Rammstein in Mädchenkleidern im Palast der Republik und die Ärzte bei Angela Merkel
Popkomm 2004: Etwas Kunst und Spaß, viel Schmerz und Kommerz
"Lass uns wieder Kunst machen", so war ein Gemeinschaftsstand mit insgesamt fast 70 Teilnehmern überschrieben. An die Kunst denken auf der Popkomm aber nur die Künstler, der Rest denkt entweder an die nächtlichen Partys oder gleich an die kommerzielle Vermarktung.
Auf der Messe selbst spielten kaum Bands lediglich Sony ließ unter anderem Laith Al-Deen und Duran-Duran an ihrem Stand auftreten, der jedoch schon ohne Musikbegleitung völlig überfüllt war. Dafür wurde drei Tage lang an den beiden entgegengesetzt liegenden Enden der Messe ein teils durchaus kontroverses Kongressprogramm geboten. So wurden Musikempfehlungssysteme vorgestellt, die ähnlich wie bei Amazon die Käufermeinungen wiedergeben, aber auch noch Funktionen wie "klingt wie Metallica" bieten sollen. Umstritten ist hierbei natürlich, ob man so wirklich neue Bands kennenlernt oder nur Metallica-Klone. Erste Praxistests führten noch nicht zu Begeisterung. Und rechtliche Probleme zeichnen sich auch schon ab.
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| Die meisten machen trotzdem lieber Geld (Bild |
Andere Themen wie "Musik als Mosaikstein im Gesamtkunstwerk Computerspiel", "Musik & Marke" oder gar "Lizenz zum Tönen How to release music on a mobile: Eine Anleitung in einfachen Schritten über die Lizenzierung, den Vertrieb und die Vermarktung von Musik übers Handy" verursachten eher Gruseln und Gänsehaut.
Kunst oder Kommerz? Marken und Märkte
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Ja, jede mögliche Marktlücke will vermarktet sein. Wider Erwarten noch nicht entdeckt wurde "Klassik für das Kleinkind", doch gab es stattdessen den Vortrag "Ladies like it ladylike.das Dilemma der 30+zu alt für Ricky Martin, zu jung für Engelbertsind Frauen die Lösung für die Krise in der Musikbranche?". Na warum nicht, irgendeiner muss doch schuld sein an der Krise der Plattenindustrie, also warum statt der raubkopierenden Teenager nicht mal die Frauen?
Die Vortragende Diana Jaffe, Vorstand der Bluestone AG Strategic Marketing Consulting und schwer verdächtig, ein vergessenes Überbleibsel des Dotcom-Booms zu sein, führte ihre Powerpoint-Präsentation vor wenigen Herren und noch weniger Damen vor und meinte beim Schließen des Notebooks, nachdem es im Saal ruhig geblieben war, ganz enttäuscht "Schade, normal polarisiere ich mehr". Klar, aber in der Musikindustrie wird nun einmal jeder Consultingquark widerspruchslos geschluckt.
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| Frau kassiert Frau ab (Bild |
"Grey Euro Altes Geld" war der nächste Vortrag noch uncharmanter betitelt: Wer heute über 40 Jahre alt ist, wurde von der Rock- und Popkultur (Aretha Franklin, Jimi Hendrix, The Sex Pistols, selbst Duran Duran) stark beeinflusst und ist ihr treu geblieben. Während die Teenager von heute sich ja angeblich gar nichts dabei denken, Musik illegal und kostenlos aus dem Internet herunter zuladen, geben die älteren Jungs und Mädels auch munter weiter ihr altmodisches Geld aus. Industrieprofis bei Tonträgerfirmen, Radiosendern, Zeitschriften und dem Einzelhandel haben nun das Potenzial des "grauen Euro" begriffen, so die Devise. So war ein Thema, dass Live-Musik nun in verbesserter Qualität und angenehmerem Umfeld bei den Veranstaltungsorten dargeboten werden soll, um auch ältere Konzertbesucher anzulocken: Der "Deadhead" wird auch weiter mit warmem Bier aus dem Pappbecher und einem Stehplatz bei unverständlichem Sound zufrieden sein, doch der Normalbesucher wird bei teils dreistelligen Ticketpreisen inzwischen mehr erwarten.
