Skurrilitäten aus der Musikbox

14.11.2004

Was so alles in der Rock- und Popmusik zensiert, diskutiert und unterschlagen wurde

Was ist Zensur? Wenn der Staat Tonträger auf den Index setzt oder sie verbietet? Wenn Musikfirmen Bands dazu drängen, ihr Albumcover zu ändern, da es weder dem Zeitgeist noch der aktuellen Moralvorstellung - etwa die von Kirchen oder Frauenbewegung - entspricht? Zensieren Musikhandelsketten, wenn sie sich weigern, ein Album wegen seines Äußeren anzubieten? Handelt es sich um Selbstzensur, wenn Bands vorgesehene CD-Hüllen, Albumtitel oder Songs vor der Veröffentlichung ändern, um mehr Profit zu machen oder kostspieligen Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen? Wohin führt es, wenn US-Fernsehsender dank des Nipplegate-Skandals von Janet Jackson und Justin Timberlake Livesendungen weltweit verzögert ausstrahlen, um rasch zensieren zu können?

Zugegeben, Antworten auf diese und andere Fragen geben die Zensurexperten Roland Seim und Josef Spiegel in ihrer neuen Materialsammlung nur wenige. Dazu dürfte das Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung "Nur für Erwachsene - Rock- und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen" auch nicht unbedingt prädestiniert sein. Statt dessen geht es den Herausgebern darum, Fallbeispiele aufzuzeigen. Anhand von Originalschallplatten- und CD-Hüllen der letzten fünfzig Jahren dokumentieren sie, was Anlass zu öffentlichen Diskussionen gab, retuschiert, zensiert oder verboten wurde. Ein lexikalischer Teil, Essays und ein Kapitel mit dokumentierten, (un)zensierten Songtexten stellen zudem viele weitere Beispiele vor. Hinsichtlich der Musikstile reicht die Palette von den Anfängen des Rock und Beat über Punk bis hin zu Death Metal sowie HipHop. Die Fallbeispiele stammen meist aus Westeuropa und den USA.

Dass die Materialsammlung indes mehr wie ein Skurrilitätenkabinett wirkt, dürfte an den zuweilen obskur anmutenden Fällen liegen. Ende der 1950er Jahre etwa wurde ein Cover der The Five Keys retuschiert, da auf dem Bandfoto der Daumen von einem der fünf farbigen Musiker in Hosenschlitzhöhe zu sehen war und für dessen Penis gehalten werden konnte. Das erste Cover von "Yesterday and today" der Beatles wurde geändert, da die Musiker mit rohem Fleisch und zertrümmerten Spielzeugpuppen abgebildet waren. Weil Paul McCartney auf dem berühmten Zebrastreifen-Foto der LP "Abbey Road" 1969 eine Zigarette in Händen hielt, dies aber heute in den USA nicht mehr gerne gesehen wird, wurde bei einer aktuellen Poster-Neuauflage des Bildes nun der Glimmstängel wegretuschiert. Bezüglich angeblicher Rückwärtsbotschaften im Heavy Metal (vgl. Rockende Inquisitoren) wurde im US-Bundesstaat Arkansas Mitte der 1980er Jahre sogar ein Gesetz diskutiert, das Schallplatten mit Aufklebern kennzeichnen wollte:

Warnung

Diese Platte enthält Rückwärtsbotschaften, die auf subliminaler Ebene wahrgenommen werden können, wenn diese Platte vorwärts gespielt wird.

Aber auch eindeutigere Songtexte riefen Jugendschützer und Zensoren auf den Plan. Dass 1992er Soloalbum "Cop Killer" des Rappers Body Count erschien bald nur noch als "Same"-Album, der Song und ursprüngliche Titel "Cop Killer" waren verschwunden. 1987 wurde das Magazin Wiener indiziert, weil es den schon indizierten Liedtext von "Geschwisterliebe" der Berliner Spaßpunks Die Ärzte nachdruckte. Schon seit 1982 kann die linksradikale Hamburger Punkband Slime eine ganze Reihe von Liedern über Zensurmaßnahmen singen. Der Song "Polizei SA SS" auf dem Sampler "Soundtracks zum Untergang" sowie die Lieder "Deutschland verrecke" und "Bullenschweine" auf ihrem Debütalbum sind bis heute dank verschiedener Neuauflagen auch ein Fall für neu aufflammende Rechtsstreitigkeiten, Beschlagnahmeaktionen und Hausdurchsuchungen. Als Ende der 1990er Jahre Fischmob "Polizei SA SS" als Schlumpf-Tekkno-Version namens "Polizei-Osterei" coverten, widerfuhr den norddeutschen HipHopper dasselbe wie Slime.

bei "Country Live" von "Roxy Music" blieb in der überarbeiteten, für den US-Markt gedachten Version 1974 nur noch die Vegetation übrig

Zensur und Ähnliches ist aber nicht nur das, was unmittelbar passiert. Erinnert sei daran, dass kritische Aussagen der Countryband Dixie Chicks zum Irak-Krieg und gegenüber US-Präsident George W. Bush zum Boykott durch Radiostationen und -netzwerke führte. Ihre Hitsingle "Travelin' Soldier" stürzte daher in den Charts ab - die Verkaufszahlen folgten jenem Trend. Einen Art Radioboykott erlebte ab 1980 auch Extrabreit, deren Lied "Hurra, hurra, die Schule brennt" wegen angeblichem Aufruf zur Brandstiftung nur selten ausgestrahlt wurde.

Ein Quasi-Verbot kann aber auch anders aussehen: Statt Techno-Raves zu verbieten, sahen sich deren Veranstalter in den USA dem so genannten Rave Act ausgesetzt. Der sah vor, dass Veranstalter mitschuldig sind und zu hohen Haft- und Geldstrafen verurteilt werden können, falls Gäste Drogen konsumieren. Zwar wurde das Gesetz verworfen, später jedoch unter anderem Namen rechtskräftig. Einem eindeutigeren Verbot ausgesetzt sieht sich derweil die rechtextreme Musikgruppe Landser, deren Tonträger verboten wurden. Ende 2003 bewertete zudem das Landgericht Berlin die selbst ernannte, bis dahin konspirativ arbeitende "Braune Musik Fraktion" als kriminelle Vereinigung.

Die Masse an solcherlei Fallbeispielen ist sowohl Lust als auch Last des Buches, denn manches wirkt wie eine Art Wildwuchs an Sammelleidenschaft und Füllmaterial. Hätte man sich bei vielen interessanten Fällen oft durchaus eine etwas ausführlichere Betrachtung und mehr Tiefgang sowie Illustrationen gewünscht, fragt man sich bei anderen Beispielen, warum aus dem nötigen Satz ein ganzer Absatz wurde. Dennoch dürften Interessierte selbst bei selektiver Lektüre - ist das schon Zensur? - reichlich Information und auch unterhaltsames vorfinden.

Indes ist nicht jeder hierfür prädestiniert. Denn die Herausgeber empfehlen, das Buch wegen des dokumentierten Materials Minderjährigen nicht zugänglich zu machen. Ihre Ausstellung selbst wird im Deutschen Rock'n'Popmuseum im nordrhein-westfälischen Gronau von Januar bis April 2005 zu sehen sein.

Roland Seim, Josef Spiegel (Hrsg.): Nur für Erwachsene - Rock- und Popmusik. Zensiert, diskutiert, unterschlagen. Telos Verlag, 250 Seiten, 24,80 Euro

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