Was wissen

Das Wort "Experte" meint heute hauptsächlich Leute, die in den Medien verantwortungsfrei jede beliebige Menge Unsinn verbreiten dürfen, aber zwischen Verbreitern und den Auskennern muss schon unterschieden werden

Neulich hat mir ein bulgarischer Kollege seine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Auffällig die Berufsbezeichnung: "Experte". Und er konnte die Behauptung belegen: Im sozialistischen Bulgarien hatte er Maschinen zur Lebensmittelverarbeitung gebaut und gewartet, die im ganzen Ostbock verwendet wurden. Weil er sechs Jahre lang in Kuba gewesen war, sprach er fließend Spanisch (neben Französisch und Englisch, zusätzlich verstand er Deutsch). Ohne Zweifel ein Experte.

Die Berliner Journalistin Gabriele Goettle hat sich auf die Suche nach einigen Experten und Expertinnen gemacht und ein wunderbares Buch darüber geschrieben: Was ist ein Experte? Früher war das jemand, der sich in einem bestimmten Fachgebiet auskannte, heute muss muss man nur noch in eine Fernsehsendung hineinrutschen, die auf sich hält, und schon ist man ein Experte.

Wörter ändern alleweil ihre Bedeutung; ein aktuelles Beispiel, das sofort zur Hand ist: der Begriff "Analyst", der aus der Börsen- in die Umgangssprache eingesickert ist und dort allmählich den "Wahrsager" aus seiner sprachökologischen Nische verdrängt.

Es bedarf also keiner moralischen Wertung, dass das Wort "Experte" heute hauptsächlich Leute meint, die in den Medien verantwortungsfrei jede beliebige Menge Unsinn verbreiten dürfen, aber zwischen den Verbreitern und den Auskennern muss hier schon unterschieden werden, weil es Gabriele Goettle auf die letzteren ankam. Sie wollte was wissen von Leuten, die was wissen. Beim Aufschreiben ihrer Erfahrungen konnte sie nicht umhin, eine gewisse Gleichförmigkeit zu erzeugen, ein Schema zu bedienen, unter anderem deswegen, weil viele der Expertentexte schon einmal in der taz oder anderen Zeitungen erschienen sind - es handelt sich bei jedem einzelnen von ihnen um ein klassisches Portrait im journalistischen Sinn.

Die Kunst von Gabriele Goettle, die später noch genauer charakterisiert werden muss, besteht allerdings darin, die Portraitierten auf eine bestimmte Art sichtbar zu machen, was in einigen Fällen dazu führt, dass man nicht von Portraits im klassischen Sinne, sondern von Klassikern des Portraits sprechen muss (wie zum Beispiel bei dem Kriminalbiologen Mark Benecke, der Schlachthofveterinärin Margit Herbst oder dem Kulturkritiker Ivan Illich). Goettles Experten werden sichtbar. Bei jeder und jedem von ihnen hat sie versucht, ein Kernthema herauszukristallisieren, aber nicht durch Manipulation und Aufbereitung - der Impuls kommt immer vom Fachgebiet und vom Lebensdrama der Interviewpartner selbst her.

Nehmen wir wieder den Kriminalbiologen Mark Benecke, der als Experte anhand der Besiedlung einer Leiche durch Fliegenmaden, Würmer und Käfer den Todeszeitpunkt eines Opfers manchmal bis auf die Stunde genau eingrenzen kann. Das Kernthema muss bei ihm natürlich der Umgang mit dem verfaulenden Körper sein. Oder die Veterinärin, die heute daran leidet, dass sie ihren Beruf gut ausgeübt hat - sie war eine der ersten, die 1990 vor dem Anrollen der BSE-Welle warnte, weil sie im Schlachthof Tiere mit seltsamen Symptomen zu begutachten hatte, die sie aufgrund englischer Unterlagen richtig zuordnen konnte.