Das Rockkonzert: Von der Schlammschlacht à la Woodstock zum gepflegten Event
Doch so fast menschenverachtend die Ankündigung dieser Podiumsdiskussion klang, waren die Anwesenden doch deutlich lebendiger als Frau Jaffe. So Peter Schwenke vom norwegischen Radio, deren erstes Programm nicht Volksmusik oder Schlager spielt, sondern eben Rock und Pop für "Erwachsene" ähnlich Radio Caroline mit einer Rotation von drei- bis viertausend Titeln statt der vier- bis sechshundert der privaten Stationen und Heather McDonald, Label Manager von Shoeshine Records, einem schottischen Indie-Label, das allerdings nur so "revolutionäre" Klänge wie Country und Americana bietet.
Peter Radzuhn vom Radio Berlin-Brandenburg-Ableger Radio Eins, der extra den Namen eines früheren Münchner Privatsenders benutzt, obwohl es eine öffentlich-rechtliche Station ist, berichtete davon, dass die online angebotene CD-Hülle des Radio-1-Sommernachtskonzerts das Konzert konnten bzw. mussten sich die Hörer dabei aus dem Radio kostenlos selbst auf CD mitschneiden immerhin 50.000 mal heruntergeladen worden sei. Erlend Mogârd-Larsen, Director des Bureau Strom, beklagte sich wiederum:
Junge Leute geben 8 Prozent ihres Einkommens fürs Handy aus, da bleibt nichts für Musik!
Stefan Schmitt von "25 Records" wiederum stellte sein Konzept vor: Da Quartals-Musikhörer in normalen Plattenläden regelmäßig völlig überfordert seien und vom Personal bei Nachfragen teils noch dumm angemacht würden, bietet diese Kette nur 25 ausgewählte Scheiben, von denen pro Tag zwei bis drei ausgetauscht würden, sodass das Sortiment im Geschäft immer extrem übersichtlich, doch auch immer neu sei und vom Personal auch dem Kunden ausführlich beschrieben werden könne. Sozusagen "High Fidelity" für Anfänger.
Wie in der DDR: Nur 25 Platten
Ganz vergessen wollte man die Kunst dann in all dem Kommerz aber doch nicht: "Kunst und Kommerz: Partner oder Paradoxon? Kurzvorträge zum Wert der Kreativität." lautete der nächste Programmpunkt.
Warum gibt es hierzulande eine so scharfe Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz? Ist Kunst nur wirklich gut, wenn sie völlig altruistisch motiviert, aus Leiden erzeugt, einzelgängerisch-genial und vor allem frei von jeglicher monetärer Verbindung ist? Muss ein guter Künstler arm sein? Muss Kunst weh tun?
Äh, dem Künstler oder dem Zuschauer? Nein, diese Frage wurde nicht beantwortet. Dr. Susanne Binas, Geschäftsführerin der Berliner Kulturveranstaltungs-GmbH antwortete auf die Frage, ob Künstler nun gottgleiche Geschöpfe oder Bittsteller der Gesellschaft sind
Die Trennung von Kultur und Kommerz ist symbolischer Natur und Idealzustand, weil die Menschen gerne beim Kunstgenuss über den Alltag hinwegsehen wollen.
