Osama ist wieder da

30.10.2004

Das Vielzweckphantom meldet sich per Wahlkampfvideo zurück - und äußert einmal mehr Widersprüchliches

Mittlerweile hat al-Dschasira eine Übersetzung des O-Tons ins Netz gestellt - darunter auch zwei Passagen, die sich direkt auf den 11.9. beziehen. Doch enthalten sie weder ein eindeutiges Bekenntnis Bin Ladens, tatsächlich hinter den Anschlägen zu stecken, noch tragen sie sonst zur Aufklärung bei. Vielmehr stilisiert sich der "Terrorfürst" einerseits als vorausplanender weiser Führer - und spricht andererseits von einem Plan, der vorsah, die Attacken in 20 Minuten auszuführen, was aufgrund der von den Hijackern gewählten Flugrouten aber unmöglich gewesen wäre.

I say to you Allah knows that it had never occurred to us to strike towers. But after it became unbearable and we witnessed the oppression and tyranny of the America/Israeli coalition against our people in Palestine and Lebanon, it came to my mind. The events that affected my soul in a difficult way started in 1982 when America permitted the Israelis to invade Lebanon and the American 6th fleet helped them in that.And the whole world saw and heard but did not respond. ...

And as I looked at those demolished towers in Lebanon it entered my mind that we should punish the oppressors in kind and that we destroy towers in America in order that they taste some of what we tasted and so that they be deterred from killing our women and children.

Seit 1982 reifte demnach in Bin Laden der Plan, "Türme in den USA zu zerstören". Doch was er dann in den folgenden Jahren tat, entspricht so ziemlich dem Gegenteil dieses Racheplans. Zusammen mit der CIA und mithilfe der väterlichen Baufirma baut er an der afghanisch/pakistanischen Grenze den Khost-Tunnel-Komplex, der als Waffendepot und Lager der Mudschaheddin-Kämpfer dient. Dort richtet er 1986 auch sein erstes Trainingslager für islamistische Kämpfer ein - Rekruten dafür werden unter anderem in Dutzenden Büros in den USA gewonnen, in New York wird die erste Weltkonferenz für den "Heiligen Krieg" abgehalten. Ahmed Rashid, schreibt dazu in seinem Buch "Taliban - Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad":

Mit Bin Ladens Hilfe hatten Tausende arabische Militante in den Provinzen Kunar, Nuritan und Badakhshan militärische Stützpunkte errichtet, aber ihre extremen Praktiken machten sie bei der Mehrheit der Afghanen unbeliebt. Darüber hinaus trieben sie einen Keil zwischen sich und die Nicht-Paschtunen sowie die Schiiten. Ahmed Schah Massud (den kurz vor der US-Invasion 2001 ermordete Chef der Nordallianz, M.B.) kritisierte später die Araber-Afghanen. "Meine Dschihad-Fraktion hatte kein gutes Verhältnis zu den Araber-Afghanen während des Dschihad. Hingegen hatte sie ein sehr gutes Verhältnis zu den Gruppen von Abdul Rasul Sayyaf und Gulbuddin Hekmatjar. Als wir 1992 in Kabul eindrangen, kämpften die Araber-Afghanen in den Reihen Hekmatjars gegen uns. Wir werden sie auffordern, unser Land zu verlassen. Bin Laden richtet mehr Schaden an, als er Gutes tut", erkärte Massud 1997...

Der Warlord und Heroinhändler Hekmatjar, mit dem sich Osama so gut verstand, war in dem ausgebrochenen Machtkampf um Kabul der Favorit der CIA und des pakistanischen Geheimdiensts ISI und kassierte bis 1991 "60 Prozent der jährlich bis zu 700 Millionen Dollar US-Hilfe für den afghanischen Widerstand", so der "Spiegel" (38/1992). Derselbe Bin Laden also, der seit 1982 Türme in Amerika zerstören will, schlägt sich im afghanischen Bürgerkrieg ausgerechnet auf die Seite der US-gesponsorten Dschihad-Fraktion. Der Einwand, dass es Bin Laden bei dieser Koalition nur darum ging, "sowjetische Atheisten" (bzw. aus US-Sicht "Kommunisten") zu vertreiben, zieht insofern nicht, als auch die Dschihadisten unter Ahmed Massud eben dieses Ziel hatten.

