Ab ins Internet!
Die Bundesregierung will zusammen mit der Wirtschaft die Alten als "neue eGeneration" mit einem Gesamtpaket ans Netz bringen und hat dabei auch das "volkswirtschaftliche Potenzial" im Auge
Die Initiative D21, ein Bündnis aus Politik und Wirtschaft, will die Generation "50plus" ins Netz bringen. Mit der "IT-Qualitätsoffensive" Mittendrin im Leben - Ganz einfach Internet wird ein Gesamtpaket angeboten, maßgeschneidert auf die "neue eGeneration", das sowohl Hard- als auch Software, eine Vorort-Installation und Surfkurse beinhaltet. Eine Pressekonferenz, auf der das Paket vorgestellt wurde, nahm konfliktträchtige Züge an.
Schon länger nicht mehr hat man von den Senioren gehört. Das war um 1998 anders, als die Massenverbreitung des Internet begann. Damals waren die Silver-Surfer allemal eine Schlagzeile wert, wenn sich einer gefunden hatte, der besonders alt und besonders technikaffin war. Als sich flugs Seniorenverbände formierten und Teilhabe an der Informationsgesellschaft forderten, reagierte auch die Politik schnell, lobte Seniorenpreise im Bereich Multimedia aus und unterstützte zahlreiche Projekte, die die "Senioren ans Netz" bringen wollten.
Vom "Digital Divide" war damals viel die Rede, davon, dass die Senioren der "Wissenskluft", die das Internet hervorbringen könnte, als Erste zum Opfer fallen. Der einstige Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Siegmar Mosdorf, sprach diesbezüglich gar von "User oder Loser" und stellte 1999 auf einer Projekttagung in Berlin klar, dass "die Informationsgesellschaft keine Veranstaltung nur für die Generation 21" sei. Der berühmte "Masterplan für Deutschlands Wege in die Informationsgesellschaft" nahm seinen Lauf.
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Dort angekommen, wohin man einmal wollte, ist man bisher noch lange nicht. Es hat sich Ernüchterung eingestellt angesichts der hartnäckigen Internet-Resistenz in einigen Gesellschafts- und Altersschichten. Die hoch fliegenden Träume von einer multimedialen Gesellschaft sind den alljährlich im (N)onliner Atlas präsentierten Realitäten gewichen. Demnach steigt der Anteil der über Fünfzigjährigen bei der Internetnutzung längst nicht so stark an, wie vor Jahren prognostiziert: Laut aktuellem Report nutzen 50,3% der 50-59-Jährigen das Netz, bei den 60-69-Jährigen sind es noch 25,3% und die über 70-Jährigen sind mit bloß 8,8% vertreten. Von den 29 Millionen Menschen, die in Deutschland zur Gruppe der über 50-Jährigen zählen, besitzen im Schnitt folglich 28,2% eine Internet-Kompetenz.
Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels liegt hier ein großes und immer größer werdendes Potenzial brach, das freilich auch einige wirtschaftliche Versprechen birgt. Dies war sicher eines der Motive für die "IT-Qualitätsoffensive", die am Dienstagmorgen auf einer Pressekonferenz in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom vorgestellt wurde. Firmen wie Microsoft, T-Com, Intel, Symantec und Fujitsu Siemens nehmen daran teil.
"Das volkswirtschaftliche Potenzial soll nicht verschwiegen werden", bekundete Peter Ruhenstroth-Bauer, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf der Veranstaltung. Und Achim Berg, Bereichsvorstand Marketing und Vertrieb bei der T-Com, erläuterte, dass "die Hälfte der Kaufkraft bei den über Fünfzigjährigen" liegt. Dass andererseits der "Aktionsradius von Online innerhalb der Gesellschaft verbreitert werden" muss, so der Staatssekretär, steht angesichts der seit Jahren proklamierten "Chancengleichheit" wohl ebenfalls außer Frage. Es mag ein bisschen fade klingen, aus dem Munde von Jürgen Gallmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, zu hören: "Es ist doch schade, wenn die Enkel keine Briefe mehr und die Großeltern keine Emails schreiben können." Doch ist der Ausschluss von ganzen Gesellschaftsgruppen an bestimmten Informationen und kommunikativen Abläufen ein gesellschaftliches Faktum, dem sich die Politik und (warum nicht auch?) die Wirtschaft stellen müssen.