Bodenständiger wurde es dann wieder ausgerechnet mit dem Vortrag "Vom kreativen Umgang mit retardierenden Märkten anhand der Techno-Party-Szene" von Professor Dr. Ronald Hitzler, seines Zeichens Soziologieprofessor an der Universität Dortmund. Hier erläuterte Dr. Hitzler, der auch schon andere Jugendkulturen analysiert hat, wie die Lebensidee "Spaß haben" in das Ziel "Anderen ihren Spaß ermöglichen" mündet und der Techno-Fan so als spielerischer Unternehmer zum Techno-Veranstalter wird. Und so ebenso wie bei Webseitenbetreibern ganz spielerisch-flockig ins finanzielle K.O. rutschen kann, wenn die erste Abmahnung ins Haus flattert, zumal die Techno-Parties immer aufwendiger sein müssen neben Clubnächten, Partys in Discotheken und Rave-Kreuzfahrten geht das Spektrum der Veranstaltungen ja bis zu solchen Megaevents wie der Loveparade und finanziell deshalb stets ein Verlustgeschäft sind: Ebenso wie im Internet werden die Verdienstmöglichkeiten stets überschätzt nicht von den Veranstaltern, aber von missgünstigen Neidern, und dann ist Schluss mit lustig. Ohne finanzkräftige Sponsoren läuft daher im Party-Bereich heute gar nichts mehr, so Dr. Hitzler.
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| Wenn Kunst weh tut |
Das leidige Thema DRM und Kopierschutz fand sich auch in mehreren Vorträgen wieder: Um den zweiten Korb des verschärften Urheberrechts, den uns allen bekanntlich Justizministerin Zypries gegeben hat, ging es in "Ein Korb voller Fragen: das neue Urheberrecht Politik und Musikwirtschaft im Einklang?". Künstler und Musikkäufer wurden hier wohlweislich schon im Titel außen vor gelassen. Die Podiumsdiskussion war dann jedoch mit Parlamentariern aller großen Parteien hochkarätig besetzt und sehr sachlich: Dr. Elmar Hucko, Ministerialdirektor im Bundesministerium der Justiz erläuterte, die zwei entgegengesetzten Extremforderungen, zwischen denen man zu entscheiden hatte, seien: entweder die Privatkopie nur vom Original oder erst nach einem Jahr oder aber eine Privatkopie auch von kopiergeschützten Vorlagen zu erlauben und Aufgabe der Justiz, hier einen goldenen Mittelweg zu finden.
Einen zweiten Korb bekommen: Urheberrechtsnovelle
Verblüffend, als diese "Extremforderungen" für den Musikkäufer doch gar nicht so weit auseinander liegen: Ihm würde es doch völlig reichen, sein Original beispielsweise fürs Auto kopieren zu können, damit das Original nicht verschleißt oder geklaut wird und dabei auch den Kopierschutz los zu werden, der sein Autoradio lahm legt. Zugegeben, dies erst nach einem Jahr tun zu dürfen, wäre wenig nützlich andererseits ist der Gedanke, dass Musik nach einem Jahr zur Privatkopie generell freigegeben würde, auch wieder verlockend. Man wundert sich, wie die Juristen von diesen Vorgaben auf das tatsächliche, problematische Ergebnis gekommen sind.
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Bustransfer zur Konkurrenzveranstaltung etliche Independents fühlten sich auf der "Premium Music" am Potsdamer Platz besser aufgehoben als im Labelcamp der Popkomm (Bild |
Jerzy Montag vom Bündnis 90/Die Grünen stellte zunächst mal klar "Raubkopien sind Diebstahl". Und solcher ist ein strafrechtliches Delikt und somit Sache des Staatsanwalts und nicht die von privaten Abmahnunternehmen (Das neue Geschäftsmodell der Plattenindustrie?) und Zivilgerichten. Das neue Gesetz fördert jedoch nur letzteres, wie Rechtsanwalt Hans-Joachim Otto von der FDP klar stellte, der Weg über den Staatsanwalt sei auch bislang schon offen gewesen.
Das Gewaltmonopol des Staates erzwingt gerade, dass die Rechtsverfolgung staatlich bleiben muss und nicht zivilwirtschaftlich werden darf
Allerdings ist hiermit eben auch der kommerzielle Musikdiebstahl und nicht die Privatkopie gemeint, auf die Montag nicht nur eine Duldung, sondern einen klaren Rechtsanspruch sieht, da hierfür ja Abgaben auf Medien wie Kassetten und CD-Rs sowie Hardware wie CD-Brenner gezahlt würden. Auch digitale Privatkopien und Privatkopien von kopiergeschützten Medien müssen demnach möglich sein.
