Sind Apple-User die BMW-Fahrer der IT?

26.11.2004

Haben Apple-Käufer etwa einen kleinen Penis?

Apple polarisiert. Von wegen "einfach kaufen und benutzen". Apple-Produkte kauft man doch nicht, weil sie gut sind. Apple-Produkte kauft man doch nicht, weil sie einfach zu benutzen sind, Nein, Apple-Produkte kauft man, weil sie von Apple sind. Apple ist ein Kult, eine Religion, eine Sekte. Eine Polemik.

Die Heise-Foren sind bekanntlich nicht gerade ein kuschliges Ruheplätzchen, sondern eher mit dem CB-Funk-Anrufkanal im Münchner Hasenbergl oder Westend zu vergleichen. Es fliegen täglich die Fetzen, wobei die Rituale gut abgesprochen sind: Auf ein stolzes "Erster!!!1" folgt recht bald ein "Mit Frickelsoft wäre das auch passiert" oder "Mit Masosoft wäre das nicht passiert", um die Diskussion einzuleiten. Später betritt dann oft ein gelangweilter, weil offensichtlich nicht genügend ausgelasteter und daher mit viel Freizeit gesegneter Anwalt die Szene und hinterlässt ein hämisches ***GRINS*** mit Signatur. Noch viel später, wenn alle Stammgäste ihre obligatorischen Unhöflichkeiten ausgetauscht haben, kommt man mitunter sogar zum Thema.

Es gibt dabei jedoch einige unausgesprochene Tabus, deren Missachtung nicht nur eine sofortige wilde Fischfütterung per <°)))))>< oder ein *plonk* auslösen, sondern die Verachtung der gesamten Forengemeinde. Dazu reicht es, wahlweise eins der folgenden erprobten Statements – oder auch eine eigene Kreation ähnlich geringen Sinngehalts – loszulassen:

"Macs sind was für Weicheier!"
"Der Macintosh ist für Leute, die nicht mit einem richtigen Compouter umgehen können!"
"Ipod-User sind blöd!"
"Apple ist doch was für Poser"
"Apple-Käufer haben einen kleinen Penis"

Mit dem Hinterlassen eines solchen Pferde-Apfels ist sichergestellt, dass in diesem Forum die nächsten zwei Stunden garantiert nicht mehr zum ursprünglichen Thema diskutiert wird.

In meiner Kindheit fiel mir bereits die Marke BMW unangenehm auf, da jene Fahrzeuge stets in nicht angemessener Geschwindigkeit unterwegs waren. Ich nahm als in Autotechnik noch unbewanderter Sechsjähriger prompt an, es müsse einen technischen Grund haben – das Gaspedal müsse irgendwie anders konstruiert sein als bei anderen Autos.

Das war es auch tatsächlich – bei den BMWs jener Jahre war es stehend montiert, nicht hängend, wie bei den meisten anderen Autos. Doch die Ursache des ungewöhnlichen Fahrverhaltens saß natürlich hinter dem Steuer. Ob deshalb Apple nun mit BMW kooperiert?

Apple: Einst Freaktool, heute Schicki-Micki?

Als Apple startete, war die Idee der Computer für Jedermann. Dass dieser dann auch von IBM entworfen und mit Microsoft-Betriebssystemen ausgerüstet im Büro enden würde, war so nicht geplant, doch selbst wenn, sollten spätere Modelle zumindest angenehmer aussehen und angenehmer zu bedienen sein als ihr Gegenstück: Der Macintosh war schon mausbedienbar, als ein PC-Benutzer auf die Aufforderung "Können Sie mal ein zweites Fenster öffnen?" noch mit "Nein, nicht bei minus 15 Grad!" antwortete.

Auch heute benötigt man zum Öffnen eines PCs deutlich mehr Werkzeug und holt sich Schrammen am Gehäuse, während bei Apple alles schön abgerundet ist. Allerdings kann man seinen PC einfach aufschrauben und eine größere Festplatte oder mehr RAM einbauen – beim Mac war hier dagegen in vergangenen Jahren stets der Besuch in der autorisierten Macwerkstatt angesagt – mit entsprechenden Kosten.

