Jacques Derrida

Peter V. Brinkemper 11.10.2004

Zum Vermächtnis des Denkers der Différance

Jacques Derrida ist am 8. Oktober 2004 im Alter von 74 Jahren in Paris gestorben. Er erlag den Folgen eines Krebsleidens, das ihn schon länger von der Bühne der Universität und der Öffentlichkeit fernhielt. Mit dem am 15. Juli 1930 in El-Biar in der Nähe von Algier geborenen Philosophen verliert das europäische Denken einen ihrer maßgeblichen französischen Vertreter, der im Zentrum der Postmoderne stehend seit Mitte der 70er Jahre weltweit Beachtung fand, aber auch auf Ablehnung stieß. Mit seinem Grundgedanken der Différance hat Derrida ununterbrochen Anstöße für ein neues Denken diesseits und jenseits des Atlantiks gegeben.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Aus dem Film "Derrida" (2002) von von Kirby Dick und Amy Zierung Kofman. Bild

Die erste breitere Rezeption von Jacques Derrida in den 80er Jahren, an den deutschen Universitäten und im polarisierten deutschen Feuilleton, lief ebenso verheißungsvoll wie schleppend an: Da kündigte sich ein in Frankreich und den Elite-Universitäten in den USA etablierter Denker von Format an, um den sich eine neue geisterhafte Schule von teils verqueren Adepten quer durch alle Disziplinen bildete: Ein Kulturkampf war angesagt. Die Derridaristen, oppositionelle Studenten und noch nicht vollends etablierte Akademiker, Literataten und Journalisten, sahen in ihm eine negative Heilslehre der besonderen Art: Das antimetaphysische, sinn-unterlaufende Wortspiel trieb bald seine wunderlichsten Blüten. Andere sahen in seinen Schriften ein willkürliches und manieristisches Wort- und Sprachspiel.

Die Rhetorik der Abwesenheit, des Mangels, der Verschiebung und des Aufschubs von Sinn schien sich, fast schon bedrohlich, aufzublähen. Die aufklärten Gegner und Anhänger des überlieferten Vernunft-Lehrgebäudes beschimpften den Guru gleich zusammen mit seinem wahlverwandten psychoanalytischen Kollegen aus Paris: "Derida-da und Lancan-can".

Derrida hatte, wenigstens für seine Anhänger, ein konsequentes Thema: Die Dekonstruktion abendländicher Metaphysik und Philosophie, wie sie auch in ihren Nachfolgedisziplinen der Sprachwissenschaft, Politologie, Soziologie und Psychologie verdeckt weiterlebte. Und er verfuhr bei der Dekonstruktion mit einer unendlich geschmeidigen, fast schon chaotischen "Methode" der philologisch-philosophischen Lecture und Relecture, um die offiziellen Texte des abendländischen Denkens und der Aufklärung gegenzulesen und in ihrem manifesten Sinn und ihren latenten Semantemen (unendlich verzweigbaren Sinn-Atomen) immer wieder und immer weiter umzuwenden, bis sie die Subversion der in ihnen einbeschriebenen und verdrängten Themen freigaben.

Nihilismus oder der Spaß an der Rückkehr der tollen Menschen

Es gab da starke Affinitäten zwischen Derrida und einem seiner ersten Leseerlebnisse, dem umstrittenen Meisterdenker Martin Heidegger und seiner auf Nietzsche abgestützten Seinsgeschichte. Man erinnere sich nur einmal an eine jener berühmten Referenzen zu Nietzsche aus Heideggers "Holzwege":

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie

"Ich suche Gott! Ich suche Gott!" - Da dort gerade vielen von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen, wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Füchrtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? Ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts?