Dr. Günter Krings, Mitglied im Bundesfachausschuss Medien der CDU Deutschlands, hielt dagegen: "Es gibt kein Recht auf Privatkopie, nur eine Duldung. Ich bin aber nicht für die Abschaffung der Privatkopie". Hans-Joachim Otto, Vorsitzender der FDP-Bundesmedienkommission verlangte: "Die Phonoindustrie ist in der Pflicht, Probleme mit Kopierschutz wie das Streiken von CDs im Autoradio endlich abzustellen".
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"Musik wird oft nicht schön empfunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden..." ein Reiseveranstalter ließ Studenten zu Werbezwecken vor dem Messegelände musikalisch randalieren. Ob es dann das Geld zurück gibt, wenn es im Ursprungsland genauso schrecklich dröhnt? (Bild |
Ein weiteres Problem ist die Einbeziehung eigentlich unbeteiligter Dritter in die Rechtsverfolgung: Die Provider werden durch Auskunftsansprüche belastet. Jerzy Montag sagte klar "Ich will einen solchen Auskunftsanspruch nicht" und Dirk Manzewski, von der SPD und Mitglied des Bundestages, schloss sich ihm an. CDU-Mann Krings war dagegen der Ansicht, ein Teil des Kaufanreizes für DSL-Anschlüsse sei die Tauschbörsennutzung und somit sei eine finanzielle und arbeitskraftmäßige Belastung der Provider durch Auskunftsansprüche gerechtfertigt.
Rechteverwaltung und digitaler Kontrollwahn Musikjäger und -Sammler
Abseits vom wohl noch lange nicht zu klärenden Kopierschutz-Drama wurde jedoch auch erwähnt, dass die Rechteverwertung vereinfacht werden müsse, da beispielsweise viele Filme nur deshalb nicht auf DVD erscheinen könnten, weil einige der Urheber nicht mehr am Leben und ihre Nachfahren nicht auffindbar seien, Seinerzeit konnten aber keine Videorechte vergeben werden, weil es noch gar kein Video, ganz zu schweigen von der DVD, gegeben hatte. In anderen Fällen legt einer von 17 Darstellern eines Film sein Veto ein und blockiert so alles (Filmrechte: Ein Millionenspiel).
Noch klarer auf den Punkt brachte es das Panel "Reizthema Rights-Management Kontrollphobie vs. Allmachtswahn?". Alex Luke, Director of Music Programming and Label Relations bei Apples Itunes-Music-Store, sagte hier ganz klar: "DRM sollte der Kunde gar nicht bemerken wenn er irgendwelche Probleme hat und Fragen stellt, dann kostet ihn und uns das nur Geld". Doch erste Online-Systeme erlaubten nur den Download von maximal 100 Dateien wer einen weiteren Song wollte, musste wieder einen löschen, wie Mark Mooradian von MusicNet berichtete. Der Musikfan hat so keinerlei Möglichkeit, ein Archiv aufzubauen. Nicole Dufft, Senior Consultant bei Berlecon Research meinte hierzu:
Es gibt Leute, die sammeln Platten
Von der ganz anderen Seite beleuchtete die Problematik Stephan Benn von der Anwaltskanzlei Benn, der Justiziar der VUT, der Indie-Labels ist:
Filesharing ist eines der stärksten Promotiontools, weshalb es bei Musicload auch kein DRM geben soll, sondern pures MP3.
Zudem ist DRM verwirrend, da bislang jedes Label seine eigenen Vorstellungen durchsetzen wolle, so Mark Mooradian von MusicNet: Bei der einen Plattenfirma soll man die Datei vor dem Kauf dreimal abspielen können, bei der anderen eine Woche, bei der dritten nur 30 Sekunden lang. Bill Rosenblatt, Moderator und Redakteur bei DRM-Watch ergänzte hierzu "Eine Schallplatte konnte man guten Freunden eine Woche leihen, dies sollte auch bei digitaler Musik möglich sein. Stattdessen könnte DRM mit Streaming sogar dazu führen, dass Musikstücke ganz aus dem Verkehr gezogen werden könnten. Vielmehr sollten sich DRM-Beschränkungen beispielsweise nach zehn Jahren selbsttätig auflösen.
