Die Kohlekraft heute
Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kohlekraft (Teil II)
Die Kohle ist heute Stromlieferant Nummer 1 weltweit, Tendenz steigend. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch herausgestellt, dass ausgerechnet das ungiftige Kohlendioxid, das in großen Mengen durch die Kohlekraft entsteht, eine große Gefahr darstellt. Die Praktiken beim heutigen Bergbau zeigen außerdem, dass der Begriff "Bergabbau" angebrachter wäre.
Heute sind die CO2-Emissionen aus der Kohlekraft, die zur Klimaerwärmung beitragen, ironischerweise eine besondere Gefahr, weil andere Emissionen aus Kohlekraft wie Kohlenmonoxid, Schwefel- und Stickoxide heute schon weitgehend herausgewaschen werden können: Rund 70-90% des SO2 können heute beseitigt werden. Die Speicherung von CO2 (auch Sequestrierung genannt) soll eine Lösung für das verbliebene Problem bringen: Das im Kraftwerke entstandene Kohlendioxid wird abgetrennt, eventuell verflüssigt und in Lagerstätten unter Tag gepumpt, welche ausgeförderte Gas- und Ölfelder sein könnten.Im Idealfall injiziert man die CO2 dorthin zurück, wo es herkam. Eine brillante Idee, die auch funktioniert, wie das norwegische Projekt von Statoil zeigt. Seit 1996 trennt Statoil das Kohlendioxid vom Erdgas aus der Nordsee direkt auf der Förderplattform ab und pumpt es wieder in die Lagerstätte hinein. Diese Methode hat einen schönen Nebeneffekt: Der Druck im unterirdischen Lager wird dadurch hochgehalten, was die Förderung des Erdgases vereinfacht. Aber selbst in diesem Fall macht sich das Projekt nur deshalb bezahlt, weil Norwegen das erste Land der Erde war, das eine hohe Steuer auf CO2-Emissionen verhängte - schon 1991, quasi als Auftakt zum späteren Kyoto-Protokoll.
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Was bei Erdgas und Öl schöne Nebeneffekte hat, muss bei der Kohle jedoch gar nicht unbedingt klappen, denn die CO2-Emissionen entstehen bei der Kohlekraft am Kraftwerk, nicht primär an der Kohlegrube - und die muss gar nicht in Deutschland sein, sondern womöglich in den USA oder Südafrika. Außerdem ist gar nicht klar, wie viel CO2 wir zu welchen Preis speichern können.
Laut einem Bericht in der britischen Tageszeitung The Guardian könnte Großbritannien die CO2-Emissionen von mindestens 10 Jahren unter der Nordsee speichern; allerdings reichen die Kohlereserven der Erde noch 250 Jahre. Und die Preise sind gesalzen: 120 bis 420 Euro pro Tonne CO2. Zum Vergleich: Die Maßnahmen für die Kyoto-Vereinbarung würden rund 6 Euro pro Tonne CO2 kosten, und die norwegische Steuer, die das Sequestrierung-Projekt zeitigte, liegt auch "nur" bei rund 50 Euro pro Tonne CO2. Bei der Öl- und Gasförderung macht sich das bezahlt, bei Kohle jedoch nicht. Wenn man 100 Euro für jede Tonne CO2 ausgeben müsste, würde sich der Kilowattpreis für Kohlekraft verdoppeln.
In Deutschland experimentiert das GeoForschungsZentrum Potsdam mit der Speicherung von CO2 in alten Erdgaslagerstätten bei Ketzin. Aber die geringe Speicherkapazität deutscher Lagerstätten, die die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) auf 2,3 Milliarden Tonnen CO2 schätzt, könnte das größte Hindernis sein. Bei 345 Millionen Tonnen CO2 aus Kohlekraftwerken in Deutschland rechnet Greenpeace, dass diese Speicher nach etwa sieben Jahren gefüllt wären. Dann müsse man ins Meer hinaus, was ganz andere Kosten und Risiken mit sich bringt, und selbst dann reichen die Speicherkapazitäten nur bis 2050, während wir noch bis mindestens 2200 Kohle haben werden.
Weltweit sieht die Lage auch nicht besser aus, denn das IPCC schätzt die Kapazitäten solcher Lager auf rund 400 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Wenn man diese Zahl durch die rund 7 Milliarden Tonnen Kohlenstoff dividiert, die jährlich in die Atmosphäre emittiert werden, kommt man auf eine Speicherkapazität von rund 57 Jahren. Was machen wir nach 2060?