Nietzsche verweist in dieser zwar bekannten, aber selten genau gelesenen Parabel auf die paradoxe Durchschlagskraft eines Nihilismus hin, der der abendländischen Metaphysik vom platonischen Anbeginn an bis heute, bis ins Zeitalter von (Post-) Strukturalismus, der Luhmannschen Systemtheorie, der elektronischen Ansätze zu einer Theorie der Künstlichen Intelligenz und Internet-Medien innewohnt: Nicht erst das späte Stadium eines verblassten Glaubens an einen (christlichen) Gott sei von der "Krankheit" des Nihilismus befallen, sondern vor allem die strukturelle Annahme eines Gesamtsystems und eines übergeordneten Zentrums berge die Widersprüchlichkeit einer Sinnimplosion, eines Systemszusammenbruchs in sich.

Die philosophische Ursünde bestehe darin zu vergessen, dass die Liebe zur Weisheit gerade im unendlichen Aufschub des Sinns im offenen Horizont des Anderen und der Andersheit liege, nicht aber in der schlechten, abgekapselten Konstruktion einer metaphysischen "Hinterwelt", eines rein geistigen Jenseits der Ideen. Ein solcher reiner Logos zwinge das Denken dazu, das Hier und Jetzt jederzeit abzuschneiden, es in seiner Mannigfaltigkeit auf einen Ursprung zu reduzieren, der dem Nihilismus gerade durch die Transzendenz, durch den Überstieg aus der Wirklichkeitsfülle vorbereite: in der Entwertung des Diesseits durch den Geist, durch das Abknipsen und Ausknipsen der aktuellen und akuten Existenz in Lichte eines transzendenten, jenseitigen Wertbegriffs, kurzum durch die Schwächung des Lebens durch einen lebensfeindlichen Geist.

Nicht nur Gott stirbt, sondern mit der Entwertung und Entwertbarkeit der Werte fallen alle mögliche Prinzipien, die überhaupt einmal als unbezweifelbare Wahrheiten des abendländischen Denkens galten, in die Skepsis der Dekonstruktion: das Reich der platonischen Ideen, die Vorstellung eines christlichen theologischen Gottes, Schöpfers und Erhalters, die Annahme eines wahrheitsfähigen cartesianischen Subjekts, die Annahme eines absolutistischen Staates und seines rechtsförmigen Gewaltmonopols, die praktisch-ethisch orientierte Subjekt-Philosophie Kants zwischen empirischer Besonderung und gesetzgebender Verallgemeinerung, der Hegelsche Gedanke einer aus sich selbst ausdifferenzierenden Systems absoluter Vernunft, das auch der Wirklichkeit seinen Stempel mit voller List aufpräge. Aber auch das gegenläufige Konzept des irrationalen Willens zum Leben im Sinne von Schopenhauer oder Nietzsches Willens zur Macht, bis hin zur Existenzial-Ontologie Martin Heideggers, das menschliche Dasein vor aller logischen Bewusstseinsanalyse als ein lebensweltliches, aber tristes Sein zum Tode, getragen von Angst und Sorge zu bestimmen, ein Dasein, das im modernen, vorfaschistischen "man" der Routine der technologischen Massengesellschaft seine philosophische Bestimmung des "Zu-sich-selbst-kommens" verliere. Aber auch sämtliche immanenten Heilslehren des Internet und der digitalen Technologie erweisen sich als wertsetzende System-Ideologien, die kaum der Derridaschen Dekonstruktion standhalten würden.

Dekonstruktion oder die Kunst, das Meer auszutrinken

Jacques Derrida radikalisierte Heideggers Nietzsche-Lektüre und stellte den offiziellen Text der abendländischen Philosophen wie kein anderer zuvor in Frage. Jegliche offizielle Thematik, jede argumentativ tragfähige Position wurde nun von einem Meer von Fragen überschüttet, die sich allemal um die Hypothese gruppierten, dass ein bestimmter philosophischer Ansatz sich jeweils um einen zentralen Systemgedanken anordnet, dessen strenge Hierarchie damit das freie Spiel der Zeichen und Elementen unterdrückte.

