Es gibt nichts Gefährlicheres für uns alle als diese Regierung

Rüdiger Suchsland 02.11.2004

Ein Gespräch mit John Sayles über die Präsidentschaftswahl, Medien und Gesellschaft in den USA und seinen neuen Film "Silver City"

Seit etwa 20 Jahren gehört John Sayles zu den wichtigsten unabhängigen Regisseuren der USA. In seinem neuen Film, der Polit-Satire Silver City, der seit Ende September in den US-Kinos läuft, hat sich Sayles erstmals direkt dem Feld der Politik zugewandt - mit deutlichen Anspielungen auf die aktuellen Präsidentschaftswahlen. Silver City spielt vor dem Hintergrund des Gouverneurswahlkampfs im Bundesstaat Colorado. Richard Dreyfus spielt den gerissen-zwiespältigen Wahlkampfmanager des konservativen Wahlfavoriten, Kris Kristoffersson einen erzreaktionären Lobbyisten, Danny Huston einen desillusionierten Ex-Journalisten, der als Privatdetektiv eigentlich im Auftrag der Konservativen ermittelt, aber plötzlich im falschen Moment zu viel nachfragt. Grandios ist aber vor allem Chris Coopers Part als Gouverneurskandidat, der mühsam seine vorgestanzten Phrasen reproduziert - und kaum selbst versteht, was er redet. Unübersehbar sind hierbei die Anklänge an die Wahlkampfrhetorik des George W. Bush, dessen Tonlagen und Eigenheiten Cooper hervorragend parodiert. Wie die meisten von Sayles Filmen ist auch Silver City zugleich ein Heimatfilm der anderen Art. Anspielungsreich und hintergründig dekonstruiert Sayles die Mythen der Silberminen, der Naturverbundenheit und des Frontierlebens. Was übrig bleibt, ist Selbstzerstörung. Der Film ist in wenigen Wochen in den USA auf DVD erhältlich, ein Kinostart in Deutschland ist noch ungewiss.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Wie werden die Wahlen am 2. November ausgehen?

John Sayles

Sayles: Sehr knapp. Das liegt auch an der sehr altmodischen Einrichtung des "Wahlmännergremiums", bei der jeder Staat Wahlmänner entsendet und die Stimmen der Bürger nicht einfach zusammengezählt werden. Al Gore hat eine halbe Million Stimmen mehr gehabt, als Bush, und trotzdem die Wahl verloren. Es kann also durchaus sein, dass Kerry mit einer Million Stimmen vorn liegt, und trotzdem die Wahl verloren hat. Ich denke die Stimmen der Jungen werden besonders wichtig sein.

Zu den Umfragen kann ich nur sagen: Die werden telefonisch abgefragt, und man ruft zum Beispiel keine Mobiltelefone ab. Eine bestimmte Gruppe ist also von den Umfragen ausgeschlossen. Ganz sicher gibt es eine sehr hoch entwickelte Lügentechnologie in den USA. Die Leute werden in Furcht gehalten, werden unter dem Eindruck gehalten, dass die Welt sehr einfach zusammengesetzt ist, und sich in Gut und Böse unterteilen lässt. Das funktioniert natürlich besonders gut, wenn gerade erst jemand eine Menge Menschen in die Luft gejagt hat.

Das größte Problem sind die Registrierungen. Um zu wählen, muss man registriert sein. Je mehr Leute abstimmen, desto mehr Stimmen für die Demokraten - das zeigt die Erfahrung. Wir haben uns mit unserem Film auch an der Kampagne für Registrierungen beteiligt: Es gibt einen Bus, den "SILVER CITY-Express", der durch die Staaten fährt, vor allem zu den umstrittenen "Swing States". Ich würde mir wünschen, Sie in Europa wüssten, wie viele Anti-Bush-Aktivitäten es in den USA gibt.

Der Gouverneurskandidat in Ihrem Film Silver City wirkt überfordert und dumm, eine Marionette seiner Hintermänner. Trifft das auch Ihre Sicht auf Präsident Bush?

