Vom Zerfall einer Herrschaftsordnung zum politischen Konsumismus
Der Soziologe Ulrich Beck und seine obligatorischen Kommentare zu den globalen Krisenlagen in deutschen Feuilletons
Umsatzeinbruch bei Karstadt-Quelle, Absatzkrise bei GM und Opel - wieder mal viel Arbeit fürs politische Feuilleton. Zu Scharen meldeten sich ihre Vertreter zu Wort und sannen über das Ende der Deutschland AG und den Niedergang ihrer Städte nach. Doch nicht genug. Mit dem wilden Streik, den die Arbeiter vor den Werkstoren in Bochum aufführten, begann auch die wilde Spekulation. Geißelten die einen Missmanagement und Renditeblick der GM-Bosse, lamentierten die anderen über das Unverständnis zwischen deutschen und US-amerikanischen Autobauern. Wieder andere wollten mit Opel auch noch den VFL und das Theater in Bochum den Bach runtergehen sehen. Was für ein widerständiges Volk wohne da in Bochum, fragte die SZ, das es wage, den Bossen in Detroit auf der Nase herumzutanzen. Die Antwort kam prompt wie erwartet. Da artikuliere sich die alte Mentalität der Kumpel, die, wenn es im Schacht besonders kritisch geworden war, füreinander einstehen und sich solidarisch an den Händen fassen. Das Schauspielhaus sei halt die Seele der Stadt, weswegen sich die Menschen dort, und nicht vor dem Rathaus versammelten.
Gewehr bei Fuß
Den Vogel schoss zweifellos Ulrich Beck ab, kosmopolitisierender Soziologe an der LMU in München. Unter der Überschrift: "Schmerzliche Erfahrung. Hilfe, unsere Arbeitsplätze wandern aus!" publizierte er am Mittwoch einen seiner obligatorischen Texte zu den globalen Krisenlagen der Welt. Damit scheint der Soziologe Beck in die Fußstapfen von Slavoj Zizek treten zu wollen und mit ihm um den Titel: "Wer ist der 'Unvermeidlichere'" zu wetteifern.
Was auf der Welt auch passiert, ob das WTC einstürzt, David Lynch einen neuen Film dreht, ein Neocon gerade ein neues Buch veröffentlicht oder einfach die Mütter die Väter vom Bildschirm gedrängt haben - Slavoj Zizek war schon da und weiß im Zweifelsfall genau, wie das kulturwissenschaftlich auszudeuten ist. Mit einem Mix aus sprühenden Gedankenblitzen und Dampfplauderei erstickt er mit seinem Wortschwall jede andere Denkmöglichkeit sofort im Keim.
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Seitdem dies auch die deutschen Feuilletonisten gemerkt haben und er auf englischsprachige Periodika ausweichen muss, scheint nun Ulrich Beck Gewehr bei Fuß zu stehen, um den frei geworden Platz mit soziologischem Füllsel vom Starnberger See zu besetzen. Von seinem Naturell, seinem Talent und der Art zu schreiben und zu denken, ist er dafür prädestiniert. Nicht nur, weil er oft schneller schreibt als denkt, sondern weil er auch gern mit Kanonen auf Spatzen schießt und Heuristik schon für Soziologie hält. Kein Ereignis oder Phänomen scheint ihm zu gering, als dass sich an ihnen nicht das Ende des Nationalstaates und der Niedergang des Politischen, die Ankunft des Kosmopolitismus und die ihn prägende Zweite Moderne exemplifizieren ließe.
Heimlicher Streikposten
Dieses Mal hat es ihm der massive Stellen- und Personalabbau bei Opel und Karstadt-Quelle angetan. Vor den Toren des Bochumer Werkes würden wir Zeugen des "Zerfalls einer Herrschaftsordnung". Nicht um Produktionsstopp und Arbeitsplatzverlust gehe es dort, sondern um Weltgeschichtliches, den Anbruch einer neuen Weltordnung.
Die Arbeiter hätten das nur noch nicht gemerkt. Auch nicht, dass der Weltgeist ihnen erneut ein Schnippchen schlage. Statt vor den Toren ihre Arbeitsplätze zu verteidigen, verrichteten sie die schmutzige Arbeit der Manager; statt ihre Interessen zu vertreten, würden sie zu Handlangern des Kapitals. Was Besseres als die Arbeit niederzulegen, könnten die Streikenden gar nicht tun. Damit zeigten sie Märkten, Aktionären und Investoren nur, dass GM weiter die volle Machthoheit besitze und binnen Tagen die Produktion drosseln und herunterfahren könne.
