Raubkopierer sind immer noch Verbrecher

30.11.2004

Die Filmwirtschaft hat ihre umstrittene Abschreckungskampagne neu aufgelegt; der Tonfall ist nach wie vor "hart", aber dank einem Spritzer Humor doch auch "herzlich" angelegt

Die Filmwirtschaft hat ihre umstrittene Abschreckungskampagne (Der Fels im Strom der digitalen Veränderungen) gegen illegale Kopierer und Brenner neu aufgelegt. Die zwei taufrischen Spots und Plakate, die in 3000 Kinos beziehungsweise 4500 Videotheken gezeigt werden sollen, stehen nach wie vor unter dem Motto Raubkopierer sind Verbrecher. Nach der scharfen Kritik an der ersten Serie aus dem vergangenen Jahr hat sich der Tonfall aber etwas geändert.

Fotos: Stefan Krempl

Marcel Loko von der Werbeagentur Zum goldenen Hirschen umschrieb ihn bei der Vorstellung der Kampagne am heutigen Dienstag im Berliner Sony Center als "hart, aber herzlich". Als "aus innerer Überzeugung" tätig gewordener Kreativer habe er versucht, die Botschaft "augenzwinkernd, humorvoll und provokativ" herüberzubringen. Nur so könne man die Hauptzielgruppe der 18- bis 29-Jährigen erreichen.

Beim ersten Spot haben sich die Macher als doppeldeutige "Märchenerzähler" versucht. Sie berichten von einem "glücklichen König", der inmitten seiner "Ländereien" (Netzcomputer) eine "geheime Silbermine" (Tauschbörse) entdeckte und alle seine Freunde beschenkte. Bis ihn "edle Ritter" in Form von Polizisten in eine "prächtige Burg" alias Gefängnis steckten.

Ebenfalls recht schnell im Bild ist der Zuschauer beim zweiten Spot "Happy Birthday": Drei Kinder singen vor dem Hintergrund einer schönen Villa ihrem nicht im Bild erscheinenden Papa aus voller Kehle ein Ständchen. Der Gegenschuss zeigt einen mit Stacheldraht abgezäunten Knast. "Mama, wann kommt Papa wieder?", fragt eines der beiden Mädchen. "Noch vier mal singen", erwidert diese.

Die Plakate warnen zum einen davor, dass Raubkopierer "schneller krank werden" und spielen so auf eine potenzielle Virengefahr in Tauschbörsen an. Zum anderen soll den Nutzern anhand einer mit Strichen bedeckten Gefängniswand gezeigt werden, dass ein "Download sehr lange dauern kann". Alle Werbemittel verweisen erneut darauf, dass Urheberrechtsverletzungen "mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden". Dass dieses Strafmaß nicht für die Zielgruppe, sondern allein für kommerzielle Raubkopierer gilt, verschweigen die Kampagnenmacher auch bei der Kampagnenfortführung.

Elke Esser, Geschäftsführerin der hinter der Kampagne stehenden Initiative Zukunft Kino Marketing (ZKM), lobte bei der Präsentation die eigene Strategie: Laut der vor einem Monat vorgestellten Brennerstudie 3 würden dank der Spots 40 Prozent der Nutzer "von illegalem Verhalten abgehalten". Angesichts der Hochrechnung von weiterhin einer Milliarde Euro Schaden durch Free Rider und Brenner auch 2004 könne von "Rast und Ruhe" jedoch keine Rede sein.

In einem Seitenhieb auf den Gesetzgeber, der geringe Privatkopien aus Tauschbörsen im Rahmen der fortgeführten Urheberrechtsnovelle straffrei halten will, erklärte sie: "Wenn hier über Bagatellen geredet wird, sollte der Staat auch im Auge behalten, dass ihm dabei 124 Millionen an Umsatzsteuer entgehen." Die Schadensberechnung selbst beruhe auf der Annahme, dass ein illegal aus dem Netz geladener Film von drei Personen gesehen wird und 25 Prozent davon nicht mehr für den Streifen ins Kino gehen sowie weitere 25 Prozent nicht die DVD kaufen. Esser beharrte zudem darauf, dass nur "die drastische Form der Spots zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema führt."

Marcel Loko, Oliver Kalkofe und Elke Esser

Auch Oliver Kalkofe forderte eine werblich und medial unterstützte Bewusstseinsoffensive: Er habe sehr gestaunt, als er erfahren habe, dass sein Neuling der WiXXer bis Ende Juni 621.000 mal illegal heruntergeladen worden sei. Nach der ZKM-Rechenmethode hätten demnach fast genauso viele Personen den Film umsonst gesehen wie im Kino, in das der Streifen letztlich rund 2 Millionen Zuschauer lockte. Die auch in seinem Freundeskreis verbreitete Haltung "Filmpiraterie sei cool" könne er daher nicht mehr akzeptieren. "Das Geld zum Herstellen von Filmen fehlt einfach irgendwann", erklärte der Komiker und verwies darauf, dass der WiXXer noch gerade so in die schwarzen Zahlen gekommen sei. Gerade die kleinen, experimentellen Streifen würden am Ende durchs Raster fallen. In Richtung Filmindustrie mahnte er: "Auch für die Konsumenten muss etwas in der Preispolitik, im Angebot und im Netz passieren".

Vertreter der Kino- und Videowirtschaft kündigten zudem ein härteres Vorgehen "auf eigene Faust" vor allem gegen die "Heavy User" von Tauschbörsen an. Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbands der Filmverleiher, freute sich in diesem Zusammenhang über die neu erteilte "Aktiv-Legitimation" der von ihm vertretenen Firmen. Man werde nun gezielt entdeckte Abfilmer oder widerrechtlich handelnde Filmvorführer zivilrechtlich verklagen. Gleichzeitig sei man auf der Suche nach "Schnittstellen" zwischen der Content-Industrie und den Internetprovidern, um den Informationsfluss über Nutzerdaten zu verbessern.

Michael Panknin, stellvertretender Vorsitzender des Interessenverband des Video- und Medienfachhandels, sang dazu ein Loblied auf neue Kopierschutztechniken wie Sonys ArccOS. Gerüchte über damit entstehende "Un-DVDs" verwies er in den Bereich der Märchen, da vermeintlich reklamierte Fehler sich als erfolgreich unterbundenes Kopieren herausgestellt hätten. Er verwies zudem auf ein von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) entwickeltes neues Programm zur "Verfolgung von Massendelikten in Massenmärkten". Mit der Suchmaschine will die GVU den eigentlichen Einschleusern illegaler Filmkopien in P2P-Netzen auf die Schliche kommen.

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