Ziviler Ungehorsam im 21. Jahrhundert

Peter Nowak 25.11.2004

Am Mittwochabend begann in Berlin das erste Media-Activist-Gathering - 5 Jahre Indymedia

Netzwarriors oder Cyberhippies, das waren nur zwei der Begrifflichkeiten, die man sich am Mittwochabend im Berliner Veranstaltungszentrum RAW Tempel merken musste. Dort fand die Auftaktveranstaltung zum ersten bundesweiten Medienaktivistentreffen, oder neudeutsch Media-Activist-Gathering statt.

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"Battle of Seattle" - 1999

Der Anlass ist der fünfjährige Geburtstag von Indymedia, dem derzeit größten internationalen Netzwerk der freien Medien (2001 wurde das deutsche Indymedia gegründet: APO-Online: Die Opposition formiert sich neu im Netz). En Passant wird damit auch an ein Ereignis erinnert, das sonst wahrscheinlich der Vergessenheit anheim gefallen wäre: an die Proteste Ende November 1999 in Seattle. Damals gingen in der nordamerikanischen Stadt Tausende Menschen auf die Straße, um gegen die dort stattfindende WTO-Tagung zu protestieren. Mehrtägige Auseinandersetzungen brachten das offizielle WTO-Programm gehörig durcheinander (Proteste in Seattle, London und im Internet, WTO-Generaldirektor ärgert sich über eine Website).

Mindestens bis zum Jahr 2001 war die Battle of Seattle in aller Munde: Man sprach von der Geburtsstunde einer neuen globalisierungskritischen Bewegung, von der aktuell hauptsächlich die Sozialforen von sich reden machen. Doch weniger bekannt ist, dass 1999 nicht nur Zigtausende in Seattle auf der Straße waren. Noch viel mehr Menschen auf der ganzen Welt hatten sich erstmals virtuell an den Protesten beteiligt (Die "Electrohippies" kommen). Die Homepages der WTO und der sie tragenden Organisationen wurden erstmals virtuell angegriffen (Virtuelles Sit-In gegenüber den WTO-Servern angeblich erfolgreich gewesen). Außerdem gründete sich während der Proteste von Seattle das erste unabhängige Medienzentrum, um ein Bild sowohl von den Protesten als auch von dem Agieren der Polizei zu liefern, das nicht durch die Medien gefiltert wurde (Mit Websites gegen Polizeiknüppel). So war Seattle zwar nicht die Geburtsstunde, doch aber ein erster wahrnehmbarer Höhepunkt des Onlineprotestes und des Medienaktivismus.

Die ganze Bandbreite dieser Bewegung wurde am Mittwoch in Filmbeiträgen vorgestellt. Auf der einen Seite sah man französische Einzelhändler, die per Internet ihren Unmut über den geplanten Bau von zwei Einkaufszentren ausdrücken wollen, durch die sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlten. Da waren die Schweizer Cyberpunks, die sich mit ihrer Internetseite Etoy eine Schlacht mit dem Spielzeugriesen Etoys lieferten und mit ihren gezielten Attacken schließlich in den Konkurs trieben (Wie die Etoy-Kampagne geführt wurde). Eine Wiederholung wäre heute nicht mehr so einfach möglich. Denn längst haben umstrittene Großorganisationen ebenso internationale Konzerne, die das Ziel von Netzattacken werden könnten, ein Schutzsystem aufgebaut, dass von findigen Aktivisten immer wieder durchlöchert wird, für den Großteil der Nutzer aber unüberwindlich scheint.

Was die Medienaktivisten über die Tatsache hinaus eint, dass sie das Internet zu ihrem Betätigungsfeld erkoren haben, blieb auch an dem Abend offen. Vielleicht können sich die meisten auf die Formulierung einigen, dass der Netzaktivismus die Weiterentwicklung der Politik des zivilen Ungehorsams im 21. Jahrhundert ist. Doch schon über die Frage, ob es eine Ergänzung oder ein Ersatz zu herkömmlichen Straßenprotesten ist, gab es unterschiedliche Vorstellungen.

Manche Medienaktivisten beteiligen sich nur noch an Demonstrationen, um mittels Laptop die neusten Berichte über das Protestgeschehen wie die Polizeistrategien rund um die Welt zu posten. Nach Seattle gehört das unabhängige Medienzentrum zum festen Bestandteil jeder größeren politischen Aktion. Andere Medienaktivisten haben sich ganz von der Straße zurück gezogen und pflegen nur noch ihr virtuelles Kampffeld.

Aktiviert der Medienaktivismus mehr Menschen oder fördert er eher die Lethargie? Auch diese Frage kann einstweilen überhaupt nicht beantwortet werden. Einerseits kann man sich mittels Indymedia weltweit über Aktionen informieren, die es sonst nie in die größere Medienöffentlichkeit gelangt wären. Im Minutentakt kann die interessierte Öffentlichkeit an Räumungen von Häusern und an der polizeilichen Auflösung von Protesten Anteil nehmen. Jeder kann dort eigene Beiträge einspeisen. Doch zum größten Teil wird auch Indymedia genutzt wie eine Zeitung. Man informiert sich, klickt zwischen den einzelnen Meldungen hin und her, schreibt auch mal einen mehr oder weniger sachlichen Kommentar. Anders als manche Netzaktivisten in den Filmbeispielen erhofften, hat Indymedia nicht zu einer größeren Einbeziehung von Menschen in die politische Debatte geführt. Genau so wie im realen Leben ist auch in der virtuellen Welt die Zahl der Aktivisten klein aber beharrlich.

5 Jahre Indymedia ist sicher eine gute Gelegenheit um manche Blütenträume aus der Frühphase des Medienaktivismus zu begraben und andererseits die realen Erfolge ebenso zu betonen und auszubauen. An Gelegenheiten wird es in den nächsten Tagen in Berlin nicht fehlen. Am Freitag gibt es eine Mag-Messe und am Wochenende geht es auf einer Open-Space-Konferenz um die Vernetzung unabhängiger Medien.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18887/1.html
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