USA: Die Qual der Wahl

28.10.2004

Bereits im Vorfeld der US-Wahlen gibt es massive Probleme

Mit vollelektronischen Wahlmaschinen hofften die Verantwortlichen in den USA eigentlich, die Blamage von 2000 auszuwetzen, bei der in Florida unübersichtliche Loch- bzw. Strichkarten zu häufigen ungewollten Fehlentscheidungen der Wähler führten. Doch bereits jetzt ist absehbar, dass es 2004 bei der US-amerikanischen Präsidentenwahl noch schlimmer kommen wird.

"Irren ist menschlich – aber ein richtiges Chaos bekommt man am besten mit Computern zustande", so eine alte Admin-Weisheit. Und auch Manipulationsmöglichkeiten (Niemand würde es wagen, Wahlergebnisse zu fälschen) ist mit "E-Voting" Tür und Tor geöffnet – 10.000 Bit verschwinden viel leichter als 10.000 Wahlzettel. Ob dabei nun bereits vom Hersteller der auf Windows laufenden US-Wahlmaschinen Diebold Hintertüren oder systematische Wahlverfälschungsmöglichkeiten eingebaut sind oder Dritte per Hack und Trojanern welche nachrüsten, ist zwar von der politischen Brisanz her ein Unterschied, doch nicht vom letztendlich möglichen Effekt.

Ein "Papier-Backup" wird unter anderen in Florida aus Kostengründen abgelehnt (Sicherheit von Wahlcomputern weiterhin umstritten) und ließ sich auch nicht in letzter Minute gerichtlich erzwingen. Auch in Maryland und New Jersey schlugen Versuche fehl, auf dem Rechtsweg eine Wahl mit Papier-Wahlzetteln zu erzwingen. In Kalifornien, Ohio und Nevada wurden dagegen die in New Jersey durchgesetzten umstrittenen Maschinen als für die Wahl ungeeignet disqualifiziert.

Während in Deutschland und in den meisten anderen Ländern die Wahlen auch zukünftig mit Papier und Stift vor sich gehen werden, will Amerika seine technische Überlegenheit partout mit Computerwahlen belegen. Mangelndes Personal zum Auszählen der Wahlzettel ist sicherlich nicht der Grund für die Elektrifizierung der Wahlen in einem Land, in dem in den Supermärkten hinter der Kassiererin meist auch noch ein Packer die gekauften Waren für den Kunden in Tüten packt, während man hierzulande meist schon vom nächsten Kunden mit dem Einkaufswagen in die Hacken gestoßen wird, wenn das Einpacken nicht schnell genug gelingt-

Präsidentenwahl – trotz begrenzter Anzahl von Kandidaten keine einfache Aufgabe

Ein deutscher Wahlzettel ist mitunter kompliziert genug, wenn teils bis zu 60 Stimmen auf mehr als 20 Parteien und Kandidaten pro Partei abzugeben sind. Doch meist ist es relativ simpel: "Jeder nur ein Kreuz". Und zwar in den Kreis neben der gewünschten Partei bzw. ihrem Kandidaten. Bei der Präsidentenwahl 2000 machte sich Amerika dagegen bereits zum Gespött der restlichen Welt, weil die Wahlkarten in Florida, auf denen mit einem später elektrisch auszuwertenden Bleistiftstrich abzustimmen war, so unübersichtlich waren, dass viele, die nicht für George W. Bush sondern für seinen Gegenspieler Al Gore stimmen wollten, stattdessen versehentlich für einen anderen Kandidaten abstimmten.

Da das Ergebnis dieser fehlgestalteten Wahlkarten allerdings zum Sieg Bushs beigetragen hat – denn bei ihm gab es keine Verwechslungsmöglichkeiten – kann man im Land der Mutigen und Freien nicht durchweg über die Panne lachen, und auf die Dummheit des Durchschnittsamerikaner abschieben lässt sich die Angelegenheit auch nicht. Doch soll noch mehr Computertechnik nun die Scharte von 2000 auswetzen. Da erste Vortests auch hier bereits Probleme aufzeigten (Jeanne gibt hitzefrei) und ein Zusammenbruch der Wahlmaschinen am Wahltag selbst dann doch peinlich wäre, darf in einigen US-Bundesstaaten beispielsweise von Bürgern, die am Wahltag außer Landes sind, bereits jetzt gewählt werden.

Allerdings ist das Ankreuzen des gewünschten Kandidaten auf einem Touchscreen keineswegs einfacher als auf dem Papier. In Albuquerque in New Mexico gibt es beispielsweise Wahlmaschinen, die Stimmen für Bush werten, wenn man Kerry antippt. Selbst Michael Cadigan, Präsident des Albuquerque City Council, erging es nicht besser als den Normalwählern, als er seine Stimme in der City Hall abgeben wollte. In Sandoval County hatten drei Einwohner von Rio Rancho dagegen genau das umgekehrte Problem: Sie stimmten für Bush, doch das Gerät stimmte für Kerry. Die Verantwortlichen sind der Ansicht, die Wähler können nicht mit den Geräten umgehen und würden sich ungünstig auf dem Touchscreen abstützen, doch könnte dieser auch nicht richtig justiert sein.

Wenn der Wähler sich mit der Wahlmaschine streiten muss

Immerhin kann der Wähler die falsche Stimme korrigieren – wenn er es denn merkt. Und das Gerät mitspielt. Boom Chicago Amsterdam erinnert sich dagegen an diverse Scherzprogramme und auch reguläre Dialoge für das auch auf den Diebold-Maschinen eingesetzte Windows und stellt sich den typischen Wahlvorgang folglich so vor. Teils kann auch nicht gewählt werden, weil die Online-Verbindung streikt, über die statt eines Papier-Wählerverzeichnisses geprüft wird, ob der Wähler sich ordnungsgemäß zur Wahl registriert hat oder weil Wahlbeamte verschlafen.

Ein weiteres Problem ist das Nachzählen bei knappen Wahlergebnissen oder Stichwahlen: Während die Papierzettel nur durch Feuer verloren gehen können, verschwinden die Daten von den Flash-Speichern der Wahlmaschinen schon mal unerwartet. Doch selbst dort, wo auf Papier gewählt wird, gibt es Ärger: In Boulder im Bundesstaat Colorado sind die Wahlzettel numeriert und die Anonymität der Wahl damit fraglich: Es wäre möglich, anhand der aufgedruckten Seriennummer im Nachhinein festzustellen, welcher Wähler wie gestimmt hat.

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