Hat Google das perfekte Spionagetool?

18.10.2004

Die Suchmaschinenfirma auf dem Weg zum gläsernen Desktop

Als Suchmaschinenprimus Google am 1. April dieses Jahres seinen neuen Email-Dienst GMail vorstellte, ging ein Aufschrei durch die datenschutzbewegte Öffentlichkeit. US-amerikanische Datenschützer zeigten sich ebenso wie ihre europäischen Kollegen besorgt über die Pläne der Suchmaschinenfirma, die Emails ihrer Postkunden künftig automatisch mitzulesen, um sie mit inhaltsbezogener Werbung versehen zu können (Bei jeder Mail wird mitgelesen). Bei Googles jüngstem Coup, der Desktop-Suche, blieb dieser Aufschrei bisher aus. Dabei sind die Gefahren, die von Googles neuem, gerade einmal 400 kB großen Werkzeug ausgehen, womöglich größer als diejenigen des umstrittenen GMail-Projekts. Denn das neue Suchwerkzeug durchforstet nicht nur Emails, sondern zeichnet sämtliche Useraktivitäten akribisch auf - und wird sie, einmal abgespeichert, niemals mehr vergessen. "Total Recall" - "Absolutes Gedächtnis", so lautete bezeichnenderweise Google-intern kurzzeitig der Codename für das ehrgeizige Projekt.

Die Idee, mit einem agilen Suchprogramm das Informationschaos im PC in den Griff zu bekommen, ist alles andere als neu. Angesichts steigender Festplattenkapazitäten tummeln sich immer mehr Webseiten, Dokumente, Tabellen, Emails, Bilder, Videos, MP3s und sonstige Dateien im heimischen PC. Die Windows-Dateisuche ist nicht gerade komfortabel und arbeitet zudem im Schneckentempo.

Deshalb hatten vor Google bereits etlicheandere Firmen die Geschäftsidee, spezielle Suchwerkzeuge zu entwickeln, mit denen sich die riesigen Datenmengen auf den Festplatten per Stichwortsuche bequem durchforsten lassen. Neu an dem von Google jetzt in einer kostenlosen, bislang werbefreien Beta-Version präsentierten Suchwerkzeug ist erstens die möglichst lückenlose Aufzeichnung sämtlicher User-Aktivitäten am PC und zweitens die Kombination von PC-interner und webweiter Suche.

Google merkt sich alles, was der User macht

Google kann nur finden, was vorher indexiert wurde. Das gilt im Web genauso wie für den heimischen PC. Und da Google den Anspruch erhebt, alles zu finden, muss für die Desktop-Suche der gesamte Festplatteninhalt gescannt und im Volltext indexiert werden. Zwar beschränkt sich die Suche in der jetzt veröffentlichten Betaversion noch auf die populärsten Dateiformate hauptsächlich aus Microsoft-Anwendungen. Doch für die Endversion seines Programms strebt Google die größtmögliche Kompatibilität an. Jede Mail, jedes Dokument, jeder Chat per Instant Messenger oder jede jemals besuchte Webseite werden dann akribisch in Echtzeit archiviert und im Suchindex verwurstet.

Der User kann die Totalindexierung zwar vorübergehend unterbrechen und einzelne Ordner sowie Dateiformate von der Indexierung ausnehmen. In den Standardeinstellungen merkt sich das neugierige Tool jedoch alles, was der User macht, und fertigt von jeder Datei sogar einen "Schnappschuss" an, der im Desktop-Cache des Suchprogramms gespeichert wird. Solche Schnappschüsse werden zusätzlich auch dann gemacht, wenn bereits archivierte Dateien geändert werden. Sämtliche Versionen beispielsweise einer besuchten Webseite oder eines Worddokumentes werden auf diese Weise archiviert und können später per Desktop-Suche in Sekundenschnelle wieder aufgefunden werden.

Google hat das "absolute Gedächtnis"

Googles Desktop-Suche arbeitet wie ein penibles Archivierungstool, das sämtliche Informationen in einigen wenigen Index- und Archivierungsdateien abspeichert. Die Archivierungsfunktionen erweisen sich für den Anwender abgesehen von der dadurch möglichen sekundenschnellen Suche auch sonst als überaus nützlich.

