Von mechanischen Sklaven hängt die Zukunft der Welt ab

16.10.2004

Dem legendären Dandy Oscar Wilde zum 150.

Heute vor 150 Jahren erblickte der Dichter, Denker und Dandy Oscar O`Flaherty Wills Wilde als Sohn des Augenarztes Sir William Wilde, laut Jens Rosteck ein “Casanova im Arztkittel“, und der Schriftstellerin Jane Francesca (auf ihren Gedanken, sich mit Namen “Speranza“ ansprechen zu lassen, um eine Ahnenreihe mit Dante Alighieri vorzutäuschen, muss man erst einmal kommen!) in Dublin das Licht der Welt. Durch sein unorthodoxes Elternhaus war Oscar Wilde sogleich ein gesunder Hang zur Exzentrik mit in die Wiege gelegt. Taufpate war übrigens niemand geringeres als König Oscar von Schweden. Mit seinen klassischen Aphorismen, geistvollen Epigrammen, pointenreichen Pardoxa, ausgefuchsten Apercues, überraschenden Tautologien und genialen Repliken, die wie ein funkensprühendes Feuerwerk in seinem Oeuvre zu finden und bis heute sprichwörtlich sind, hat Oscar Wilde Literaturgeschichte geschrieben.

Glaubensbekenntnisse finden ihre Anhänger, nicht weil sie vernünftig sind, sondern weil sie wiederholt werden

Auch als Dandy, der die segnenden Weihen des Mittelmaßes nie gekannt hat und. dem der Hang zu Kompromissen sein Leben lang abhold war, ist er legendär geblieben. Als Autor von mondänen und geistreichen Gesellschaftskomödien gefeiert, erlebte Oscar Wilde am Höhepunkt seines Ruhms den jähen Abstieg: Von dem Vater seines Liebhabers Lord Alfred “Bosie“ Douglas (eines echten “homme fatal“, der sowohl seine Lebensenergie entflammte als auch seine bürgerliche Existenz untergrub) als "posing sodomite“ bezeichnet, verlor Wilde nicht nur den darauf folgenden Verleumdungsprozess, sondern wurde im Anschluss daran verhaftet und wegen “Unzucht mit männlichen Jugendlichen“ zu zwei Jahren Zuchthaus und Schwerstarbeit unter übelsten Haftbedingungen verurteilt, von denen sich Wilde Zeit seines Lebens nicht erholen sollte.

In England als Homosexueller gebrandmarkt, siedelte Wilde nach Beendigung seiner Haft nach Paris über, wo er bankrott am 30. November in einer Absteige verstarb. Sein Schicksal zeigt, dass Oscar Wilde ganz recht daran tat, die Vervollkommnung der Persönlichkeit in der Kunst und nicht im Leben der viktorianischen Gesellschaft zu suchen., aber auch, dass sein gelebter Ästhetizismus, der die Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft nur zum Schein negieren konnte, nicht imstande war, ihn zu retten, als er mit diesem die Spielregeln der englischen Gesellschaft übertrat..

Die Finessen antiker Haartracht

Seit dem Besuch des Trinity College in Dublin war dank seines Lehrers, des Altertumshistorikers John Pentland Mahaffy neben seinem Hang zur Extravaganz gleichermaßen seine Vorliebe zur Klassik, zur Antike vorherrschend, was nicht nur seinen Essays deutlich abzulesen ist , sondern auch sein Coiffeur in Paris zu spüren bekam, der, von seinem Kunden mehrmals in den Louvre geschleift, sich die Finessen antiker Haartracht anhand der dort zahlreich ausgestellten Büsten aneignen musste.

Tatsächlich sind die Essays weitgehend unbeachtet geblieben. Zu Unrecht. Offenbaren sie doch nicht nur die an den klassischen Denkern der Antike geschulte Analysefähigkeit Oscar Wildes, sondern bieten eine grundlegende Darlegung seiner eigenen Kunst-, Lebens- und Gesellschaftsphilosophie, die jederzeit auf Augenhöhe mit der Philosophie eines anderen egozentrischen Denkers ist, Friedrich Nietzsche nämlich.