In der frühen, 1972 bei Suhrkamp in deutscher Übersetzung publizierten Aufsatzsammlung "Die Schrift und die Differenz" lautete eines der gegen Hegels Modell der Zentrierung vorgebrachten Argumente in "Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen":

Das Zentrum setzt auch dem Spiel zwischen den Elementen der Struktur, das es eröffnet und ermöglicht, eine Grenze. Als Zentrum ist es der Punkt, an dem die Substitution der Inhalte, der Elemente, der Terme nicht mehr möglich ist. Im Zentrum ist die Permutation oder Transformation der Elemente [...] untersagt. [...] Man hat daher immer gedacht, dass das seiner Definition nach einzige Zentrum in einer Struktur genau dasjenige ist, das der Strukturalität sich entzieht, weil es sie beherrscht.

Aus dem Film "Derrida" (2002) von von Kirby Dick und Amy Zierung Kofman. Bild

Spätestens Anfang der 80er Jahre war diese Aufsatzsammlung zusammen mit den Thesen der "Grammatologie" zur Bibel der internationalen Dekonstruktivisten geworden.

Man hat daher immer gedacht, daß das seiner Definition nach einzige Zentrum in einer Struktur genau dasjenige ist, das der Strukturalität sich entzieht, weil es sie beherrscht. Daher läßt sich vom klassischen Gedanken der Struktur paradoxerweise sagen, daß das Zentrum sowohl innerhalb der Struktur als auch außerhalb der Struktur liegt. Es liegt im Zentrum der Totalität, und dennoch hat die Totalität ihr Zentrum anderswo, weil es ihr nicht angehört. Das Zentrum ist nicht das Zentrum.

Mit dem Bruch der seinsmetaphysischen Präsenz des Zentrums wird die Idee einer absoluten Referenz und ihre prinzipientheoretische Nostalgie aufgegeben zugunsten eines unendlichen Spiels der Substitutionen, die nicht mehr auf den Verlust eines (immer noch) unterstellten Zentrums, sondern dezentrierend, auf den Verweischarakter und die Nichtzentrizität jedes einzelnen Momentes hinarbeitet. In dieser post-strukturalen, anti-logischen und anti-positivistischen "Methode" stieß Derrida auch unter Anhängern Adornos auf eine gewisse Resonanz, wenn diese in Derridas subversiver Lektüre Adornos eigenen Diskurs der ästhetisch sensibilisierten Theorie wiedererkannten, die sich gegen die Verdinglichung des wissenschaftlich deduktiven Systemdenkens wandte und dabei doch an der melancholischen Trauer um ein verloren gegangenes metaphysisches Zentrum festhielt.

Die Grammatologie verträgt sich mit dem Internet

Was sich in Derridas Lektürekünsten artikulierte, war die Erfahrung der zeitlich-dynamischen Bewegung der Différance, des Bedeutungspotentials, das vom jeweiligen konkreten System nicht kontrolliert werden kann und das sich in der konsequenten Trennung, Verschiebung und Transformation der nur scheinbar ein für allemal fixierbaren Verhältnisse von Zeichen und ihren Denotationen (Objektbezügen) und Bedeutungen (Merkmalsdimensionen und relationalen Verknüpfungen) artikuliert. Es ging ihm um die Verflüssigung der nur scheinbar durch einen Interpretations-Usus eingeschliffenen Sinngebungen eines Textes, der aus einem klar durchschematisierten Sinngebungs-System jederzeit in eine polyloge Partitur verwandelt werden konnte.

In gewisser Weise könnte man in Derridas früher Arbeit an der Dekonstruktion eine Analogie zur Entwicklung und Modifikation von Computer-Betriebssprachen erkennen: Derrida brach mit dem Standardverständnis der großen Themen und Texte der klassischen Philosophie, mit den rationalistischen Grundannahmen der Psychoanalyse Freuds. Er legte die Brüche auch in den Quellen seiner ihm nahestehenden Vordenker Heidegger, Husserl, Benjamin sowie seiner Kollegen Jacques Lacan, Paul de Man, Michel Foucault, Roland Barthes frei. Damit aber wollte er nicht für sich selbst eine logische Kohärenz einfordern, sondern er suchte in den Verwerfungen der Texte, Begriffsbildungen und Argumentationsketten die Kraft zu neuen Perspektiven und Stimmführungen zu finden. Immer weiter unterlief er die Themen und Argumentationslinien durch die Technik der minimalistischen Lektüre, spürte in den Bedeutungseinheiten der Wörter und ihrer Etymologien (zufälligen, historischen oder systematisch-logischen Wortverwandtschaften) beinahe unendliche Neuschöpfungen von Sinn auf, die zwischen poetisch-magischer Anschaulichkeit und rhetorisch-struktureller Abstraktion oszillierten.