Das klang Tage zuvor zwar aus dem Munde des Bosses von General Electric völlig anders, als dieser bei Sabine Christiansen von einem fatalen Signal für potenzielle Anleger sprach, das die Arbeiter da der Welt gäben. Aber das ficht den Soziologen nicht an, wenn er, einmal in Fahrt, von sprühenden Ideen und Einfällen überrannt wird. "Am 'Streik' der Opel-Arbeiter" könne man "gleichsam am lebenden Körper" die Umkehrung des klassischen Kalküls der Macht beobachten. In der Ära der Globalisierung drohe diese nicht mehr mit Einmarsch, sondern mit Ausmarsch, also der Verlegung von Arbeitsplätzen ins kostengünstigere Ausland. Sollte der Soziologe vielleicht Feldstudien betrieben und als Streikposten heimlich Zufahrten versperrt haben, weil er vom "lebenden Körper" spricht?
Ohnmächtige Staaten
Zugegeben, der Gedanke hat gewiss was Verführerisches, der Soziologe Beck inkognito vor den Werkstoren in Bochum, den Streikführer mimend. Wie auch immer - für den Soziologen signalisiert das Handeln von GM wieder mal, worauf die neue Macht der Konzerne gründet. Anders als die Staatsmacht sei diese ortsungebunden, beweglich und global einsetzbar. Ihr Erpressungspotenzial bestünde letztlich in der Nicht-Investition, im Nein zu einem Standort, sollte dieser zu hohe Kosten verursachen oder dem Vorstand nicht ins Konzept passen.
Allein das dürfte dem Pentagon und den Bushies, sollte einer ihrer Berater das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung lesen, die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Sollte ihr Imperium immobil und außerhalb ihres Einflussgebietes machtlos sein? Wofür hat man all die schönen Billionen an Dollar in neue Waffensysteme investiert, wenn ihr Macht- und Gewaltpotential allenfalls zur Abschreckung dient? Wie dumm sind eigentlich andere Bosse, die ihr Stammwerk nicht längst nach Kasachstan oder in die Mongolei verlegt haben und immer noch die hohen Arbeitskosten bezahlen?
Treffen Konzerne ihre Investitionsentscheidungen heutzutage wirklich nach Gutsherrenart, wie der Soziologe behauptet? Stehen sie nicht vielmehr in unmittelbarem Wettbewerb mit anderen Konkurrenten und Rivalen in Übersee und Fernost? Ist der Kostenfaktor das einzige Kriterium, wonach Unternehmen ihre Entscheidungen treffen? Hat nicht soeben der bereits zitierte Vorstand von GE seine Forschungs- und Entwicklungsabteilung ausgerechnet ins teure Umland von München verlegt? Wie klein und begrenzt ist das Weltbild eines Kosmopoliten, der den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht?
Schlecht für die Wirklichkeit
Doch was kümmert den Soziologen die Wirklichkeit, gilt es doch, den Streik der Opelianer als Diagnose und Beweis für den Anbruch der "Zweiten Moderne" zu vereinnahmen. War die Erste Moderne durch die Auseinandersetzung von Kapital und Arbeit auf territorial eng begrenzten Gebiet gekennzeichnet, bei der der Staat als Schiedsrichter moderierend eingriff, zeichne sich laut Beck die Zweite Moderne durch offene Grenzen und die Ohnmacht des Nationalstaates aus. Letztere sei nicht nur Ursache für die wachsende Politik- und Demokratieverdrossenheit der Bürger, auch die staatlichen Versuche, die Migrationsströme, die mittlerweile eine Art Gegenrichtung zu den Waren-, Info- und Geldströmen bilden, in Auffanglagern in Nordafrika abzufangen, seien zum Scheitern verurteilt. Den empirischen Beweis tritt der Soziologe dafür jedoch nicht an. Lieber serviert er uns Schweizer Käse, "bei dem bekanntlich die Löcher den Ausschlag geben."
Nach so viel Käse möchte man eigentlich zum Nachtisch übergehen, zu Espresso und Zigarillo, doch der Soziologe hat weit anderes im Sinn. Er ist erst beim Hauptgang. Schließlich will er noch den Kosmopolitismus in den zweihundert Zeilen unterzubringen, auch um den Preis, sich dabei dann selbst zu widersprechen. Aus dieser Sicht erscheinen die Opel-Arbeiter plötzlich nicht mehr als unbewusste Vollzugsgehilfen des Weltgeistes, sondern nur noch als tragikomische Helden, die mit der untauglich, laut Beck "stumpfen" und "selbstmörderisch" gewordenen "Waffe des 'Streiks'" zum Windmühlenkampf gegen die neue Weltordnung antreten.
