Ein Oscar für Adolf?
Vom Mega-Monster zum Massenmörder von nebenan - Zum Streit um den Hitler-Film "Der Untergang"
"Wir müssen Hitler solange wiederholen, bis er ein Hit wird" - meinte einst der Kabarettist Wolfgang Neuss. Auf die verdutzte Nachfrage des Interviewers setzte er zu einer seiner buddhadadaistischen Erklärungen an, bei der es um die Wiederkehr alter Geister in der Weltgeschichte ging. Wenn man dieses Reinkarnations-Kabarett bis heute fortspinnt, würde der Anti-Militarist Neuss den unerledigten Hitler-Geist mittlerweile geographisch vermutlich anderswo im Bush sehen - und in dem manchmal etwas treu-schweizerischen Augenaufschlag des gepriesenen Hitler-Darstellers Bruno Ganz einen Beleg für seinen Befund: "Im Grunde seines Herzens war Hitler blond."
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| Vermenschlichung Hitlers. Bild |
Dass mit dem Film "Der Untergang" (Eine deutsche Fleißarbeit) eine "Relativierung" der deutschen Verbrechen einhergehen könnte, dass Neo-Nazis und NPD-Wähler für die "Vermenschlichung" Hitlers dankbar und deshalb begeistert von diesem Film wären, dass er zwar künstlerisch gut gemacht sei, aber letztlich nichts Neues bringt und politisch das falsche Signal aussende - so oder so ähnlich lauteten einige Befürchtungen in den Medien. Mir scheint der Grund für den Kassenerfolg vor allem darin zu liegen, dass "Der Untergang" nicht als Spielfilm gesehen wird, sondern als Dokumentation. Dass ein kleiner Ausschnitt dessen, "was wirklich geschah", nach 60 Jahren ein solches Aufsehen erregt, hat wohl damit zu tun, dass Hitler und die Nazis im Kino bisher meist nur als monströse Karikaturen vorgeführt wurden. "Gute" SS-Leute, die Verwundete pflegen; der Führer als "freundlicher Chef" - dergleichen Symbolik war in der cinematischen Ikonographie des Dritten Reichs bislang ausgespart.
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Wenn also der Realismus des Drehbuchautors Bernd Eichinger irgendetwas relativiert, dann nur die Karikatur eines Monsters und seiner Horden stiernackiger Orks. Nun also der Tyrann mit menschlichen Gesicht, der Diktator von nebenan, der ganz normale Völkermörder ? Ist das nicht bedenklich? Wim Wenders findet, ja:
Ich habe diesen Hitler als viel zu bemitleidenswert und menschenfreundlich empfunden in diesem Film. Letzten Endes ist es eine unglaubliche Verharmlosung dieser historischen Figur Hitler. Damit will ich nicht sagen, dass Bruno diese Figur schlecht gespielt hat, im Gegenteil, er hat das gigantisch gemacht, wie ich die Leistung von Eichinger ohnehin nicht schmälern will. Es ist eine Wahnsinnsarbeit, die sie geleistet haben. Aber ich habe doch zu viel Bruno Ganz darin gesehen, letzten Endes wurde sein Hitler zu einer Figur, mit der ich Mitleid gehabt habe. Ob Mitleid etwas ist, womit man der historischen Hitler-Figur begegnen kann, weiß ich nicht. Ich bin aus dem Film herausgegangen und habe mir gedacht, dass die Hitler-Trauerarbeit in Deutschland jetzt erst Recht zu machen ist. So ein harmloser alter Trottel kann er nicht gewesen sein. In dem Film kommen auch plötzlich so viele gute Deutsche vor, dass mir noch ganz schwindlig ist.
