Deutschland, deine Zukunft

Arno Lundershausen 25.09.2004

Wenn Politik soziale Demontage betreibt ohne die Idee einer neuen Sozialität parallel aufzubauen, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn sie abgelehnt wird

Sozialstaat war gestern. Was heute zählt, sind praktische Intelligenz und persönliche Durchsetzungskraft. Keine soziale Apokalypse bahnt sich da an, sondern die Umsetzung von Freiheit in die Praxis menschlichen Handelns findet statt. Ein Prozess, der in Deutschland nur mühsam verstanden wird.

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Mobilität und Flexibilität sind die Werte einer Wirtschaft, die sich ganz dem Kapital verschrieben hat. Dessen Logik durchdringt seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Konkurrenz mehr und mehr unser Dasein. Ein Prozess, der Grenzen übersteigt, soziale Räume aufbricht und Menschen mobil macht. Nichts ist sicher, alles ist möglich: Jeder kann Millionär werden - oder Bettler. Realität ist plastisch geworden und entzieht sich den eingeübten Mustern. Das globale Dorf kommuniziert elektronisch, distanzfrei, alle hängen an den gleichen Nachrichtentröpfen. Der Mensch hat sich gemäß dem alten Bibelwort "die Erde untertan" gemacht und selbst als Schöpfer seiner Existenzlage begriffen. Keine Ausreden mehr!

Die deutsche Bevölkerung ist nicht ausgebildet für die mobile Welt

"Heimat ist da, wo ich meine Kohle verdiene", wie heute gesagt wird. Die politisch Verantwortlichen mögen Agendas, Kommissionen und Reformen produzieren, sie wirken hilflos gegenüber der sozialen Zersplitterung in der Nachfolge der Kapitalbewegungen. Kein Wunder, dass überall von Deregulierung gesprochen wird. Was man nicht halten kann, muss man laufen lassen. "Rat race", das weltweite Rennen um das größere Stück am Kuchen ist längst im Gange. Da heißt es Ballast abwerfen. Die derzeit in Deutschland zu beobachtende Rückübertragung traditionell behördlich gesteuerter Verwaltung und Verantwortung auf den Bürger, sei es in der Arbeits-, Renten- oder Gesundheitsfrage trägt dem Rechnung. Der Bürger wird immer mehr "entbürgert", soll selbst sehen, wie er zurechtkommt.

Der nationale Begriff mutiert zum Begriff einer Region, die Standort ist für wirtschaftliche Aktivitäten (aber auch Lebensraum für Menschen). Ökonomische Fakten, nicht soziale Hoffnungen organisieren die gesellschaftliche Zusammensetzung eines Landes. Moralität, das Gegengewicht zu Macht und egozentrischem Streben, zieht sich in die Feuilletons und die Privatsphäre zurück. Hinter all dem wirkt die Ideologie Freiheit: Freiheit des Handelns, Freiheit des Wirtschaftens. In diesem Fahrwasser entwickeln die kapitalistischen Märkte einen Pluralismus von Personen, in der jede für ein individuelles Patchwork von Interessen und Meinungen steht. Jeder sein eigenes Angebot und seine eigene Nachfrage, das ist die Devise, "Ich-AG" eben.

Die psychologischen Folgen sind nicht zu übersehen. Pädagogische Betreuung, systemisches Coaching, Psychotherapie, esoterische Lebenshilfe und andere Angebot mehr versuchen die inneren Gewichte wieder ins rechte Lot zu setzen. Die deutsche Bevölkerung ist nicht ausgebildet für die mobile Welt. Weder im beruflichen noch im privaten. Schulen und öffentliche Bildungseinrichtungen agieren ungerührt nach den Mustern einer Vergangenheit, in denen die klare Konsequenz von Herkunft, Ausbildung und beruflichen Chancen vorhersehbar war.

Das selbe Recht auf Wohlstand auch für andere

Die Gefahren der kapitalistischen Entfesselung des Individuums liegen auf der Hand. Wie der Philosoph Thomas Hobbes in der Zeit des englischen Bürgerkriegs formulierte, sei der Mensch der Wolf des Menschen und menschliches Leben im Naturzustand elend, tierisch, grausam und kurz. Hobbes setzte dagegen die Vernunft, die - aus Furcht geboren - die Einzelnen in Verträge zu ihrer eigenen Sicherheit zwinge. Freie Verabredungen zwischen Personen, die den Beteiligten Schutz vor Raub, Mord und Erpressung garantieren. Deren Einhaltung kann freilich nur Bestand haben, sofern eine Instanz übergreifender Macht bereit steht, Vertragsbruch mit Strafe zu ahnden. Abschreckung also. Inkarniert im berühmten Leviathan, der in überlegener Macht alle Furcht und allen Schrecken auf sich zieht mit dem einzigen Zweck, das vertraglich ausgehandelte Miteinander zu bewähren.. Hobbes ging es um Frieden, Sicherheit und letztlich eine prosperierende Wirtschaft. Denn Krieg und Furcht lassen menschliches Streben verkommen, verwüsten Felder, zerstören Produktionsmittel.

