"Das Böse ist immer und überall"

08.11.2004

Warum wir eine Zunahme der Kriminalität sehen, wo keine ist

Die Kriminalität sinkt, doch die Furcht der Deutschen vor Verbrechen wächst, die Gerichte strafen härter und die Politik lässt neue Haftplätze bauen. Eine aktuelle Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen geht den Zusammenhängen nach.

Die Statistiken melden rückläufige Zahlen bei Straftaten, vor allem bei schweren Delikten, doch das Strafbedürfnis der Deutschen steigt ebenso wie die Zahl der Häftlinge. Großen Anteil an dieser Entwicklung hat die Berichterstattung über Kriminalität in den Medien und eine Politik, die sich eng an der öffentlichen Meinung ausrichtet. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hat in einer Studie nachgefragt, wie die Bevölkerung in Deutschland die Kriminalitätsentwicklung beurteilt, wie sie in ihrem Urteil von den Medien beeinflusst wird und welche Folgen dies für die Kriminalpolitik hat.

Die gute Seite der demographischen Entwicklung

Eigentlich könnten sich die deutschen Bürger beim Thema Kriminalität ganz entspannt zurücklehnen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) weist für die letzten zehn Jahre (1993 bis 2003) einen deutlichen Rückgang auf, gerade für schwere Straftaten: Wohnungseinbrüche -45,7 Prozent, Autodiebstahl -70,5 Prozent, Banküberfälle -44,4 Prozent, Mord -40,8 Prozent, Sexualmord -37,5 Prozent.

Natürlich sind die Menschen nicht besser geworden. Eine wichtige Ursache ist vielmehr die Überalterung unserer Gesellschaft. Traditionell stellt die Gruppe der 18- bis 30-jährigen Männer fast die Hälfte der Tatverdächtigen bei Gewaltkriminalität dar. Deren Bevölkerungsanteil ist jedoch von 1993 bis 2003 von 9,4 auf 7 Prozent gesunken, während die Zahl der über 60-Jährigen (ca. 3 Prozent der Tatverdächtigen) von 20,4 auf 24,4 Prozent gewachsen ist. Die Vergreisung der Republik hat also zumindest einen Vorteil: Sie fördert die innere Sicherheit.

Kriminalitätsfurcht, die sich nirgends belegen lässt

Doch diese beruhigende Entwicklung scheint nicht in das Bewusstsein der Bürger zu dringen. Wie Christian Pfeiffer, Michael Windzio und Matthias Kleimann vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen anhand einer Repräsentativbefragung (die Studie Die Medien, das Böse und wir. Zu den Auswirkungen der Mediennutzung auf Kriminalitätswahrnehmung, Strafbedürfnis und Kriminalpolitik erscheint in der Januar-Ausgabe der Monatsschrift für Kriminologie) ermittelten, liegen die Bundesbürger bei ihrer Einschätzung des Kriminalitätsgeschehens meilenweit daneben. Ausgehend von Zahlen der PKS von 1993 zu bestimmten Straftaten sollten die Befragten deren Entwicklung einschätzen. Was dabei zutage kam, hat die Wissenschaftler einigermaßen erschüttert: Die Befragten unterstellten einen starken Anstieg bei allen Delikten. Je gravierender und emotionalisierender die Tat, umso höher lag die Fehleinschätzung: Beim Wohnungseinbruch betrug sie das Zweieinhalbfache, beim Mord das Doppelte und beim vollendeten Sexualmord sogar das Sechsfache.

Die Dramatisierung des Bösen in den Medien

Wie kommt es zu einer derartigen Fehleinschätzung? Warum ist sie bei schweren Verbrechen so eklatant ausgeprägt? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand. Kriminalität ist ein Phänomen, das für die meisten selten einmal real wird, es lebt vornehmlich in persönlichen Vorstellungen und die werden ganz entscheidend von den Medien geprägt. Mord und Totschlag finden täglich in unseren Wohnzimmern statt, weil besonders das Fernsehen zunehmend intensiver darüber berichtet.

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hannover, sind Pfeiffer und seine Kollegen dem Zusammenhang von Mediendarstellung und Kriminalitätswahrnehmung nachgegangen. Sie fanden heraus, dass die Thematisierung von Kriminalität seit Mitte der 80er-Jahre immer mehr Raum erhält. In diesem Zeitraum kletterte der Anteil kriminalitätshaltiger Sendungen im Fernsehen von 3,5 auf 15,4 Prozent. Und das betraf sowohl die privaten wie auch die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten.

Gleichzeitig stellten die Kriminologen deutlich einen Trend zur Verschiebung von fiktionalen zu nicht fiktionalen Programmen fest. Es dominieren immer stärker Formate, die dem Rezipienten ein wirklichkeitsnahes Bild von Kriminalität und deren Verfolgung suggerieren. Dies geht einher mit einer dramatisierenden Inszenierung von Verbrechen.