Kein Problem, finden die Forscher des EU-Projekts "JOULE II", die schon Mitte der 90er zu ganz anderen Ergebnissen kamen: In ihrem Bericht wird die Speicherkapazität alleine innerhalb der EU und Norwegens auf 800 Milliarden Tonnen CO2 geschätzt. Wichtig dabei sei es, dass nicht nur ausgebeutete Lagerstätten, sondern auch Aquiferen für die CO2-Speicherung benutzt werden. Allerdings schätzte das Projekt auch, dass die Ozeane rund 1 Billion Tonnen aufnehmen könnten, ohne auf negative Auswirkungen hinzuweisen. Die Kehrseite wird jedoch immer klarer: Die amerikanische National Oceanic and Atmospheric Association schätzte im Sommer 2004, dass die Ozeane bis 2100 durch die Aufnahme solcher Mengen an CO2 den niedrigsten pH-Wert seit 5 Millionen Jahren haben könnten.
Bei der Kohlekraft kommt nämlich viel mehr CO2 heraus, als Kohle hereinkommt. Der Kohleexperte Jeffrey Michel erklärte dies gegenüber Telepolis so:
Man muss sich das so vorstellen
Jeffrey Michel kennt sich bestens in der Kohleindustrie aus. Zur Zeit schreibt der gebürtige Amerikaner eine Geschichte des ostdeutschen Braunkohlebergbaus. Seit den 1970ern war er als Umweltaktivist in der DDR tätig und ist heute Energiebeauftragter der mehr als 700 Jahre alten sächsischen Gemeinde Heuersdorf, die dem Tagebau "Vereinigtes Schleenheim" im Leipziger Raum geopfert werden soll.
Das Dorf machte sogar dank der Arbeit Michels neulich in der New York Times Schlagzeilen. Dort wurde berichtet, wie Familien durch die nahende, allmähliche Zerstörung ihrer Dorfgemeinschaft kaputtgehen: In Heuersdorf wollte der Bergbaukonzern Mibrag jedes Haus zum Marktpreis plus 150.000 DM kaufen. In manchen Familien waren sich die Ehegatten nicht einig, ob und wann sie das Angebot annehmen sollten. Ehestreit war unausweichlich. Kinder setzen ihre Eltern unter Druck, schnell das Angebot anzunehmen, denn es galt nur für die Eigentümer zur Zeit der Angebotserstellung. Sterben die Eltern, können die Kinder nicht mehr pro forma ins Dorf einziehen, um die 150.000 DM zu kassieren - eine Strategie, die darauf ausgelegt ist, das Dorf schnellstens zu räumen.
Externalisierung der Kosten
Es lohnt sich bei der Frage, ob man Kohlekraft oder Erneuerbare Energien haben will, solche Fälle näher zu betrachten. Es ist nicht denkbar, dass ein Windpark ein ganzes Dorf auf diese weise verschlingt. Der Windenenergie wird dennoch vorgeworfen, sie verschandele die Natur. Schauen wir uns an, wie die Kohleförderung aussieht.
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Das brandenburgische Dorf Horno - oder was davon übrig geblieben ist (Foto). Es gibt keine offizielle Zahl der Dörfer und Gemeinden, die der Braunkohlekraft zum Opfer gefallen sind, aber die Braunkohleindustrie beziffert die Landinanspruchnahme in Deutschland seit Aufnahme der Bergbautätigkeit vor mehr als 100 Jahren bis Ende 2002 auf 1646 km2. Zum Vergleich |
Windanlagen mögen das Erscheinungsbild einer Landschaft verändern, aber ob die Kulturlandschaft dadurch zerstört wird, ist Geschmacksache. Anders bei der Braunkohle: Es kann gar nicht bestritten werden, dass Landschaften und menschliche Siedlungen komplett zerstört werden, und zwar für immer. Laut dem Bericht des DEBRIV "Braunkohle: Ein Industriezweig stellt sich vor" von 2003 sind zwar fast 2/3 der in Anspruch genommenen 1646 km2 wieder nutzbar gemacht worden, aber das erst im Laufe mehrerer Jahrzehnte, und ohne dass die Kulturlandschaften dort wieder hergestellt werden. Zum Beispiel entstehen in der Lausitz, wo rund 800 km2 (also die Hälfte der Fläche für ganz Deutschland) abgetragen worden sind, nicht etwa die alten Dörfer, sondern Seen.
Selbst wenn man der Auffassung ist, dass ein Windpark einen nicht hinnehmbaren Eingriff in eine Kulturlandschaft darstellt, so muss man immer noch zugeben, dass Windanlagen jederzeit spurlos abgebaut werden können. Es werden keine Dörfer für Windräder für immer plattgemacht. Anders bei der Braunkohle: Jeffrey Michel schätzt, dass jedes Jahr in Deutschland 1,1 Milliarden Tonnen Erde und Kohle jedes Jahr beim Kohleabbau bewegt werden - 15 Mal so viel wie die rund 74 Millionen Kubikmeter Erde bei Bau des Suez-Kanal. "Man sollte die Oper 'Aida' alle dreieinhalb Wochen in Deutschland aufführen, um dieser Meisterleistung zu würdigen," fügt Michel sarkastisch hinzu.
