Irakmethik: Die Zahlenspiele mit den zivilen Opfern

Thomas Pany 26.09.2004

Neue Statistik des irakischen Gesundheitsministeriums wirft US-Truppen vor, dass sie doppelt so viele Iraker töten wie die "Aufständischen"

Sie bilden das Skelett beinahe jeder Meldung über den "Krieg gegen den Terror" im Nahen Osten, gestanzte Formeln, die zu jedem Angriff auf mutmaßliche Stellungen von Terroristen gehören: "Geheimdienstliche Informationen berichteten, dass Terroristen dieses Gelände/Gebäude benutzten, um Angriffe vorzubereiten" und darauf folgend: "Die Stellungnahme fügte hinzu, dass von keinen Zivilisten berichtet wurde, die sich zu diesem Zeitpunkt (des Angriffs) an diesem Ort aufhielten."

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Weiter unten in der Meldung wird dem oft die Aussage eines Krankenhausarztes gegenübergestellt, der wie beim jüngsten Luftangriff der Amerikaner auf Falludscha, genauer auf einen "Treffpunkt von Kämpfern, die verdächtigt werden, zur Truppe von Abu Musab al-Zarqawi zu gehören" dementiert, dass der Angriff mit der propagierten chirurgischen Präzision ausgeführt wurde: Ja doch, Zivilisten wurden getötet.

Genaue Zahlen werden aber nicht genannt, auch das gehört zur Routine der Berichterstattung; man kennt nur Schätzungen und verhält sich solchen gegenüber zurückhaltend aus Scheu vor propagandistischen Zahlenangaben. Also lässt man die Angelegenheit im Dunklen, verweist bestenfalls in Meinungsartikeln und Kommentaren darauf, dass es wohl mehr zivile Opfer im Irakkrieg gegeben hat, bzw. gibt, als in den Pressemitteilungen der "irakisch-amerikanischen Allianz" verlautbart wird.

Nach einer Meldung der Knight Rider Tribune News, die sich bei verschiedenen kritischen (amerikanischen) Kommentatoren (z.B. hier) einen hervorragenden Ruf als unkorrumpierte, genaue Berichterstatter erworben haben, geht aus einer Statistik des irakischen Gesundheitsministeriums hervor, dass den militärischen Operationen der von den US-Truppen geführten multinationalen Streitkräften doppelt so viele Iraker - meist Zivilisten zum Opfer fallen wie bei den Anschlägen der so genannten "Aufständischen".

Den Zahlen des Gesundheitsministeriums, die nach dem Bericht des Houston Chronicles die Knight Rider "exklusiv erhalten haben" zufolge, wurden im Zeitraum vom 5.April dieses Jahres, als das Ministerium damit begann, Daten zu führen, bis zum 19. September in 15 der 18 irakischen Provinzen 3.487 irakische Todesopfer gezählt, darunter 328 Frauen und Kinder und 13.720 verletzte Iraker.

Doch auch dieses "Zahlenmaterial" lässt einiges im Dunklen: Man könne nicht genau beziffern, wie hoch die Zahl der getöteten irakischen Sicherheitskräfte sei, die hier mitgerechnet wurde; viele irakische Todesopfer, speziell jene, die zu den "Aufständischen" gezählt werden, würden in keinem Bericht erwähnt, so dass die tatsächliche Zahl der Iraker, die "im Kampf gefallen" sind, wahrscheinlich wesentlich höher sei.

Der Nachsatz des Berichts verrät die Widersprüchlichkeit der Schätzungen. Offizielle irakische Stimmen würden die "Verteilung" anders vornehmen: zwei Drittel der irakischen Toten gingen demnach auf das Konto der multinationalen Streitkräfte und der irakischen Sicherheitskräfte; ein Drittel würde dagegen durch die Hand der "Aufständischen" fallen.

So oder so wird die US-Offensive, welche für die kommenden Monate im Irak geplant ist, um den "Weg für die landesweiten Wahlen freizumachen" (vgl. Der "zweite Krieg" im Irak), wahrscheinlich die Gewaltspirale weiter schrauben und den "Aufständischen" neuen Zulauf bescheren.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18410/1.html
Kommentare lesen (72 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS