Wenn unser starker Arm es will

"Proteste" an den deutschen Opel-Standorten - meldet sich die Arbeiterklasse zurück oder gelingt wieder einmal die Aufführung eines großen deutschen Kostümstücks mit Zehntausenden Komparsen?

Großes Theater in Bochum und Rüsselsheim - die Konzernspitze will Hackepeter machen, der Belegschaft platzt langsam der Kragen und alle anderen begreifen die Gelegenheit als Bühne, auf der sie das bekannte Schmierenstück von der Sozialpartnerschaft noch ein letztes Mal aufführen können - bevor richtig Hackepeter gemacht wird.

Eines haben die "protestierenden" Arbeiter in Bochum und Rüsselsheim schon einmal geschafft - Überraschung bei denen, die sie verwalten, ja sogar einen milden Anflug der Angst, die sich der Ahnung verdankt, es könne noch auf jemand anders ankommen als auf die Verwalter. Dass sich die Schaffer nicht wie üblich mit Begeisterung in Armut und Suff verabschieden lassen, nachdem sie den besten Teil ihres Lebens für Opel gebuckelt haben, das ist man hierzulande noch nicht gewohnt.

Sozialpartnerschafts-Wanderzirkus

Die Hartz-Anrührer und Sozialstaatsabmurkser sind überrascht, dass ihre soziale Gameshow-Botschaft angekommen ist: Wenn du draußen bist, bist du draußen, und zwar für immer. Es kennzeichnet die außerordentliche Hirnverbranntheit der herrschenden Klasse in Deutschland, dass sie nicht einmal in der Lage ist zu erkennen, dass ihre Kampfansage im Kern verstanden wird - was natürlich noch lange nicht heißt, dass diejenigen, die den Kern der Kampfansage verstehen und in hilfloser Wut bekämpfen, auch den Antagonismus und sich selbst wirklich begreifen.

Und damit das weiter so bleibt, erleben wir derzeit eine ganz außerordentliche Mobilisierung von alternden Showstars und klapprigem Theatergerät, die den Sozialpartnerschafts-Wanderzirkus in hartzigen Zeiten noch einmal mit neuem Leben erfüllen wollen. Die Direktion bittet die gähnenden Akrobaten noch einmal in die Arena, die Show muss noch einmal steigen. Was machensie uns auch immer für Mühe, diese ungehobelten Proleten: Wir wollten sie doch einfach ruckzuck auf den Müll schmeißen, und jetzt müssen wir peinlicherweise noch einmal Wörter wie "Sozialverträglichkeit" und "Auffanggesellschaft" in den Mund nehmen. Haben diese Wörter auch nur ein Quentchen Sex? Wir wollten diesen ganzen Sozialquatsch doch so schnell wie möglich hinter uns lassen? Was für eine Blamage!

Auftritt: die Medien

Es hatte schon seine Komik. Überrascht, ja angeekelt von der ungebührlichen Unruhe unter den Blaumännern, versuchten die Medien ein Label zu finden, irgendwie mit dem Phänomen klar zu kommen und als man nicht weiter wusste und dennoch berichten musste, verfiel man auf die Sprachregelung von den "Protesten". So hilflos es wirkte, so genau war doch der Sinn: Dass die Arbeiter eben nicht mal nach der Spätschicht noch ein bisschen mit IG-Metall-Fahnen herumwedelten, sondern einfach zur Spätschicht nicht antraten, war aus den Berichten von den Protesten absolut nicht zu ersehen. Und darum ging es ja: in der Rede vom Protest die Realität des Widerstands aufzulösen. Erst als es gar zu peinlich wurde, ersetzte man den Sprachjeton vom "Protest" durch den Begriff "Streik" - freilich bereits begleitet von jenem Adjektiv, das die Bedenklichkeit des Ganzen gleich mitanzeigte: "wilde Streiks" waren das nämlich, solche, die nicht mit dem "Arbeitgeber" und den Faxenmachern von der Gewerkschaft zur Absicherung ihres Scheiterns abgesprochen waren.

Einfach so gestreikt. Einfach nicht das gemacht, was die "Arbeitgeber" von einem wirklich wollen: Arbeiten rund um die Uhr, arbeiten zu jedem Lohn, zu allen Bedingungen, bis zum Umfallen, wenn es sein muss. Unglaubliche Unverschämtheit. Natürlich würden ohne die "wilden Streiks" der frühen Arbeiterbewegung heute noch verlumpte Fünfjährige in irgend welchen Bergwerksstollen Kohlenkarren hinter sich herziehen, aber das wurde lieber nicht erwähnt. Mittlerweile wird, rein zur pädagogischen Vorbeugung, den "Rädelsführern" des "wilden Streiks" schon einmal mit fristloser Entlassung gedroht - die Medien reichen die Drohung gerne weiter. Die Streikenden bieten derweil sehr gutes Schwenkfutter für die Abendnachrichten.