Wir Heutige stehen erneut am Scheideweg von tierischem Verteilungskampf und solidarischer Vernunft. Die sozial austarierte Burg Deutschland wird geschliffen. Die Zukunft muss neu verhandelt werden. Wir müssen umdenken, anders denken. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass andere Länder, andere Menschen das selbe Recht auf Wohlstand besitzen, wie wir es für uns selbstverständlich reklamiert haben und reklamieren. Warum sollten Menschen etwa in Rumänien mit 150 Euro Durchschnittslohn und entsprechendem Güterstand (von der Wohnung bis zum Küchengerät) zufrieden sein? Mit welchem Recht glauben wir Deutsche immer noch etwas Besseres zu sein? Der Mensch gilt überall gleich - sofern er überhaupt etwas gilt.

Konstruktiver Ansatz der neuen Sozialität

Politik verwaltet die Mittel zur Bildung der Zukunft. Wenn Politik soziale Demontage betreibt ohne die Idee einer neuen Sozialität parallel aufzubauen, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn sie abgelehnt wird. Konstruktive Politik baut nicht hier ab, ohne dort neue Ziele vorzugeben. Wohlgemerkt, inhaltliche Ziele, die ein Gefühl mit sich führen. Die Idee der Freiheit geht auf die aufgeklärte Gemeinschaft von Personen zurück, die jede ihre Interessen vertritt und im Dialog den Ausgleich mit den Interessen der anderen sucht. Nur die Gemeinschaft im Gespräch ist flexibel, mobil, marktfähig. Ihr Leitmotiv ist alt und heißt praktische Vernunft.

Intelligente Vernetzung und interregionaler Austausch von Personen bauen das Haus der globalen Gesellschaft. Im Internet und den interaktiven Medien liegt der konstruktive Ansatz dieser neuen Sozialität bereits vor. Nicht umsonst ist Kommunikation zum Leitbegriff der Kultur geworden. Das entspricht dem Prinzip des Freien Marktes. Nur bei offenem Meinungsaustausch entwickelt der Markt seine optimale Performanz. Offene Kommunikation und freier Markt sind untrennbare Verbündete in der Humanisierung der Erde. Sie gehören zusammen. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Weil der Markt Kommunikationsraum ist, und umgekehrt erst Kommunikation den Markt in Bewegung hält. Regulierung des Marktes bedeutet zugleich eine Steuerung des Kommunikationsverhaltens, so wie jede Steuerung des Kommunikationsraums die Dynamik des Marktes untergräbt (s. den Zusammenbruch des "realen" Sozialismus).

Worin liegt nun der entscheidende Sinn von Kommunikation? Doch in der Entwicklung und Vor-Stellung einer gemeinsamen Zukunft. National aufgestellte Programme haben ausgedient. Es geht um global orientierte Perspektiven, konkret um Ideen für ein künftiges Miteinander, diese sollten politisch transparent gemacht werden und zur Wahl stehen. Nur in der Realisierung des Verbunds aller Menschen, als Marktteilnehmer eben sowohl wie als Erdenbewohner, kann der Sozialstaat positiv überwunden werden, ohne ein Vakuum zu hinterlassen. Da genügt es nicht, die Menschenrechte im Mund zu führen. Praktische Vernunft fordert die Gemeinschaft denkender Individuen, deren jede ihre Interessen offen vertritt und im Ausgleich mit den Interessen anderer sich zum Handeln bestimmt. Was wir derzeit in Deutschland erleben, spricht weder eine offene Sprache noch ist es um wirklichen Ausgleich bemüht, geschweige dass die Ziele der aktuellen Entwicklung transparent gemacht würden.

Keine Fortsetzung des Sozialstaats, sondern ein ganz neues Projekt

Der Mensch ist heute alles, was der Fall ist. Nichts Neues eigentlich, aber immer wieder neu zu verstehen. Denn ist das einmal verstanden, dann ist der Einzelne selbst Hüter seines Daseins. Im guten wie im schlechten. Jeder sein eigenes Werk, und alles Verhalten hat seine letzte Ursache in der Existenz desjenigen, der sich verhält.