Sayles: Unübersehbar habe ich die Figur, die Chris Cooper spielt, mit einigen ganz offensichtlichen Anspielungen an George W. Bush ausgestattet, damit das Publikum keine Zweifel haben konnte, von wem hier die Rede ist. Ich habe einige klare Parallelen zwischen der Welt von Silver City zu dem gezogen, was zur Zeit in unserem Land los ist. Die Figur basiert auf Bushs erstem Wahlkampf für das Amt des Gouverneurs von Texas. Darum klammere ich Internationale Politik aus - aber es geht natürlich darum, wie dieser Typ die Welt sieht. Eine andere Filmfigur sagt über ihn: "He is a true believer" (Er ist ein wahrhaft Glaubender). Einer, der ein gottgleiches Vertrauen darin hat, wie er die Welt sieht, und dass er immer recht hat.

Das Problem dieser Figur ist, dass er nicht dumm ist. Er macht einfach seinen Job nicht gut. Für mich ist es ein Teil des Jobs, dass man sich klar ausdrücken kann, dass man etwas von der Welt da draußen weiß, über den eigenen Horizont hinausblicken kann. Bestimmt gibt es unter Politikern intelligentere und weniger intelligente. Aber das wichtigere sind seine Handlungen. Es spielt keine Rolle, ob man schlau oder dumm ist. Einige Leute, die hinter George W. Bush stehen, sind in jedem Fall sehr schlau. Aber was sie mit der Welt und unserem Land tun wollen, ist meiner Ansicht nach sehr undemokratisch. Wenn wir in den USA eine Demokratie haben wollen, müssen wir uns als Bürger sehr anstrengen und unsere Bürgerrechte in Bezug auf unsere Kandidaten und unsere Informationsmedien sehr viel ernster nehmen.

Ihr Film dreht sich stark um das Verhältnis von Presse und Macht, um die moralische Korruption der Medienlandschaft.

Sayles: Sicher geht es mir in Silver City nicht zuletzt um eine Verarbeitung meiner Enttäuschung über die amerikanische Mainstream-Medienlandschaft. Wenn Sie Michael Moores Fahrenheit 9/11 gesehen haben: Es sollte darüber gar keinen Film geben müssen. Die ganzen Informationen hätte man drei Jahre vorher in den Hauptabendnachrichten senden müssen. Sie waren allgemein verfügbar, die amerikanische Öffentlichkeit hätte darüber reden müssen. Aber die Mainstream-Presse in den USA macht keinen guten Job. Sie dringen nicht sehr tief hinter die offizielle Version. Zum Teil geht es da auch um Einschüchterung. Der Satz, den die Billy-Zane-Figur, ein Lobbyist, spricht - "Don't tell us, how to stage the news, and we won't tell you, how to report it." - stammt original aus einer Pressekonferenz während der Reagan-Regierung. Man gab sich Mühe, Journalisten, die kritische Fragen stellten, oder Untersuchungen anstrengten, in den Ruf zu bringen, sie wären Teil einer liberalen Verschwörung, um die Regierung zu unterminieren. Es kam zu sehr gut organisierten Telefon- und Email-Kampagnen, wo Leuten in den Verlagsleitungen und Herausgebern suggeriert wurde: "Ihr habt da einen, der politisiert ist, und der hinter den falschen Leuten her ist." Also: es gibt dort Einschüchterungen. Zur gleichen Zeit wurden die regulären Nachrichten- und Informationssendungen durch immer mehr Entertainment-Elemente verwässert. Aber je seichter sie wurden, um so besser die Quoten. Und dazu kommt: Richtige Nachrichten sind teuer. Es kostet Geld, Reporter fürs recherchieren zu bezahlen.

Wenn man das Spiel nicht gewinnen kann, muss man die Regeln ändern

Also kommen zwei Dinge zusammen: Die, denen die Nachrichtensender gehören, wollen Profit machen. Und die, denen die Nachrichtensender gehören, sind große Firmen, die andere Firmen besitzen, und Angst haben, von der Regierung Schwierigkeiten zu bekommen. In Silver City trifft man auf ein halbes Dutzend Reporter von sehr unterschiedlichem Zuschnitt. Jeder von ihnen hat seine eigenen Ansichten, was ein Reporter ist, und wem ein Reporter dient. Auf der einen Seite der Linie hat man Leute, die nur noch ein Sprachrohr bestimmter Firmen sind, auf der anderen Seite einen, der wirklich nach der Wahrheit sucht - aber solche Typen sind in den USA derart marginalisiert worden, dass meine Figur, die von Tim Roth gespielt wird, tatsächlich in einem Keller wohnt. Also: Die Geräusche derjenigen, die sich weiterhin um die Wahrheit bemühen, sind sehr leise, während der Lärm des Mainstream alles übertönt. Am lautesten sind die Medien wie "Fox News". Sie wiederholen sich Tag um Tag um Tag. Es kann alles völlig gelogen sein, aber es erscheint einem irgendwann wie die Wahrheit, weil man es so oft gehört hat.

