Keine Lust mehr auf körperlichen Sex?

02.12.2004

In Japan ist der Verkauf von Kondomen stark zurück gegangen, Schuld daran sei vor allem das Breitband-Internet

Computer, Internet, Handys und mobile computing bringen die Menschen zusammen und ermöglichen mehr Kontakt und Kommunikation. Aber als Telemedien verstärken sie womöglich die Distanz und führen vermutlich zu neuen Kommunikations- und Verhaltensweisen. Und glaubt man einem japanischen Kondomhersteller, dann könnte Cyber-Porn und Telesex allmählich die sexuellen Aktivitäten der Menschen zu reduzieren.

Zumindest scheint der Verkauf von Kondomen zurückzugehen. Das sagte der größte japanische Kondomhersteller Okamoto zum World Aids Day. Nach Daten des Gesundheitsministerium sind Kondomverkäufe im Land seit 1980 bis 2003 um 43 Prozent zurück gegangen.

Das könnte natürlich auch bedeuten, dass ungeschützter Sex am Vormarsch ist. Wahrscheinlich ist beides der Fall. Die Menschen im Hightech-Land Japan haben weniger Geschlechtsverkehr, und diejenigen, die noch sexuell im wirklichen Leben aktiv sind, benutzen weniger Kondome. Beim Kondomhersteller ist man allerdings sicher, dass die allgegenwärtige Pornographie auf allen Bildschirmen die Menschen zunehmend von sexuellen Begegnungen der Körper im wirklichen Raum abhält, während sie immer mehr dem virtuellen und damit onanistischen Sex frönen. Besonders schlimm scheint es seit dem Beginn des Breitband-Internet und der Flatrate zu sein, das nun auch die Bundesregierung für jeden Haushalt mit dann unvorhersehbaren Folgen für die noch verbliebene Reproduktionsrate der Deutschen ermöglichen will. Eine Sprecherin von Okamoto:

Seit der Einführung des Breitband-Internet in Japan können die Menschen die ganze Nacht ohne weitere Gebühren online bleiben. Die Menschen, die von ihren Computern nicht mehr los kommen, können keinen Sex haben.

Dazu komme, dass die Jugendlichen ihr einschlägiges Wissen über den Sex meist von Porno-Filmen erwerben. Meist würden die Darsteller hier keine Kondome benutzen. Also würden sie auch ungeschützten Sex haben wollen - oder schlicht nicht wissen, wie man Kondome benutzt, oder sich genieren. Allerdings liegt die Zahl der Japaner, die an HIV erkrankt sind, mit 12.000 noch ziemlich niedrig. Die Infektionsrate durch Geschlechtsverkehr würde aber ansteigen.

Technologien ergänzen und erweitern unseren Körper und die Kapazitäten unseres Gehirns. Aber sie verdecken auch wie beim wearable computing oder virtual reality den Körper und wachsen in Zukunft auch in ihn ein. Möglicherweise verändern Technologien als Verlängerung des Körpers oder der Sinne auch das Verhalten. Einen Hammer oder eine Zange benutzt man anders als die bloße Hand, eine ferngesteuerte Roboterhand ist nie so nah wie die eigene Hand, Bildschirme stellen, so nahe sie den Augen auch immer rücken mögen, stets eine andere Distanz zu dem Erblickten her, als wenn man dieses im gleichen Raum, in dem sich der eigene Körper befindet, anschaut.

Vielleicht also fördern und ermöglichen Bildschirmwelten und Telemedien- und -technologien eine Lust auf die Distanz und schaffen gleichzeitig eine Angst oder gar einen Ekel vor körperlicher Nähe, der die Menschen in den Großstädten - und gerade in den japanischen - unfreiwillig mehr und mehr ausgesetzt sind. Dazu würde auch passen, dass manche Menschen behaupten, sie seien asexuell und hätten gar keine Lust auf körperlichen Sex mit anderen (Kein Sex und Spaß dabei). Und natürlich würde ein solcher Trend auch in Sexualpolitik der Bush-Regierung passen, die einiges Geld investiert, um den Sex vor der Ehe zu verhindern und die Keuschheit zu fördern.

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