Die Verantwortung in der Freiheit ist eine fundamentale. Das wird immer klarer. Da hilft kein Jammern und kein Klagen. Wir wollten Freiheit, das nicht zu vergessen! Und man kann nicht Freiheit sagen und Wohlstand meinen. Freiheit, dieses letzte Ideal der aufgeklärten Gesellschaft, überlässt den Menschen sich selbst, seinen Talenten und seinem Können. Ob das zu Wohlstand oder Verarmung führt, hängt ab von der Brauchbarkeit der Talente und der Nützlichkeit des Könnens im Zusammenhang des freien Marktes der Güter und Leistungen. Und was heute brauchbar und nützlich ist, mag morgen überflüssig und untauglich sein. Freiheit ist gefährlich, sie lässt sich nicht ausrechnen.

Die Chance in der Globalisierung ist der Aufbruch des Menschen in eine globale Humanität. Die Gesellschaft der Menschen meint indes keine Fortsetzung des Sozialstaats, sondern ein ganz neues Projekt. Ein grenzenloses Vorhaben, das auf eine Welt umspannende Kommunikationsgemeinschaft zielt.

Humanität kennt keine Grenzen und braucht auch keine. Das bedeutet, den Einzelnen ungeachtet von Herkunft oder Stellung für sich zu nehmen, also dass der Mensch den Menschen sieht und (be)achtet, das ist das alte Ideal der Humanitas. Wozu selbstverständlich gehört, dass der Mensch den Menschen nicht verhungern oder zugrunde gehen lässt, weder hier noch anderswo. Das andere gegenüber dem Sozialstaat ist eben nicht gleich ein Haufen rücksichtslos agierender Individuen.

Erst wenn Deutschland das "Deutsche" aufgibt...

Gerade Deutschland und Europa könn(t)en Vorreiter sein auf dem Weg zu einer humanen Welt. Das setzt den Abbau von Ressentiments und Vorurteilen gegenüber "Ausländern" oder "Anders-Gläubigen" ebenso voraus wie die Aufgabe des Dünkels, das Deutsche oder irgendein nationaler Begriff sei ein Wert (oder Unwert) an sich. Erst wenn Deutschland "das Deutsche" aufgibt und den Mut zur Freiheit politisch umsetzt, kann der Standpunkt der Menschlichkeit bezogen und die Person in ihr Recht gesetzt werden.

Deutsche Politik aber plant in ökonomischen Kategorien und glaubt in nationalen Maximen. Das ist das Dilemma, das wir erleben (vielleicht mit ein Grund, dass die extremen Kräfte neuen Spielraum erhalten haben). Das dritte, sozial verbindende Element, der Mensch, der wirtschaftet und mit anderen zusammen handelt, wird nur zu leicht übersehen. Gewiss, Menschlichkeit lässt sich nicht verordnen, aber bilden, fördern und - nach Maßgabe der Menschenrechte - schützen. Das pädagogische Ziel ist die globale Demokratie freier Personen.

Der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach meinte vor etwa 200 Jahren, die Religion sei der Traum des menschlichen Geistes, und die Eigenschaften Gottes seien lediglich ins Absolute projizierte menschliche Eigenschaften (insbesondere jene Eigenschaften, die Menschen an sich selbst besonders schätzen, wie Gerechtigkeit, Macht und Dauer). Analog ist die Nation, in deren Folge der Sozialstaat möglich wurde, der Traum des bürgerlichen Geistes. Auch diesen Traum gilt es ad acta zu legen, und seine primären Eigenschaften wie Recht, Selbständigkeit und innere Einheit als Eigenschaften des Menschen zu verstehen.

Wir Heutige leben im Zwischenraum einer Geschichte, in dem die Freigabe des Einzelnen aus der nationalen Identität keine Utopie mehr ist. Global gesehen ist der Bürger Mensch, seine "Burg" ist die Erde oder wo immer sich Menschen aufhalten. Selbstverständnis und Weltverständnis werden zu wechselseitig austauschbaren Variablen, die jeweils an die Situation der Zeit anzupassen sind. Jeder Einzelne spielt seinen Part im komplexen Treiben einer Ökonomie, die in der Summe die Richtung des Handelns aller Menschen widerspiegelt.