Fühlen Sie sich auch als marginalisiert, als Stimme in der Wüste?

Sayles: Dazu kann ich nur sagen: Man muss den meisten Lärm machen, wenn alle anderen still sind. Warum wir diesen Film gemacht haben, war ja unter anderem der Eindruck, dass die alltäglichen Gespräche in den USA sehr einseitig waren. Die Leute schienen Angst davor zu haben, etwas gegen die Regierung zu sagen - in jeder Hinsicht, nicht nur in Bezug auf den Irak-Krieg. Dieses Fehlen eines wirklichen Dialogs ist für eine Demokratie sehr schlecht. Es erschien mir darum als eine patriotische Pflicht, diesen Film zu drehen.

Wie würden Sie die Berichterstattung der großen Nachrichtensender Fox und CNN vergleichen?

Sayles: Es gibt eine sehr sehr gute Dokumentation über Fox, namens "Outfoxed", die man bei "amazon" kaufen kann - ins Kino kommt sie nicht. Fox ist im Prinzip ein Propagandaarm für Rupert Murdoch. Das ist ein sehr sehr rechter Typ. Die Kris-Kristofferson-Figur in Silver City hat einige Parallelen zu Murdoch. Fox ist ein Sender, der mittels Nachrichten politische Botschaften verbreitet. Für mich ist das ein Propaganda-Sender. CNN litt darunter, dass sie zuletzt in den Quoten von Fox überholt wurden. Darum haben sie damit begonnen, nicht nur immer konservativer zu werden, sondern auch immer simpler und weniger komplex. Die Vereinfachung von komplizierten Geschichten ist für mich ein großer Teil des Problems: dass etwa der Irak-Krieg als Kampf zwischen Gut und Böse präsentiert wird, nicht dagegen als Teil eines weitaus größeren Zusammenhangs.

Aber wo steht CNN im Vergleich?

Sayles: CNN steht links von Fox, aber weit rechts von der Wahrheit. [Lacht] Dafür kriegen sie mich.

Wie würden Sie die Entwicklung in den USA während vier Jahren Bush-Regierung beschreiben?

Sayles: Ein sehr wichtiger Satz in Silver City lautet: "If you can't win the game, just change the rules." (Wenn man das Spiel nicht gewinnen kann, muss man die Regeln ändern.) Das ist es, was gerade in den USA passiert: Die Regeln werden geändert. Etwa die Trennung zwischen Kirche und Staat in der Verfassung: Sie war seit den Gründervätern sehr stark, und löst sich zunehmend auf. Die Rolle des Wählers in der Demokratie: Sehr viele Abgeordnete repräsentieren heute die Verbände, Organisationen und Unternehmen, die ihren Wahlkampf unterstützt haben, nicht die Menschen, die sie gewählt haben. Die Rolle der Presse: Journalisten machen so viele Kompromisse gegenüber den Firmen, denen ihre Auftraggeber gehören. Sie kümmern sich nicht um Wahrheit, sondern um Kassenerfolg und Umfragen, darum, was populär ist, was die Leute hören wollen. Oder was ihr Boss hören will. Man interessiert sich nicht mehr für das Allgemeine. Eine zentrale Metapher meines Films sind die Linien, die der Detektiv aufmalt. Sie verbinden verschiedene Geschehnisse, Personen und Organisationen. Ich möchte, dass mein Publikum auch in der Lage ist, solche Verbindungslinien zu ziehen - zwischen Silver City und unserem Land zum Beispiel. Denn vieles, von dem ich hier spreche, hat etwas mit George W. Bush zu tun.

