Ein ganzes Land raus aus dem Internet?

Thomas Pany 23.09.2004

Irans Projekt "Shaare 2"

Die Aufmerksamkeit der Medien, was Iran anbelangt, liegt woanders, bei der Atompolitik des Landes, dessen Einflussnahme auf das Nachbarland Irak, beim großen Strategiespiel um die Einflusssphären im Mittleren und Nahen Osten. Auf einem "Nebenschauplatz" findet jedoch seit längerem eine Auseinandersetzung statt, die von einigen wenigen Stimmen angeführt und angeblich von einer ständig wachsenden Gemeinschaft unterstützt wird: der zähe Kampf um Informations- und Redefreiheit in Iran, der von beiden Seiten der Bloggergemeinde hier und dort das von den Mullahs beherrschte Informationsministerium - mit immer neuen Volten und Finten geführt wird. Hauptschauplatz dieser Auseinandersetzung ist das Internet.

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Nachdem die iranischen Behörden letzten Monat drei Webseiten, welche den Reformern politisch nahe standen, zunächst einmal still gelegt hatten (vgl. Das Ende der Morgenröte), um sie Anfang diesen Monats in einer für die Mullahs akzeptablen Form wieder erscheinen zu lassen, ließ sich der Protagonist der iranischen "Blogger-Revolution", Hussein Derakhshan eine List einfallen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die weitgehend unbeachtete Zensurmaßnahme zu lenken.

Er initiierte am vergangenen Montag innerhalb der iranischen Bloggergemeinde eine Kampagne, wonach die Blogger einige Tage lang ihre Webseiten nach dem Namen einer der zensierten reformistischen Webseiten im Netz erscheinen ließen: "Emrooz" (Heute). Darüber hinaus wurden auf den Bloggerseiten Nachrichten gepostet, die von "Emrooz" stammten.

Wie Hossein Derakhshan, aka "Hoder", gegenüber BBC mitteilte, schlossen sich mehrere Hundert Blogger dieser Kampagne an. Und das Regime reagierte auf die Provokation: in einer Ausgabe eines Hardliner- Presseorgans wurde Derakhshan scharf attackiert " er hat eine Webseite ins Leben gerufen, in welcher er herbe Flüche auf die Vertreter der Regierung verfasst und den heiligen Islam beleidigt" ein "Ehrenabzeichen" für den Blogger. Ob die kürzliche Freilassung eines wegen seiner kritischen Äußerungen verhafteten Journalisten nicht nur zeitlich damit zusammenhängt, ist möglich, aber nicht sicher.

Sicher ist hingegen, dass die Aktivitäten der Blogger, die mit den Netzzensur-Maßnahmen des Regimes Katz und Maus spielen, den Regierenden ein überaus lästiger Dorn im Auge ist. Das zeigt auch die neueste "Kriegslist" des Informationsministeriums, das allen Ernstes Pläne hegt, wonach man in Iran ein landesweites "Intranet" schaffen will, um sich vom weltweiten Netz abzuschotten. Das Projekt soll "Shaare' 2" heißen und angeblich schon vor einem Jahr lanciert worden sein. Offiziell soll es verhindern, dass "interne Daten nach außen gelangen" und dabei helfen "Übertragungskosten" zu sparen.

Man kann darauf wetten, dass, sollte es dem Regime überhaupt gelingen, sich vom weltweiten Informationsfluss im Netz abzuschotten, der findigen iranischen Bloggergemeinde ganz sicher die nötigen Volten einfallen, um auch diese Maßnahme auszutricksen.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18393/1.html
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