Auftritt: die Gewerkschafts-Clowns

Clowns sind im Zirkus dazu da, vorzuführen, wie man lachend leidet. Wenn man ihnen in den Hintern tritt, plumpsen sie hin, stehen aber gleich wieder auf, um zurückzutreten. So hart es auch kommt, im Grunde ist alles ein großer Schabernack. Das Publikum lacht, fühlt sich lachend von den Clowns verstanden und versteht sich lachend in ihnen selbst. Total überrascht davon, dass ihre Mitglieder klug genug waren, in den Ausstand zu treten, als sie noch ein Faustpfand in der Hand hatten (nämlich die Produktion der Schlüsselkomponenten für die anderen europäischen Opel/GM-Standorte), mussten die Gewerkschaftsfunktionäre ein wenig rennen, um sich wieder an die Spitze des "Protests" zu setzen - in den vorgestanzten Statements von der gerechten Arbeiterwut, in dem handelsüblichen Empörungstheater war noch ein wenig von der Atemlosigkeit zu spüren, die das ganze Gerenne hervorgerufen hatte.

Inhaltlich kam danach wenig rüber außer der illusionären Bitte um die Sozialverträglichkeit der kommenden Asozialitäten und, als Bodensatz des dünnen Gewerkschaftskaffees, der da aus der IG Metall-Thermoskanne ausgeschenkt wurde, ein verblödeter Antiamerikanismus, der dem Publikum weismachen wollte, hier wehre sich das alte Europa gegen schlimme neoliberale Machenschaften aus Amerika - als würde sich ein deutscher Konzern um ein Jota anders verhalten, wenn es drauf ankommt.

Ein riesiges, gut erkennbares Banner mit der Aufschrift: "It's capitalism, stupid!" bei jeder Pressekonferenz dieser Gewerkschaftsstrategen - ein Wunschtraum. Statt dessen wird hinter all den angestaubten Theaterkulissen jetzt wieder gekungelt und gemauschelt, bis minimale kosmetische Zugeständnisse der Konzernleitung als unglaublicher Verhandlungserfolg präsentiert werden können, mit dem typischen Mehr-war-nicht-drin-Gesicht, das bei den Gewerkschaftsspitzen und vor allem ihren PR-Frontends zur schauspielerischen Grundausstattung gehört.

Auftritt: die Politik

Bei einem so schönen Zirkus durften natürlich auch die Dompteure nicht fehlen, und einer, der immer besonders gern den Tiger durch den Feuerreif springen lässt, auf gar keinen Fall: Super-Wolfie von der Sozialdekonstruktiven Partei Deutschlands (vgl. Der Nebenkanzler). Als einer der ersten an der Verdummungs- und Beschwichtigungsfront brachte er den Streikenden sein doppeltes Verständnis: das für ihre Wut und das größere dafür, dass sie leider gehen müssen.

Dass er nicht gleich das sagte, was er meinte, nämlich: "Verpisst euch, ihr nervt!", ist einzig und allein auf einen letzten Rest taktischer Klugheit zurückzuführen und auf den schon erwähnten Anflug von Angst, der das Fallen der letzten Masken noch verhindert. Andere abgehalfterte Vorturner, wie zum Beispiel Klaus von Dohnanyi, versuchten es ebenfalls mit antiamerikanischem Schwachsinn nach IG-Metall-Art. Alles in allem genau das, was man aus dieser Ecke der Gesellschaft zu erwarten hatte.

Was all die Artisten von den Medien, aus der Politik und den Gewerkschaften eint, ist ihr fester Wille, mit ihren Kunststückchen bei den Streikenden ein paar Grunderkenntnisse zu verhindern: dass ihnen Opel sowieso gehört, dass der Beschiss nicht mit dem Beschluss zum Downsizing, sondern mit dem Arbeitsantritt anfing, dass das Management, dessen Fehlleistungen sie beklagen, das beste ist, das Opel/GM je hatte, weil das Wohlergehen der Arbeiter einfach nicht sein Thema ist und nicht sein kann, wenn es seinen Job gut machen will.

Und so stehen sie dann vor ihren Fabriken, belabert von den Medien, beschwichtigt von den Politikern, abgelenkt durch nationalistischen Unfug von den Gewerkschaften und ihre eigenen nationalistischen Illusionen - und streiten für Arbeit und nicht dagegen, protestieren mit dummen Sprüchen wie "Wir kämpfen mit dem Kettenhemd gegen schlechtes Management!" dafür, dass Daddy doch endlich wieder lieb wird und haben vergessen, dass es einmal um weniger Arbeitszeit, mehr Lohn und in der Verlängerung ums Ganze ging. Sie wollen nicht einsehen, dass sie die Opfer eines Prozesses sind, in dem unser Wirtschaftssystem gerade durch eine brutalisierte Version seiner selbst ersetzt wird. Anders, als die "Arbeitgeber" meinen, wohnt diesem Beharren ein Konservatismus inne - es ist ein Konservatismus, der die nötige systemüberwindende Progressivität nur vertritt.

Die Opel-"Proteste" sind so in mehrfacher Hinsicht gleichzeitig rückwärtsgewandt und zukunftsträchtig. Diejenigen, die nur die Vergangenheit kennen, die das Theater der Grausamkeit pausenlos mit ihren selbsterzeugten Sachzwängen bespielen, wissen sich im Vorteil: Auch diese "Proteste" kriegen wir klein, so ihre Überzeugung. Wenn es geht mit ein paar kleinen Kompromissen, die jederzeit wieder kassiert werden können, wenn nötig mit Gewalt. Es ist gut möglich, dass sie darin Recht behalten. Aber eins ist sicher: Der "wilde Streik" bei Opel, den man trotz allen Unterschieden zu dem "wilden Streik" bei Ford/Köln 1973 fast schon historisch nennen kann, war nur der Anfang. Ob von etwas Gutem, wird sich zeigen.

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