Kernthema: Kränkung des Experten, der Repressalien erleidet, weil er nicht mehr wegsehen kann. Und die zugehörige Standhaftigkeit: Als man Margit Herbst nach Mobbing, Schikanen, Prozessen und faktischem Berufsverbot das Bundesverdienstkreuz andiente (ca. 10 Jahre, nachdem sie die kommende Katastrophe vorausgesagt hatte), lehnte sie ab, weil sie im Gegenzug dafür auf alle arbeitsrechtlichen Ansprüche an ihre ehemaligen (öffentlichen) Arbeitgeber hätte verzichten sollen. Es wäre nichts weiter als billiges Schweigegeld gewesen, und Gabriele Goettle macht Margit Herbst als jemand sichtbar, der sich auf Schweigegeld nicht einlässt. Oder der Mathematiker Friedrich Hirzebruch, Fachmann für algebraische Geometrie, der Gabriele Goettle und ihrer Co-Autorin Elisabeth Kmölninger die Anfahrt zum Treffpunkt so genau schildert, als stünde dabei seine berufliche Ehre auf dem Spiel. Kernthema hier natürlich: der Mathematiker und die Musik der Logik in einer unlogischen, tauben Welt.

Der Wiener Wasserwerksdirektor muss mit der Tatsache zurechtkommen, dass er als Linker niemals so hoch hinaus wollte - sowie mit dem Abwehrkampf gegen die Privatisierung der sinnvoll geordneten Wasserversorgung in Wien. Es versteht sich, dass Gabriele Goettle nicht mit dem Finger auf diese Dinge zeigt, schon gar nicht mit der Aufregung des Durchblickers oder der Expertenexpertin. Wenn sie etwas meidet, dann die Aufregung.

Warum liest man das Buch trotzdem mit klopfendem Herzen? Behutsamkeit, ja; Sparsamkeit bei gleichzeitiger Genauigkeit im Detail, jaja, Höflichkeit der Darstellung, jajaja. Aber das ist es alles nicht. Man könnte auch auf die Idee kommen, es ginge um das berühmte instrumentelle Zuhören, das die Leute "zum Reden bringt", ihnen "Geheimnisse" entlockt. Ganz falsch. Das Wesentliche an Gabriele Goettles Arbeit ist die Haltung, die sie einnimmt. Diese Haltung, bereits aus den älteren "Freibank"-Kolumnen bekannt (ebenfalls in der taz, der Untertitel lautete damals: "Kultur minderer Güte, amtlich geprüft") lässt sich nur durch ein Paradox erklären: Gabriele Goettle interessiert sich brennend für Experten und ihr Wissen, und gleichzeitig sind sie ihr auf eine fast bestürzende Weise egal.

Andersherum: Gabriele Goettle interessiert sich genug für die Welt, um die Wirklichkeit zu ertragen - auch wenn sie schrecklich, putzig oder lächerlich ist, oder sonst in einer Weise von den üblichen Vorstellungen abweicht. Sie kann das nur, weil sie die Welt in ganz ähnlicher Weise betrachtet wie der Kriminalbiologe seine Leichen, sie kann nur in dieser speziellen Art mit offenen Augen durch die Welt gehen, weil sie eine "Panzerplatte" zwischen sich und das Beobachtete schiebt, eine durchsichtige natürlich.

Das ist so selten für Autoren und Journalisten und durch Seltenheit so kostbar, dass es gar nicht genug gelobt werden kann. Goettle klagt nicht an, lamentiert, beschwört nicht, vor allen Dingen schönt sie nicht, sondern sie sagt, was ist und was einer gesagt hat (aus ihrer Sicht natürlich, jaja). Nichts vom Anspruch, diesem bloßen Sagen falle qua Abwesenheit aller großen Ansprüche ein besonderer Wert zu - man hält das als Leser nur entfernt für möglich. Und das ist schon ungeheuer viel.

Gabriele Goettle, Experten, Die andere Bibliothek im Eichborn Verlag, 2004, 440 S., ISBN 3-8218-4546-5, 29,50 Euro

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