Eine kleine Welt

Die Mundurukú können nur bis fünf zählen

Sprache formt das Denken. Was nicht benannt werden kann, mit dem kann auch nicht gerechnet werden. Neue Forschungen mit dem indigenen Volk der Mundurukú in Brasilien zeigen, dass selbst einfachste Rechenaufgaben nur gelöst werden können, wenn jemand sprachlich die Zahlen präzise benennen kann.

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Inwieweit prägt Sprache unser Denken, unsere Wahrnehmung von Realität? Pierre Pica vom französischen Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), Cathy Lemer, Véronique Izard und Stanislas Dehaene vom Institut National Français de Recherche Médicale (INSERM) sind dieses Problem mit konkreten Fragestellungen angegangen: Ist es möglich, ohne Sprache zu rechnen? Oder ist die menschliche arithmetische Fähigkeit abhängig von der sprachlichen Fähigkeit? Gibt es einen nonverbalen Sinn für Zahlen?

Das Team untersuchte das numerische Wissen der Mundurukú, die sich selbst "Wuy jug u" nennen. Die Mundurukú leben in einem autonomen Gebiet des brasilianischen Bundesstaates Pará (vgl. Lula übergibt 2,4 Millionen Hektar an 7.000 Munduruku-Indianer). Ihre Sprache gehört zur großen Familie der Tupi (Tupi-Guarani). Ungefähr 7000 Personen sprechen Mundurukú und die französischen Forscher reisten ins Kernland ihres Siedlungsgebietes, um ihre Tests mit Indigenen durchzuführen, die neben ihrer Muttersprache höchstens einige Brocken Portugiesisch verstehen.

Ein Erwachsener zeigt, wie er rechnet, wobei er zuerst seine Finger und dann seine Zehen benutzt (Bild

Die Sprache der Mundurukú kennt nur Worte für die Zahlen 1 bis 5, weiter zu zählen erforderte ihre Lebensrealität nicht, folglich entwickelten sie dafür keinen sprachlichen Ausdruck. Tatsächlich haben sie nur feste Ausdrücke für eins und zwei; für 3 sagen sie sinngemäß zwei plus eins, für 4 dann zwei plus eins plus eins, 5 ist eine Hand oder eine Hand voll. Als eine Hand wird aber auch manchmal 6, 7, 8 oder 9 benannt, ab 4 wird der sprachliche Ausdruck unklar.

Alles über fünf wird meistens mit Ausdrücken wie manche, viele, mehr als eine Hand, zwei Hände, einige Zehen oder alle Finger einer Hand und dann noch einige mehr benannt. Die Mundurukú zählen nicht sequenziell weiter, also nicht fünf und eins, fünf und eins und eins etc. Alles über fünf wird für sie vage, einige zählen zwar mit ihren Fingern und Zehen, aber nicht nach dem Prinzip des Zusammenzählens. Sie denken in realen Ziffern maximal bis fünf. Zahlen über fünf werden nur geschätzt, sie sind eine Annäherung, vergleichbar mit der Art, wie man in westlichen Sprachen manchmal grob von zehn oder auch einem Dutzend Leuten spricht, obwohl es real vielleicht neun oder elf Leute waren.

Laptop und Punkte

Die Forschergruppe um Pica besuchte die Mundurukú seit 1998 mehrmals (vgl. Videos Groupe de Recherche sur le Calcul Indigène). Sie brachte zuletzt einen mit Sonnenenergie betriebenen Laptop mit und sammelte Daten von 55 Ureinwohnern. Die Kontrollgruppe bestand aus zehn französischen Muttersprachlern. Die Befragten sollten eine auf dem Bildschirm erscheinende Anzahl von Punkten benennen, verschieden große Wolken aus Punkten (z.B. eine mit 20 Punkten und eine mit 80) voneinander unterscheiden und einfache Rechenaufgaben lösen, z.B. wenn sechs Punkte in eine Schachtel fallen und zwei unten wieder raus wie viele Punkte sind dann noch in der Schachtel?

Eine Mundurukú-Frau beim Nummern-Vergleichstest (Version auf Papier) (Bild

Bei den Rechenaufgaben war es für die Indigenen nicht möglich, mit Größenordnungen über fünf zurecht zu kommen, aber bei den Schätzungen, z.B. welche Punktwolke mehr Punkte enthält, schnitten sie genauso gut ab wie die französische Kontrollgruppe. Im Bereich der Schätzungen oder Annäherungen gab es also keine Unterschiede, nur bei konkreten präzisen Berechnungen. Letztere erfordern folglich eine klare sprachliche Benennung.

Das bestätigt die Ergebnisse der Wissenschaftler der Columbia Universität, die kürzlich eine ähnliche Studie mit den Pirahã, einem anderen indigenen Volk aus dem brasilianischen Amazonasgebiet durchführten (Eine Welt ohne Zahlen und ohne Farben). Beide Untersuchungen bestätigen im Bereich der Zahlenverarbeitung die Sapir-Whorf-Hypothese, die besagt, dass Sprache das Denken beeinflusst und damit letztlich unsere Wahrnehmung von Realität maßgeblich mitbestimmt.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18589/1.html
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