombomben-Fehlzündung im Testgelände in Nevada bei der Operation Plumbbob-Diablo am 28. Juni 1957: 17 Tage später wurde der atomare Blindgänger erfolgreich gezündet.

Raketenexplosion auf der Startrampe

Alle Bilder: Nuclear Rescue 911 – Broken Arrows & Incidents von Peter Kuran

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