Cyber-Weltgipfel

DNS keine Spielwiese für Politik

Die private Internetverwaltung ICANN sucht ihre Position zu sichern

Seit sechs Jahren rast "Monthy ICANN's Flying Circus" um den Globus, um aller Welt zu demonstrieren, dass keiner so gut wie die in Kalifornien angesiedelte private Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) die Kernressourcen des Internet - Domainnamen, IP-Adressen, Root Server - managen kann. Mitten in der Adventszeit fand die 22. Direktoriumssitzung im sonnigen Kapstadt statt. Diesmal ging es neben dem Kerngeschäft auch darum, wie sich ICANN in dem durch den Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) größer gewordenen Cyberkosmos positioniert.

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ICANN-Chair Vint Cerf behielt sich beim WSIS-Workshop das letzte Wort vor. Nachdem der Vorsitzende der neu gegründeten UN Working Group on Internet Governance (WGIG), Nita Desai, ausführlich beschrieben hatte, was die WGIG zu tun gedenke, fasste der "Vater des Internet" die zweistündige Debatte auf seine Weise zusammen. Es gäbe viel zu tun für die Regierungen dieser Welt bei Themen wie Cybercrime und eCommerce, aber dort, wo Technologie im Spiele ist, sollte man von politischen Initiativen absehen.

Das Domain Name-System, die IP-Adressen und Root Server funktionieren. Wer hier daran herumbastele, riskiere Sand ins Getriebe eines komplexen Mechanismus zu streuen, der irreparablen Schaden anrichten kann. Gutgemeinte, auf noble Ziele wie "gerechte Ressourcenverteilung" oder "Internet für Alle" ausgerichtete Politiken, die auf spezifischen Interessen einzelner Regierungen basieren, würden nicht viel bringen, wenn sie ignorieren, dass zunächst die zu Grunde liegende Technologie funktionieren muss.

Cerf empfahl den Mitglieder der WGIG sich auf die missbräuchlichen Internetanwendungen zu konzentrieren und sich nicht in die "inneren Angelegenheiten" von ICANN einzumischen. Wenn WGIG Vorschläge haben sollte, wie ICANN seine Prozeduren verbessern kann, um einen Beitrag zur Verbesserung von eCommerce oder zum Kampf gegen Cyberkriminelle zu leisten, dann wäre man für solche Ratschläge dankbar und würde sie konstruktiv prüfen. Aber ICANN bleibe ICANN.

Auf dem Weg zu ICANN 3.0?

Um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, sucht ICANN nachhaltig seine "Minusliste" abzuarbeiten. Dazu gehört vor allem die erneuerte Versicherung, dass das US-Handelsministerium ICANN im Oktober 2006 in die Unabhängigkeit entlassen wird. Ja mehr noch, Präsident Paul Twomey ließ wie nebensächlich die Bemerkung fallen, dass eine dann unabhängige ICANN durchaus auch den Ort seiner "Incorporation" wechseln könne. Man sei eine globale Gesellschaft. Dem europäischen Büro solle bald eins in Afrika, später in Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt folgen. Die jetzt für 2005 in Aussicht gestellte Anerkennung von AfriNIC, der "Regional Internet Registry" für den afrikanischen Kontinent, sei ein klares Signal für die "Internationalisierung" von ICANN.

Mit Nachdruck versucht man auch den Managern der Länderdomains (ccTLDs) zu demonstrieren, dass der so stark kritisierte IANA-Service sich verbessert hat und immer besser werden wird, wenn man ICANN nur machen lasse. Die neue "Supporting Organisation" für die ccTLDs, die CNSO, kommt Schritt für Schritt voran und wird noch bis Jahresende zwei Direktoren ins ICANN Board entsenden. Sehr demonstrativ betont das Direktorium immer wieder, dass ICANN offen ist für alle "stakeholder", insbesondere für die Internetnutzer, wenngleich das dafür zuständige At Large Advisory Committee (ALAC) zwei Jahre nach seine Gründung noch immer ein Torso ist und mehr mit sich selbst als mit der globalen Internet Community beschäftigt ist. .

Auch bei den internationalen Domainnamen (iDNs) macht ICANN Tempo und will die Zahl der Non-ASCII-Sprachtafeln weiter erhöhen. Was Multilingualismus - einer der Kernpunkte für viele Entwicklungsländer im WGIG-Prozess - betrifft, malte Cerf sogar die Utopie eines auf Audio oder Videoerkennung basierenden Systems, das über textbasierte Erkennung fremder Sprachen hinausgeht, an die Wand. Techniker bräuchten eine stimulierende, sprich nicht durch Regularien begrenzte Umgebung, und natürlich entsprechende wirtschaftliche Anreize, dann könnten Entwicklungen möglich werden, die man heute kaum erahnen könnte, sagte Cerf.

Als er in den späten 80er Jahren in den USA die akademische Gemeinschaft überzeugen wollte, das Internet kommerziell zu nutzen, sei viel Widerstand gekommen. Dies sei aber die einzige Chance gewesen, das Internet aus einem elitären Kommunikationsinstrument zu einem Massenmedium zu machen. Die De-Regulierungsphilosophie der Reagan-Administration hätte dazu den passenden Rahmen geliefert. Regierungen, die sich heute um das Internet kümmern, sollten diese Wechselwirkungen nicht vergessen.

