"No Body Counts"

Thomas Pany 09.12.2004

Die Zahlen der zivilen Toten im Irak

Der britische Premierminister Tony Blair will der Bitte, die ungefähr 40 Diplomaten, Adelige, Wissenschaftler und religiöse Führer an ihn gerichtet haben, nicht nachkommen. Es wird keine von seiner Regierung initiierte unabhängige Untersuchung geben, die der Zahl von getöteten Zivilisten im Irakkrieg genauer auf die Spur kommen soll.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Es wird wahrscheinlich auch in nächster Zukunft keine verlässliche Zahlen über die zivilen Toten im Irakkrieg geben. Nur weitere Schätzungen, die dem jeweiligen propagandistischen Interesse angepasst sind, oder statistische Hochrechnungen, die Objektivität im Visier haben mögen, aber auf rechnerische Extrapolationen zurückgreifen müssen, weil die chaotische Realität im Irak jedes genaue Zählen unmöglich macht.

Tony Blair will sich auf die Zahlen verlassen, welche das irakische Gesundheitsministerium dieses Jahr veröffentlicht hat. "The most accurate survey" nach Meinung des britischen Premiers hat vom April bis zum Oktober diesen Jahres 3.853 zivile Tote ermittelt. Doch schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gab es einige Unklarheiten über das Zustandekommen dieser Zahlen (vgl. dazu Irakmethik: Die Zahlenspiele mit den zivilen Opfern). Zahlen vom ersten Jahr der amerikanischen Invasion fehlten in diesm Bericht völlig.

Den Gegnern der amerikanisch-britischen Befreiungsaktion im Irak gab die mittlerweile oft zitierte Studie des amerikanischen Medizin-Journals "The Lancet" (vgl. dazu Die entscheidende Schlacht) wahrlich beeindruckende Zahlen zur Untermauerung ihrer Argumente in die Hand: Nach deren Rechnung, basierend auf einem "Sample" von 33 zufällig ausgesuchten repräsentativen Bezirken ("Districts") im Irak und entsprechend hochgerechnet, gingen die Schätzungen bis hin zu 100.000 zivilen Toten

Schon weit vor der Veröffentlichung dieser Studie, die seither von Befürwortern der amerikanischen Irak-Invasion nimmermüde als unwissenschaftlich, unverlässlich und übertrieben abgetan wird und von Kriegsgegnern immer nur mit ihrer Höchstschätzung als bare Münze genommen zitiert wird, suchten Interessierte die Webseite Iraq Body Count auf. Deren derzeitiger Stand: zwischen 14.619 und 16.804.

Der große Unterschied, so der Guardian heute morgen, sei allein schon Beweis genug dafür, wie schwierig eine akkurate Zählung ist. Die Zeitung zitiert noch ein weiteres Institut, das eine Schätzung abgegeben hat: das Institute for Policy Studies and Foreign Policy in Focus. 11.317 irakische Zivilisten und 6.370 irakische Soldaten oder Aufständische hat das "linksgerichtete" (Guardian) Institut im Juni diesen Jahres ermittelt.

Ein irakischer Blogger, der über seinen Freund Salam Pax, mit dem er sich über mehrere Monate einen Blog teilte, international bekannt wurde, Raed Jarrar, hat vor längerer Zeit eine eigene Initiative zur Ermittlung ziviler Opfer geschaffen:"Iraqi Civilian War Casualties". Das Projekt zur Datensammlung deckt den Zeitraum zwischen 21.März und 31.Juli 2003 ab. 2.000 Tote und 4.000 Verletzte haben Raed Jarrar und 150 Mitarbeiter bei ihren Recherchen vor Ort, zum Teil von Haustür zu Haustür, ermittelt. Zwar wurden die Daten mit wissenschaftlicher Methodik ausgewertet, aber das Untersuchungsgebiet Baghdad, neun Städte im Süden der Hauptstadt, Kerbela, Hilla, Nadschaf usw und einige kleinere Untersuchungen im Norden begrenzt.

Auf Zahlen kommt es bei diesem privaten Projekt auch gar nicht an. Wer sich die Listen durchliest, merkt das: es dauert, schnelle Ergebnisse gibt es nicht.

Each one of these thousands has a life, memories, hopes. Each one had his moments of sadness, moments of joy and moments of love.

In respect to their sacred memory, I would appreciate it if you could spend some minutes reading the database file

read their names, and their personal details, and think about them as human beings, friends, and relatives -- not mere figures and numbers.

Was im besonderen Fall der zivilen Opfer des Krieges im Irak gilt, trifft auch nach wie vor auf die generelle Situation zu: Es gäbe keine umfassende Methode zu quantifizieren, inwieweit sich die Aktivität der Aufständischen landesweit von der Großoffensive auf Falludscha hätte beeinflussen lassen, schreibt der amerikanische Reporter Tom Lasseter vom "Knight Ridder Team":

Amerikanische Offizielle liefern den Reportern keine täglichen Berichte mehr über die Anzahl der Vorfälle, die aus dem ganzen Land gemeldet werden.

"We don't do body counts" wird General Tommy Franks vom US Central Command auf der Startseite von Iraq Body Count zitiert. Erklärt hat der General dies vor Beginn der Operation "Iraqi Freedom". Mittlerweile hat man diese Maxime zum Teil aufgegeben - die bislang ungeprüfte Zahl von 1.200 toten Aufständischen in Falludscha wurde von amerikanischer Seite sehr gerne der Presse mitgeteilt -, bzw. das Schweigen auf andere Bereiche ausgedehnt: auf beinahe alles.

http://www.heise.de/tp/artikel/18/18988/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Die entscheidende Schlacht

Der angekündigte Großangriff der US-Streitkräfte auf Falludscha und Ramadi birgt große Risiken

Irakmethik: Die Zahlenspiele mit den zivilen Opfern

Neue Statistik des irakischen Gesundheitsministeriums wirft US-Truppen vor, dass sie doppelt so viele Iraker töten wie die "Aufständischen"

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS