Krieg am Himalaya

Krystian Woznicki 27.11.2004

Nepal: In dem idyllisch erscheinenden Land tobt seit Jahren ein grausamer Bürgerkrieg

Nepal steht für eine Reihe idyllischer Bilder: Himalaya, Mönche, etc. Mit Christian Kracht wird das Königreich, beziehungsweise dessen Hauptstadt, nun identisch mit Kosmopolitismus: Der Gründer der deutschen Popliteratur hat dort das Redaktionsbüro seines neuen, vom Axel Springer-Verlag finanzierten, Literaturmagazins "Der Freund" angesiedelt. Im krassen Gegensatz dazu stehen die politischen Entwicklungen innerhalb des Landes. Seit 1996 herrscht in Nepal ein Bürgerkrieg, den Experten als den Blutigsten in ganz Asien bezeichnen.

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Maoisten-Demonstration in Kathmandu

Sieben Tage dauerte die Blockade von Kathmandu an. Alle Straßen in die nepalesische Hauptstadt waren paralysiert: Landwege, Highways, Trampelpfade. Kein Zutritt, kein Entrinnen. Damit war auch das Leben in Kathmandu zum Stillstand gekommen. Geschäfte blieben geschlossen, Transporte von Gütern und Waren stockten. Abgesehen von den Kommunikationsnetzen war jeglicher Verkehr unterbrochen worden.

Die aufständischen Maoisten waren in ihrem Element. Sie hatten einmal mehr die Ohnmacht der Monarchie zur Schau gestellt - die Royal Nepalese Army musste jedenfalls machtlos einem Schauspiel zusehen, das allein durch Drohgebärden in Szene gesetzt wurde und zwischen dem 18. und 24. August nicht unterbunden werden konnte. Zur Schau gestellt wurde jedoch auch der wunde Punkt des Königreichs: Das ressourcenarme Nepal, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, ist geografisch äußerst isoliert und auf Zufluss von Außen sehr angewiesen. Kathmandu, das gerne als "Weltstadt am Himalaya" bezeichnet wird, symbolisiert diese Abhängigkeit am besten - was ist schließlich eine Weltstadt ohne ihre Verbindungen zur Außenwelt?

Als die Maoisten die nepalesische Hauptstadt isolierten, verwiesen sie nicht zuletzt auf einen Zustand, den das Königreich eigentlich nur aus einer Zeit vor 1947 kannte. Bis dato war Nepal jedenfalls von der Außenwelt abgeschnitten, kehrte dem Westen den Rücken und nicht zuletzt auch westlichen Wertvorstellungen und westlichen Modellen wie Demokratie. In sich gekehrt, richtete es sich an Besucher meist nur mit ablehnenden Worten: "His Highness has found it inconvenient to give you permission to enter."

Weltstadt am Himalaya

Als die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg Indien verließen, sah man in Nepal die Zeit gekommen, um die Tore des Landes wieder zu öffnen. Die Monarchie, die 1951 im Zuge einer Revolution wiederhergestellt wurde, begann sich nun im state building zu üben. Dem König war viel daran gelegen, als ernstzunehmender Akteur auf der Bühne der Weltpolitik wahrgenommen zu werden. Also wurden in Windeseile alle nötigen Maßnahmen ergriffen, die vor allem die Hauptstadt veränderten. Ein Oberster Gerichtshof musste her, ein Parlament, Rundfunksender, Gesundheitsfürsorge, ein Postdienst, ein Flughafen, Straßen, etc.

Touristen wurden nicht mehr mit den höflichen Floskeln vom Königshof abgespeist. Wo sich bald Tausende von Reisenden tummeln sollten, waren anfangs nur eine Handvoll Europäer. Man kannte sich damals beim Vornamen, wie Herbert Tichy sich in seinen Memoiren erinnert: Da war der Schweizer Geologe Toni Hagen, der amerikanische Pater Moran, und der "unverwüstliche" Boris Lissanewitsch, der ein Hotel eröffnete. Leute wie er waren nicht ganz unbeteiligt daran, dass mit der Freak Street in Kathmandu bald eine Anlaufstelle für Touristen aus aller Welt entstand. Parallel zu der Chicken Street in Kabul und der Khaosan Road in Bangkok wurde sie zu einem wesentlichen Knotenpunkt für Trekker, Globetrotter und Rucksacktouristen.

