Im Spiegel der Kopffüßer

Florian Rötzer 09.11.2004

Klimaveränderungen haben auch jetzt schon ganz erstaunliche Folgen, glaubt man australischen Wissenschaftlern. Mit der Erwärmung der Meere haben die Kopffüßer sich rasant vermehren können und breiten sich nun ebenso wie die Menschen auf dem Land aus.

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Vampyroteuthis infernalis. Bild

In einem ganz anderem Zusammenhang hat der Philosoph Vilem Flusser für sein Denken die Cephalopoden entdeckt. Der Vampyroteuthis infernalis, so der Titel eines seiner Bücher (1987), das er zusammen mit Louis Bec (DIE TECHNOZOOSEMIOTIK) geschrieben hat, ist für Flusser das intelligente Leben in der Tiefsee. Flusser versuchte, die Welt dieses Kraken als Vampyroteuthis sapiens sapiens, also Spiegelbild des Menschen darzustellen. Ein Lebewesen, das eine ganz andere Entwicklung mit einem völlig anderen Körper, anderen Sinnesorganen und anderen Kommunikationsmöglichkeiten in einem anderen Medium genommen hat.

Flussers Theoriefiktion ist eine Art philosophische Fabel, ein faszinierendes Gedankenexperiment geworden, aber die Wirklichkeit ist manchmal abstruser, wenn auch weniger phantastisch. Nicht nur werden immer wieder größere und neue Kopffüßer entdeckt, sondern es wird auch deutlich, dass sie immer größere Populationen bilden und sich weit über ihre früheren Lebensbereiche ausgebreitet haben. In Alaska wurden bereits Riesentintenfische gesichtet, die ansonsten in Kalifornien beobachtet wurden. Offenbar werden immer mehr Kopffüßer, die alles fressen, was sie erwischen können, beim Fischen gefangen. Die Beobachtungen sind nicht neu, aber doch überraschend, wenn George Jackson vom Institute of Antarctic and Southern Ocean Studies in Tasmanien verkünet, dass die Kopffüßer in Bezug auf die Biomasse bereits die Menschen übertreffen und die Herrschaft über die Meere zu übernehmen scheinen.

Das Phänomen scheint zwei Ursachen zu haben. Zum einen sorgt die Erwärmung der Meere für ein sprunghaftes Wachstum der Kopffüßer und für deren Ausbreitung in Gebiete, in die viele Areten bislang nicht vordringen konnten. Zum anderen ist die Ausbreitung der Kopffüßer auch eine direkte Folge der Überfischung der Meere. Damit werden nämlich die Feinde der Kraken und Tintenfische dezimiert oder ausgelöscht, so dass diese sich nun krebsartig vermehren können. Besonders die Abfischung der bodennah lebenden Fische wie Barsche, Haie, Dorsche, Rochen oder Heilbutts, aber auch der Rückgang Thunfische und der Wale lässt die "Weichlinge" gedeihen. So wird angenommen, dass Pottwale alleine 100 Millionen Tonnen Kopffüßer jährlich auffressen, eine Schätzung, die in den 80er Jahren gemacht wurde.

Fehlen die Feinde, so fressen sich die Kopffüßer, die in die leergefischten Gebiete eindringen, voll, wobei sie nicht an Fettigkeit, sondern an Größe zunehmen - kontinuierlich, nicht asymptotisch, da im Unterschied zu den Fischen nur die Muskelmasse zunimmt.

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Darin gleichen sie eben den Menschen, die sich dank ihrer (Kultur)Techniken, aber auch dank der (nicht von ihnen selbst verursachten) Erwärmung nach der Eiszeit über die ganze Erde verbreiten konnten. Nun also haben die Menschen den Kopffüßern einen Vorteil verschafft, der ihnen ein exponentielles Wachstum ermöglicht, das einher geht mit der Zunahme ihrer Größe. Immer wieder wurden in letzter Zeit Riesenkraken an Land gespült oder gefangen, vermutlich ein Indiz für die These.

Allerdings scheinen die Kopffüßer nicht alt zu werden. Jackson sagt, er habe in Australien noch keinen Kopffüßer entdeckt, der älter als 200 Tage gewesen sei:

Viele der Arten weisen ein exponentielles Wachstum auf, besonders im jugendlichen Alter. Wenn sich die Wassertemperatur selbst nur um ein Grad erhöht, tritt ein Schneeballeffekt ein, dass ihre Wachstumsrate und ihre Körpergröße schnell zunimmt. Sie werden viel größer, sie reproduzieren sich früher und das beschleunigt alles.

Das klingt schon fast apokalyptisch. Allerdings leben Kopffüßer in kälteren Gewässern ein wenig länger, Jackson geht aber davon aus, dass das Lebensalter der meisten nicht sehr viel mehr als ein Jahr betragen dürfte, auch wenn vermutlich die Riesen unter ihnen einige Jahre alt werden. Eine kürzere Lebenszeit hat jedoch viele Vorteile, nicht zuletzt eine schnellere Vermehrung und Anpassung. Und womöglich sind die Kopffüßer unter Wasser tatsächlich eine Art Spiegelbild für den Menschen, wie dies Flusser ausgeführt hat: Nichts kann sie aufhalten, bis sie womöglich unter ihrer Gefräßigkeit ihre eigene Überlebensfähigkeit untergraben. Inwieweit dies damit zu tun hat, dass den Menschen Intelligenz zugeschrieben wird und bei den Kopffüßern der Kopf betont wird, wäre nur dann von Belang, wenn man Intelligenz von der Biologie lösen wollte. In den Spiegel der Cephalopoden geschaut, die zu den intelligentesten Lesewesen zählen, wäre nicht viel Optimismus Verheißendes zu erblicken.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18764/1.html
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