Nietzsche um ein Vielfaches überboten

In den Essays ist die Nähe (aber auch die Distanz) zum Denken Nietzsches mit Händen zu greifen.

Ihr Denken war und ist beispielhaft für eine Zeit, in der sich die Menschen von tradierten Verhaltensmustern und Vorschriften, die im Laufe der Zeit zu Selbstverständlichkeiten erhoben worden sind, zu lösen beginnen, ohne dass automatisch neue Verhaltensmuster nachwachsen.

So könnte folgendes Zitat aus Nietzsches “Morgenröte“ problemlos der Feder Oscar Wildes zugerechnet werden:

Die Sitte repräsentiert die Erfahrung früherer Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche - aber das Gefühl für die Sitte (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die Indiskutabiltität der Sitte. Und damit wirkt hier dies Gefühl dem entgegen, daß man neue Erfahrungen macht und Sitten korrigiert

das heißt, die Sittlichkeit wirkt der Entstehung neuer und besserer Sitten entgegen

Beide kommen aber - aufgrund ihrer unterschiedlichen Auslegung der Antike - in bezug auf die Krise ihres Zeitalters zu unterschiedlichen Schlüssen.

Während nämlich Nietzsche, die Inhalte seiner “Umwertung aller Werte“ rein negativ bestimmte, in den Aussagen über die positive Beschaffenheit dieses Zustands äußerst blass blieb, seine Kritik an den modernen Zuständen historisch und soziologisch nicht zu präzisieren wusste, die Rolle der Technik und der Wissenschaft in ihrer Ambivalenz nicht mit auf die philosophische Rechnung setzte und somit in einer rückwärtsgewandten Auffassung des griechischen Staates befangen blieb, nach welcher die Sklaverei der meisten die Bedingung der Möglichkeit zur freien Selbstentfaltung der wenigen war, erkannte Oscar Wilde ganz genau die Rolle der Technik, die in Zukunft anstelle der Sklaventums die Lebensnotdurft der Menschen befriedigen könnte. Folgende Ausführung Oscar Wildes in seinem großartigen Essay Der Sozialismus und die Seele des Menschen überbieten den Horizont eines Friedrich Nietzsche um ein Vielfaches:

Der Sozialismus und die Seele des Menschen

An der körperlichen Arbeit ist ganz und gar nichts notwendig Würdevolles, und meistens ist sie ganz und gar entwürdigend. Es ist geistig und moralisch genommen schimpflich für den Menschen, irgend etwas zu tun, was ihm keine Freude macht, und viele Formen von Arbeit sind ganz freudlose Beschäftigungen und sollten dafür

gehalten werden. (...) Der einzelne eignet sich das Produkt der Maschine an und

behält es und hat fünfhundertmal soviel als er haben sollte, und wahrscheinlich, was viel wichtiger ist, bedeutend mehr, als er tatsächlich braucht. Wäre diese Maschine das Eigentum aller, so hätte jedermann Nutzen davon. Sie wäre der Gemeinschaft von größtem Vorteil. Jede rein mechanische, jede eintönige und dumpfe Arbeit, jede Arbeit, die mit widerlichen Dingen zu tun hat und den Menschen in abstoßende Situationen zwingt, muss von der Maschine getan werden. (...) Jetzt verdrängt die Maschine den Menschen. Unter richtigen Umständen wird sie ihm dienen. (...) Es steht so, dass die Kultur Sklaven braucht. Darin hatten die Griechen ganz recht. Wenn es keine Sklaven gibt, die widerwärtige, abstoßende und langweilige Arbeit verrichten, wird Kultur und Beschaulichkeit fast unmöglich. Die Sklaverei von Menschen ist unrecht, unsicher und entsittlichend. Von mechanischen Sklaven, von der Sklaverei der Maschine hängt die Zukunft der Welt ab.