Was übrig blieb, war die Idee einer poststrukturalen Grammatologie, einer negativen Lehre von der Schrift als der zeitlich fragilen Artikulations-Spur des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Sinns - noch bevor das elektronische Zeitalter nach der Dogmatik der Großrechner auf ihre Weise in Gestalt von PC und Internet auch die akademische Welt davon überzeugen würde, dass die eine "logozentrische" Buchkultur mit ihren großen philosophischen und weltanschaulichen Argumentationssystemen keinen absoluten Bestand mehr haben würde in einer virtuellen Weltgestaltung mit hyperrealistischer Modellbildungen und perspektivischer Simulationen, permanenten synchronen Datenflüssen, hypertextuellen Links, Download-Versionen mit diachronen Zeitabständen und bewertungsmäßig aufgeladenen Varianten und Versionen, hilflosen und erfolgreichen Verschwörungen.

Es kam und kommt, auch im digitalen Zeitalter, darauf an, Datenkommunikationen, Textgattungen und Medienformate als labyrinthische Äußerungen einer zeitlich-dynamischen Spur einer Gesamtbewegung von flexiblen Bedeutungseinheiten zwischen Offenlegung und Verschleierung, Sinngebung und Sinnverstellung zu lesen, und sie zu diesen Zwecke eher als eine stumme, vieldeutige optische Schrift, denn als direkt konsumierbares User-nahes Geblubber einer schicken audio-visuellen TV- und Netz-Ästhetik misszuverstehen.

Es sollte nicht lange dauern, bis kein geringerer als Jürgen Habermas in die von Manfred Frank und anderen eingeleitete Vermittlung zwischen deutscher nach-idealistischer Philosophie und französischen postmodernen Denkern intervenierte und die von Derrida und seinen Adepten allerorten angestrebte Vermengung des Gattungsunterschiedes zwischen philosophisch-wissenschaftlicher Argumentation und literarisch-poetischer Rhetorik angriff.

Habermas forderte im Kern die Kontrolle eines auf vernünftigen Regeln basierenden Diskurses einer positiven Rekonstruktion leistenden Philosophie und Wissenschaft gegenüber dem ausufernden, ja konzeptlosen Skeptizismus der dekonstruktivistischen Vertreter zurück. Auf diese Weise löste er eine von verschiedenen Vertretern beider Seiten polemisch geführte Auseinandersetzung aus, die einiges klärte und vieles blockierte.

No Apocalypse, not now!

Zu den Glanzstücken der Derridaschen Lektüre gehört sicherlich immer noch die dekonstruierende Interpretation der "Apokalypse" in seiner Schrift "No Apocalypse, not now (Graz, Wien 1985). Ebenda führt er die Bedeutungspalette des griechischen Wortes "Apokalypse" zwischen "Enthüllung", "Offenbarung" und "Ende" vor und spielt virtuos mit der Wortverwandtschaft und Differenz von "Mission, missive" (Botschaft, Auftrag, Schickung) und "Missile" (ballistisches Geschoß, Bombe, Rakete).

Vielleicht ist dieser Text noch heute, neben den Reflexionen zur Theologie der Gewalt bei Walter Benjamin, eines der besonders beeindruckenden politischen Traktate, die Derrida gerade mit seiner scheinbar so weltentrückten philologischen Sinn-Zerstückelungs- und Verwirrungs-Methode ausfeilte: Noch im Horizont der Nachrüstungsdebatte um die amerikanischen cruise missiles, das Star-Wars-Programm und die Reagan-Doktrin, das atomare Patt zum begrenzbaren und gewinnbaren Atomkrieg umzumünzen, legt Derrida die simulative Rhetorik dieses militärischen Diskurses, die apokalyptische Semantik der Strategie gezielter Vernichtung offen.