Statt mit den Parolen der "Ersten Moderne" gegen die Mächte der "Zweiten Moderne" zu kämpfen, sollten sie sich einen "kosmopolitischen Blick" aneignen, der lehrt, dass das Fernste zugleich das Nächste und das Lokale mit dem Globalen unmittelbar verschränkt sei. Keine Staatsmauern und Rechtsordnungen könnten alle Lohnabhängigen dieser Welt vor dem Sturm schützen, den die Öffnung der Grenzen, Märkte und Horizonte entfacht habe.
Mit dieser schmerzlichen Erkenntnis will der Soziologe die Arbeiter von Opel aber denn doch nicht entlassen. Sind die Arbeitsplätze auch futsch und nützt der Streik nur den Interessen von GM und ihren Anlegern, haben sie doch noch einen echten Trumpf im Ärmel. Auch sie seien nämlich Konsumenten, die "politisch" handeln könnten. Durch "Kaufentscheidungen" stimmten diese am Ladentisch über das Wohl und Weh globaler Unternehmen und Konzerne ab. Der Nicht-Investition eines Konzerns entspreche längst der Nicht-Kauf eines Produkts. GM könne zwar Arbeiter und Ingenieure entlassen, aber keine Autokäufer. Transnational vernetzt könnten diese, aber auch Städte, Gemeinden und Gewerkschaften, zu einer realen Gegenmacht für global operierende Firmen werden.
Politischer Konsumismus
Da hat der Soziologe wohl zuviel Naomi Klein gelesen und heimlich bei Attac und anderen Globalisierungsromantikern abgekupfert. Politischen Konsumismus können sich nur jene leisten, die schon genug Geld in den Taschen haben. Zum Beispiel Wähler der Grünen oder die Gutmenschen der Mittelklasse. Bei denen fällt es nicht ins Gewicht, wenn sie auf Renditen verzichten und Geld bei einer Öko-Bank parken, wenn sie in staatlich subventionierte Sonnen- und Windkraft investieren oder wenn sie den Kaffee aus Guatemala im Ökoladen um die Ecke kaufen. Obendrein entlastet das auch noch Gewissen und vermittelt das Gefühl, wie ein Pfadfinder wenigstens einmal pro Tag eine gute Tat begangen zu haben. Für das wirtschaftliche Leben insgesamt ist diese Haltung aber ebenso wenig von Bedeutung wie Opel-Arbeiter sich solche Attitüden und Gutmenschenmentalität leisten können.
Andererseits wird die Position des "(selbst)bewussten" Konsumenten längst durch die "Geiz ist geil"-Strategie der Schnäppchenjäger unterlaufen und konterkariert. Kaufenthaltung und Konsumverweigerung sind, wie Herr Eichel und mit ihm die rotgrüne Bundesregierung schmerzhaft erfahren müssen, keine willentliche Entscheidungen, sondern eine durch die Macht der Verhältnisse, durch die Nicht-Teilhabe an der Arbeitswelt erzwungene Entscheidung.
So simpel die Diagnose des Soziologen ist, so simpel funktioniert Konsumverweigerung halt nicht. Im Übrigen sind Opel und Karstadt-Quelle längst nicht die Welt. Der Hype, den das Feuilleton um die beiden Konzerne entfacht, zeigt eher, wie national begrenzt der globale Blick des Soziologen und der ihn hofierenden Feuilletonisten ist. Würde letztere einen Plausch mit ihren Kollegen von der Wirtschaft halten, wüssten sie, dass es sich in dem einen Fall um Überkapazitäten handelt, die der Markt bald selbst regulieren wird, und im anderen Fall um falsche Marktbeobachtungen. Entwicklungen wurden dort jahrelang schlichtweg verschlafen.
Mit der allgemeinen Krise und dem Niedergang des Landes hat das alles nur am Rande zu tun. Dass Unternehmen wachsen und Insolvenz anmelden, kommt in der freien Marktwirtschaft jeden Tag vor. Aus Mücken Elefanten zu machen, ist ebenso dumm wie fahrlässig und steht in der traurigen Tradition dessen, was jeden Sonntagabend bei Sabine Christiansen verhandelt wird.
Statt den Konsumenten eine Macht vorzugaukeln, die sie nicht haben, und Unternehmen zu Schurken der Globalisierung zu stilisieren, wäre es besser gewesen, die allgemeinen Ursachen des wirtschaftlichen Niedergangs Deutschlands zu benennen und wenigstens auf das Positive und Gute hinzuweisen, das damit verbunden ist.