Auch bei der Software kann man am PC wesentlich mehr basteln und sich auch das Betriebssystem total verbasteln. Zu diesem Zweck gibt es auch wesentlich mehr Software für den PC als für den Mac und sogar jede Menge kostenlose Active-X-Tools und Trojaner im Internet. Beim Mac lässt sich zwar mit genügend Spielereien auch das System final lahm legen – und dann wird die Wiederherstellung deutlich schwieriger –, aber es gehört zugegeben wesentlich mehr Blödheit dazu.

Wichtig ist vor allem, wie man Ipod schreibt

Doch um solche Sachargumente geht es 20 Jahre nach "1984" und dem legendären, doch nur ein einziges Mal ausgestrahlten Werbespot längst nicht mehr. Man kann und darf heute nicht mehr PC oder Mac nach Geschmack, Geldbeutel oder Vorkenntnissen wählen. Man darf auch nicht einfach einen I-Pod an den PC anstöpseln, denn das ist eine unverzeihliche Beleidigung für dieses edle Teil, ebenso übrigens wie eine der möglichen Schreibweise nach Duden statt nach Apple-Markeneintrag.

Nein, man muss entweder nur Apple kaufen – oder darf die edle Designerware nicht durch artfremde Verheiratung mit Hardware anderer Hersteller entweihen. Schon lange gibt es keine Drucker mit PC- und Mac-Anschluss mehr – nur bei USB-Geräten rächt sich, dass Apple diesen ebenso wie Firewire zuerst eingeführt hat: Nun kann man die billigere PC-Peripherie-Hardware auf einmal doch wieder am edlen Mac anstecken – aber natürlich nur unter standesgemäß leichtem Naserümpfen.

Auch beim tragbaren Musikspieler spielt es natürlich weniger eine Rolle, was man hört – das muss man ja nur selbst ertragen – sondern welches Fabrikat der Spieler hat und welche Farbe die Ohrhörer. Psychologische Untersuchungen, die aus der Farbe des Ipod Mini auf die Persönlichkeit des Besitzers schließen lassen, sind bislang jedoch bedauerlicherweise noch unter Verschluss.

"Form follows function": Apple I

Wirklich böse wird es aber, wenn man – obwohl als Besitzer eines oder gar mehrerer Windows-PCs bereits des Teufels – sich Apple-Produkte zum Test vorknüpft. Nein, also so ein Ungläubiger darf doch nicht an der Ware aus Cupertino herumspielen – wo kämen wir da hin? Und so platzt nicht nur das Telepolis-Forum regelmäßig aus allen Nähten, wobei das bei Geektools-Beiträgen sonst stets zu findende Standardposting "Hier fehlt das Wort Anzeige" auffallenderweise meist fehlt, wenn ein Apple-Geektool getestet wurde, nein, die Äppler tauschen sich auch auf anderen Websites, die Macs bewachen, ausführlich darüber aus, was ihren Lieblingen durch böse Telepolis-Schreiber, aber auch in zarten Frauenhänden so alles Schreckliches widerfährt.

Tja, "Woz", Steve Wozniak, ein Geek wie er im Buch steht, scherte sich beim Apple I einst einen Dreck um Design. Die Funktion war das Entscheidende – und die überzeugte. Und auch der andere Apple-Steve, Steve Jobs, war immer deutlich lockerer drauf als ein IBM-Manager. Warum reicht das den heutigen Apple-Fans eigentlich nicht? Ebay-Nutzer kämen nie auf die Idee, sich zu beschweren, wenn man in einem Beitrag nicht "eBay" schreibt, doch die Schreibweise "Ipod" oder "I-Pod" wird als Ende des Abendlandes betrachtet mit dem zusätzlich vorgeschobenen Argument, da würde ja niemand über die Suchmaschinen den doch ja angeblich ohnehin so misslungenen Beitrag finden.

Keine Designerklamotten: Die beiden Steves 1975

Wetten, dass "sie" ihn trotzdem gefunden haben? Es ist ja schließlich Freitag!

Der Autor ist nach Abliefern des Beitrags mit unbekanntem Ziel in Urlaub gegangen und hat in der Hektik auch noch sein Handy auf dem Tisch des Chefredakteurs vergessen. Auf ein Forum zum Beitrag hat Wolf-Dieter Roth dennoch ausdrücklich Wert gelegt, also: Ring frei, Trollen und Schneeballwerfen ausdrücklich erlaubt! Apple-Trolle aber bitte nicht mit Birnen oder gar PC-Software füttern. Danke, Redaktion Telepolis.

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