Weiße Hände in Unschuld gewaschen
Eine Erinnerung an die anhaltende Blutspur des Kolonialismus oder warum erst die Shoa ein Völkermord war
Nein, sie will nicht relativieren, nicht gegeneinander aufrechnen. Die in Kolumbien aufgewachsene Rosa Amelia Plumelle-Uribe will nur erinnern - aber an nichts Geringeres als an die Vorherrschaft der Weißen, an deren massenmörderischen Rassismus, an Versklavung der Ureinwohner Afrikas, Nord- und Südamerikas.
Die Autorin selbst stammt von afrikanischen Sklaven sowie indigenen Ureinwohnern ab und wirft in "Weiße Barbarei - Vom Kolonialismus zur Rassenpolitik der Nazis" die Frage auf, warum der Massenmord an den Juden als einzigartig gilt, indes in der westlichen Zivilisation - deren Ursprung übrigens das kürzlich noch friedliebend auftretende "Alte Europa" ist - niemand an den massenmörderischen Kolonialismus erinnert werden will.
Ob es sich ziemt, derlei "dynamische Verhältnisse" miteinander zu vergleichen, interessiert die heute in Frankreich lebende Autorin in ihrem flammenden Plädoyer weniger. Denn auch wenn das Buch streitbar ist, regt es zum Nachdenken an - erst Recht heute, wo wenige Jahrzehnte nach dem offiziellen Ende letzter Kolonialmächte und der Überwindung des südafrikanischen Apartheid-Regimes erneut Armeen westlicher Staaten zwecks Verhinderung von Völkermord (Kosovo) und Errichtung zivilisierter, demokratischer Staaten (Irak/Afghanistan) eingesetzt werden (oder eingesetzt werden sollen, siehe Sudan). Ist das die Folge dessen, was Plumelle-Uribe als europäische "Kultur der Vernichtung" umschreibt?
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Dann wäre Vorsicht angebracht, denn die Autorin webt ihren argumentativen Faden weiter, benennt jene Art der unbewältigten Unkultur als Wurzel dafür, dass letztendlich in Auschwitz maschinell gemordet werden konnte.
Die Zerstörungswut, die Daniel Goldhagen (in "Hitlers willige Vollstrecker"; mk) bei der Bevölkerung Hitlerdeutschlands zu erkennen glaubt, war diesem Volk keineswegs ausschließlich auf dem Leib geschrieben. Sie ist vielmehr bezeichnend für alle Gruppen, die sich in einer Situation der Stärke und Überlegenheit befinden. Es entspricht der Vernichtungskultur, die durch die moderne Barbarei hervorgebracht und genährt wurde - einer Barbarei, die in (dem von europäischen Eroberern "zivilisierten"; mk) Amerika ihren Ausgang nahm, in Afrika reproduziert wurde, auf dem asiatischen Kontinent ihre Fortsetzung fand, in Australien unerbittlich gegen Aborigines praktiziert wurde und schließlich in Europa selbst alle Grenzen sprengte. Die Vernichtung von 'minderwertigen' Gruppen war in die Lebensgewohnheiten eingegangen.
Erst mit Hitler wendete sich die "weiße Rasse" gegen sich selbst
Goldhagen stellte fest, die "ganz gewöhnlichen" Massenmörder einte, dass sie Deutsche gewesen seien. Ähnliche Vereinfachungen nutzt auch Plumelle-Uribe, indes geht sie viel weiter: Alle Täter der von ihr aufgezählten Massenmorde - das Wort Völkermord etablierte sich ihr zufolge erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges - seien weiße Europäer beziehungsweise deren Nachfahren gewesen. Und da sie die Ureinwohner der anderen Kontinent als "Untermenschen" ansahen, die teils schlechter als Vieh behandelt und ähnlich wie dieses im Sklavenhandel verkauft wurden, hat die weiße Rasse sich nie der eigenen Vergangenheit gestellt. Die Autorin verweist hier auch auf den bis heute in den USA und in Europa noch vorherrschenden Rassismus gegenüber Schwarzen.
Dass laut Plumelle-Uribe erstmals nach der Ermordung der Juden in NS-Deutschland von einem Völkermord die Rede war, der moralisch und rechtlich aufgearbeitet werden sollte, liege daran, da jenes Verbrechen die eigene Rasse betraf. Adolf Hitler sei der erste Weiße gewesen, der das Konzept, Gruppen von Menschen als minderwertig zu deklarieren, nicht auf andere Rassen, sondern auf die eigene projizierte. Dafür nutzte er die Einordnung zum "Arier" als höchste Spezies der weißen Rasse, andererseits wurden aber weiße Juden und Osteuropäer zu "Nichtariern", "Untermenschen" und "Ungeziefer" abgewertet. Merkwürdig findet es Plumelle-Uribe diesbezüglich, dass die Alliierten, darunter die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien sowie die USA, bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen darauf bedacht gewesen seien, die eigenen blutige Geschichte nicht zu thematisieren.
In den 1920er-Jahren, als Hitler sein Buch 'Mein Kampf' verfasste, musste die Überlegenheit der weißen Rasse nicht mehr nachgewiesen werden. Gelehrte aller wissenschaftlichen Disziplinen und philosophischen Richtungen hatten diesen Nachweis bereits geleistet und die Rassentheorie mit der Weihe wissenschaftlicher Wahrheit versehen. (...) Der Übergang von der 'weißen' zur 'arischen Rasse', den Hitler vollzog, erschütterte die bequeme Gewissheit, die bis dorthin alle Weißen aus ihrer Zugehörigkeit zur Herrenrasse zogen.
Jahrhundertlang lebten auch Juden in Europa, oft selbst mit antisemitischen Klischees belegt, schlecht angesehen, angefeindet, verfolgt, misshandelt und ermordet. Dennoch waren sie ein Teil der europäischen Kultur und der "weißen Rasse", womit wir zu einem der wohl unbequemsten Punkte in Plumelle-Uribes Buch kommen.
Im und nach dem Holocaust fanden viele der jüdischen Überlebenden Zuflucht im Nahen Osten, später wurde der Staat Israel gegründet und es wanderten US-amerikanische Juden ein. Für die Autorin unvorstellbar ist es daher, dass Diplomaten, hochrangige Regierungs- und Wirtschaftsvertreter des "gelobten Landes" trotz der Shoa neben den Kolonialmächten und Deutschland gute Handelsbeziehungen zu dem nationalistischen und rassistischen Apartheid-Regime Südafrikas unterhielten. Ebenso verweist sie darauf, dass Juden rassistischen Klischees oder gar Ausrottungsphantasien gegenüber Arabern nachhängen.
Der Frage, ob "die Wilden" allerorten friedlicher miteinander lebten, ehe die Europäer ihre Auffassung von Zivilisation exportierten, geht Plumelle-Uribe nicht nach. Es würde auch zu sehr daran erinnern, ob denn nun das Huhn oder das Ei zuerst da waren. Lenkt man indes den Focus in den Sudan oder blickt auf die Massaker in Ruanda zurück, muss man - zynischerweise - zumindest eines feststellen: Die europäisch-weiße "Schule" war ein grundsolides, weltweit äußerst erfolgreich exportiertes Lehrstück.
Rosa Amelia Plumelle-Uribe: Weiße Barbarei - Vom Kolonialismus zur Rassenpolitik der Nazis, Rotpunktverlag, 360 Seiten, 22,50 Euro
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18491/1.html- Bolschewiki u.a. (1.11.2004 13:18)
- Na dann gute Fahrt, (1.11.2004 10:16)
- ach komm (1.11.2004 9:26)
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