Während also Wilde wie Nietzsche davon ausging, dass die Freiheit vom Zwang der Arbeit die Voraussetzung für die Entfaltung wirklicher Kultur ist, blieb Nietzsche anders als Wilde der Blickwinkel auf die gesellschaftliche Tendenz verschlossen, dass die sozialen Verhältnisse von der Produktivität der Arbeit abhängen und somit die Menschen durch Verbindung mit der Technik von der Domäne der Arbeit immer mehr befreit würden. Fast scheint es, als hätte Wilde seinen Aristoteles an folgender Stelle der “Politik“ genauer als Nietzsche gelesen:

(...) wenn so die Weberschiffe selber webten und die Zitherschläge von selber die Zither schlügen, dann freilich bedürfte es für die Meister nicht der Gehilfen und für die Herren nicht der Sklaven

Wildes Essay beginnt furios mit einer der glänzendsten Moralkritiken, die jemals zu Papier gebracht worden sind. Wilde entlarvt das Mitleid als einen Affekt entlarvt, der zwar nur allzumenschlich ist, aber seinem eigentlichen Zweck - der Abschaffung von Zuständen, die mit dem Leiden des Mitleidens bedürfen - entgegensteht:

Der größte Vorteil, den die Einführung des Sozialismus mit sich brächte, wäre zweifellos die Tatsache, dass der Sozialismus uns vom unwürdigen Zwang, für andere zu leben, befreien würde, ein Zwang, der unter den gegenwärtigen Bedingungen auf fast allen so schwer lastet. Es gibt in der Tat kaum jemanden, der sich ihm entziehen könnte. (...) Die meisten ruinieren ihr Leben durch einen ungesunden und übertriebenen Altruismus - sie werden geradezu dazu gezwungen, es auf diese Weise zu ruinieren. Sie sehen sich umgeben von schrecklicher Armut, schrecklicher Hässlichkeit und schrecklichem Hunger. All dies macht sie unweigerlich betroffen. Die Gefühle des Menschen regen sich weit rascher als sein Verstand; und es ist (...) viel leichter, Mitgefühl für das Leiden zu empfinden, als sich für das Denken zu erwärmen. Deshalb macht man sich mit bewundernswerten, wenngleich fehlgeleiteten Absichten sehr ehrgeizig und sehr naiv daran, die Missstände ringsum zu beseitigen. Aber die Heilmittel bekämpfen die Krankheit nicht

Sie verlängern sie nur noch. Im Grunde sind sie sogar selbst ein Teil der Krankheit. Das Problem der Armut beispielsweise versucht man dadurch aus der Welt zu schaffen, dass man die Armen am Leben hält, oder, wie es eine der fortschrittlichsten Bewegungen fordert, dass man sie unterhält. Nur ist das keine Lösung; es verschlimmert die Situation eher noch. Das eigentliche Ziel muss dahin gehen, der Gesellschaft ein neues Fundament zu geben, das die Armut unmöglich macht

Eine Runde Hirsebrei

Nach Wilde ist nicht die christliche Demut, die Dankbarkeit der Armen, wenn sie von den Wohlhabenden eine Runde Hirsebrei spendiert bekommen, sondern die Unbotmäßigkeit die wesentliche Tugend des Menschen:

Jeder, der sich mit Geschichte befasst hat, wird bestätigen, dass Auflehnung die älteste Tugend des Menschen ist. Allein durch Auflehnung wurde Fortschritt möglich, durch Auflehnung und Aufsässigkeit.

Nun haben aber bedrückende soziale Verhältnisse die Eigenheit an sich, dass sie die Erkenntnis über die Unbotmäßigkeit des Lebens in Elend und Armut nicht aufkommen lassen: Die Massen, die zu sehr damit beschäftigt sind, für ihr kümmerliches Auskommen zu sorgen um sich über ihre Situation grundlegende Gedanken machen zu können, müssen von außen darüber aufgeklärt werden. Deshalb ist für Wilde die Rolle der Agitatoren von zentraler Bedeutung.

"Nicht Arbeit, sondern Muße ist das Ziel des Menschen"

Mit Aristoteles teilt der Dandy weiter eine Vorliebe für die Muße und gerät somit in paradoxe Nähe zu Karl Marx, der dem Kapitalismus insofern eine "zivilisatorische Tendenz“ attestierte, als dieser durch den Konkurrenzmechanismus getrieben den Faktor menschliche Arbeitskraft durch Maschinen und Technik stetig weiter ersetzt und es dem Menschen potentiell mehr und mehr erlaubt, sich als Gattung von der Arbeit als Grundlage seiner Existenz zu distanzieren.