Google weiß, was seine Kunden wünschen. Ein privates Webseitenarchiv beispielsweise, das wesentlich besser und übersichtlicher arbeitet als die Bookmarkfunktionen herkömmlicher Browser. Mit dem passenden Suchwort lassen sich sämtliche jemals besuchten Webseiten wieder auffinden. Da bei jedem Webseitenbesuch automatisch ein Screenshot der besuchten Seite gespeichert wird, lassen sich auf diese Weise auch Veränderungen dokumentieren, die eine Webseite im Laufe der Zeit erfahren hat. Entsprechendes gilt auch für andere Dateien.

Jedes Mal, wenn beispielsweise ein Worddokument zwischengespeichert wird, fertigt die Desktop-Suche eine komprimierte Kopie an. Diese Kopien bleiben übrigens auch dann im Google-Cache erhalten, wenn die Originale gelöscht werden. Wurde eine Datei versehentlich gelöscht, lässt sie sich über Googles Desktop-Suche bequem rekonstruieren.

Weder Passwort noch Verschlüsselung

Suchmaschinenspezialisten wie Danny Sullivan sind begeistert und loben Googles Gründlichkeit und Suchgeschwindigkeit. Charlene Li, Analystin beim US-Marktforschungsunternehmen Forrester Research, kann diese Begeisterung nicht bedenkenlos teilen. Googles automatische Archivierungsfunktion sei "sehr nah" am User. Weil jede seiner Aktivitäten penibel aufgezeichnet werde, müsse sich der User bei seiner täglichen Arbeit ganz genau überlegen, wann und für welche sensiblen Dateien er die Archivierungsfunktion zulasse. Denn Emails, besuchte Webseiten oder Chat-Protokolle lassen sich dank Googles fotografischem Gedächtnis problemlos und schnell wiederfinden - von jedem, der sich, auf welchem Weg auch immer, Zugang zum PC des Anwenders verschafft.

Bisher war es relativ zeitaufwändig und schwierig, im Datenchaos eines fremden PCs exakt jene Dateien zu finden, die vertrauliche persönliche Informationen enthalten. Mit der Google Desktop-Suche und den richtigen Suchbegriffen dauert es nur noch Bruchteile von Sekunden, bis solche Informationen gefunden werden.

"In wenigen Minuten kann man den gesamten Computer durchsuchen und alles in jedem einzelnen Dokument finden", beschreibt Suchexperte Gary Price die Gefahr, die Googles neues Spielzeug für den Schutz der Privatsphäre beinhaltet. Die erstellten Indexdateien sind nämlich weder verschlüsselt, noch ist es derzeit möglich, das Suchprogramm per Passwort zu schützen. Arbeitgeber könnten auf diesem Wege bequem ihre Angestellten überwachen. Jede privat geschriebene Mail, jedes Dokument steht ihnen in Bruchteilen von Sekunden zur Verfügung. Auch das eigene Laptop sollte man von nun an stets im Auge haben. Wenige Minuten reichen aus, und der gesamte Festplatteninhalt ist durchsucht - und dank Googles neuer Desktop-Suche auch kopiert.

Google liefert das perfekte Spionagetool frei Haus

Die Google Desktop-Suche speichert ihre Index- und Archivierungsdateien im Windows-Systemverzeichnis im Ordner c:\Dokumente und Einstellungen\Username\Lokale Einstellungen\Anwendungsdaten\Google\Google Desktop Search. Ein Versuch zeigt, dass dieser Ordner nur auf einen anderen PC, der das Google-Suchtool ebenfalls installiert hat, kopiert zu werden braucht, und schon liegen alle Dateien, die Google je aufgezeichnet hat, völlig offen: Sämtliche Emails und Worddokumente können gelesen werden. Es kann in Text und Bild nachvollzogen werden, wann welche Webseiten wie oft besucht wurden. Auch alle Chatprotokolle können aufgerufen und gelesen werden. Kurzum: Der Datenspion kann sämtliche Useraktivitäten inhaltlich und zeitlich nachvollziehen.