Für seine Anhängerschaft in der arabischen Welt mag die Legende Bin Ladens, dass er die Attacke auf die Zwillingstürme seit 2 Jahrzehnten im Kopf hatte, als Beleg für seine langjährige Planung und Hingabe gelten. Er geriert sich mit dieser Behauptung als weiser, vorausplanender Führer des Heiligen Kriegs. Seine tatsächlichen Aktivitäten in diesen 20 Jahren sprechen jedoch eine andere Sprache, nämlich die eines Handlangers und Partners der CIA, der als "agént provocateur" mehr Schaden anrichtet als Gutes tut.

Auch die zweite Aussage Bin Ladens, die sich auf die 9/11-Attacke bezieht, ist widersprüchlich:

And for the record, we had agreed with the Commander-General Muhammad Ataa, Allah have mercy on him, that all the operations should be carried out within 20 minutes before Bush and his administration notice.

Der Flug der American Airlines 11, den Atta gehijacked haben soll, steuerte nach der Entführung allerdings nicht in aller Eile Richtung New York, sondern bog in die entgegengesetzte Richtung ab - ein Verhalten, das dem hier geäußerten 20-Minuten-Plan widerspricht. Auch der Flug der AA 77 passt nicht in diesen Plan, denn die Maschine flog laut 9/11-Report über 40 Minuten in aller Seelenruhe und unbehelligt Richtung Pentagon. Laut der sich anschließenden Aussage Bin Ladens war das nur möglich, weil Bush so lange Kindergeschichten lauschte:

It never occurred to us that the Commander in Chief of the armed forces would abandon 50,000 of his citizens in the twin towers to face those great horrors alone at a time when they most needed him. But because it seemed to him that occupying himself by talking to the little girl about the goat and its butting was more important than occupying himself with the planes and their butting of the skyscrapers we were given three times the period required to execute the operations.

Was wäre geschehen, wenn Bush den Terroristen nicht "drei Mal soviel Zeit" als nötig gegeben hätte, um die Operation auszuführen? Hat allein Allah die Abfangjäger am Boden gehalten, für die Verwirrung der Fluglotsen durch gleichzeitig stattfindende Hijacking-Manöver gesorgt, den präsidialen Sicherheitsdienst daran gehindert, Bush umgehend aus dem Schulgebäude zu entfernen, den Verteidigungsminister im Pentagon für 40 Minuten unauffindbar gemacht und den höchsten Militär, General Myers, bei einem Frühstücksplausch über seine Beförderung festgehalten? Wenn ja, hätte Bin Laden in der Tat allen Grund, seinem Gott zu danken, denn nur so konnte sein seit 20 Jahren gehegter Plan, die Twin Towers mit 19 Teppichmessern zu Fall zu bringen, aufgehen.

Wer aber nicht an so viel Vorsehung glaubt, kann sich nur der Forderung anschließen, die von Opferangehörigen und 9/11-Iniativen am selben Tag, an dem al-Dschasira das Video ausstrahlte, der New Yorker Staatsanwaltschaft vorgelegt wurde. In ihr werden weitere Ermittlungen und die Aufklärung der nach wie vor offenen Fragen zu den Tätern und Hintermännern des 11.9. verlangt.

So berichtet heute beispielsweise die New York Times, dass es noch einen - angeblich aus Sicherheitsgründen - unveröffentlichten Teil des Berichts der 9/11-Kommission gibt. In diesem 60 bis 70 Seiten langen Anhang werden das Verteidigungs- und das Transportministerium aufgefordert, die weitgehend falschen Aussagen von einigen Militärs und Zivilangestellten über die Bemühungen zu überprüfen, die entführten Flugzeuge am 11.9. zu verfolgen und jagen:

In testimony before the commission, officials had described a quick response to the hijackings that narrowly missed intercepting some of the planes, but the commission's investigators later determined from documentary evidence that none of the military planes were anywhere near the four airliners. In addition, officials at the Federal Aviation Administration testified that they had notified the military within a few minutes of each hijacking, but the investigation found that tape recordings contradicted that assertion.

Überdies gehe es in dem Bericht um Telefongespräche aus den entführten Flugzeugen, die Flugsicherheit und "Befehle, die an diesem Morgen von Präsident Bush und Vizepräsident Cheney gegeben wurden".

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