Freak Street - Redaktionssitz von Der Freund

Bereits in den 1980er Jahren hatte sich die Hippie-Szene in Kathmandu konsolidiert. Die Aussteiger der frühen 1970er waren in ihren Heimatländern inzwischen meist Beamte geworden, und die letzten übriggebliebenen Drogensüchtigen, die man in der Freak Street noch traf, hatten dem Ansturm devisenbringender Reisegruppen Platz gemacht. Der Tourismus hatte sich in Nepal längst zu einer gewinnbringenden Branche entwickelt. Selbst die Prioritäten der königlichen Familie waren davon nicht unbeeinflusst geblieben. Sie ließ in der Stadt Hotels nach amerikanischem Vorbild bauen und Resorts in den Bergen. Das Geschäft wurde sogar so ernst genommen, dass einmal ein Krankenhaus neben dem "Hotel Annapurna" stundenlang ohne Wasser auskommen musste, damit die Hotelgäste ordentlich duschen konnten.

Heute ist die Freak Street die Königin aller Weltenbummlerstraßen von Kathmandu. Die Weltbürger des 21. Jahrhunderts tummeln sich hier, darunter Bestseller-Autor Christian Kracht. Er hat dort gemeinsam mit Eckhart Nickel im "Hotel Sugat" ein Büro eröffnet, in dem ein neues Literaturmagazin von Weltruf produziert wird. "Der Freund" heißt der neue, im Verlag Axel-Springer herausgegebene Printtitel. Die Berliner Boeheme textet hier, genauso wie Rem Koolhaas und Vladimir Sorkin. Wenn es der Chefredaktion im "Hotel Sugat" zu kalt wird, schlägt sie ihr mobiles Büro in einem anderen Hotel zwischen St. Tropez und Nizza auf - Kathmandu, das ist heute offenbar ein wesentlicher Knotenpunkt entlang der Glamourtrasse, die den Himalaya mit dem Mittelmeer verbindet.

Die Nepalesen selbst dürfte diese Entwicklung kaum verwundern. Die Welt kommt schon seit Jahrhunderten wie selbstverständlich nach Kathmandu, dem Supermarkt des Himalaya. Die Newar, die seit ebenso langer Zeit die Kultur und Wirtschaft am Himalaya dominieren, verstehen sich nicht zufällig als Weltbürger. Die kunterbunte Metropole mit ihren Zeitsprüngen, Widersprüchen und Verwirrungen ist für sie nur "ein Wellenkamm schillernder Blasen auf einem Meer unvorstellbar tiefer Traditionen" (Behr).

Während der Tourismus nur das sichtbarste Anzeichen dafür ist, dass diese Traditionen in den Globalisierungsmodus des späten 20. Jahrhunderts übersetzt worden sind, hat in Kathmandu, wo alles schon immer Geschäft gewesen ist, im Dunkeln ein kaum ermesslicher Schwarzmarkt Gestalt angenommen: Drogen- und Waffenhandel, an dem auch Deutschland beteiligt ist (Exportschlager Kriegswaffen), stellen neben dem Fremdenverkehr die andere große Einkommensquelle dar.

Eine eigene Welt

Ein zum mächtigen Industriellen aufgestiegener Newar sagte mal, in Kathmandu ändert sich nichts und was sich äußerlich ändert zählt nicht:

Wir sind seit Jahrhunderten ein Marktplatz, auf dem sich alle möglichen Kulturen treffen. Aber unsere Wurzeln sind tief genug, dass sie uns abhalten, nach Moden zu tanzen. Wir haben unsere eigene Welt, unabhängig von der Stadt, und das andere sind doch nur verschiedene Gegenwarten.

An dieser Stelle scheint es angemessen eine Unterscheidung zu treffen, die in der Philosophie zwischen "Globalisation" und "Mondalisation" gemacht wird. Ersteres ist die Welt, die am Himalaya zusammen kommt, also die Menschen, Güter und Nachrichten, die Kathmandu bündelt. Letzteres ist die Welt, die durch die dort lebenden Menschen Gestalt angenommen hat. Sie ist die Sinntotalität, die Menschen erschaffen haben, ein Raum, den eine gewisse Tonart mit Resonanzen erfüllt.