Abschaffung des Privateigentums

Einen zentralen Grund für die Einführung des Sozialismus macht Wilde schließlich überraschenderweise in der Notwendigkeit aus, die dieser für die Etablierung des Individualismus besitze. Denn nach Wilde beschränkt das Privateigentum nicht nur die Armen, die auf die gesellschaftliche Funktion reduziert sind, Besitz für die Reichen zu produzieren, sondern auch die Reichen, da er ihnen nur einen beschränkten Grad von Individualismus gewährt, insofern auch bei ihnen der Besitz über die Person gestellt und der Mensch dadurch erniedrigt wird. Erst der Individualismus nach Abschaffung des Privateigentums wird dem Menschen adäquat sein, weil erst dieser keine Vereinseitigungen hervorbringen und die freie Entfaltung der Anlagen im Menschen gewährleisten wird. Auch wird hier die Basis für den Kultus der Askese, des Leidens und des Mitleidens, der bislang in einer armen und ungerechten Welt als eine Form von Selbstverwirklichung galt und doch nach Wilde als „ein Relikt der Barbaren“ gilt, entfallen:

Man bekommt mit den Essays von Oscar Wilde also nicht nur eine adäquate Einführung in den Problemkreis des modernen Lebens und des nietzscheanischen Denkens, sondern wird aus deren Aporien gleich wieder hinausgeführt.

Nietzsche hat einmal geschrieben, dass die Existenz der Welt nur mehr aus ästhetischen Gründen gerechtfertigt werden könne. Nun, auch die Ästhetik hat unter der Regierung Schröder merklich gelitten. Dieser hat unter anderem das Kunststück vollbracht, in der einen Woche von der “Mitnahmementalitität“ bei Sozialleistungsbeziehern zu sprechen und in der anderen die Kunstausstellung eines milliardenschweren Steuerflüchtlings und Erben eines verurteilten Kriegsverbrechers, der sich beharrlich weigert, in den Fond für die ehemaligen Zwangsarbeiter einzuzahlen, feierlich zu eröffnen, in der es unter anderem einen riesigen rosa Spielzeughasen und ein nicht minder süßes Bärchen in der besonders pikanten A Tergo-Stellung zu bewundern gab.

Eine Flaschenpost klassischen Dandytums

Heutzutage, da die Selbstbestimmung der Menschen mit der zunehmenden Unterordnung des Menschen unter die Ökonomie immer mehr als Illusion erscheint und Selbstverwirklichung zum Spleen gerät, fällt es somit immer schwerer, sich unter dem Begriff des “Dandytums“ etwas rechtes vorzustellen.

Auch hat der Individualismus - den man ja einfach leben könnte, und nicht ständig im Mund führen müsste, wenn es ihn gäbe - nicht unbedingt die besten Karten, wenn er lauthals propagiert wird, und das vor allem von Leuten, deren Ego dem einer unter Drogen gesetzten Ameise gleicht.

Da scheint es für den Dandy angeraten, er ließe sich in kümmerlichen und kleinen Zeiten erst einmal mit dem gebührenden Respekt begraben, bevor man ihn dereinst wieder frisch und frohgemut aus der Taufe hebt. Bis dahin allerdings kann man gut die Zeit mit der Lektüre von Oscar Wildes Werken - wahrlich eine Flaschenpost klassischen Dandytums - verbringen. Besonders empfehlenswert ist hier die wunderbare fünfbändige Neue Zürcher Ausgabe. “Das Bild des Dorian Gray“, “Die Märchen & Erzählungen“, “Der Kritiker als Künstler und andere Essays“, “Ernst und seine tiefere Bedeutung und andere Komödien“ und “Salomé & Brief aus dem Gefängnis“ wurden zum 150. Geburtstags von Oscar Wilde neu, fachkundig und mit Erkenntnisgewinn für das Publikum übersetzt, kommentiert und jeweils mit einem aufschlussreichen Nachwort des entsprechenden Übersetzers versehen.

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