Das FBI kommt mit dem Übersetzen der seit dem 11.9. sprunghaft angestiegenen abgehörten Telefongespräche nicht nach

28.09.2004

Nach einem Bericht des US-Justizministeriums sind dafür auch technische Probleme verantwortlich

Das FBI lauscht seit dem 11.9. 2001 im Rahmen von Antiterrorismus-Untersuchungen nach dem Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA), so viel es geht, damit ihm kein Hinweis auf verdächtige terroristische Tätigkeiten entgeht. Darunter natürlich auch viele Gespräche beispielsweise in arabischer Sprache. Aber viele der Zigtausenden von aufgezeichneten Gesprächen bleiben unverstanden, weil die Lauscher mit dem Übersetzen nicht nachgekommen, obwohl das FBI mit mehr Geld und mehr Personal für diesen Zweck ausgestattet wurde.

Mit dem Patriot Act wurden die Beschränkungen des FISA-Gestzes weitgehend aufgehoben, so dass das FBI auch dann, wenn kein konkreter Verdacht einer Straftat vorliegt, Personen überwachen und abhören darf, wenn sie für eine fremde Macht in den USA spionieren oder terroristische Zwecke verfolgen (USA: Freier Informationsfluss zwischen Geheimdiensten und FBI). Auch wenn technisch die Kapazitäten einer immer weiter ausufernden Überwachung vorhanden sein mögen, scheint das Szenario des alles belauschenden Big Brother manchmal an banalen Dingen zu scheitern. Allerdings ist das Ausmaß der Lauschaktionen, wie dies nun durch die, für die Veröffentlichung überarbeitete Zusammenfassung eines Berichts des Generalinspekteurs Glenn A. Fine vom US-Justizministerium bekannt wurde, durchaus erstaunlich.

So sind seit dem 11.9. 2001 123.000 Stunden von aufgezeichneten Telefongesprächen, die in Sprachen geführt wurden, die Terroristen vorwiegend sprechen sollen, was v.a. Arabisch, Farsi, Urdu und Paschtun betrifft, bis April 2004 nicht übersetzt worden. Das heißt, es wurden insgesamt in dieser Zeit um die 600.000 Stunden aufgezeichnet, bei einem Fünftel weiß man noch gar nicht, was der Inhalt war. Und im Rahmen von Counterintelligence (Gegenspionage)-Untersuchungen kommen noch einmal 370.000 nicht übersetzte Stunden an abgehörten Telefongesprächen hinzu.

Insgesamt sind etwa eine halbe Million Stunden oder 30 Prozent aller aufgezeichneten Telefongespräche in fremden Sprachen nicht übersetzt worden. Daraus lässt sich wieder schließen, dass insgesamt allein vom FBI Telefongespräche in einer Länge von über 1,5 Millionen Stunden abgehört und aufgezeichnet wurden, die belauschten Gespräche in Englisch nicht mitgerechnet. Der Bericht geht allerdings davon aus, dass die Menge unbearbeiteter Aufzeichnungen noch höher sein dürfte. Vorgeschrieben ist zudem, dass von verdächtigen al-Qaida-Mitgliedern abgehörte Gespräche innerhalb von 12 Stunden überprüft werden müssen. Das ist bei einem Drittel der vom Generalinspekteur untersuchten 900 Fälle nicht der Fall gewesen. Bei 50 Fällen hatte die Übersetzung mindestens einen Monat gedauert.

Digitale Kopien verschwinden durch automatische Löschung

Das Budget der Übersetzungsabteilung des FBI wurde nach dem 11.9. deutlich erhöht, als deutlich wurde, dass es viel zu wenige Übersetzer für arabische Sprachen gab, so dass islamistische Terroristen relativ ungestört ihre Anschläge planen konnten. 21,5 Millionen US-Dollar standen 2001 zur Verfügung, 2004 bereits 70 Millionen. Die Zahl der Übersetzer stieg von 883 auf 1.214 an, um 45 Prozent nahm die Zahl der Übersetzer allein für Arabisch und Paschtun zu. Aber das reicht offenbar nicht aus, um die Flut an Abgehörten tatsächlich nicht nur gespeichert, sondern auch überprüft zu haben.

Übersetzer für Paschtun (Afghanistan), Farsi (Iran) oder Urdu (Pakistan) waren allerdings, wie aus dem Bericht hervorgeht, vor dem 11.9. sehr dünn gesät. Interessant ist freilich auch, dass neben den Übersetzern für Türkisch, Kurdisch, Koreanisch oder Französisch vor allem auch jene für Russisch und Chinesisch zugenommen haben, was auch ein wenig Rückschlüsse auf die Einschätzung der geopolitischen Lage erlaubt.

Insgesamt nahm die Zahl der Aufzeichnungen im Rahmen von Antiterrorismus-Untersuchungen in den Sprachen Arabisch, Farsi, Urdu und Paschtun von 2201 bis 2003 um 45 Prozent zu. Texte in diesen Sprachen wuchsen gleich um 566 Prozent an. Insgesamt steigt die Zahl der Text-, Video- und Audio-Aufzeichnungen seit 2001 kontinuierlich an. Besonders im Bereich der Counterintelligence gab es ab 2003 eine Explosion. Wurden hier noch 276.503 Stunden Telefongespräche in fremden Sprachen 2002 aufgezeichnet, gerade einmal ein Prozent mehr als 2001, so waren es 2003 schon 439.038 Stunden: fast eine Verdopplung. Ein ähnlicher Zuwachs ist für die gesammelten Texte, gemessen in Seiten, zu verzeichnen. Um was es dabei geht, wird allerdings geheimgehalten.

Nicht nur organisatorische Mängel oder eine zu geringe Zahl an Übersetzern wird für die Menge der unübersetzten Gespräche verantwortlich gemacht, sondern auch technische Probleme. So hätten die digitalen Speicher des FBI eine begrenzte Kapazität, so dass Aufzeichnungen, auch wenn sie noch nicht übersetzt worden sind, manchmal automatisch gelöscht würden, um Platz für neue Aufzeichnungen zu schaffen. Probleme gebe es aber auch schon damit, dass die Menge der automatisch gelöschten Audio-Aufzeichnungen oft weder identifiziert noch quantifiziert werden könne. Bislang gäbe es noch keine Kontrollsysteme, um wichtige Aufzeichnungen vor dem Löschen zu schützen. Nach Tests habe sich gezeigt, dass in drei von acht Übersetzungsbüros abgehörte al-Qaida-Gespräche gelöscht wurden, bevor sie überprüft werden konnten. Aufgrund der wachsenden Menge an Übersetzungen hat das FBI ein sicheres Kommunikationsnetzwerk mit dem Namen Arachnet eingerichtet, um die abgehörten Gespräche auf die FBI-Übersetzungsbüros im ganzen Land effizienter zu verteilen. Aber auch hier scheint es ernste Probleme mit der "erfolgreichen Weitergabe von einem Büro zum anderen" zu geben.

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