In Nepal spiegelt sich diese gewisse Tonart vor allem in der Geschichte des Landes wider, die sich wie eine Mischung von Lehár-Operette und Shakespeares Königsdramen liest. Es wurde ständig intrigiert und gemordet, beides mit kindlichem Charme und dreister Grausamkeit. Nepal konnte trotz allem oder vielleicht deswegen den Anschein der Einzigartigkeit wahren. Neben Afghanistan ist es das einzige Land in Südasien, das nicht kolonisiert worden ist - ähnlich wie die Position des Staates am Hindukusch vis à vis der Sowjetunion, konnte auch Nepals Pufferlage dem British Empire als Bollwerk gegen China dienen und entkam deshalb der Eroberung. Und es ist das einzige Land auf der Welt, das das hinduistische Kastensystem institutionalisieren konnte - bereits 1854 wurde eine Verfassung eingeführt, die das Kastensystem zur offiziellen Gesellschaftsordnung machte. Nepal gilt seitdem als "mustergültiger Hindustaat" (Lütt).

RNA Präsent, aber in Unterzahl

Dass Kathmandus Welt ein Klima der Entfremdung geschaffen hatte, kam spätestens zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck als am 1. Juni 2001 bei einer Schießerei im Palast von Kathmandu König Birendra, seine Frau sowie sechs andere Angehörige der Familie unter zunächst ungeklärten Umständen ums Leben kamen. Zwei weitere Mitglieder des Königshauses, darunter der jüngste Bruder des Königs sowie der schwer verwundete Kronprinz Dipendra, erlagen ihren Verletzungen. Bereits am 4. Juni fand die von Unruhen überschattete Krönung Gyanendras statt, seinerseits Bruder des ermordeten Königs. Gerüchte, das er als einziger Überlebender die Bluttat geplant hat und der Kronprinz sie im narkotisierten und alkoholisierten Zustand begangen haben soll, konnten bis heute nicht zerstreut werden. Die Mischung aus Lehár-Operette und Shakespeares Königsdramen schien durch eine Prise narzißtischer Inzest-Orgie à la Bret-Easton Ellis angereichert worden zu sein.

Brüche in der Sinntotalität

Das Massaker am Königshof stellte den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung dar, die die heile Welt in Nepal zusehends in Frage stellt. Im Grunde waren bereits seit den 1960ern die ersten tiefen Risse in der Sinntotalität des Hindu-Staates sichtbar geworden. Das Panchayat-System, das 1962 eingeführt wurde, machte die politische Opposition mundtot und den König zum unhinterfragbaren Alleinherrscher. Widerstand wurde im Untergrund geschürt.

Im Winter des Jahres 1989 entlud sich der Unmut in großräumigen Unruhen. Ein Jahr später stand die zweite Revolution ins Haus. Das Ende des Panchyat-Systems wurde damit zwar besiegelt, doch blieb Nepal instabil und verunsichert. 1996 entfesselten die maoistischen Rebellen rund um die CPNM schließlich einen bewaffneten Widerstandskampf, der zum Ziel hat die Monarchie endgültig abzuschaffen.

Nach mehreren Jahren Kampf haben die Maoisten heute mindestens 40 der 75 Distrikte von Nepal ganz oder teilweise "befreit". Die meisten ihrer Hochburgen liegen im vom Tourismus unberührten Westen, einige im Osten. Aber sie sind auch in der Mitte des Landes aktiv, in der die wichtigsten Trekkingregionen liegen. In den Trekkinggebieten verlangen sie "Kriegssteuer". Insiderberichten zu Folge steht auch Diebstahl an der Tagesordnung, bewaffnete Überfälle, Angriffe auf Hotelanlagen, sowie das Abfackeln von Bungalows. Die meisten Attacken konzentrieren sich vorzugsweise auf Luxusanlagen, an denen ganz bestimmte reiche Kasten und Klassen sowie die königliche Familie beteiligt sind. Dazu gehören die Hotels "Annapurna", "Soaltee Crowne Plaza" und "Sherpa" in Kathmandu, "Fishtail" in Pokhara sowie die "Tiger Tops"-Hotels. Neben der eingangs erwähnten Blockade, gibt es auch in der Hauptstadt zahlreiche Probleme: Häufige und gelegentlich gewalttätige Demonstrationen zum Beispiel. Und es kann auch vorkommen, dass alles manchmal tagelang auf Anordnung der Maoisten oder auch anderer Parteien (aus Angst) geschlossen bleibt.