Die Hauptfigur von Silver City, der Detektiv, den Danny Huston spielt, steht für den amerikanischen Durchschnittsmenschen, der allmählich erkennt: Man kann sich nicht zurücklehnen, und nur passiv sein

Das ist die wichtigste Wahl, die wir je hatten

Sayles: Wer wissen will, was in der Welt los ist, muss selbst zum Detektiv werden. Wir Bürger wissen nun: Wir müssen ins Internet gehen, wir müssen Bücher lesen, wir müssen mehr als eine Zeitung lesen. Das gilt für die ganze Welt: Man muss der offiziellen Darstellung gegenüber misstrauisch sein - selbst wenn sie von einer Quelle stammt, die wir der "freien Presse" zurechnen. Die meisten Medien gehören großen Firmen. Als wir erstmals gegen den Irak-Krieg demonstrierten, gab es im Februar 2003 eine große Demonstration in New York. Da nahmen vielleicht 250.000 - 300.000 Leute teil. as war ein Samstag. Die "New York Times" hat davon erst am folgenden Mittwoch berichtet. Nachdem sie zig kritische Leserbriefe bekommen hat. Das ist die "New York Times", das sind "All the news, thats fit to print". Nehmen sie diese beste und durchaus liberale, sehr kritische Zeitung für die eine Seite des Spektrums, während das andere Extrem durch "Fox News" repräsentiert ist, dann wissen Sie ungefähr, wie gut der Durchschnittsbürger informiert ist. Intelligente Leute lesen die "New York Times", der Rest sieht Fox. Unser Land steckt in richtig großen Schwierigkeiten. Das ist die wichtigste Wahl, die wir je hatten. Wir haben eine Regierung, die an den "preemtive war", an vorbeugenden Krieg glaubt. Daran, dass man einen Krieg führen darf, wenn man nur glaubt, man könnte mal einen Gegner haben. Es gibt nichts Gefährlicheres für uns alle, als diese Regierung!

Ihre Filme sind amerikanische Heimatfilme - der anderen Art. Sie zeigen immer ein sehr präzises Bild sehr bestimmter amerikanischer Landschaften und Orte. Sie drehen sozusagen Bundesstaaten-Filme. Lone Star handelte von Texas, Limbo von Alaska, Rumble Fish von Louisiana, Sunshine State von Florida. Silver City ist Ihr Colorado-Film. Können Sie Ihre Herangehensweise genauer beschreiben?

Sayles: Was mich an diesen verschiedenen Landschaften und Orten vor allem interessiert: Sie sind zweigeteilt. Sie haben eine reale, physische Seite, und eine imaginäre Seite. Die imaginäre ist mindestens so stark, eher stärker. Diese Mythen gehen dann auch untereinander Beziehungen ein, verstärken und verändern sich wiederum selber. Für mich ist das die Aufgabe eines Detektivs: Unter die glänzende Oberfläche der Dinge zu sehen. Nehmen Sie die klassischen Geschichten, die Raymond Chandler für Hollywood schrieb. Sie handeln immer von der glänzenden Oberfläche, dem Schein, und der dunkleren Seite, die darunter liegt. Eben weil ich wollte, dass Silver City wie eine Detektiv-Story im Stil von Chinatown funktioniert, gibt es auch im Film diese Spannung zwischen der wunderschönen Natur, angesichts derer jeder ausruft: "Oh mein Gott, da sind die wunderbaren Colorado-Mountains" - aber wenn man drunter schaut, dann sieht man giftigen Müll.

Sie mögen bekanntlich Mexiko sehr gern, in vielen Ihrer Filme geht es um Hispanics, auch hier kommen Mexikaner vor, in diesem Fall ist einer der "Bad Guys" ein Mexikaner

Sayles: Meine Filme haben oft mit Mexikanern zu tun, weil ihre Kultur ein Teil der Vereinigten Staaten sind. Ein gutes Drittel des US-Territoriums gehörte früher lange Zeit zu Mexiko. Man hat einfach eine neue Grenze gezogen, viele Mexikaner wurden US-Bürger. In den letzten Jahrzehnten gab es das, was einige die "Reconquista" [Rückeroberung, analog zur spanischen reconquista des Mittelalters] nennen: eine Menge Mexikaner wanderten in die USA ein, und besiedelten die südlichen Gebiete. Das ist ein langer, schwieriger Prozess.