Am Beispiel der Lausitz wird auch klar, dass vor allem die Förderung der Braunkohle - wie in der Lausitz - große Flächen in Anspruch nimmt, während die Steinkohlegruben - wie im Ruhrgebiet - oft weit unter Tag sind, d.h. man gräbt eher in die Tiefe als in die Breite. Deshalb ist die Förderung der Steinkohle in Deutschland relativ teuer, denn solche Gruben erfordern eine aufwändige Technik. Wenn man die Steinkohlegruben schließen würde, würden sie sich mit Grundwasser füllen, was eine spätere Förderung der dort gelagerten Kohle umso teurer machen würde. Die Steinkohleindustrie selbst behauptet, die Kosten für eine Wiederinbetriebnahme überfluteter Steinkohlegruben sei in den meisten Fällen wirtschaftlich nicht vertretbar, weshalb man die deutsche Steinkohle nicht etwa durch eine Stillegung der Gruben für spätere Generationen aufbewahren könne.
Die Abbaupraktiken in Deutschland sind dabei nicht schlimmer als in anderen Ländern, im Gegenteil. Viele deutsche Kohlekumpels wandern in die USA, wenn sie hierzulande ihren Arbeitsplatz verlieren. Dort boomt der Kohlebergbau, nicht zuletzt dank den dort vorherrschenden gewaltigen Abbaumethoden, die Profit zuungunsten von Umweltschutz in den Vordergrund stellen - ein übliches Verfahren der "Externalisierung von Kosten".
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So sieht die sogenannte "mountaintop removal" (zu deutsch |
Und selbst diese Praxis ist in einer Hinsicht besser als alles, was in China gängige Praxis ist: der Schutz der Bergarbeiter. In den USA arbeitet man mit der neuesten Technik und relativ hohen Sicherheitsstandards; in China gehören viele Kohlegruben klein- und mittelständischen Betrieben, in denen die Arbeiter alles noch mit Muskelkraft erledigen. Techniken, die sichern, dass einem der Berg nicht auf den Kopf fällt? Oft Fehlanzeige. Laut Barbara Freese starben 1992 ganze 51 Kohlekumpels in den USA; 1991 waren es rund 10.000 in China.
Die Auswirkungen der Kohlekraft-Emissionen auf die Umwelt dürfen wir auch nicht außer Acht lassen. Während eine Windanlage jedes Jahr einige Vögel tötet (Die Windenergieanlage als Vogelfalle, scheint die Kohlekraft ganze Vogelarten bedrohen zu können. So sterben im Sommer 2004 anscheinend ganze Populationen auf den Shetland-Inseln; die dort versammelten 1.200 Trottlummen-Pärchen und 24.000 Küstenseeschwalben-Pärchen haben 2004 überhaupt keine Eier gelegt. Wissenschaftler haben festgestellt, dass das Wasser in der Nordsee in den letzten 20 Jahren zwei Grad Celsius wärmer geworden ist, und die Tobiasfische - die Hauptspeise für viele Vogelarten in der Nordsee - haben wohl kühlere Gewässer gesucht. So könnten viele Vogelarten von den Shetland-Inseln in wenigen Jahren komplett verschwinden.
Dabei ist um die Menschen auch nicht besser bestellt. Die US Environmental Protection Agency (EPA) schätzt, dass rund 24.000 Amerikaner jedes Jahr an den Emissionen aus Kraftwerken sterben. Wenn die strengsten "clean coal"-Technologien eingeführt würden, könnten 22.000 von ihnen gerettet werden. Zu den CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken in den USA, die den Treibhauseffekt mit verursachen, kommen nämlich die Schwefeldioxid-, Quecksilber- und Stickstoffoxidemissionen. In den USA stammen laut EPA 63% der Schwefeldioxidemissionen, die saure Niederschläge verursachen, aus Kohlekraftwerken, sowie 40% der Quecksilberemissionen, die Flüsse und Landstriche vergiften können.
Inwiefern die Emissionen aus Kohlekraftwerken die Umwelt belasten, wurde im August 2003 in den USA messbar, als ganze Stromnetze ausfielen und die Kohlekraftwerke abgeschaltet wurden. Innerhalb von 24 Stunden waren der Schwefeldioxid-Konzentrationen in der Luft von Pennsylvania um 90 Prozent gesunken.
In Teil III werden die Möglichkeiten behandelt, wie die Kohlekraft für die Zukunft gestalten werden kann.
Craig Morris übersetzt bei Petite Planète Translations.
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18314/1.html- Ist es wirklich so? (22.9.2004 15:23)
- Wer soll das bezahlen? (22.9.2004 15:00)
- Methanhydrat... (21.9.2004 23:29)
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