Unsere Hauptthese ist, dass der Wandel gerade bei den öffentlich-rechtlichen Nachrichten in Quantität und Qualität der Berichterstattung einen großen Unterschied macht. Die Nachrichtensendungen sind immer noch die Quelle der höchsten Seriosität. Dass die Bild-Zeitung übertreibt, weiß ja jeder. Wenn die Tagesthemen aber plötzlich immer häufiger über Kriminalität berichten, dann glauben die Leute, da muss was dran sein. Die Tagesthemen sagen zwar nicht, der Sexualmord steigt. Aber sie berichten beim ersten Tatverdacht, aus der U-Haft, von der Anklageerhebung und vom Prozess. Kriminalität wird ausgelutscht und genutzt, die Zuschauer zu binden. Weil man die Sorge hat, dass man, wenn selbst nicht mitmacht, es die anderen tun, und die haben dann die höheren Einschaltquoten

Wenig erstaunlich daher, dass die Befragung auch ergab, dass die Fehleinschätzungen umso gravierender ausfallen, je mehr Zeit die Bürger vor der Flimmerkiste verbringen und je häufiger sie kriminalitätshaltige Sendungen konsumieren. Und je mehr sie dabei zu der Überzeugung gelangen, dass Kriminalität und besonders schwere Verbrechen zunehmen, umso härtere Strafen fordern sie.

Der Bildungsfaktor

Doch es gibt noch weitere Faktoren, der für Kriminalitätseinschätzung und Straflust eine Rolle spielen. "Bildung ist der entscheidende Faktor", erläutert Pfeiffer. "Ältere Menschen verschätzen sich mehr als die Jüngeren, Frauen mehr als Männer, die Ostdeutschen mehr als die Westdeutschen. Und die Ungebildeten mehr als die Gebildeten. Am höchsten verschätzt sich der ungebildete, ältere Mann aus Ostdeutschland, der primär RTL und Sat 1 guckt und die Bild-Zeitung liest. Der ist auch für rigides Strafen, möglichst die Todesstrafe. Die geringsten Strafbedürfnisse weisen jüngere Menschen in Westdeutschland auf, mit gehobenem Bildungsniveau, die sich z. B. anhand von FAZ, SZ und Tagesthemen informieren. Sie liegen relativ nahe an der Wirklichkeit und sind für moderates Strafen."

Kriminalpolitik der rauchenden Colts

Wenn in der Bevölkerung das Bild entsteht, dass Kriminalität und vor allem schwere Verbrechen stark zunehmen, dann hat das leider auch Folgen auf die Kriminalpolitik. Die Diskussion um die Verschärfung der Sicherungsverwahrung hat in den vergangenen Jahren vielleicht die höchsten Wellen geschlagen. Pfeiffer und sein Team führen an, dass es seit 1992 fünf Reformgesetze gegeben hat, die immer mit Strafverschärfungen einhergingen. In den vergangenen 12 Jahren hat der Gesetzgeber zu 40 Straftatbeständen die Strafandrohung deutlich erhöht.

Parallel dazu haben auch die Gerichte ihre Sanktionspraxis verschärft: Bei der schweren Körperverletzung etwa ist die Quote der Verurteilungen zu einer Freiheitsstrafe von 5,7 auf 6,9 Prozent (1990 bis 2002) gestiegen. Gleichzeitig hat sich die Dauer der Strafen um fast ein Drittel erhöht. Beides zusammen bewirkt laut Pfeiffer, dass sich die Summe der Haftjahre, die Gerichte pro 100 Angeklagte dieser Tätergruppe verhängt haben, von 6,2 auf 10 Jahre erhöht hat. Ein Wandel, der noch nachvollziehbar wäre, wenn sich gleichzeitig die Tatschwere erhöht hätte. Doch genau das Gegenteil war der Fall, wie die Statistiken zur Verletzungsschwere zeigten.

Zweifelhafte Sicherheit

Der Unterschied ist beträchtlich und teuer: Im Vergleich zur Sanktionspraxis von 1990 wurden allein bei der schweren Körperverletzung 7.945 Haftjahre mehr verhängt. Bei einem durchschnittlichen Preis pro Hafttag von 80 Euro sind das immerhin 232 Millionen Euro. Im Querschnitt der Haftjahre aller Straftaten ergibt sich ein Anstieg von 40%: von 5,2 auf 7,3 Jahre. Kein Wunder also, dass die deutschen Knäste überquellen: Laut Strafvollzugsstatistik hat sich die Zahl der Strafgefangenen in Westdeutschland von 1991 bis 2003 von 37.468 auf 51.881 erhöht – ein Anstieg von 38,5 Prozent, in Euro bedeutet das Mehrausgaben von 421 Millionen Euro!

Doch solche Zahlen bringen offenbar nur Wissenschaftler ins Grübeln. Denn man kommt schier aus dem Staunen nicht heraus: Trotz Sparmaßnahmen, die überall im Lande angesagt sind, läuft seit 2000 ein bundesweites Neubauprogramm für 12.000 neue Haftplätze (Kosten: 1,4 Mrd. Euro).

Geld spielt keine Rolle

Gerade besonders schwere Straftaten sinken, doch Justiz und Politik benehmen sich, als würde das Verbrechen ungehemmt wuchern. Statt auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und zu fragen, welcher Nutzen für die Allgemeinheit den extrem steigenden Kosten gegenüber steht, wird allein das wachsende Strafbedürfnis bedient. Dabei wäre es an der Zeit zu fragen, ob es ratsam ist, dass Sozialhilfeempfänger ihre Geldstrafen im Gefängnis absitzen und, ob es nicht auch für kleine Ganoven Alternativen zur Haft gibt. Da Geld anscheinend keine Rolle spielt, wäre es sinnvoller, statt Haftplätzen mehr in präventive Maßnahmen zu investieren.

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