Sehr kurzweilig war dagegen eine Diskussion von A&R-Managern (Artist & Repertoire-Manager): "Was im Firmenjargon Produktzyklus heißt, ist für A&R Manager längst zu einem Diktat bei der Auswahl der wenigen Künstler geworden, die überhaupt noch einen Plattenvertrag erhalten. Und auch bei denen kommt das Ende vom Lied oft viel schneller als man denkt. Die Halbwertzeit, in der heute Karrieren vonstatten gehen sollen, gleicht immer mehr dem Zeitlimit für sofortlösliche Fertigkaffees und -Suppen.", so die provokante, doch leider wahre Diskussionsvorgabe.
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| A&R-Manager unter sich v.l.n.r. |
Tom Bohne von Universal meinte hierzu "Rock benötigt länger als Pop" und natürlich waren sich alle anwesenden A&R-Manager schnell einig, dass sie natürlich nur hochwertige Rock-Künstler fördern, während die Pop-Casting-Superstars erstens woanders betreut würden und zweitens natürlich auch keinen A&R-Manager als "Trüffelschwein" brauchten. Doch im "Back-Katalog", den Platten-Evergreens, die sich auch in 20 Jahren noch verkaufen, finden sich nun einmal keine Supergurken. Mark Chung von Sony Music nahm seine Verantwortung prompt etwas zurück: "Plattenfirmen bringen einen Künstler nicht von 0 auf 100, sondern von 80 auf 500". Sprich: erst, wer bereits erfolgreich ist, bekommt auch einen Plattenvertrag. Oder per Empfehlung durch bereits unter Vertrag stehende Künstler, so Walter Holzbaur, Geschäftsführer der Wintrup Musikverlage. Das Internet spielt bei der Künstlersuche jedoch keine Rolle:
Bei uns sind nicht genügend Mitarbeiter, um im Internet rumzusurfen
Tim Renner, Enfant terrible der Musikbranche
Der inoffizielle Sieger der Popkomm ist ohne Zweifel Tim Renner, der nicht nur als einsamer Rufer in der Wüste sich gegen die Kundenschikane mittels Kopierschutz aussprach, sondern auch sein gesamtes Marketing auf die Messe ausgerichtet hatte: vom zwei Tage vorher erschienenen Buch ("Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm") über den eigenen Rundfunksender (Musik aus der Wohngemeinschaft Deutschland) bis zur 10-Jahre-Motor-Party, die in "Erichs Lampenladen" stattfand, dem ehemaligen Palast der Republik.
Dieser, einst monströses Vorzeigstück der DDR, entkernt und unter Wasser gesetzt, dient bis zum 9. November als Partygelände so, wie auch in München gerne in zum Abriss anstehenden Fabrikhallen Partys veranstaltet und die Ruinen für Schaumpartys unter Wasser gesetzt werden. Statt Erichs Kronleuchtern hängen von der Decke nun jedoch ein großer Spiegelkugel-Totenkopf sowie magentafarbene Leuchtwürfel der Telekom: Der böse Kapitalismus regiert jetzt gnadenlos in Honeckers ehemaligem Proletarier-Schloss.
Rammstein zeigten Knie als BDM-Mädels
Tim Renner setzte jedoch all diesen Verrücktheiten die Krone auf: zum zehnjährigen Jubiläum seines Plattenlabels Motor ließ er die berühmtesten Bands dieser Zeit aufspielen. Die Party hatte sich bereits in ganz Berlin herumgesprochen und die Schlange um den halben Republikpalast erinnerte prompt manchen an alte DDR-Zeiten. Doch gab es keine Kartoffeln, sondern ab 23 Uhr zu allererst Rammstein "wie ihr diese Band noch nie gesehen habt und auch nie wieder sehen werdet": In Ostuniformen und Locken und mit garantiert unrasierten Beinen als etwas zackigere Versionen von Lilo Wanders sangen sie "Hier kommt die Sonne".