So ist es wohl einigen ergangen. In anderen Teilen der Welt scheint man dagegen das Phänomen Hitler ganz anders zu sehen; der "Spiegel" berichtete von einem aktuellen indischen Schulbuch, in dem die Großtaten von Mussolini und Hitler seitenlang gepriesen werden, während der Holocaust nur mit einem Satz erwähnt wird. Überhaupt scheint in weiten Teilen Asiens ein ziemlich gelassener Umgang mit dem teutonischen "Bad Boy" vorzuherrschen, wie das Foto dieses in Südkorea gelegenen Technoclubs zeigt.
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Einträchtig an einer Ecke mit der 7/11-Filiale könnte der Schuppen, versehen mit den entsprechenden Signets, auch "Dschingis Khan-Bar", "King-Kong-Lounch" oder "Che Guevara-Club" heißen. Dass sich bei "Hitler" koreanische Faschisten treffen und zum kleinen Braunen "Mussolini au chocolat" naschen, kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Eher, dass Hitler jetzt als Pop-Ikone angekommen ist... zumindest in Südkorea.
Der als Götzendämmerung inszenierte "Untergang", der soeben als deutscher Oscar-Beitrag angemeldet wurde, könnte diesen noch exotischen Trend weiter befördern. Wie aber hätte dagegen die von Wenders geforderte "Hitler-Trauerarbeit" auszusehen? Vielleicht ein Film, der nicht die Höllenfahrt eines Nero-artigen Wahnsinnigen dokumentiert, sondern seinen Aufstieg, seine Hintermänner und Finanziers.
"Wer aber vom Faschismus spricht, kann von Kapitalismus nicht schweigen", hieß es einmal bei Horkheimer/Adorno - bevor sie sich von derlei radikalem Gedankengut verabschiedeten, um die US-Finanzierung des "Instituts für Sozialforschung" nicht zu gefährden. Müsste nicht hier - bei den Flicks, Thyssens, Krupps, aber auch den Harimans, Dulles, Bushs, den ganz normalen Groß-Unternehmern und Finanziers, die Hitler und die Nazis zu dem machten, was sie wurden - diese "Trauerarbeit" ansetzen? Und zwar anders als in dem verkitschten, auf RTL 2 unlängst verwursteten C-Picture "Hitler - Aufstieg des Bösen".
Könnte es sein, dass dies deshalb nicht geschieht, weil man dann vom "Kapitalismus" nicht schweigen könnte? Und am Ende darauf käme, dass wir tendenziell schon wieder in "faschistoiden" Zuständen leben, zumindest wenn man Mussolinis Definition gelten lässt: "Der Faschismus sollte besser Korporatismus genannt werden, weil er ein Zusammenschluss von Staat und Unternehmen ist."
Wie schwer es dem "Durchschnittsdeutschen" falle, neben "unser Goethe, unser Beethoven, mein Vaterland" auch "unser Auschwitz, unsere Gaskammern, unseren Eroberungskrieg" anzuerkennen, notierte Arthur Koestler 1953 und verglich die politische Verdrängung mit der sexuellen. Mit der Mitte der 60er Jahren einsetzenden sexuellen Entkrampfung wurde auch diese politische Verdrängung langsam abgebaut, der "68er"-Generationskonflikt war ganz wesentlich eine Auseinandersetzung mit den Nazi-Vätern und -Tätern. Wie die Filmleute Alexander Kluge, R. W. Faßbinder oder Wim Wenders gehört auch Bernd Eichinger zu dieser Generation, und der Film "Der Untergang" könnte so im Koestlerschen Sinne auch "Unser Hitler" heißen. Das wäre kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt - und, auch wenn er nur das "kommerzielle Sahnehäubchen seiner morbiden letzten Tage"(Wenders) auftischt, ein Anfang. Eine nüchterne Dokumentation seines vitalen Aufstiegs und der kommerziellen Interessen seiner Sponsoren steht noch aus...
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18628/1.html- Elias Canetti - Masse & Macht: Der Deutsche (9.11.2004 16:49)
- Spät, aber doch noch... (2.11.2004 21:05)
- Danke (28.10.2004 12:25)
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