Trotz dieser Vorfälle hält der Kampf der Maoisten bis heute an, ohne im Westen großes Aufsehen zu erregen. Paradox ist das insofern, da es sich um einen Kampf handelt, der sich mittlerweile zu einem regelrechten Bürgerkrieg entwickelt hat. Nach Experten wie John Norris handelt es sich um den blutigsten Bürgerkrieg in ganz Asien. Er hat in den letzten acht Jahren mehr Menschenleben gekostet als die Konflikte in Nordkorea, Afghanistan, Kaschmir und Indonesien. NGOs zählen 10.000 Menschenopfer, die auf beiden Seiten zu beklagen und von beiden Seiten gleichermaßen verschuldet worden sind. Seit dem letzten Jahr scheint der gewalttätige Konflikt vollends zu eskalieren. Nach einer Waffenruhe, die immerhin von Januar bis August 2003 hielt, und die nicht zuletzt die Rebellen in ihrem Status rehabilitierte, hat die nepalesische Regierung neuerdings "Peace Committees" gegründet, um das Problem zu lösen.

Jagd auf Maoisten in Kathmandu

Krieg der Welten

Die "Peace Committees"-Inititiave stellt allerdings keinen Frieden in Aussicht. Im Gegenteil. Im Zuge dieser Maßnahme wird die Bevölkerung mit Waffen versorgt, um gegen die maoistischen Rebellen vorzugehen. "Peace Committees", das sind mit anderen Worten Milizen, die aus untrainierten, undisziplinierten und letzte Endes nicht-haftbaren Zivilisten bestehen. Begonnen wurde damit außerhalb von Kathmandu, im östlichen Tarai Distrikt von Sarhali, der in der Nähe der indischen Grenze liegt. In Dörfern wie Sudama leben viele ehemalige Polizisten mit ihren Familien, von denen man glaubt, dass sie ideale Versuchsobjekte für dieses Experiment darstellen. Nicht nur wegen den drohenden Menschenrechtsverletzungen wird diese Entwicklung im Ausland mit großer Sorge zur Kenntnis genommen. Kritik wird auch laut, weil diese Aufrüstung innerhalb der Zivilbevölkerung durchgeführt wird, obwohl die nepalesische Armee unterbesetzt und nicht ausreichend ausgerüstet ist.

Beobachter weisen auch darauf hin, dass vergleichbare Maßnahmen in anderen Ländern gezeigt haben, dass Konflikte durch solche Vorstöße nur verschärft werden und dazu tendieren, sich zu verselbstständigen. In Guatemala beispielsweise, wo "Civilian Self-Defence Patrols" (PAC) in den 1980er und 1990er Jahren zum Einsatz kamen, wurden soziale Strukturen nachhaltig zerstört, die Diskriminierung gegen ethnische Minderheiten hat zugenommen, auch wirtschaftlich hat sich das Land in jener Zeit nicht weiterentwickelt, weil die Zivilbevölkerung statt produktive Arbeit zu verrichten, ihren Jobs in den PACs nachging. Unter den zahlreichen Nach- und Nebenwirkungen bildete ein Vorfall im Oktober letzten Jahres nur die spektakuläre Spitze: Ehemalige PACs nahmen in Libertad Geiseln, um von der Regierung eine Bezahlung für ihre Arbeit in den 1980ern zu erpressen.

Ungeachtet all dessen schreitet die Machtspitze Nepals voran. Washington, dass das Vorgehen als Beitrag zum Krieg gegen den Terrorismus schönredet, unterstützt das Land auch weiterhin mit finanziellen Mitteln. Ein tieferes Paradox besteht darin, dass Nepals Sinntotalität noch immer nicht vollends zusammengebrochen ist. Die Hauptstadt etwa scheint immerhin noch in der Lage zu sein, ihre eigene Welt aufrecht zu erhalten. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der Bürgerkrieg kaum nach Außen dringt, während Christian Krachts Magazingründung zumindest hierzulande große Schlagzeilen gemacht hat. Von aufständischen Maoisten, die sich vor dem Redaktionssitz seiner Zeitschrift in der Freak Street tummeln, war in den Meldungen an keiner Stelle die Rede.

Kathmandu blieb darin vielmehr die exotische Kulisse, wie sie "Dschungelbuch"-Autor Rudyard Kipling in seinem berühmt gewordenen Vers einst angelegt hatte: "And the wildest dreams of Kew / Are the facts of Kathmandu." Kew, das war ein Park in Kiplings Heimatstadt London, Kathmandu hatte der Schriftsteller niemals besucht.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18881/1.html
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