Das große neue Ding?

Thomas Pany 02.12.2004

The New new Urbanism

Es hat einige Zeit gebraucht, bis wir uns daran gewöhnt haben, dass Menschen, die sich im selben Fußgängerstrom in der Stadt befinden, plötzlich scheinbare Selbstgespräche führen, laute Ortsangaben: "Ich bin in der Augustenstraße" oder Fragen, die uns aufrütteln, aber, wie man bei einem raschen, erschreckten Blick nach hinten feststellen kann, nicht an uns gerichtet sind: "Hey alter Schwede! Wie geht's dir? Hast du's endlich geschafft, von deinen Depressionen loszukommen?" Handys...

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Wie lange wir wohl künftig brauchen, bis wir verstehen werden, dass das Paar, welches mit einem Handy vor einem Restaurant herumwedelt, dies tut, um einen "tag" zu finden, mit dessen Hilfe man die jüngsten Beurteilungen von Gästen dieses Restaurants abrufen kann? Verläuft die Zukunft so, wie sie die euphorischen Protagonisten des "new new urbanism" konzeptionieren, dann bereichern Handys und Handhelds und andere schlaue Gerätschaften künftig den Alltag nicht nur mit kleineren sozialen Verstörungen, sondern mutieren im Verbund mit einer umfassend angelegten "Wireless-Architektur" zu kleinen Helden einer großen Veränderung des städtischen Raums.

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Während sich nostalgisch gesinnte Stadtspaziergänger darüber beklagen, dass Handys dem öffentlichen Raum die Öffentlichkeit nehmen, weil sie den "Boulevardpassanten zu einem verfolgten Individuum machen und den Flaneur zu einer privaten Figur" (Paul Goldberger, New Yorker Architekturkritiker), und andere verkünden, dass die Bandweite den Boulevard ersetzt hat (Lars Lerup, After the City), sind beide Positionen für die neuesten neuen Urbanisten-Vordenker überholt.

Nein, schreibt der begeisterte Trendscout, die Salon.com-Journalistin Linda Baker, der Gedanke, die virtuelle Realität könne die Wirklichkeit ersetzen, der sei nun wirklich von gestern. Der digitale Raum füge dem physischen nur eine neue Dimension hinzu. Dank der neuesten Errungenschaften der Wireless-Technologie, des GPS und der Netze und Netzverbindungen überall, würde die Technik weiter in jenes soziale Feld eindringen (und es neu beleben), das vom amerikanischen Soziolgen Ray Oldenberg mit "Third Places" umschrieben wurde: Cafés, Bars, Clubs etc. - Plätze, die soziale Begegnungen außerhalb der privaten Räume und der Arbeitsplätze ermöglichen und dazu anstiften.

Urban Computing heißt das Schlüsselwort für den neuen Einsatz dieser Technologien. Es soll dabei um weitaus mehr gehen, als etwa mit einem Laptop am Hotspot eines San Francisco Coffee-Shops zu sitzen und Emails zu schreiben. Man sei an "Größerem" interessiert, meint Eric Paulos, der in Berkley am Intel-Forschungsprojekt "Urban-Atmospheres" arbeitet:

Wir sind an sozialen Stichworten interessiert, die die Leute in städtischen Räumen bereits verwenden, an Objekten, die schon existieren, wie etwa Mülleimer und Parkbänke und daran, wie wir sie neu verzeichnen können, umsetzen in ein spielerisches Netzwerk des digitalen Lebens auf der Strasse.

Drei Faktoren sollen das neue Zusammenspiel zwischen Stadtdesign und Computertechnologie begünstigen: Erstens bleiben der entsprechenden Industrie, nachdem man Büro und die Wohnungen schon in Beschlag genommen hat, nur mehr wenig "weiße Flecken" zur weiteren Eroberung, außer eben dem "öffentlichen Raum". Zweitens sind die technischen Möglichkeiten größer und die Geräte kleiner geworden. Drittens konnte die sogenannte "virtuelle Realität" niemals mit der Spontaneität und den Empfindungen, die in direkten, "echten" Begegnungen konkurrieren. Jedoch hat man mittlerweile festgestellt, dass es sehr wohl "indirekte Verbindungen" zwischen dem Computernetzen und dem, was täglich in städtischen Zonen passiert, gibt. Das will man nun ausbauen.

Beispiele, wie die Wireless-Zone, die man im letzten Sommer in Athens, Georgia, geschaffen hat, sollen zeigen, was möglich ist. Registrierte Besucher der Cloud speisen ihre geschäftlichen und privaten Präferenzen in die interaktive Software ein und erhalten auf ihren Handys, PDAs oder Laptops, die maßgeschneiderten Informationen: die richtige Band, das richtige Lokal, das richtige Geschäft für die richtigen Schuhe, Bücher, Sonderangebote - eventuell eingebaute GPS-Navigatoren weisen dann auch gleich den richtigen Weg dahin.

Idealerweise soll damit die lokale Wirtschaft verbessert werden - "Warum bei Amazon bestellen, wenn das Handy meldet, dass es das Buch gleich um die Ecke zu kaufen gibt?" -, aber auch die sozialen Kontakte via Buddy-Location - "Warum erst telephonieren, wenn mir das Handy meldet, dass Freunde in der Uni-Lounge abhängen?". Im Zusammenspiel mit tragbaren RIFID-Tags (vgl. Die aufmerksame Tasche) stellt man sich Szenarien vor, in denen Unbekannte aufeinander neugierig werden, weil sie über die Informationen, die auf den Tagsgespeichert sind, erkennen können, dass sie gemeinsame "Hobbies und Interessen" haben.

Dass damit auch der Überwachung von Personen neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ist die Kehrseite dieser optimistischen Neue-Stadtwelt-Visionen, die den Blick lieber auf die schönen Seiten richten wollen. Der Großeinsatz der Wireless-technologien in urbanen Zonen, so ein weiteres Zukunftsversprechen, wird nicht, wie man erwarten könnte, zu noch mehr seelenlosen Einkaufszentren führen, sondern, wie das Design von Seouls Digital Media City zeigen soll, das traditionell gewachsene enge Straßengeflecht behalten.

Das große Geld für das große neue Ding sei jedenfalls schon da, berichtet der Trend-Scout von Salon.com und die ersten wichtigen Konferenzen geplant, bzw. schon abgehalten:

Im Januar 2005 veranstalten "MIT's Sensible Cities Lab" und das "Center for Real Estate" ein "Digital City Symposium", an dem Grundstücksmakler-Firmen, technische Firmen, Städteplaner, Designer und Städte, die mit technischen Firmen eng zusammenarbeiten, teilnehmen. Im September diesen Jahres wurde in Nottingham eine Konferenz "UbiComp" abgehalten, die von Intel mitorganisiert wurde; technische Wissenschaftler, Städteplaner, Geographen und Architekten untersuchten Möglichkeiten, inwieweit mobiles und drahtloses "computing" in städtische Landschaften integriert werden können.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18938/1.html
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