Ein Laptop für 1300 Euro muss schon sein
Gewöhnlich wird die Zurückhaltung von Älteren gegenüber dem Computer mit technischen Hürden erklärt. Computer gelten als zu kompliziert, die Installation von Software als zu schwierig - ganz zu schweigen vom Software-Knowhow und vom Feintuning zusätzlich eingebauter Komponenten. Das trauen sich die Novizen am PC nicht zu. Und sie mögen auch nicht Freunde und Bekannte um Hilfe bitten.
Daher hat die "IT-Qualitätsoffensive" das Ziel formuliert, mit einem Gesamtpaket auf den Plan zu treten, das sowohl Computertechnologie als auch Service und Support umfasst. Das Paket ist in jedem T-Punkt erhältlich und sieht ein Notebook der Firma Fujitsu Siemens (Amilo M7405) mit einem Intel Centrino-Chip zum Preis von 1299 EUR vor, einen Vorort-Installationsservice für 79,99 EUR, einen dreistündige Basis-Internetkurse für 9,90 EUR und den gewöhnlichen T-DSL 1000-Breitbandanschluss inklusive Volumentarif dsl 1500 MB für insgesamt 26,94 EUR. Die Software beinhaltet Windows XP Home, die MS Works Suite 2004 sowie Adobe Photoshop Elements 2.0 und DVD-Brennsoftware. Das einzig wirklich Günstige hieran sind wohl der Anschluss-Service Vorort und die Internetkurse. Denn das Notebook ist einfach kein Preisschlager, und ohnehin stellt sich die Frage, ob man als Senior gleich diese Ausstattung (DVD Dual Double Layer) braucht oder ob nicht eine abgespeckte, aber deutlich günstigere Alternative botmäßig gewesen wäre.
Großen Wert wird seitens der Initiative D21 darauf gelegt, ein zielgruppengerechtes System anzubieten. "'One size fits all' hat ausgedient", so Jürgen Gallmann von Microsoft. Agile 50-Jährige hätten andere Interessen und Nutzungsgewohnheiten als ein womöglich bereits in seiner Mobilität eingeschränkter 75-Jähriger. Barbara Keck von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) unterstrich die Adaptierbarkeit des Systems und versprach: "Wir werden immer wieder Anregungen geben, wie man das Paket an die Bedürfnisse von älteren Menschen anpassen kann."
Seit dem Frühjahr dieses Jahres hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Projekt "Online-Kompetenz für die Generation 50plus" gestartet und damit bislang 15.000 Menschen erreicht. Die ehrgeizigen Pläne sehen indes ganz anders aus: "Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, 75 Prozent der Bevölkerung bis zum Jahr 2005 ins Netz zu bringen", wie Staatssekretär Ruhenstroth-Bauer betonte.
Dass dies wohl auch nicht mit Hilfe der auf einem Begleit-Symposium entwickelten "10 Goldenen Regeln für Marketing und Produktentwicklung" (darunter "50plus muss an der Produktentwicklung beteiligt werden", "Klar, verständlich und deutsch präsentieren" oder "Ältere sind Konsum-Profis") mehr erreicht werden kann, erscheint einfach evident. Bloß eben den Beteiligten nicht. Denen war offenbar ebenfalls nicht bewusst, wie prekär das Thema Public-Private-Partnership in Kombination mit Senioren und dem Internet ist. Die Pressekonferenz am Dienstagmorgen entglitt den Veranstaltern jedenfalls, als von Journalisten die ungenügende Trennschärfe zwischen gesellschaftspolitischem Anspruch und marktwirtschaftlichem Kalkül moniert wurde.
Dass dies bloß ein Problem des "Wording" oder einer nicht sorgsam vorbereiteten Präsentation sei, wirkte als Erklärungsversuch recht hilflos. Anscheinend ist die Öffentlichkeit vom Gebaren der Wirtschaft, die sich zur Zeit ansonsten auch nicht gerade altruistisch zeigt, so wenig überzeugt - und entsprechend sensibilisiert -, dass man ihr den guten Willen hier nicht abnehmen will.
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18561/1.html- Navy postet die Regierungskriminalität zurecht - er weiß was er schreibt (8.9.2006 12:13)
- Bundes Regierung bezahlte 1,3 Milliarden ? an Berater Honorare (14.10.2004 18:19)
- Tja - also .... (14.10.2004 17:49)
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