Danach ging es mit Philip Boas Voodoo-Club weiter, die die Gäste wie von ihnen gewohnt freundlichst begrüßten ("Was glotzt ihr denn so blöd habt ihr noch nie ne coole Band gesehen?") und so durften die ganze Nacht viele Bands Tim Renner mit je etwa fünf Stücken ein Geburtstagsständchen bringen, während dieser von seiner Freundin im Galopp kreuz und quer durchs Publikum gezerrt wurde.
Dr. Angela Merkel und die Ärzte-Platte
Lustige Töne gab es auch bei der CDU zu hören. Diese hatte mit einem abendlichen Auftritt von Angela Merkel nein, sie sang nicht! auf der Popkomm selbst geladen. Die Garderobenfrauen traten allerdings in Streik: Nur widerwillig und gegen Aufpreis bedienten sie die Gäste, da sie niemand von den anstehenden, durch die böse CDU verursachten Überstunden informiert hatte. Sie machten ihrem Unmut deutlich Luft: "Also wenn die Kanzler wird, dann wander ich aus!". Dr. Merkel selbst gab wiederum weise Erkenntnisse zur geforderten Radioquote zum Besten:
Ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern, wir hatten damals (= in der DDR) auch unsere 60/40-Regel (= mindestens 60% DDR-Musik), und dann wurden halt vier Takte von den 60er-Titeln gespielt und die 40er-Titel wurden ausgespielt. Man sollte also ja nichts einführen, wo nur noch über Umgehungsmechanismen nachgedacht wird!
Ob Frau Merkel auch Frau Zypries von dieser Erkenntnis informieren wird? Aber nein, mit dem Kopierschutz und den Raubkopierern ist es natürlich eine völlig andere Geschichte, denn da ist es ja nun offiziell verboten, die störenden Mechanismen zu umgehen genau wie einst im DDR-Mecklenburg-Vorpommern. Ups!
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| "Mein Name ist Angela Hase, ich weiß von nix" (Bild |
Heiter wurde es dann noch, als man der CDU-Parteivorsitzenden ein überdimensionales Geschenkpaket mit den zehn erfolgreichsten Alben der Woche auf CD bzw. DVD "zur musikalischen Fortbildung" überreichte. Der Vorsitzende der Berliner CDU meinte hierzu nämlich keck "Wenn die Ärzte wüssten, dass sie nun zum Haushalt der CDU-Bundespräsidentin gehören".
"Angela Merkel ist halt auch nur ein Mann"
Jaja, so rächt sich das Establishment gnadenlos an den Musik-Revoluzzern. Doch werden diese das auf sich sitzen lassen oder gibt es nun eine Neuauflage von "Helmut K." mit dem Titel "Angela M. schlägt ihren Mann"? Telepolis wollte es natürlich genau wissen und fragte nach. Die Ärzte lassen sich natürlich auch von der CDU nicht überraschen und hatten bereits für alle Eventualitäten vorgesorgt:
Die nächste Single von Die Ärzte erscheint am 22.11. und heißt "Die klügsten Männer der Welt". Frau Merkel und der CDU-Vorsitzende von Berlin sollten sich diesen Song (der auf der verschenkten aktuellen Doppel-Live-DVD bereits enthalten ist) vielleicht genauer anhören, wenn sie wissen will, was Die Ärzte von ihr/ihm halten. Zusammen mit Edmund Stoiber, Tony Blair und dem Oberarschloch George Dabbeljuh Bush. Denn Angela Merkel ist auch ein Mann.
- Die Alles-Downloader... (9.10.2004 0:03)
- was soll daran schlimm sein ? (7.10.2004 12:24)
- Warum sollte ich das tun? (7.10.2004 12:20)
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