Trauer über den Tod eines Atomkraftgegners

08.11.2004

Die Proteste gegen den Castor-Transport aus der Wiederaufarbeitungsanlage nach Gorleben gehen "anders" weiter, nachdem gestern ein Atomkraftgegner von dem Zug überrollt wurde

"Die Atomkraft hat gestern auf den Schienen getötet" beginnt heute ein Artikel in der französischen Tageszeitung Libération. Denn am Sonntag Nachmittag wurde der 21-Jährige Sebastian B. beim lothringischen Avricourt vom Castorzug überrollt, der mit 2.000 Tonnen hochradioaktiven Atommüll beladen ist. Die 12 Behälter (Castoren) hatten am Samstag die französische Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague verlassen. Der Zug befindet sich auf dem Weg ins deutsche Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben.

Vieles über den Tod von Sebastian B. ist unklar. Er stammt aus dem Departement La Meuse, wo in Lothringen auch Frankreichs Endlager für hochradioaktiven Müll gebaut wird. Klar ist, dass der Zug dem 21-Jährigen ein Bein abgetrennt hat und die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufgenommen hat. Der junge Mann sei an den Gleisen festgekettet gewesen, gab die zuständige Präfektur bekannt. Allerdings, so die Staatsanwaltschaft, "gelang es drei Aktivisten, sich zu lösen". Warum es Sebastian B. nicht schaffte, verstehen auch die französischen Atomkraftgegner nicht. Jean-Yvon Landrac, Sprecher des französischen Netzwerks für den Atomausstieg, erklärte gegenüber Telepolis, es habe sich um eine "erfahrene Gruppe" gehandelt.

Blockadetraining im Februar 2003 in Bordeaux

"Es muss einiges schief gelaufen sein", sagte Landrac schockiert. Aber es sei unglaublich, dass der Zug mit einer so gefährlichen Fracht mit 100 Stundenkilometern durch eine Kurve fährt. Dabei war er erst kurz zuvor bei Nancy von Atomkraftgegnern fast drei Stunden blockiert worden. Er fuhr so schnell, obwohl der Hubschrauber für die vorrausschauende Luftüberwachung gerade tanken geflogen war. Auch Versuche eines Motorradfahrers, den Zugführer vor den Personen auf den Schienen zu warnen, schlugen offenbar fehl. Ob die Blockierer noch mit Leuchtraketen auf sich aufmerksam gemacht hatten, konnte Landrac nicht sagen. Normalerweise werden in Frankreich so die Zugführer gewarnt.

Die Sozialistische Partei (PS) fragt die Regierung nun, warum "keinerlei Sicherheitsmaßnahmen durch die Polizei" vorgenommen worden seien. Und die Grünen verlangen eine "tiefgreifende Debatte" über die Atompolitik. Die Cogema, Betreiberfirma von La Hague, fordern sie auf, die "Transporte mit radioaktivem Abfall sofort zu stoppen". Für den Tod des Atomkraftgegners seien Präsident Jacques Chirac und der Premierminister Jean-Pierre Raffarin verantwortlich.

Ladepapier

"Wir sind schockiert über diesen furchtbaren Unfall", erklärte Marianne Koch von X-tausendmal quer. Die Atomkraftgegner aus Deutschland hatten gestern ihre geplanten Widerstandsaktionen zumeist in Mahnwachen umgewandelt. Zuerst sei man sprachlos und gelähmt gewesen, doch viele in und um Gorleben wollten ihrer Betroffenheit konkreten Ausdruck verleihen. Die Proteste werden nun auf eine andere Weise weitergehen. "Wir werden unsere Trauer auf die Straße tragen", sagte Koch. Man werde auf den Strecken für den heutigen Straßentransport von Dannenberg nach Gorleben eine Sitzblockade durchführen. "Wir denken, damit im Sinne des Verstorbenen zu handeln." Das sei das Signal, das wir von der französischen Anti-Atom-Bewegung bekommen haben."

Zu klären wird es neben den Todesumständen in Frankreich aber auch noch etwas anderes geben. War es ebenfalls nur eine Nachlässigkeit oder bewusste Irreführung, dass der Castorzug mit falschen Ladepapieren bezeichnet war. Statt "DHA" oder "Déchets hautement actifs" waren die Wagen mit nur "combustibles usés" (abgebrannte Brennelemente) beschriftet. Doch die transportierten Glaskokillen bestehen zu fast 100% aus hochradioaktivem Atommüll, abgebrannte Brennelement nur zu etwa 5%. Das Gefährdungspotenzial von Glaskokillen ist deutlich höher.

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