Begrenzte unbegrenzte Ressource?

Dem Progressivismus dieser teilweise hypothetischen Debatte steht dabei in einem etwas eigenartigen Kontrast zu der Diskussion über die Zukunft des Domainraums insgesamt. Dieses Thema wabert seit Anfang der 90er Jahre, als Jon Postel 150 neue generische Top Level Domains (gTLDs) einführen wollte, durch die Internetwelt.

Im Mai 1997 hatte ICANNs verunglückter Vorgänger, das IAHC, in seinerm gTLD-MoU sieben neue TLDs einführen wollen. Das wurde gestoppt. Drei Jahre später, im Dezember 2000, machte ICANN, allerdings nach einem etwas eigenartigen Verfahren, doch den Weg frei für sieben neue gTLDs wie .info, .biz oder .museum. Damals war den abgewiesenen 81 Antragstellern versichert wurden, dass 2000 nur ein Test sei und die Ausweitung des Domainraums zügig fortgesetzt wird. Doch nach dem Platzen der Dotcom-Blase und dem 11. September 2001 kommt man aus dem Testen und Evaluieren nicht mehr heraus. Als ein Kompromiss wurde 2003 eine neue Kategorie - sogenannten "sponsored Top Level Doamins" (sTLDs) - eingeführt. Die Ausschreibung, die zehn Antragsteller produzierte, schaffte so auch Zeit, um der grundsätzlichen Frage, wie groß der Domainraum nun insgesamt werden soll, weiter auszuweichen.

Die Techniker sind sich offensichtlich uneins. Eine Schule sagt, ein Root Server kann so viele Zonefiles managen wie der Name Server einer TLD, d.h. z.B. im Falle von Denic (.de) oder VeriSign (.com) mehrere Millionen. Andere, wie ICANN-Direktor John Klensin, meinen, Name Server and Root Server könnten so nicht miteinander verglichen werden. Es gäbe irgendwo eine natürlich technische Grenze, hinter der die Gefahr der "kosmischen Konfusion" lauert. Als Milton Müller von der University of Syracuse beim "Public Forum" in Kapstadt Nägel mit Köpfen machen wollte und vorschlug, sich dann doch wenigstens auf eine begrenzte Zahl von beispielsweise 20 TLDs pro Jahr zu einigen - das würde im Limit von Klensins Bedenken liegen -, legte das ICANN-Direktorium den Hammer wieder aus der Hand. Erst einmal wolle man die sTLDs .travel und .post, vielleicht dann auch .mobi und .job (oder .xxx?), über die Bühne bringen. Und dann wird man sehen.

Klensins Konservatismus scheint also momentan die Oberhand zu gewinnen, wobei bei genauerem Hinsehen wohl eher wirtschaftliche als technische Argumente eine Rolle spielen. Zwar ist es einer von ICANNs Hauptaufgaben, den Wettbewerb zu fördern, aber der enger gewordene Domainnamen-Markt lässt die Mehrheit der bereits etablierten Player ins Lager der Konservativen umschwenken. Der bestehende Namensraum sei so unendlich groß, dass man mit einer Lawine weiterer TLDs (und neuer Wettbewerber) den Endnutzer eher verwirren würde, anstatt ihm mehr Optionen zu geben.

ITU in Wartestellung

Die ITU wird auf dies alles sicher genau hinschauen. Was den Umgang mit begrenzten Ressourcen - Stichwort Frequenzspektrum - betrifft, hat die ITU durchaus eigene Erfahrungen. Und die ITU lässt keine Möglichkeit aus, in ICANNs Gärten zu wildern.

Kurz vor der Kapstadt-Tagung machte ITUs Standardisation Direktor Zhao den Vorschlag, die IP-Adressen zukünftig durch ein duales System zuzuordnen: Neben den privaten "Regional Internet Registries" (RIRs) sollten auch neu zu errichtende "National Internet Registries" unter der Oberaufsicht der jeweiligen nationalen Regierung direkt IPv6-Nummern zuordnen können. Das zielt auf eines der Kerngeschäfte von ICANN. Die dafür zuständige Numbers Resource Organisation (NRO), die mit ICANN ein MoU zur Neubildung der Address Supporting Organisation" (ASO) unterzeichnet hat, hat dies sofort strikt zurückgewiesen. Der Bazillus ist aber in der Luft.

Auch bei den ccTLDs geht die ITU in die Offensive. Dabei geht sie davon aus, dass sich die Regierungen, und hier namentlich die Ministerien für Telekommunikation, mehr und mehr um die Oberaufsicht ihrer Länderdomains kümmern und damit zwangsläufig die ITU in die Vorhand gerät.

Das Armdrücken zwischen ICANN und ITU geht also weiter und man kann gespannt sein, ob es der WGIG bis zum 2. Weltgipfel zur Informationsgesellschaft im November 2005 gelingen wird, eine Art "Dritten Weg" vorzuschlagen, der beide Institutionen in ein konstruktives Miteinander bringt.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19033/1.html
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