Outsourcing von Gebeten und die Gefährlichlichkeit von Country-Musik
Die Kaste der Wissenschafts-Exzentriker traf sich in Havard - von der feierlichen Verleihung der diesjährigen Ig-Nobelpreise
Eine Woche vor den "echten" Nobelpreisen wurden am Donnerstag zum 14. Male die Ig-Nobelpreise verliehen. In einem rauschenden Fest, dem 1.200 mit Papierflugzeugen um sich werfende Gäste beiwohnten, wurden einmal mehr menschlicher Erfindungsgabe und Entdeckerdrang fern aller Konventionen gehuldigt.
Es gab im Vorfeld Befürchtungen, dass sich der Witz der Veranstaltung im Laufe der Jahre abgenutzt haben könnte. Diese erwiesen sich aber angesichts der hochkarätigen Preisträger und der abermals außergewöhnlichen Forschungsergebnisse aus allen Bereichen des wissenschaftlichen Universums als unbegründet.
Die Preisträger reisten auf eigene Kosten an, um dann die weltweite Anerkennung in Form von Preisen aus extrem billigen Materialien entgegenzunehmen - sowie ein Medaillon, das zu peinlich ist, um überhaupt getragen zu werden. Die Preise werden von "richtigen" Nobelpreisträgern überreicht. In 30 Sekunden dürfen sich die Preisträger erklären, um danach kräftig ausgebuht zu werden.
Vom Hulla-Hoop-Reifen zum Über-Kämmer
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Um es vorauszuschicken: Das Pechtropfenexperiment (Das längste Experiment) hat es wieder nicht geschafft. Der Preis für Physik ging stattdessen an Ramesh Balasubramaniam und Michael Turvey. Gewürdigt wird ihre Arbeit zur Erhellung der Dynamik des Hula-Hoop-Reifens bei seinen Bewegungen am menschlichen Körper. Messungen an sieben Probanden ließen keinen anderen Schluss zu, als dass die Bewegungen von Hüfte, Knie und Knöchel für eine ausgewogene Technik von entscheidender Bedeutung sind.
Ein Schwerpunkt der diesjährigen Preisverleihung war zweifelsohne die Musik, und zwar in ihrer ganzen Janus-Köpfigkeit. So erhielten Steven Stack und James Gundlach den Ig-Nobelpreis für Medizin - für die Enthüllung des Zusammenhangs von Country-Musik und Selbstmordrate, zumindest beim weißen radiohörenden Bevölkerungsanteil der Vereinigten Staaten. Eine Analyse der Playlists von US-Radio-Stationen offenbarte, dass bei einer Häufung von Country-Titeln im Spielplan auch die Zahl an begangenen Selbstmorden nach oben schnellte (über die selbstmörderischsten Vertreter des reaktionären Farmer-Kitsches darf man jetzt spekulieren).
Im Gegensatz dazu ging der Friedens-Ig-Nobelpreis an Daisuke Inoue - für die Erfindung von Karaoke im Jahre 1971. Prämiert wurde damit vor allem das Aufzeigen eines komplett neuen Weges, der es Menschen ermöglicht zu lernen, sich gegenseitig zu tolerieren. Da Daisuke Inoue beim Versuch scheiterte, seine Erfindung zu patentieren, konnte er kaum Geld damit machen - in einem schätzungsweise 9 Milliarden Euro schweren Geschäft.
Selbst der Vatikan wurde bedacht. Die Idee, Gebete nach Indien auszulagern, traf den Zeitgeist im Outsourcing-Wahn und war den Juroren glatt einen Ig-Nobelpreis für Ökonomie wert.
Coca-Cola erhielt den Chemie-Ig-Nobelpreis für die wegweisende und mit allerlei Medienrummel begleitete Nutzung moderner Technologie zur Umwandlung von Themse-Wasser in Dasani-Mineralwasser (Unthinkable, Undrinkable).
Den Ig-Nobelpreis für Biologie bekam der Kanadier Ben Wilson für seine Arbeit über mysteriös furzende Heringe. Hier darf man sich noch einmal an diesen Natur-Klängen erfreuen.
Auch Jillian Clarkes Untersuchung zur hygienischen Sicherheit von auf den Fußboden gefallenen Nahrungsmitteln konnte gefallen und resultierte im Ig-Nobelpreis für Medizin. Immerhin kann Escherichia coli - wenn anwesend - ein heruntergefallenes Gummibärchen innerhalb von fünf Sekunden kolonisieren.
Die Würdigung gediegener Ingenieurskunst ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Zeremonie. Diesmal ereilte es Donald Smith und seinen Vater Frank Smith für ihr US-Patent No. 4,022,227 aus dem Jahre 1977- geradezu eine Revolution für die Haartracht von gequälten Menschen mit ausgedünntem Haar oder Halbglatze - der sogenannte "Über-Kämmer". Bisher konnte damit allerdings noch kein Geld in die Familienkasse gewirtschaftet werden.
"The American Nudist Research Library", Florida, USA, erhielt den Ig-Nobelpreis für Literatur. Sie macht sich um die Bewahrung der Geschichte des Nudismus verdient, und zwar so, dass es jeder sehen kann. Besucher sind willkommen, Bekleidung ist nicht Pflicht.
Wenn Menschen zuviel Aufmerksamkeit auf eine Sache richten, ist es möglich, dass sie dabei leicht andere Dinge übersehen. Für diese scharfsinnige Über-These musste sich die Jury nicht lange lumpen lassen, um den Ig-Nobelpreis für Psychologie an Daniel Simons and Christopher Chabris zu verleihen. Die experimentelle Arbeit zeigt z.B. eindringlich, dass Probanden, die Basketball-Pässe zählen sollten, nicht bemerkten, wenn eine Frau mit einem Regenschirm das Zimmer durchquerte - oder aber ein als Gorilla verkleideter Mann.
Für heute sind ungezwungene Vorträge der zumindest leicht exzentrischen Preisträger angekündigt, in denen sie erläutern sollen, was sie gemacht haben - und vor allem warum.
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18464/1.html- JBO (2.10.2004 19:11)
- Genetik ist, wenn es trotzdem irgendwie atmet (2.10.2004 8:33)
- Mir fehlt die Studie zur Sterblichkeitsrate beim Pretzel-Knabbern (2.10.2004 2:48)
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