Viele US-Filmemacher interessieren sich für die Hispanos in den USA. Aber die meisten entwerfen ein ziemlich folkloristisches Bild - sie nicht. Ihr Bild der Hispanos ist ehrlicher

Sayles: Zunächst geht es einmal darum, ob man sich dafür interessiert, wer die Leute wirklich sind, oder ob man nur ein exotisches Interesse hat, in der Art: Ah, das sind die Leute, die Mariachi spielen, oder die Salsa tanzen. Seit dem Auftritt von Afonso Bedoja in John Hustons Der Schatz der Sierra Madre muss jeder mexikanische Bandit in einem US-Film viel grinsen, lachen und sonderbar-verrückte Dinge tun. Das ist zum Klischee eines Latino geworden. Ich kenne viele Hispanos, und weiß, wie verschieden sie sind. In Miami zum Beispiel leben längst nicht nur Kubaner. Dort gibt es Leute aus El Salvador, aus Puerto Rico, aus Mexiko. In Los Angeles gibt es zwar ein klares Übergewicht der Mexikaner, aber es kommt sehr darauf an, aus welchem Teil in Mexiko sie kommen. Die Leute tendieren dazu, in eine Gegend zu ziehen, wo man den gleichen Akzent spricht, den gleichen Geschmack hat. Für mich ist das wichtige nicht zu sagen: Das sind Latinos. Sondern: Was für Latinos sind es? Darum zeige ich Leute, die schon lange in den USA leben, und illegale Saisonarbeiter, und welche, die irgendwo dazwischen stehen, in ihren unterschiedlichen Verhaltensweisen und Identifikationen.

Unsere gesamte Wirtschaft ist von Einwanderung und von illegalen Arbeitern abhängig

Fast alle Amerikaner sind Emigranten. Meine Vorfahren kamen um 1900 nach Amerika. Mich interessiert, wie Assimilation funktioniert. Wann hört man auf zu denken: "Ich bin in einem fremden Land." und beginnt zu sagen: "Das ist meine Heimat."? Oder passiert das erst bei den Kindern, die im Land geboren werden? Einwanderung ist für uns Amerikaner ein großes Thema. Unsere gesamte Wirtschaft ist von Einwanderung und von illegalen Arbeitern abhängig. Erst wenn wir beginnen, uns einzugestehen, dass illegale Arbeiter das Fundament unserer Wirtschaft sind, jedenfalls eines wichtigen Teils, können wir beginnen, unsere Wirtschaftsprobleme zu lösen. Sicher können wir nicht über Arbeitsbedingungen und die Rolle der Gewerkschaften sprechen, bevor wir nicht zugeben, dass wir uns die Dinge, die wir uns leisten, zum Teil nur leisten können, weil wir Niedriglöhne an Illegale zahlen.

In letzter Zeit ist die grundsätzliche Offenheit gegenüber Einwanderern ja wiederholt in Frage gestellt worden, gerade in Bezug auf die Latinos. Samuel Huntington, der Autor der berühmten "Clash of Civilisations"-These warnt in seinem neuesten Buch vor dem wachsenden Einfluss der Hispano-Kultur. Sie werde, behauptet er, die USA essentiell verändern - im Gegensatz zu früheren Einwandererwellen

Sayles: Das ist alles eine riesige Heuchelei. Wir geben Unsummen für Grenztruppen aus, für Patrouillen, die nachts durch die Wüste streifen, um alle aufzugreifen, die im Süden über den Zaun klettern. Aber in dem Moment, wo sie im Land sind, hängen wir von ihnen ab: Die Restaurant-Industrie, die Bau-Industrie, die Landwirtschaft könnten ohne diese Leute gar nicht existieren. Meiner Meinung nach ist das nur ein Trick der Besitzenden, um das Mindest-Einkommen künstlich niedrig zu halten. Denn nur dann kann man sagen: Wir haben genug Leute, die für weniger Geld arbeiten, oder ohne Überstunden-Zahlungen oder was auch immer. Also: Es ist eine große Lüge zu behaupten, die Hispanics würden Amerika schaden. Was wahr ist: es gibt einige, die hätten gerne, dass die Hispanics nie das Bürgerrecht bekämen. Dass man ihnen kaum etwas bezahlen muss, ihre Arbeitskraft ausbeuten kann, und sie dann wieder nach Hause schickt. Und sich um keinerlei Gesundheitsversorgung oder Ausbildung kümmern muss.

