Medizinische Fachzeitschrift nach dem Open Access-Modell gestartet

25.10.2004

Mit PloS Medicine will die Public Library of Science nach der Biologie auch die medizinische Forschungsliteratur in das Internetzeitalter bringen

Kommerzielle Verlage, die wissenschaftliche Fachzeitungen anbieten, geraten allmählich unter Druck durch kostenlose Online-Publikationen, die nach dem Open Access-Modell arbeiten (Wissenschaftliche Verlage in Bedrängnis). Im letzten Jahr startete die Public Library of Science, eine von Nobelpreisträger Harold Varmus 2000 gegründete Stiftung mit Sitz in San Franzisko, die Online-Fachpublikation PLoS Biology. Während der Leser ohne Kosten auf die Artikel zugreifen kann, müssen die Autoren aus ihren Forschungsgeldern allerdings zwischen 500 und 1.500 US-Dollar zahlen. Jetzt wurde nach ähnlichen Grundsätzen die erste Ausgabe der Online-Zeitschrift PLoS Medicine veröffentlicht.

Angekündigt wurde der Start mit großen Worten. Mit PLoS Medicine werde seit 70 Jahren erstmals wieder eine internationale Zeitschrift für Allgemeinmedizin veröffentlicht. Gleichzeitig markiere sie eine Richtungsänderung für Wissenschaftspublikationen, das sie als "Open Access"-Zeitschrift einen ungehinderten und kostenlosen Zugang zur Forschung ermögliche. Auch hier werden die Beiträge vor der Veröffentlichung einer strengen wissenschaftlichen Kontrolle (peer review) unterzogen. Die Redakteure kommen von angesehenen Wissenschaftsjournalen wie The Lancet, Nature, Journal of Clinical Investigation oder dem British Medical Journal.

Die Begründung für Open Access-Publikationen, wie sie vor allem seit der Budapester Initiative (Budapest Open Access Initiative) gefordert und mehr und mehr auch realisiert werden, liegt auf der Hand (vgl. auch die Berliner Erklärung vom letzten Jahr). Forschung wird meist mit Steuergeldern gefördert, weswegen ihre Ergebnisse auch der Allgemeinheit zugänglich sein sollten. Zudem beruht Forschung auf der freien Diskussion. Durch die teuren Publikationen aber wird die Verbreitung des Wissens und der Zugang zu diesem zu sehr beschränkt. Das Internet hat überdies eine Möglichkeit zur Verfügung gestellt, einen billigen und weltweiten Zugang zu Informationen zu eröffnen.

Das traditionelle Modell für die Publikation biomedizinischer Forschung kann die Vorteile des technischen Fortschritts nicht nutzen, der die wissenschaftliche Literatur für Wissenschaftler, Ärzte und die allgemeine Öffentlichkeit sowohl in wirtschaftlich fortgeschrittenen als auch in Entwicklungsländern nützlicher macht. Zeitschriften wie PloS Medicine, die über das Internet und öffentliche Bibliotheken jedem zugänglich sind, geben dem medizinischen Personal, ihren Patienten und den Bürgern, die für einen Großteil der Forschung bezahlt haben, neue Erkenntnisse von glaubwürdigen und durch Peer Review kontrollierten Quellen.

Harold Varmus

Die Gründer Zeitschrift, Michael B. Eisen, Patrick O. Brown und Harold E. Varmus, verstehen ihr Projekt als eines, das dem Zeitalter des Internet gerecht werden soll. Zwar gebe es im Internet unzählige Informationen über Gesundheitsthemen und Medizin, aber die verlässlichsten Quellen - die "durch Peer Review kontrollierten medizinischen Zeitschriften - seien, auch wenn sie online sind, nur denen zugänglich, die sich die Kosten leisten können. Das sollte nicht so sein, vor allem aber müsse es nicht so sein. Und weil sich über das Internet die Möglichkeiten für Publikationen und deren Distribution grundlegend verändert haben, müssen sich auch wissenschaftliche Publikation von den Geschäftsmodellen aus dem 19. Jahrhundert trennen. Und gerade die Welt der medizinischen Fachjournale brauche eine "frische Infusion an Idealismus".

Open Access, die Idee also, dass jeder alle Artikel ohne Restriktionen lesen kann, steht zusammen mit der Creative Commons-Lizenz, also dass jeder auch die Artikel kopieren, übersetzen oder unter Nennung der Autoren weiter veröffentlichen kann, hinter den Publikationen der Stiftung. Die neue Medizinzeitschrift wird sich vornehmlich auf die Veröffentlichung von neuen Forschungsergebnissen über Krankheiten und ihre Behandlung konzentrieren, aber auch Hintergründe und Folgen der medizinischen Forschung behandeln. In einem Magazinteil soll die Diskussion gefördert und strittige Themen verhandelt werden. So geht es im ersten Heft etwa darum, wie die Menschen im Gesundheitssystem auf gewalttätige Konflikte reagieren sollen oder ob US-Präsident Bush die Bekämpfung von AIDS in Afrika fördert oder behindert, ein anderes Thema ist, ob Ärzte regelmäßig Frauen nach Zeichen häuslicher Gewalt untersuchen sollen. Dazu kommen Essays, beispielsweise werden die Aussichten der Reproduktionsmedizin einschließlich der Familienplanung behandelt, und Kommentare, die auch Nichtexperten einen Zugang erschließen sollen.

Am Schluss der Artikel gibt es eine Zusammenfassung für Patienten, die diesen die Bedeutung der Forschung deutlich machen soll und auch darauf hinweist, dass man sich hier von anderen Fachpublikationen unterscheidet. Man versteht es als Auftrag, dass nicht nur Wissenschaftler und Ärzte, sondern auch die Patienten Zugang zur Forschungsliteratur haben müssen. Sie sollen gleichzeitig dazu gebracht werden, die Informationen vernünftig zu nutzen.

Von den Redakteuren besonders herausgestellt wird, dass PLoS Medicine keine Werbung für Medikamente oder medizinische Mittel machen werde. Man wolle nicht Teil "des Kreislaufs der Abhängigkeit zwischen Zeitschriften und der Pharma-Industrie werden, die sich überwiegend auf die am meisten Profit bringenden Medikamente konzentriert und so viele der medizinischen Probleme der Welt nicht beachtet".

x
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18646/
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige

Zum Inkrafttreten des Verbots am 1. September 2014 frisch aus dem Archiv:

Christoph Jehle 28.10.2013

EU-Staubsauger-Verbot erregt die Gemüter

Muss die EU wirklich Staubsauger mit mehr als 1600 Watt verbieten? Sind die europäischen Haushalte jetzt aufgrund einer EU-Verordnung nicht mehr sauber zu halten? Und hat die Europäische Kommission etwa nichts Besseres zu tun, als Staubsauger zu regulieren?

weiterlesen

Mehr Kunst als Spiel

Sonys "Hohokum" für PS3/4/Vita

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS