Jenseits der galaktischen habitablen Zone

Harald Zaun 11.10.2004

Im Herzen der Galaxis geht es derart wild zu, dass Leben auf biologischer Basis in dieser Zone keine Überlebenschance hätte

Im Zentrum unserer Milchstraße hat das Leben keine Chance. Zu diesem Schluss kommen jetzt US-Astronomen. Denn etwa alle 20 Millionen Jahre strömt Gas in das galaktische Zentrum und führt dort zur explosionsartigen Entstehung von Millionen neuer Sterne. Die größten dieser Sterne explodieren schon nach kurzer Zeit als Supernova und sterilisieren mit ihrer hochenergetischen Strahlung die gesamte Umgebung.

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Das massive Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße. Bild

Das Herz unserer Milchstraße ist nicht von pulsierendem Leben erfüllt. Hier, 26.000 Lichtjahre von unserem Heimatplaneten entfernt, macht ein supermassives Schwarzes Loch von mindestens 2,6 Millionen Sonnenmassen Jagd auf alle Form von Energie und Materie. Dank seiner gewaltigen Anziehungskraft verschwindet in seinem Schlund alles auf Nimmerwiedersehen in einem gewaltigen kosmischen Raum-Zeit-Strudel ins Nichts.

Galaktische habitable Zone

Dass im Zentrum unser Galaxis, in der unmittelbaren Umgebung von Sagittarius A (Sternbild Schütze), eine Quelle intensiver Strahlung existiert, die vor allem im Röntgenbereich stark emittiert, haben Beobachtungen mit erdgebundenen und orbitalen Teleskopen schon mehrfach bestätigt.

Dass in dieser höchst strahlenintensiven Region jedwede biologische Lebensform einen sehr schweren Stand hätte, liegt in der Natur dieser Zone. Denn was für einen Planeten in einem Sonnensystem gilt, gilt auch jedes Sonnensystem in einer Galaxie: Was außerhalb der habitablen Zone liegt, muss entweder mit zu viel Strahlung oder mit zu viel bzw. zu wenig Wärme vorlieb nehmen. Während ein Planet tunlichst den richtigen Abstand zu seinem Mutterstern einhalten sollte, damit auf seiner Oberfläche (zum Teil auch im Innern) flüssiges Wasser und somit biologisches Leben entstehen kann, sollte ein Sonnensystem hingegen möglichst auf Distanz zum Zentrum seiner jeweiligen Galaxie gehen.

Wie US-Astronomen vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics (CFA) in The Astrophysical Journal Letters schreiben, macht dieses kosmische ungeschriebene Gesetz auch vor unserer Milchstraße nicht Halt. Ihr Fazit: Im Zentrum unserer Milchstraße hätte biologisches Leben nicht den Hauch einer Chance, sich auszubilden oder zu überleben, weil sich dort ungefähr alle 20 Millionen Jahr heftige Sternentstehungsphasen ereignen, die mit Supernova-Explosionen einhergehen. Dadurch kommt es zu einer regelrechten Überflutung von Strahlung, welche die gesamte Region "sterilisiert". Diese ist derart ausgeprägt, dass sie glattweg sämtliches Leben auf potentiell vorhandenen erdähnlichen Planeten im Zentrum unserer Milchstraße auslöschen würde.

Dieses Ergebnis basiert auf Beobachtungsdaten, die das Forscherteam mit dem 1,7-Meter-Antarctic-Submillimeter-Telescope and Remote Observatory sammelten. AST/RO, so das Akronym des Teleskops, befindet sich in der amerikanischen Amundsen-Scott-Antarktisstation und ist derzeit das einzige Fernrohr weltweit, mit dem großflächige Beobachtungen am Himmel im Sub-Millimeter-Bereich durchgeführt werden können.

Ausgelöst werden solche immensen Sternentstehungsperioden durch Gas, das sich - 500 Lichtjahre vom Zentrum der Galaxis entfernt - zunächst in einem Ring aus Material konzentriert. In diesem Ring sammelt sich das von außen einströmendes Gas an. Dann konzentriert sich das Gas unter dem Einfluss einer rund 6.000 Lichtjahre entfernten rotierenden Region von Sternen in der Mitte unserer Milchstraße - dem so genannten Balken. Dabei wird durch Wechselwirkungen mit diesem Balken der Ring aus Gas immer weiter mit Material angereichert. Rund alle 20 Millionen Jahre erreicht der Ring dann eine kritische Masse und kollabiert in Richtung des Milchstraßenzentrums. In anderen Worten: Das Gas fällt in das Zentrum der Milchstraße hinein, wird dabei so stark komprimiert, dass es zu einem "Starburst" kommt.

Überfordertes Schwarzes Loch

Unter einem "Starburst" verstehen Astronomen eine explosionsartige Entstehung neuer Sterne. Stellare Eruptionen dieser Art ereignen sich beispielsweise auch bei Zusammenstößen zweier Galaxien oder mehrerer Sternsysteme. Aber eben auch in normalen Galaxien wie unserer Milchstraße gehören "Starbursts" zum All-Tag. Und dieser All-Tag könnte - gemessen an astronomischen Maßstäben - recht bald wieder Einzug halten. Denn die aktuellen Messungen deuten darauf, dass die Dichte im Gasring so langsam mal "wieder" ihren kritischen Wert erreicht. "Es wird sehr wahrscheinlich innerhalb der nächsten zehn Millionen Jahre passieren", vermutet Antony Stark vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in Cambridge, Massachusetts.

Die Astronomen glauben, dass in diesem speziellen Fall irgendwann einmal rund 30 Millionen Sonnenmassen Material ins das galaktische Zentrum der Galaxie fließen könnten. Dies könnte das dortige Schwarze Loch theoretisch überfordern, vermuten die Forscher, da es möglicherweise nicht das gesamte Gas absorbieren kann. "Das ist so ungefähr so, als wollte man einen Wassernapf für einen Hund mit einem riesigen Feuerwehrschlauch auffüllen", erläutert Stark. Daher dürfte viel von dem Gas wieder frei werden und so größtenteils für die Sternentstehung zur Verfügung stehen. Millionen neuer Sterne werden dann das Licht der Welt erblicken und ihr zugleich Licht geben.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18539/1.html
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