Hunger ist kein Problem der Produktion, sondern eines der Verteilung

05.12.2004

Ein Gespräch mit Karsten Wolff von der Kampagne "Save our Rice" über das "Intrenationale Jahr des Reises" und die Gefahren für den Anbau durch Patentierung und Genreis

Die Hälfte der Menschheit ist auf Reis als Grundnahrungsmittel angewiesen. Nach Schätzungen der UNO wird das im Jahr 2020 für fünf von acht Milliarden Menschen gelten. Damit der wachsende Bedarf gedeckt werden kann, wird die Reisproduktion um etwa ein Drittel ansteigen müssen. Je nach Statistik werden derzeit jährlich zwischen 400 und 560 Millionen Tonnen erzeugt. Für diesen Zuwachs stehen voraussichtlich nur die derzeit vorhandenen Flächen zur Verfügung, da sich in vielen Reis produzierenden Regionen Asiens, Afrikas und Südamerikas der Anbau nicht mehr beliebig ausweiten lässt (Wundermittel oder Märchen?). Dort hungern bereits heute 400 Millionen Menschen.

Um diese Probleme zu verdeutlichen, wurde das nun zu Ende gehende Jahr 2004 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr des Reises erklärt. Aber haben solche Erklärungen überhaupt irgendwelche Folgen? Ein Gespräch mit Karsten Wolff, Geograph und Tropenlandwirt, der in Malaysia lebt und beim Pesticide Action Network Asia and the Pacific (PAN AP) die asienweite Kampagne Save our Rice koordiniert.

Reisernte in Afghanistan. Foto

Nun geht das Internationale Jahr des Reises dem Ende entgegen. Was bringen solche symbolischen Akte wie die Proklamation eines "Reisjahres"?

Karsten Wolff: Ein "Jahr des Reises" ist ein riesiger Fake. Die UNO behauptet, dass Aktivitäten entfaltet werden, die zum Nutzen der Kleinbauern sind und der Ernährung der Menschheit dienen. Das Gegenteil ist aber der Fall: Reis wird patentiert und privatisiert. Wenn wir in die Geschichte schauen, stellen wir fest, dass es bereits 1966 ein "Jahr des Reises" gab. Das war der Startschuss für die "Grüne Revolution", die mit den so genannten Hochertragssorten vorgab, das Hungerproblem in Asien lösen zu wollen.

Hat die "Grüne Revolution" nicht tatsächlich die Erträge verbessert und damit den Hunger verringert?

Karsten Wolff: In der Tat wurden in den zurückliegenden Dekaden Ertragssteigerungen im Reisanbau erzielt, gleichzeitig ist die Zahl der Hungernden aber eben nicht zurückgegangen. Der Grund dafür ist, dass Hunger kein Problem der Produktion, sondern eines der Verteilung und des Zugangs ist. Solange das nicht erkannt wird, wird ein "Jahr des Reises" über den reinen Symbolcharakter nicht hinauskommen.

Ist es sinnvoll, sich trotzdem darauf einzulassen?

Karsten Wolff: Wir müssen sehen, was wirklich auf der Agenda des "Jahres des Reises" stand. Kurz gesagt ging es darum, dass die Landwirtschaft Asiens vollständig in den kapitalistischen Kreislauf integriert wird. Länder sollen ihre Märkte für hochsubventionierte Billigimporte aus den USA öffnen und gleichzeitig die Logik eines Systems anerkennen, in dem Patente auf Saatgut erteilt werden. Dann dürfen die Bauern nicht mehr das machen, was seit Jahrtausenden die Grundlage für Fortschritt in der Landwirtschaft war: aus den besten Ernten neues Saatgut gewinnen und es mit ihren Nachbarn tauschen. Einem Bauern in Asien zu erklären, dass ein Chemie-Multi in Europa auf einmal der Eigentümer seines Saatgutes ist, ist absurd.

Und was hat das mit der UNO zu tun?

Karsten Wolff: Die Ernährungs- und Agrarorganisation (FAO) der UNO war mit der Durchführung des "Jahres des Reises" beauftragt. Sie hat sich vollends auf die Seite der Reisindustrie geschlagen und befürwortet den Einsatz von Gentechnologie im Reisanbau. Wer nicht als Feigenblatt der Industrie dienen will, sollte sich auf diese Aktivitäten nicht einlassen.