Die rhetorische Analyse der Apokalypse in philosophischer und militärischer Hinsicht zeigt, dass die westliche Supermacht mit aller Kraft daran arbeitet, die Apokalypse aus ihrer Sicht in ein kontrollierbare Szenario zu verwandeln, zur bloßen Rhetorik ihrer technologischen Überlegenheit werden zu lassen. Und der spätere zweite Golfkrieg erscheint in seiner westlichen Interpretation des minimal-invasiven chirurgischen Eingriffs der Weltpolizei in eine von den USA strategisch mitgedeckte Staatsdiktatur als die logische Fortsetzung dieses Diskurses der souveränen technologischen Beherrschung und Umfunktionierung des apokalyptischen Patts.

Dabei enthält Derridas Analyse der apokalyptischen Sprechweise bereits Vorüberlegungen zu heutigen Welt des neuen globalen Terrors und seiner ständigen begrenzten apokalyptischen Inszenierungen. Kennzeichen für den Apokalytiker, ob nun "unbeteiligter" Prophet, Reporter oder "beteiligter" Krieger und Terrorist, ist der hohe Ton, die Hysterie des verstimmten Diskurses, die Entgleisung des Tons in eine zerrissene, immer wieder umschlagende Polyphonie. In dieser Entgleisung treten die Vernunft und ihre Widerpart, das Irrationale, das Andere, eben gerade in Form des antagonistischen Fanatismus ein, um sich vernichtend zu befehden. Diese Polyphonie erfasst alle deregulierten Sprachebenen und entfesselten Schichten des Materials.

In der vernichtenden Entgleisung der Töne und Stimmsätze, in ihrer Spaltung und Umwertung wird die Unangemessenheit der klassischen, aber auch der Rückgriff auf archaische Sprachmittel zum Ausdruck gebracht, der apokalyptische Ton ist immer auch der Ton der Vernichtung und zugleich der vernichtete Ton. Der Sound der Apokalypse enthält in sich das Getöse der einer in Barbarei umschlagenden Politik, den Lärm des Nihilismus zwischen Wertung und Entwertung, profanem Diesseits und sakralem Jenseits, eine explosive Mischung aller möglichen Versionen zur Beförderung oder Verhinderung des Endes.

Kommissar Derrida - Filmkultfigur und geläuterter Kerneuropäer

Derrida hat in der Kunst-, Literatur- und Medienwissenschaft, in Feminismus und Gender-Studies unwiderruflich sein Erbe hinterlassen, die Geschichtlichkeit der kulturellen Paradigmen zu hinterfragen.

Ein Juwel unter seinen vielen Abhandlungen, Essays und Überlegungen zur Kunst ist der photographische Nekrolog zu den "Toden des Roland Barthes" und der inszenierte polyphone Text zu einem Fotoroman "Recht auf Einsicht" von Marie-Françoise Plissart und Benoît Peeters, einer fotografischen Hieroglyphik, die durch die ausgeklügelte Inszenierung und montageförmige Abfolge der Fotografien ein dekonstruktives Märchen von der phantastischen architektonischen Ebenen-Verschachtelung und theatralischen Verstörung entstehen lässt.

Kriminalromane werden in dekonstruktivistischer Manier geschrieben, und manch pfeifenrauchender Kommissar scheint nun wie der Denker der Ecriture vorzugehen. Auch das Kino hat Derrida ein Denkmal gesetzt: "Derrida" 2002. Ein Film von Kirby Dick und Amy Zierung Kofman. Musi von Ryuichi Sakamoto."