Wird sich die US-Einwanderungspolitik zum Schlechteren verändern, wird man die Grenzen noch dichter ziehen?

Sayles: Nein, was gerade passiert, ist dass immer mehr Menschen mit Latino-Abstammung öffentliche Ämter übernehmen. Wo immer sie in den USA hingehen: Sie hören überall Spanisch. Es ist eine US-Muttersprache. Das ist ein Teil unserer Kultur geworden. Vor allem hört man oft "Spanglisch". Es wird immer schwieriger, die Hispanics zu missachten. Das ist ein evolutionärer Prozess. Zur Zeit gibt es so viele Lügen - die angeblichen Bedrohungen durch Terroristen sind ein beliebter Vorwand für alle möglichen Verschärfungen der Einwanderungsgesetze.

Eine Welt zeigen, die nicht nur aus Gut und Böse besteht

Fühlen Sie sich als der Anarchist des US-Kinos?

Sayles: Nein, das nicht. Aber ich bin in der Lage, abseits von Hollywood Filme zu machen. Ich kann die Geschichte erzählen, die ich erzählen will. Das ist nicht der leichte Weg, aber es ist möglich. In Hollywood zu arbeiten, ist dagegen mehr wie Produktdesign. Man denkt an das, was das Publikum vermeintlich will, nicht an das, was man selber erzählen will. Sondern an das, was verkäuflich ist. Zu viele Leute reden mit. Und sie fragen: Was wird die Mode dieses Sommers? Und fast immer lügt man über irgendetwas, um es populärer zu machen. Ich mache das Gegenteil. Und dann wird der Film komplizierter. Ich bin ganz sicher, dass die größte Differenz meiner Filme zu Mainstream-Filmen nicht der ist, dass sie politischer sind, sondern ihre Komplexität. Dass sie eine Welt zeigen, die nicht nur aus Gut und Böse besteht.

Ich finde Ihre Filme auch bei allem Ernst oft durchaus humorvoll. Ich würde Silver City als Polit-Satire bezeichnen. Wie wichtig sind Ihnen Satire und Ironie?

Sayles: Von den Filmen, die ich bei der Arbeit an Silver City im Kopf hatte, war wohl der wichtigste Dr. Strangelove ("Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben") von Stanley Kubrick. Einerseits ein sehr witziger Film, aber sehr dunkel und depressiv auf der anderen Seite. So ähnlich muss man auch Silver Citysehen: Der Film beginnt als Parodie und Satire, den Gouverneurs-Kandidaten kann man genauso wenig ernst nehmen, wie den Privatdetektiv, der von Danny Huston gespielt wird. Der stolpert so durch die Gegend und ist so ziemlich der schlechteste Detektiv der Welt. Aber je länger der Film weitergeht, um so ernster muss man auch die Figuren nehmen: Der Kandidat wird wirklich gefährlich. Und auch Danny Hustons Charakter gewinnt an Gewicht. Er findet sich wieder, seinen Sinn für Moral, den er verloren hatte. Ironie ist eine Weise, etwas zu präsentieren. Das Besondere an Ironie ist, dass hinter dem Witz der Punkt kommt, an dem etwas nicht mehr lustig ist.

(Das Gespräch wurde anlässlich der internationalen Premiere von SILVER CITYam Rande des Filmfestivals von San Sebastian Ende September geführt)

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18701/1.html
Kommentare lesen (17 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Die geistigen Väter von SETA

Teil 1: SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen

Sauber abgetippt und analysiert

Peter Mühlbauer 29.09.2007

Joachim Lottmann schildert, wie der Verfassungsschutz Ende der 1970er Jahre tägliche vierstündige Telefongespräche zwischen ihm und Diedrich Diederichsen überwachte

"Mir fuhr nicht einmal nachträglich der Schreck in die Glieder. Ein Staat ohne diese peniblen Geheimdienste hätte uns bis an unser Lebensende verdächtigt, sozusagen zu recht."

weiterlesen
FOTOBLOG

Eine schöne Bleibe

Oder soll es heißen, dass alles so bleiben soll, wie es ist, weil es so schön ist?

bilder

seen.by


TELEPOLIS