Aber bringt nicht erst das Label UNO ein auch für Sie wichtiges Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit?

Karsten Wolff: Die Medienaufmerksamkeit, die durch ein "Jahr des Reises" erzeugt wird, kann gut sein, um auf die Belange der Kleinbauern aufmerksam zu machen. Aber politisch geht es um etwas anderes. Das "Pesticide Action Network" hat zur "World Rice Research Conference" Anfang November in Japan zusammen mit anderen Gruppen deutlich gemacht, dass Bauern und soziale Bewegungen in Asien den Einsatz von Gentechnik im Reisanbau strikt ablehnen.

Bereits zuvor wurde ein Statement der asiatischen Bewegungen verabschiedet, in dem es heißt: "Die Entwicklungen in der Reisproduktion und die zunehmende Abhängigkeit unserer Länder vom Reisimport stellen eine ernsthafte Bedrohung unserer Nahrungssicherheit dar und verweigern Millionen von Asiaten ihr Recht auf Nahrung. Das einzige Interesse, das heute an Reis besteht, ist, ihn zu einer Ware zu machen, die auf den internationalen Märkten gehandelt werden kann." Das ist es, worum es im "Jahr des Reis" am Ende geht: Einen humanitären Deckmantel über die Kontrolle der Nahrungsgrundlage Asiens zu legen.

Was genau bedeutet das?

Karsten Wolff: Die gesamte Nahrungsgrundlage Asiens wird durch die Patentierung und Privatisierung im Reisanbau bedroht. Es handelt sich nicht nur um einen Angriff auf das weltweit bedeutendste Grundnahrungsmittel, sondern auf die asiatische Kultur. In den meisten Sprachen Asiens bedeutet ein Gruß wie "Guten Morgen" wörtlich übersetzt: "Hast du schon Reis gegessen?" Reis ist die Grundlage des gesamten Wertesystems. Und das soll nun der kapitalistischen Verwertungslogik geopfert werden.

Wie sieht Ihr Fazit des "Reisjahres" aus? Und welche Schlüsse ziehen Sie daraus für Ihre politische Arbeit?

Karsten Wolff: Unsere Aktivitäten sind nicht an das "Jahr des Reises" gekoppelt. Die "Save our Rice"-Kampagne besteht seit zwei Jahren, und wir haben uns nicht nur mit Fragen der Handelsliberalisierung und Gentechnik beschäftigt, sondern auch Alternativen im ökologischen Anbau entwickelt und dokumentiert. Im Dezember 2005 findet das WTO-Ministerratstreffen in Hongkong statt, und wir werden vorher eine Studie erstellen, wie die Handelsliberalisierung sich auf die Kleinbauern in Asien ausgewirkt hat. Außerdem werden wir uns intensiv und kritisch mit der Arbeit des International Rice Reseach Institute (IRRI) auseinandersetzen.

Was kann man hier in Europa tun?

Karsten Wolff: Es gibt viele Möglichkeiten: Einkauf von fair gehandeltem Reis, öffentliche Kontrolle transnationaler Konzerne, Widerstand gegen Gentechnik. Die sozialen Bewegungen Asiens waren sehr enttäuscht, als die EU jüngst ihr Gentechnik-Moratorium aufgehoben hat. Etwas tun kann man zum Beispiel im Fall von Bayer Crop Science. Das Unternehmen hat bei der EU eine Importgenehmigung für gentechnisch manipulierten Reis beantragt. Gruppen wie Friends of the Earth Europe und die Koalition gegen Bayer-Gefahren haben in einem Brief an die EU-Mitgliedsstaaten gegen die Zulassung protestiert. Unternehmen wie Bayer oder Syngenta ist es egal, ob sie Arbeitsrechte in Indonesien verletzen oder Gesundheitsvorschriften in Indien missachten. Aber wenn der Protest zurück zu den Konzernzentralen getragen wird, dann sinken die Aktienkurse. Das ist die einzige Sprache, die diese Leute verstehen.

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