David Burns, Chef der Firma Copernic, die ein ähnliches Tool allerdings mit wesentlicher differenzierterer Suchfunktion im Angebot hat, spricht von einem drohenden "Datenschutzdesaster". Man müsse seinen PC vor Online- oder Offline-Datenspionage eben schützen, meint Suchmaschinenexperte Danny Sullivan und rät allen Nutzern der Google Desktop-Suche, nicht alle Dateien indexieren zu lassen. Was nicht indexiert sei, könne auch nicht ausspioniert, von Googles Suchtool im Fall des Falles dann allerdings auch nicht gefunden werden.

Googles Suchwerkzeug telefoniert nach Hause

Aus Erfahrung wird man klug. Das gilt offenbar auch für Google. Nach den massiven Vorwürfen, die sich die Suchmaschinenfirma im Zusammenhang mit ihrem GMail-Projekt gefallen lassen musste, wird die Firma diesmal nicht müde, darauf hinzuweisen, dass sie keinerlei Zugriff auf die erstellten Index- und Archivierungsdateien habe. Das Suchtool "telefoniere" zwar einmal täglich mit den Servern in Googles Hauptquartier. Dabei würden allerdings nur quantitative Daten zur Häufigkeit von Nutzung oder Programmabstürzen übertragen. Diese Daten brauche das Google-Entwicklerteam, um das Suchtool zu verbessern. Persönliche Daten würden keinesfalls gesendet. Außerdem könne diese Funktion auch abgeschaltet werden.

Tatsächlich hat Google derzeit keinen Zugriff auf die im Suchtool-Cache gespeicherten Dateien. Bei der Suche im heimischen PC bleibt Google außen vor.

Ob diese selbst auferlegte Enthaltsamkeit auch für die Zukunft gelten soll, bleibt unklar. Die lokale Desktop-Suche ist bisher werbefrei. Laut Google-Sprecherin Marissa Mayer habe Google derzeit auch keine Pläne, das zu ändern. Für die Zukunft mochte sie allerdings nicht ausschließen, dass in den Suchergebnislisten der lokalen Desktop-Suche Werbung eingeblendet werden könnte.

Sollte es sich dabei um kontextbezogene Werbung handeln, müsste das Google-Suchtool zumindest die eingegebenen Suchbegriffe an die Server in der Google-Zentrale weiterleiten, um anschließend die zum Kontext passenden Werbeanzeigen schalten zu können. Zusammen mit der einzigartigen Identifikationsnummer, die jedes Google-Suchprogramm besitzt, ließe sich dann recht schnell ein Userprofil erstellen - eine Möglichkeit, die Google heute schon besitzt.

Google kennt dich!

In den Standardeinstellungen kombiniert das neue Google-Suchtool Web- und Desktop-Suche miteinander. Wird ein Suchbegriff eingegeben, sucht das Programm nicht nur auf der heimischen Festplatte, sondern im gesamten Web. Die Suchergebnislisten präsentieren anschließend die passenden Quellen säuberlich nach ihrer Herkunft getrennt: zuerst die Ergebnisse der Desktop-Suche, darunter die im Web gefundenen Seiten, alles garniert mit kontextbezogener Werbung. Die Desktop-Suche sei völlig privat, erklärte Google-Sprecherin Marissa Mayer. "Google weiß nicht, was geschieht, wenn die Festplatte durchsucht wird."

Das mag für den Indexierungsvorgang auch durchaus stimmen. Für die kombinierte Web- und Desktop-Suche gilt diese Aussage in ihrer Absolutheit keinesfalls. Werden beide Suchfunktionen kombiniert, könnte Google nämlich bereits jetzt mehr über den lokalen Festplatteninhalt erfahren, als dem User lieb sein kann. Im Januar erklärte Google-Geschäftsführer Eric Schmidt, es sei das Ziel seiner Firma, ein Google zu erschaffen, "das dich kennt". Mit seinem neuen Suchwerkzeug kommt Google diesem Ziel mit Riesenschritten näher.

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