Zangenbewegung
Die Abwärtsspirale setzt zweifellos mit der Globalisierung ein und trifft die reichen Staaten bekanntlich am Ärgsten. Und da vor allem Deutschland, das Jahrzehnte lang im Windschatten der Geschichte gelebt hat und darum wirtschaftlich und sozial prosperieren konnte. Hier herrscht nicht bloß die denkbar größte soziale Absicherung, hier haben die Bürger über all die Jahre auch immensen Reichtum angehäuft, während sich das Land Jahrzehnte lang von politischen Konflikten mit Barschecks freikaufen konnte.
Seit dem Fall der Mauer ist es damit jedoch vorbei, das Land ist wieder in die Weltgeschichte zurückkatapultiert worden. Statt sich aber wirtschaftlich zu wappnen und die sozialpolitischen Herausforderungen von dynamischer Konkurrenz und Wettbewerb anzunehmen, hat man Jahre lang nur Nabelschau und Selbstinspektion getrieben und sich mit der überstürzten Einverleibung Ostdeutschlands und der Eins-zu-Eins-Übertragung von Geld und sozialen Standards obendrein einen Klotz ans Bein gebunden, der noch bis weit ins nächste Jahrhundert alimentiert werden muss und dadurch die ökonomischen Entwicklung des Westens ständig behindert und bremst.
Welche Volkswirtschaft kann sich jedes Jahr einen Transfer von über 150 Milliarden Euro allein für konsumtive Ausgaben leisten? Darüber wird aber nur hinter vorgehaltener Hand debattiert, am Stammtisch, in politischen Zirkeln oder im Freundeskreis, öffentlich jedoch nicht. Hier schweigt man lieber das Problem tot und jammert über Opel, Karstadt und Konsumverweigerung. Fürchten die einen um Wählerstimmen, ängstigen sich die anderen vor dem Aufkommen neuer Ressentiments. Unter dieser Zangenbewegung leidet und ächzt jedoch das Land, das obendrein politisch (Föderalismus, Lobbyismus ...) und mental (Selbstzweifel, Innovationsfeindlichkeit, Larmoyanz und Nörglertum) schlecht aufgestellt scheint, um auf Konkurrenz angemessen zu reagieren.
Noch aber ist vom Niedergang wenig zu merken. Wer am Wochenende nach München, Hamburg oder Frankfurt fährt oder in die umliegenden Ausflugsorte, wird von einer Krise kaum etwas spüren. Zumindest nicht im Westen. Hier sitzen die Leute in den Cafés und Restaurants und freuen sich am sonntäglichen Spaziergang oder am Lazy Sunday Afternoon. Noch gibt es die Generation der Sechzig- und Siebzigjährigen, die nach der Krieg viel Reichtum angespart hat, den ihre Kinder und Kindeskinder jetzt verprassen oder mit dem sie dieselben alimentieren. Sind diese Ersparnisse aber erst mal aufgebraucht und schafft die Generationen der heute Zwanzig- und Dreißigjährigen nicht bald den Umschwung, wird der Niedergang des Landes an Tempo rasch zunehmen und der soziale Abstieg der Bürger sofort sichtbar werden.
Abmagern und abspecken
Doch was ist eigentlich so schlimm an dieser Krise, dass Hinz und Kunz ständig darüber in den Feuilletons lamentieren müssen. Haben Schlankheits- und Abmagerungskuren bei Zeiten nicht auch etwas Gutes? Hat das Land nicht wie viele seine Bürger über all die Jahre zu viel Speck und Fett angesetzt? Ist der Westen dadurch nicht auch viel zu satt und träge geworden? Ist das nicht der Grund für diese Unbeweglichkeit? Sind uns nicht auch deswegen die Asiaten um Nasenlängen voraus, weil sie weniger fett, satt und träge sind, wie allein schon am Körperumfang abgelesen werden kann?
Am Ladentisch, im Supermarkt und an der Theke merkt man es schon vereinzelt. Mit dem Rückgang der Löhne schwindet nicht nur die Kaufkraft, sondern auch der Ladenpreis. Haben die Bürger weniger Geld in der Tasche, können sie auch nicht mehr so viel ausgeben. Die Preiskalkulation muss in vielen Fällen neu überdacht werden. Man sieht das im Osten, wo Waren, Mieten und sogar Benzin um etliches billiger sind. Aber auch im Westen beginnt die "invisible hand" des Marktes langsam zu wirken. Was durch die Euro-Umstellung aus dem Ruder gelaufen ist, die Preise in Cafés, Restaurants oder Biergärten etwa, kommt langsam wieder ins Lot. Dass das Preis-Leistungsverhältnis dadurch wieder auf ein "vernünftiges" Maß zurückgeführt wird, ist doch nur zu begrüßen.
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18640/1.html- Spätzünder (24.11.2004 19:37)
- Nachgedanken (29.10.2004 10:07)
- Es geht nur noch um Ideologie (27.10.2004 21:29)
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