In der Richtung dieses Handelns bildet sich das, was wir Zukunft nennen. Zunächst existiert Zukunft lediglich im Gedanken. Deshalb ist sie so wenig wirklich wie die Chimäre oder das fliegende Pferd. Dennoch ist sie nicht abstrakt im selben Sinn als ein Konstrukt des Verstandes. Im Gefühl ist sie immer schon da, wenn auch unbestimmt, schwankend. Deshalb die Sorge, deshalb die Angst. Und genau deshalb ist eine vernünftige Perspektive auf das Kommende so ungeheuer wichtig. Im Reden darüber, was möglich ist, was werden soll, was gefällt oder missfällt, was erhofft oder befürchtet wird, manifestiert sich Verstehen. Danach ergeben sich Möglichkeiten gemeinsamen Handelns. Wenn Ziele Privatsache bleiben, Politik zum Reparaturbetrieb maroder Institutionen (s. Arbeitsamt, das mit der Umwidmung zur Agentur kaum effektiver wird) und verschlissener Finanzen verkommt, dann verschärft das Unsicherheit und Angst.

Der Zug nach vorne

Die globale Zukunft fordert eine Perspektive über den Tellerrand hinaus. Das gängige politische Argument von der wirtschaftlichen Notwendigkeit im Umbau des Sozialstaats läuft von vorneherein schief. Nicht der Druck von hinten, sondern der Zug nach vorne ist das Thema. Ein Zug, dessen Richtung von der Idee der Freiheit ausgeht und auf die Gemeinschaft freier Personen zielt. Der Einzelne ist darin aufgefordert zur Tugend des selbstbestimmten Handelns, wozu die Selbstbeherrschung gehört, im Fall von Misserfolg oder Versagen nicht in Depression oder Weltschmerz zu verfallen. Wo Erfolg, ist auch Scheitern.

Die Verlierer sind ebenso Part of the Game wie die Gewinner. Die einen sind auf die anderen angewiesen. Deshalb ist Verlieren keine Schande und Gewinnen kein Verdienst. Das sind Fakten des Lebens, die der Markt insgesamt rechnet als Faktoren seiner Entwicklung. Wer die sittliche Qualifizierung einer Person an ihren wirtschaftlichen Status knüpft, vergeht sich am Prinzip Menschlichkeit. Er verwechselt den Menschen mit einer Maschine oder - modern gesprochen - einem Prozessor, dessen Wert in der Funktionalität liegt. Nicht umsonst umschließt der Begriff des Menschlichen gerade auch Täuschungen und Irrtümer. Der Mensch ist nicht vollkommen, er lebt.

Das Eigene anzunehmen, sich in seiner Persönlichkeit zu begreifen und gemäß dem Möglichen zu realisieren, das ist die Pflicht. Allerdings keine Pflicht, die staatlich eingefordert werden kann, sondern eine, die im moralischen Kontext der Person selbstverständlich werden muss. Wenn es heißt "Heimat ist da, wo ich meine Kohle verdiene", liegt im Umkehrschluss nahe, dass diejenigen, die keine Kohle verdienen, heimatlos, ausgestoßen sind. Es ist diese Identifikation des Einzelnen mit seiner wirtschaftlichen Position, welche die Freiheit und damit den Sinn im Abbau des Sozialstaates schnell ad absurdum führt. Ein Missverständnis, das die Person in neue radikale Abhängigkeit und Unfreiheit führt. Niemand kann heute sicher sein, dass er morgen noch gebraucht wird. Nicht jeder ist jederzeit markt-gängig, nicht jedes Angebot ist gleich nachgefragt, nicht jede Nachfrage kann befriedigt werden. Das muss man anerkennen, auch wenn es weh tut.

Der Hebel für eine humane Zukunft liegt in Bildung und Ausbildung, die individuell fördern müssen, was je Sache des Einzelnen ist. Ist seine Sache heute nicht nachgefragt, so mag sie es vielleicht werden. Wird sie es nicht, so ist sie doch nicht umsonst, denn jede Person präsentiert ein Element des Menschseins, für sich und andere. Darin liegt ihre Würde und zugleich der praktische Nutzen für die Gemeinschaft, nämlich zu erkennen, was Menschen möglich ist.

Im Prinzip Humanität ist der Mensch gemeint, nicht eine Gemeinschaft nach Geburt, Stand oder Herkommen. Der Mensch ist nicht national, sozial oder religiös definierbar, er ist individuelle Person. In Wahrheit gibt es nur mich und die anderen, und jeder hat seinen Charakter, seine Weise zu leben und mit Dingen umzugehen. Politik hat das Verständnis, was der Mensch ist, allgemein zu machen und in demokratisch anerkannte Organisation umzusetzen.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18397/1.html
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