Unter dem Druck der Politik der Regierung von Georg W. Bush nach dem 11. September bahnte sich eine transatlantische politische Koalition der kritischen Philosophen und Intellektuellen an, die nicht schweigen wollten. Nachdem man sich zuvor so oft akademisch vehement befehdet hatte, gingen nun Habermas und Derrida gemeinsam zurück zur polischen und ethischen Vernunft eines außenpolitisch gestärkten Europas (Endstation Amerika?).

Die kulturelle Vielstimmingkeit des alten Europas, die der algerische Jude Derrida einige Jahrzehnte zuvor so vehement vertrat, wurde nun überdacht vom Akzent eines starken rechtsstaatlichen und Minderheiten schützenden demokratischen Kerneuropa (Derrida). Gemeinsam plädierte man für die Toleranz eines interkulturellen Dialogs und die stärkere Institutionalisierung von internationalen Rechtsnormen gegenüber der Unvernunft der imperialen US-Supermacht, die ihren Glauben an die Technologie zum schrankenlosen und rechtlosen Anti-Terror-Feldzug steigerte. Habermas und der bereits kranke Derrida vereinten ihren Einfluss in einem gemeinsamen Aufruf mit Kollegen, wie Richard Rorty durch einen Dialog in verschiedenen europäischen Zeitungen, der nun zum Vermächtnis für einen von ihnen geworden ist.

Einige Literaturhinweise (Auswahl):

Derrida, Jacques: No Apocalypse, not now (full speed ahead, seven missiles, seven missives). In: Ders.: Apocalypse. Übers. v. M. Wetzel. Granz, Wien 1985. S. 91-132.

Derrida, Jacques: Grammatologie. Übers. v. H.-J. Rheinberger u. H. Zischler. Frankfurt/M. 1974.

Derrida, Jacques: Nietzsches Otobiographie oder Politik des Eigennamens. Die Lehre Nietzsches. Übers. v. F. A. Kittler. In: Fugen. Deutsch-Französisches Jahrbuch für Text-Analytik 1980. Hrsg. v. M. Frank, F. A. Kittler, S. Weber. S. 64-98.

Derrida, Jacques: Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie. In: Ders.: Apocalypse. Übers. v. M. Wetzel. Graz, Wien 1985. S. 9-90.

Derrida, Jacques: Die Stimme und das Phänomen. Ein Essay über das Problem des Zeichens in der Philosophie Husserls. Übers. u. hrsg. v. J. Hörisch. Frankfurt/M. 1979.

Derrida, Jacques: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen. In: Ders.: Die Schrift und die Differenz. Übers. v. R. Gasché. Frankfurt/M. 1972. S. 422-442.

Derrida, Jacques: Das Zeichen und der Augen-Blick. In: Ders.: Die Stimme und das Phänomen. Ein Essay über das Problem des Zeichens in der Philosophie Husserls. Übers. u. hrsg. v. J. Hörisch. Frankfurt/M. 1979. S. 115-124.

Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Frankfurt/M. 1985. Vorlesung VII: Überbietung der temporalisierten Ursprungsphilosophie: Derridas Kritik am Phonozentrismus. S. 191-218.

Ders.: Exkurs zur Einebnung des Gattungsunterschiedes zwischen Philosophie und Literatur. A.a.O., S. 219-247.

Frank, Manfred: Das Sagbare und das Unsagbare. Studien zur neuesten französischen Hermeneutik und Texttheorie. Frankfurt/M.1980. Darin: Die Entropie der Sprache. Überlegungen zur Debatte Searle - Derrida. S. 141-210.

Derrida, Jacques / Habermas, Jürgen: Philosophie in Zeiten des Terrors. Zwei Gespräche, geführt, eingeleitet und kommentiert von Giovanna Borradori. Berlin 2004.

Jürgen Habermas: Der gespaltene Westen. Frankfurt/M. 2004.

Marvin Chlada, Marcus S. Kleiner: Radio Derrida. Pop-Analysen II. Aschaffenburg 2003.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18532/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Karl lebt - als Zombie

Die Dekonstruktion versucht sich am Erbe des Marxismus

Lämmer und Wölfe der neuen Weltordnung

Jacques Derrida über den 11. September, die USA und Schurkenstaaten

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS