Aufmerksamkeit

Terrorpropaganda kurz vor der US-Wahl

Florian Rötzer 29.10.2004

Ein Videoband, auf dem eine vermummte Person mit Anschlägen auf die USA zu jeder Zeit droht, wurde geschickt in die US-Medien eingespeist - Absender noch unbekannt

Das aus Pakistan stammende Video mit dem Logo von As-Sahab, auf dem eine vermummte Person in englischer Sprache den USA mit Terroranschlägen droht, ist nun doch vom Sender ABC ausgestrahlt worden. As-Sahab tritt als Produzent von al-Qaida-Publikationen auf. Zunächst scheute der Sender angeblich davor zurück, kurz vor den Wahlen ein solches Video zu veröffentlichen und wollte erst dessen Authentizität von CIA und NSA prüfen lassen ("Die Straßen werden in Blut schwimmen"). Doch als seine Existenz über den Drudge Report des auf Skandale ausgerichteten Drudge von interessierten Kreisen lanciert und schließlich ein 20-minütiger Ausschnitt noch von FoxNews ausgestrahlt wurde, musste oder konnte der Sender nun doch das Video senden - und damit sind das Video und die Androhung von Terroranschlägen zu einem Top-Medienthema geworden.

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Auf dem Band droht der vermummte Sprecher auf englisch, weswegen man nicht einmal eine Übersetzung benötigt, dass "in jedem Augenblick" ein Anschlag in den USA erfolgen könne. Und er warnte, dass die Anschläge vom 11.9. nur ein Vorspiel für den "globalen Krieg gegen Amerika" gewesen seien:

Allah willing, the streets of America will run red with blood, matching drop for drop the blood of America's victims. What took place on September 11th was but the opening salvo in the global war on America.

Nach Bekanntwerden des Videos stand die Frage, ob es gesendet werden sollte oder nicht, natürlich gleich als wahlpolitische Frage im Raum. Werde es nicht veröffentlicht, so Kritiker von der konservativen Seite, dann unterdrücke man eine wichtige Information zugunsten von Kerry. Dessen Anhänger vermuteten hinter dem Video, das passend kurz vor dem Wahltermin unvermutet auftauchte und dessen Existenz wohl durch Geheimdienst- oder Regierungskreise der Öffentlichkeit über den Klatsch- und Skandaljournalisten Drudge lanciert wurde, ein wahltaktische Strategie. Das ist wohl auch kaum von der Hand zu weisen, zumal Bush vor allem beim Thema Terrorismusbekämpfung punktet und ein jeder Zeit drohender Anschlag in den USA die Menschen aus Angst zu ihm treiben könnte. Wie wichtig das Thema für Bush ist, zeigt die letzte Werbewendung der Republikaner im umkämpften "swing state" Pennsylvania.

Foxnews titelte die Story denn auch gleich ohne jede Distanz: 'Azzam the American' Threatens U.S.. Der rechtsgerichtete Sender hatte das Band unabhängig von ABC wohl aus den Geheimdienst- oder Regierungskreisen zugespielt bekommen und gleich gesendet, ohne das Endergebnis der Überprüfung abzuwarten. So wurde auch ABC schon aus Gründen der Konkurrenz genötigt, das Band ebenfalls zu veröffentlichen. Damit haben nicht nur erwiesenermaßen konservative Medien wie Foxnews oder der Drudge Report dem Band und seiner Botschaft die im Wahlkampf nötige Aufmerksamkeit und der Bush-Regierung eine billige Werbung verschafft.

Wie so oft waren es im Dunklen bleibende "officials", die in diesem Fall zuerst dem Drudge Report, bekannt für geringe Skrupel, wenn etwas Aufmerksamkeit verspricht, die Information über das Video zuspielten. Der Sender hatte es für 500 US-Dollar - unverfänglicher "Transportgebühren" genannt - in Islamabad gekauft. Angeblich habe man das Video von einer Person erhalten, die bekanntermaßen Verbindungen mit Taliban und al-Qaida in den Grenzregionen zu Afghanistan unterhält, wie ABC erklärt. Seine Herkunft ist ebenso ungesichert, wie die Person unbekannt ist, die sich als aus Amerika stammendes al-Qaida-Mitglied ausgibt und sich Azzam al Amriki (Azzam der Amerikaner) nennt.

Offiziell wurde der Sprecher noch nicht identifiziert - die Stimme gleiche keiner der amerikanischen Personen, die verdächtigt werden, in Beziehung mit al-Qaida zu stehen. Sicher ist wohl, dass Englisch nicht seine Muttersprache ist, er aber Englisch fließend und mit amerikanischem Akzent spricht. Nach einer technischen Analyse, so ein CIA-Mitarbeiter auch zu CNN, habe man das Band nicht authentifieren können. Auch wenn also weiterhin unklar ist, ob das Band tatsächlich von al-Qaida stammt und erst zu nehmen ist, meldete Drudge gestern Abend, dass die üblichen "federal sources" ihm erzählt hätten, CIA und FBI hätten das Band "authentifiziert. Was das näher heißt, sagt er lieber nicht. Bei ABC ist man vorsichtiger, hält aber sicherheitshalber alles offen. CIA-Mitarbeiter hätten das Band noch nicht authentifizieren können, aber ein Sprecher der Geheimdienstes habe gesagt, dass "es so aussieht, als sei es von der Medienorganisation von al-Qaida produziert worden". Auch Ahmad Muffaq Zaidan von al-Dschasira in Pakistan meint, das Band sei eine al-Qaida-Produktion: "Wir haben diesen Stil schon gesehen: die Übersetzung, das Logo, den Ticker".

Das Logo wäre aber nicht wirklich schwer zu beschaffen. Schwieriger mag die simultane arabische Übersetzung im Untertitel sein oder der Ticker am unteren Bildrand, der Inhalte aus der letzten Verlautbarung von al-Zawahiri wiedergibt. Aber mit einiger technischer Kenntnis und der nötigen Ausstattung mit einer Videokamera und einem Computer zum Editieren, könnte jeder ein solches Band herstellen.

Eine anderer Geheimdienstinformant sagt, dass man erst wissen müsse, wer der Sprecher ist, um beurteilen zu können, ob es sich um eine Fälschung oder einen Hoax handelt. Es gäbe zudem keine Hinweise, die auf einen drohenden Anschlag hindeuten. Die letzten von der Bush-Regierung ausgegebenen Warnungen über drohende Anschläge vor oder zu den Wahlen konnten nicht bestätigt werden und erwiesen sich als Ausdruck übertriebener Vorsicht oder wahltaktischer Panikmache.

Aber natürlich könnte das Band auch wirklich ein Propagandastück von al-Qaida darstellen, die entweder auf die US-Wahlen Einfluss nehmen oder sich einmal wieder Medienaufmerksamkeit verschaffen wollen. Das ist zumindest auf jeden Fall gelungen, nachdem es gezielt - und über Drudge gewissermaßen: viral - in die amerikanischen Medien eingespeist wurde. Allerdings ist Terrorismus immer Propaganda - mit oder ohne reale Anschläge, mit oder ohne Blut. Und es ist eine emotional wirkende Propaganda, die auf die mediale Aufmerksamkeit zugeschnitten ist und stets auch interessierten politischen Kreisen dient, dabei aber vernünftiges Handeln an den Rand drängt.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18684/1.html
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